10.11.1949

TECHNIKAlles gut befunden, gebt mir Geld

Es geht um eine Sache, die aus der Luft gegriffen werden soll, und um acht Millionen DM. Die Sache ist Elektrizität, gewonnen aus Wind-Kraft. Die acht Millionen sind nötig, um das erste Wind-Elektrizitätswerk der Welt zu finanzieren.
Das Windkraft-Projekt entsprang dem Kopf des Ingenieurs Hermann Honnef, bei Lütjenburg in Schleswig-Holstein soll es verwirklicht werden. Lütjenburgs Stadtväter überwiesen den Fall mit Empfehlungen dem Plöner Kreistag. Dr. Faull, Notar in Lütjenburg, ist dahinter her, daß die Sache nach Kiel vor den Landtag kommt, damit der die acht Millionen kreditiert.
Ingenieur Honnef in Rheinbrohl hat sich für sein Wind-Elt-Werk die Lütjenburger Gegend ausgesucht, weil dort zwischen dem Selenter und dem Großen Binnensee beste Wasser- und Windverhältnisse seien. Wie er sie braucht, um die Wind-Elektrifizierung Deutschlands in die Wege zu leiten.
Seit 1919 arbeitet er an dem Projekt. Doch schon vor ihm gab es Windkraftler in großer Menge. Sie scheiterten an der stets wechselnden Stärke des Windes und der ebenso wechselnden Stärke des Stromes.
Honnef will die Windschwankungen überwinden, indem er
1) hoch hinausgeht, in eine Höhe, wo mit Windmangel kaum zu rechnen sei,
2) einen getriebelosen, gegenläufigen Generator verwendet,
3) den Flügeln große Durchmesser und
4) eine Kippvorrichtung gibt, die bei stärkerem Wind automatisch für geringere Angriffsflächen sorgt und die Umdrehungsgeschwindigkeit konstanthält.
Der Generator arbeitet bei schwächstem Wind in 250 Meter Höhe auf einem Stahlturm mit dreieckigem Grundriß. Zwei sich gegeneinander drehende Windturbinen mit Riesenflügeln (Durchmesser: 180 m) enthalten die Ringe, in denen die Elektrizität erzeugt wird.
Wird mehr Strom erzeugt als verbraucht, betreibt man mit dem Ueberschuß ein Pumpwerk, das aus dem Großen Binnensee Wasser in den höherliegenden Selenter See drückt.
Bei zusätzlichem Bedarf und wenn Windflauten in 250 Meter Höhe auftreten sollten, wird Hermann Honnef das gespeicherte Wasser in den Großen Binnensee zurückfließen lassen, wobei es Turbinen antreibt, die dann Strom erzeugen.
Hat der erste Turm sich bewährt, will Honnef in Lütjenburg noch 19 bauen. Das Werk könnte den Bedarf von Schleswig-Holstein und Hamburg decken und noch Strom exportieren.
Und das billig, rechnete Hermann Honnef aus. Nicht einmal einen Pfennig würde eine Kilowattstunde reiner Wind-Elektrizität kosten, einen geringen Bruchteil des Preises für Kohlenstrom, kalkuliert er.
Bei einer Verbindung der künftigen Windkraftwerke in Deutschland untereinander würden sie eine lückenlose Wind-Stromversorgung Deutschlands sichern. "Ohne ein einziges Stückchen Kohle zu verbrennen, die Kohle könnte gewinnbringend exportiert werden", triumphiert Waldemar Thomas, jahrzehntelanger Interessenvertreter und Duzfreund von Ingenieur Honnef.
An Hamburgs Schopenstehl leitete Waldemar Thomas in seinem 5stöckigen "Thomashaus" einst eine der größten deutschen Exportfirmen. Thomas, Thomas & Co., mit eigenen Geschäftshäusern in 13 Staaten und Agenturen in allen Ländern der Erde. Uebriggeblieben ist, infolge Krieg und Windkraft-Idealismus, ein 20-qm-Büro in Hamburgs Mönckebergstraße.
Hermann Honnef hat seinen Verdruß mit den Gutachtern. "Bei sachverständigen Gutachtern habe ich immer Pech", klagt er. Das fing schon 1924 an
Honnef hatte damals der Reichspost angeboten, den ersten freistehenden Funkturm in Königswusterhausen zu bauen. Seine Konstruktionsunterlagen gingen zur Begutachtung an Professor Dr. Hertig von der Technischen Hochschule Charlottenburg.
Die Post wartete auf das Gutachten, Honnef nicht. Er baute auf eigene Kosten den bis heute höchsten deutschen Funkturm (273)*). "Der von Honnef geplante Turmbau ist nicht ausführbar", stand sechs Wochen später im Gutachten.
Das Windkraft-Projekt sollte später in den NS-Vierjahresplan eingespannt werden. Gutachter war damals Amtsleiter für Windkraft und BEWAG-Oberingenieur Witte. Dieser Gutachter, erzählt Waldemar Thomas, habe von Honnef für ein positives Gutachten eine Menge Geld verlangt und schließlich noch mehr gefordert. Darauf hätten die Herren Witte und Honnef sich verkracht.
Trotzdem wurde in Bötzow-Velten bei Berlin auf Rechnung der Bank der deutschen Arbeit in kleinerem Maßstab eine Reihe Honnef-Windkraftwerke gebaut und von 1941 bis 1944 in Betrieb genommen.
"Die Erfahrungen, die bei dem Versuchsbetrieb für die 500-kVA-Windkraftanlage vorliegen, entsprechen durchaus unseren Erwartungen" bescheinigte die AEG am 25. 8. 44.
Kurz vor dem Zusammenbruch rettete sich Honnef nach Rheinbrohl. Die Versuchs-Windkraftanlagen wurden russisch besetzt. Thomas: "Was daraus wurde, wissen wir nicht."
Honnef-Thomas reichten dem Hamburger Senat 120 Seiten Denkschrift mit genauen Unterlagen und Berechnungen über das Lütjenburg-Werk ein. Bau-Senator Paul Nevermann bestellte Gutachter.
Honnef machte dagegen geltend, es sei genug Papierkrieg geführt worden: "Ich habe über jede Einzelheit meines Planes Spezialwissenschaftler befragt, zusammen etwa 100. Sie haben alles für gut befunden. Gebt mir Geld, damit ich den praktischen Richtigkeitsbeweis liefern kann."
Man bestand auf dem Gutachten. Der Hamburger Bezirksverein des VDI suchte nach ehrenamtlichen Gutachtern, und es meldeten sich genug Auch der ehemalige Oberingenieur Witte erschien in Hamburg. Er war inzwischen in die KPD eingetreten und zum Generaldirektor der BEWAG aufgerückt "Später wurde er", berichtet Waldemar Thomas, "von Oberbürgermeister Prof. Reuter seines Postens enthoben."
Nach drei Wochen hielt Senator Nevermann die 41 Seiten des VDI-Gutachtens in der Hand. "Es tut mir wirklich leid. Die Sachverständigen lehnen Ihre Vorschläge ab. Da kann man nichts machen", sagte er dann zu Waldemar Thomas. Honnef reichte einen Band gesammelter Gegengutachten ein.
"Wenn der Wiederaufbau der deutschen Wirtschaft nicht nur auf dem Papier stehen bleiben soll, so ist die Erschließung der Honnef-Energiequelle unbedingt geboten", schrieb darin Dr.-Ing. Stephan Poerschke, Ministerialdirigent in Nordrhein-Westfalens Finanzministerium. Poerschke war Direktor des Verkehrs der Deutschen Reichsbahn und hat Honnefs Arbeiten 16 Jahre lang genau verfolgt.
Doch Hamburgs Senat hatte entschieden. Thomas setzte sich auf die Bahn und fuhr zu Schleswig-Holsteins damaligem Regierungschef Lüdemann und vereinbarte einen Termin. Der war begeistert und - beauftragte Gutachter.
Der Ausschuß für Windkraft der Gesellschaft für Technik und Kultur in Schleswig-Holstein studierte die Windkraft-Unterlagen. Die zwölf Wissenschaftler beschlossen auf ihrer Sitzung am 31. 5. 49 einstimmig:
"Der Kreis unserer Mitarbeiter muß durch Spezialisten erweitert, bzw. zu
einer Studiengesellschaft umgebildet werden. Außerdem hat sich die Finanzlage der Landesregierung so verschlechtert, daß künftig keinerlei Unterstützungen bei Bearbeitung des Windkraftproblems gewährt werden können."
Mit-Gutachter Dipl.-Ing. Schmer fertigte ein Privat-Gutachten über Honnef an. Es widerspricht in allen Punkten dem Hamburger VDI-Gutachten.
Die Behauptungen des Hamburger Gutachtens seien zum großen Teil aus der Luft gegriffen, meint auch Ingenieur Edmund Bohn. Er ist Treuhänder bei Blohm & Voß und hatte von der Militärregierung die Zusage erhalten, daß Honnef für seine Turmbauten die Stahlkonstruktionen zerstörter Gebäude und Helligen benutzen darf.
Die Lütjenburg-Aktion ist Honnefs letzte Hoffnung. Dann will er sein Windkraft-Projekt den Ausländern geben.
*) Hermann Honnef, heute 71, baute später 20 weitere Funktürme in Deutschland, u. a. in München, Stuttgart, Karlsruhe und Berlin.

DER SPIEGEL 46/1949
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