10.11.1949

TheaterDie große Sartreuse

Madame Sartre hatte sich rechtzeitig mit charmanten Briefworten entschuldigt. "Unnütze Mäuler" ging in München-Gladbach ohne die Autorin und Sartre-Gattin Simone de Beauvoir zum erstenmal über deutsche Bühnenbretter.
"Unnütze Mäuler" sind die Frauen, Greise und Kinder von Vaucelles. Die flandrische Stadt hat sich im 14. Jahrhundert von der Herrschaft Karls des Kühnen von Burgund befreit. Während der Belagerung durch Truppen des Herzogs beschließt der Stadtrat, alle unnützen Mäuler der Bevölkerung für immer zu stopfen.
Vaucelles soll leben, mögen auch Frauen und Kinder elend umkommen. Menschenleben werden einem Begriff geopfert. Aber der Stadtrat besinnt sich: Was bedeutet Vaucelles anders, als eben die Gemeinschaft der in ihr lebenden Menschen? Im Augenblick, da sich eine Obrigkeit Recht über Leben und Tod eines Teils der Bevölkerung anmaßt, wird der Freiheitskampf sinnlos.
Der Stadtrat beschließt den gemeinsamen Ausfall, der entweder alle retten oder allen den Untergang bringen wird. In einer wahren Gemeinschaft gibt es keine unnützen Esser.
Spielleiter Hannes Razum überhöhte Geschichtliches zum Mythischen, selbst das Schlangestehen und keuchendes Gebalge um die letzte Brotrinde. Die Darsteller wirken wie heraldische Figuren: der eine im brennenden Rot der Machtgier, ein anderer im lichten Grau als Tribun der Menschlichkeit.
Im Programmheft hatte Philosophieprofessor Bollnow gründlich und genau expliziert, daß die Moral der Freiheit, wie die existenzialistische Schule sie lehrt, in kaum einem anderen Werk klarer ausgesprochen sei, als in den "Unnützen Mäulern": Wer für die Freiheit kämpft, darf nicht über freie Menschen wie über eine Sache verfügen. Der Zweck heiligt die Mittel nicht.
Das Stück ist ein gewichtiger Beitrag zur Sartreschen Philosophie. Die kennt Simone de Beauvoir wie keine zweite.
Die Verfasserin, geboren am 9. Januar 1908 in Paris, bekannt als "Mme. Sartre" und "La grande Sartreuse", ist die unzertrennliche Begleiterin und Jüngerin von Jean-Paul Sartre.
Auch sie unterrichtete, wie ihr Meister, am Gymnasium. Sie lernten sich kennen, kurz bevor sie mit 21 ihr Diplom als Agrégée der Philosophie an der Sorbonne machte. Der untersetzte, keineswegs schön zu nennende Kommilitone mit den eigentümlich divergierenden Augen hinter klobiger Brille machte ihr durch seine wortkarge Klugheit und sein umfassendes Wissen Eindruck.
Sartre gab 1943 seinen Lehrberuf auf, um sich der Philosophie und der Schriftstellerei zu widmen. Simone folgte bald diesem Beispiel.
Am Lycée Molière doziert sie Philosophie. Sie ist das Idol ihrer Studenten, und ihre Schülerinnen beten sie an. Man sagt, sie sei so schlicht, daß sie auf das Auge beruhigend wirke. Für Mode und Luxus fehlt ihr jeglicher Sinn. Kleider kauft sie in einem Basar zwischen zwei Konferenzen. Ihre schlichte Haarflechte gehört mit Jean-Pauls Brille zu den Attributen der Pariser Mythologie.
Früher lebten beide im "Hotel de la Louisiana", Rue de Seine, in unmittelbarer Nähe der "Académie Française" Richelieus. Sartre bewohnte das Zimmer 17 im ersten Stock, Simone hatte Zimmer 50 inne.
In diesem Hotel entstanden viele Werke, Dramen, Romane, Essays, die eine regelrechte literarische Mode begründeten. Das Viertel Saint-Germain-des-Prés erlangte die Berühmtheit, die es noch immer hat, obwohl der Philosoph und seine Muse schon seit langem nicht mehr im "Café de Flore" verkehren. Ausländer bewundern noch ehrfurchtsvoll den Tisch, an dem Sartre morgens zu schreiben pflegte.
Hin und wieder tauchte unter den zahlreichen Jüngern Sartres das Gerücht auf, er habe sich mit Simone de Beauvoir verheiratet. Aber das stimmt nicht. "Heiraten ist dummes Zeug", lautet die Quintessenz dessen, was Simone de Beauvoir in ihrem letzten Buch "Das zweite Geschlecht" zu sagen hat. Und Sartre denkt genau so.
Inzwischen ist das Hotel der Rue de Seine längst wieder in der existenzialistischen Versenkung verschwunden. Sartre fand und bezog eine Wohnung gleich gegenüber der ehrwürdigen Kirche Saint-Germain-des-Prés, in der Rue Bonaparte, keine 50 Meter vom "Flore" entfernt, und Simone de Beauvoir richtete sich eine eigene Wohnung ein. Aber sie hält sich fast ständig bei Sartre auf, mit dem sie eigentlich alles verbindet, was im Leben einige Bedeutung hat: Denken und Fühlen.
Diese geistige und seelische Gemeinschaft hat der dunkelhaarigen Simone einige Beinamen eingebracht. Ihre Freunde nennen sie "Le Castor", was Sartre zwangsläufig zum "Pollux" stempelt. Die Feinde schwanken zwischen "Grande Sartreuse" (als Wortspiel zur "Chartreuse" von Stendhal) und "Notre Dame de Sartre".
Simone erwies sich als begabte Schriftstellerin. Ihre Romane "Die Eingeladene", "Das Blut der Anderen", "Alle Menschen sind sterblich", ihre philosophischen Schriften "Pyrrhus und Cineas" und die "Moral der Zweideutigkeiten" führten das Sartresche Gedankengut weiter.
"Die unnützen Mäuler" schrieb die geistreiche "Sartreuse", in deren Gesicht die schwarzen, sprühenden Augen schön sind, im Jahre 1945. Ein Unbekannter namens Neron bot ihr 100 000 Francs, um das Stück aufzuführen. Die Autorin hatte Vertrauen und nahm an.
Einige Tage später klopfte die Polizei im Zimmer 50 des "Hotel de la Louisiana" an, um Simone zu verhaften. Der saubere Herr Neron war ein Schwindler. Sartre befand sich im Zimmer, konnte aber nicht verhindern, daß Simone erst einmal den Polizisten zum Kommissariat folgen mußte, wo sich dann sehr schnell ergab, daß die Verfasserin der "Unnützen Mäuler" eines der unschuldigen geprellten Opfer Nerons war.
Das Stück wurde dann doch im November 1945 im "Théatre des Carrefours" uraufgeführt. Ein großer Erfolg. Doch wollten eingefleischte Sartre-Jünger herausfinden, daß dem kargen Pathos der Dialoge der geistige Tiefgang und die dramatische Kraft Sartrescher Stücke abgehe.
Von Simone de Beauvoirs neuestem Werk "Le deuxième sexe" (Das zweite Geschlecht) sind die jungen Mädchen und Frauen von Saint-Germain-des-Prés ein wenig enttäuscht. Sie erwarteten mehr oder minder pikante Enthüllungen, aber im Grunde handelt es sich um eine ausführliche Behandlung des Themas "Die Bedeutung der Liebe im Leben der Frau", Dinge, die es seit den Professoren Freud und Van der Velde schon zu lesen gegeben hat.
Und Simones Stil ist so trocken-wissenschaftlich gehalten, daß von irgendwelcher Würze kaum die Rede sein kann. Auf diese Weise läßt sich alles sagen. Nur kommt Saint-Germain-des-Prés nicht auf seine Rechnung.

DER SPIEGEL 46/1949
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