10.11.1949

Manie der Bereicherung

In einigen Wochen wird Milan Stojadinowitsch zum ersten Mal dreißig seiner Bilder öffentlich ausstellen. In Argentiniens Hauptstadt Buenos Aires lanciert die Galerie Müller in der Calle Florida das Comeback des ehemaligen jugoslawischen Ministerpräsidenten. Mit dieser Meldung hat Stojadinowitsch nach zehn Jahren schweigsamer Wanderung von Belgrad über Mauritius nach Buenos Aires wieder den Anschluß an die Weltpresse gefunden.
Von 1937 bis 1939 war Stojadinowitsch der massige Angelpunkt der Achsenpolitik im Donaubecken, zum steigenden Mißvergnügen seiner Gegner im Innern und Aeußern. Der ungarische Ministerpräsident von Kanya bezeichnete es damals als das größte Unglück Ungarns, daß Göring und Ciano in Stojadinowitsch verliebt seien. In Belgrad munkelte man von gewaltigem Geldschmuggel des Ministerpräsidenten.
Trotz seiner persönlichen Freundschaften schaffte es Stojadinowitsch nicht, Jugoslawien ganz ins Achsenlager zu manövrieren. Jugoslawiens Prinzregent Paul konnte es am 4. Februar 1939 wagen, den Ministerpräsidenten zu entlassen. Zwei Wochen vorher hatte sich Stojadinowitsch Ciano gegenüber gebrüstet, niemand und nichts könne ihn von der Macht entfernen. Hitler und Mussolini fühlten sich persönlich getroffen und gaben ihrem Mißvergnügen in Belgrad offiziellen Ausdruck.
Der Prinzregent behauptete, er habe dem Drängen der öffentlichen Meinung nachgeben müssen Mit Mühe konnten ihn die Achsendiplomaten davon abhalten, einen Großprozeß wegen Devisenschmuggels zu inszenieren. Mussolini kritisierte Stojadinowitschs "Manie der Bereicherung" und strafte Belgrad damit, daß er zwei Monate später Albanien allein besetzte und es nicht, wie vorgesehen, mit Jugoslawien teilte.
In den folgenden zwei Jahren lauwarmer Achsenfreundschaft zu Jugoslawien blieb Stojadinowitsch in ständiger Lebensgefahr. Während am 25. März 1941 im Wiener Belvedere Ministerpräsident Zwetkowitsch und Außenminister Zinzar Markowitsch mit Leichenbittermiene Jugoslawiens Beitritt zum Dreierpakt unterzeichneten, lieferte Prinzregent Paul Ex-Premier Stojadinowitsch heimlich den Engländern aus, um zu beweisen, für wen in Wirklichkeit sein Herz schlug. Doch schon zwei Tage später fegte die Palastrevolution des Generals Simowitsch den Regenten selbst als Flüchtling ins englische Lager.
In Saloniki verfrachteten die Engländer Stojadinowitsch auf ein Kriegsschiff. Sie brachten ihn als ihren "Gast" nach Mauritius. Auf der abgelegenen Insel im Indischen Ozean fand der gelernte Finanzwissenschaftler keine Verwendungsmöglichkeit für seine fachlichen Kenntnisse.
So machte er sich ans Malen. Mit Erfolg. Der Bildverkauf reichte fast völlig für den Lebensunterhalt.
Nach Kriegsende bat Stojadinowitsch die italienische Regierung um Asyl. Die hatte zwar seine griechische Frau und seine zwei Töchter aufgenommen, nachdem sie mit dem letzten Zug vor dem Einmarsch der Russen aus Belgrad entkommen und über Wien und Kitzbühel nach Rom gelangt waren. Aber dem einstigen "besten Freund" Cianos verweigerte De Gasperi die Einreise, um Tito nicht unnötig zu verärgern.
Präsident Peron war der Aerger Titos gleichgültiger. Er gab erst Stojadinowitsch selbst und dann auch dessen Familie Asyl in Argentinien.
Heute bewohnt der einstige jugoslawische Ministerpräsident eine kleine Villa in der ruhigen Avenida de los Incas am Rande von Buenos Aires. Seine Frau, einst wegen ihrer Schönheit als "Venus des Balkans" gefeiert, kauft selbst ein. Tochter Iwanka studiert Gesang. Tochter Liliana heiratete einen Mihailowitsch-Offizier und verfertigt künstlerische Bucheinbände.
Der 60jährige Stojadinowitsch mit den dicken, noch immer kohlschwarzen Augenbrauen, ehemals wegen seiner finanzwissenschaftlichen Meriten der "jugoslawische Schacht" genannt, verfolgt heute genau das Wirtschaftsexperiment Perons. Manchmal wird er von der Staffelei weggerufen, wenn argentinische Wirtschaftler seinen Rat erbitten. Ratschläge für die Stabilisierung einer Diktatur will niemand von ihm. Darin ist er kein Fachmann.

DER SPIEGEL 46/1949
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