17.11.1949

Neuhausen behielt seinen Kopf

Franz der Dicke ist wieder da. Mittwochs abends tagt er regelmäßig in den "Drei Hüten" (Tre Scheschira), der allen Belgradern wohlbekannten Feinschmeckerkneipe hinter dem "Platz der Republik". Seine Liebhabereien sind die gleichen geblieben: Biertrinken und Skatspielen. Samstags wechselt er in das "Majestic" über. Da geht es ein wenig formeller zu.
Mehr als zweimal pro Woche kann sich Franz Neuhausen, einst Statthalter Görings in der jugoslawischen Wirtschaft, allerdings vorläufig in Belgrad nicht sehen lassen, öfter bekommt er keinen Ausgang, Denn polizeilich ist er noch im Zuchthaus Mitrowica gemeldet. Aber als er zweieinhalb von insgesamt zwanzig verordneten Jahren schweren Kerkers abgebüßt hatte, holte ihn die Tito-Regierung wieder heraus. Seitdem sitzt er als Industrieplaner in einer Villa in Dedinje. Sozusagen leicht zivilinterniert.
Im Frühjahr 47 war Franz Neuhausens Kopf bestenfalls fünf Pfennig wert. Die Militärrichter des 5. Belgrader Kriegsverbrecherprozesses hatten über ihn schon im voraus den Stab gebrochen, wie sie es mit hunderten deutscher Angeklagter vorher und nachher taten. Neuhausen behielt seinen Kopf.
Noch ist er erst halb frei. Aber schon managt er wieder aus dem Hintergrund Geschäfte, Unternehmen und Gott weiß welche nutzbringenden Figuren, wie er es eh und je getan hat. Im Berlin der Nachinflation 1924 war es Ludendorff, den er ins Geschäft zu bringen suchte. Aber Neuhausens Handelsunternehmen ging pleite. Trotz Ludendorff-Geldern und Ludendorff-Briefen, die der geriebene Kulissenschieber überall werbend herumreichte.
Zwei Raten Lehrgeld mußte der gebürtige Saarbrücker weiterhin zahlen. Ende der 20er Jahre flog seine "Deutsch-bulgarische Handelsgesellschaft" in Sofia mit einer Riesenpleite auf. Helene Roßberg, die treue Sekretärin, deckte aufopfernd ihres Chefs Rückzug. Vier Jahre Gefängnis dekretierten die bulgarischen Gerichte hinter ihm her.
Da saß Franz Neuhausen aber schon in Belgrad. Wieder half Helene, bald Frau Neuhausen, bei Fuhrunternehmen, Vertretungen und Handelsgesellschaften. Ueber Schock und Rückschlag des Offenbarungseides, der Anfang 1933 nicht mehr zu umgehen war, rettete ihn das Dritte Reich. Oder besser: Hermann Göring.
Im ersten Weltkrieg hatte es Neuhausen bis zum Major der Luftschiffer gebracht. Mit Bodenschatz, Görings späterem Adjutanten, war er regimentsbefreundet. Jetzt trug die Fliegerkameradschaft gewinnbringende Früchte.
Die Deutsche Reichsbahn wußte plötzlich keinen besseren Repräsentanten in Belgrad als Neuhausen. Die Partei konnte sich keinen geeigneteren "Landesgruppenleiter Jugoslawien" denken als Neuhausen. Lufthansa und Hapag waren baß verwundert, nicht schon früher ihre Interessenvertretung in Jugoslawien Neuhausen gegeben zu haben. Sie holten es schleunigst nach.
Damit hatte aber Franz der Dicke oder der dicke Franz, wie er bald genannt wurde, endlich den soliden Grund unter den Füßen, um größere und gewinnbringendere Geschäfte voranschieben zu können. Zuerst lancierte er die jugoslawische Erneuerungsbewegung "Zbor" (Die Sammlung) in den internationalen Handel. Mit dem Zbor-Führer Dimitrije Ljotitsch, einem persönlich lauteren Advokaten und ewigen Ministerkandidaten, gründete er die "Technische Union". Ihr Ziel: direkter Austausch jugoslawischer Agrarprodukte gegen deutsche Maschinen. Es machte Neuhausen dabei gar nichts aus, daß neben ihm als zweiter Geschäftsführer der Jude Diamantstein saß, bald Dawidowitsch geheißen.
Als 1936 die jüdisch-nationalsozialistische Union platzte, lieferte Ministerpräsident Stojadinowitsch der Belgrader "Politika" den Stoff für spaltenlange Enthüllungen. Ein Grund mehr für Neuhausen, mit dem Regierungschef, der einst Präsident der Belgrader Börse gewesen war, ins Geschäft zu kommen. Es war Neuhausen, der den Serben in die mißglückte Diktatorenrolle drängte. Noch heute lebt Stojadinowitsch mit den Seinen gut von dem Golde, das sein deutscher Freund und Manager während des Krieges nach Südamerika verschob (s. letzten SPIEGEL. "Manie der Bereicherung").
Immer besser verstand Neuhausen es jetzt, die Figuren des politischen Parketts auszuspielen. Schon im Oktober 1934 veranlaßte er Göring, zur Beisetzung des in Marseille ermordeten Königs Alexander nach Belgrad zu kommen und sich persönlich das ersehnte Großkreuz des jugoslawischen Kronenordens abzuholen.
Göring wußte es ihm zu danken. Neuhausen wurde Sonderbevollmächtigter des Reichsbeauftragten für den Vierjahresplan und Generalkonsul (1937). Nun konnte er den deutschen Gesandten von Heeren beiseiteschieben und direkt mit dem Prinzregenten Paul verhandeln. Dafür fielen für ihn auch immer die höchsten Orden ab. Als er später, zum Obergruppenführer des NSFK avanciert, sich eine Uniform à la Göring schneidern ließ, prangte auch auf seiner Brust das jugoslawische Großkreuz.
Am 4. Februar 1939 stürzte Stojadinowitsch. Das war Neuhausens Stichwort, sich sofort hinter den Gegenspieler Zwetkowitsch zu stecken. Diensteifrig empfing er den neuen Ministerpräsidenten in seiner Wohnung im Fünfstockgebäude am Denkmalsplatz gegenüber dem Nationaltheater. Das Geschäft war bald perfekt. Die Lederfabrik in Nisch, an der Zwetkowitsch beteiligt war, bekam einen Sonderauftrag aus Deutschland.
Den "Abfall" Jugoslawiens von der Achse und den Ausbruch des Balkankrieges erlebte Neuhausen fern vom Schuß, in Berlin. Er hatte es vorher gerochen. Dafür aber flog er mit der ersten Sondermaschine Görings in das besetzte Belgrad hinein. Zu neuen Geschäften.
Er managte jetzt die ostserbischen Kupfergruben in Bor. Von seinem neuen Hauptquartier im Gebäude des ehemaligen jugoslawischen Luftfahrtministeriums im Belgrader Stadtteil Semlin lenkte er die Blei- und Zinkgruben in Treptscha bei Kossowska Mitrowitza. Er verfügte über die Ausbeute auf den Oelfeldern der einst von ihm mitbegründeten Jugo-Petrol auf der Mur-Insel zwischen Marburg an der Drau und Varasdin.
Die Belgrader Filiale des "Wiener Kreditvereins", jetzt als "Bankverein" verselbständigt, rechnete es sich zur Ehre an, Neuhausen als Aufsichtsratsvorsitzenden zu haben. Der Militärbefehlshaber mußte ihn als "Wehrmachtsverwaltungschef für Serbien" und "Generalbeauftragten für die serbische Wirtschaft" akzeptieren.
Für das gesamte ehemals jugoslawische Gebiet konnte er nicht zuständig werden. Die Gründung des "unabhängigen" Staates Kroatien machte ihm einen Strich durch diese Rechnung. Neuhausen rächte sich, indem er die Ustaschen für eine Verbrecherbande erklärte. Er ließ sich selbst durch einen hohen kroatischen Orden nicht in seinem Groll besänftigen. Auch auf die Italiener war der dicke Franz nicht gut zu sprechen. Sie hatten ihm schon früher öfters in sein Rüstungsgeschäft gespuckt und rückten 1941 vier Millionen von ihm in Montenegro zurückgelassene Dinarscheine nicht heraus.
Ueber dieser Unsumme der Pfründen und Bürden wurde Franz Neuhausen immer fetter und bequemer. Auf seinem 2000-Morgen-Gut Hatzfeld an der rumänischen Grenze, mit Fasanenjagdrevier und Privatflugplatz, führte er das idyllische Leben eines Landedelmanns. In Belgrad ließ er für sich und die Seinen Villen herrichten, denen weder die altdeutsche Bierstube noch das Schwimmbad im Garten fehlten.
Dann sorgte er vor, möglichst mit unabwertbarem Gold. Der Goldschatz aus den Kellern der Nationalbankfiliale in Uschitze ging durch seine Hände. Als die Kupferbergwerke in Bor schon von Partisanen eingeschlossen waren, ließ er noch mit Fieseler-Störchen das bei der Elektroraffinerie anfallende Gold und Silber herausschaffen. Auch auf das Gold der Belgrader Nationalbankzentrale legte er seine schwere Hand. Er ließ die Barren verladen. Aber die Versendung nach einem nur ihm bekannten Bestimmungsort klappte nicht. Die Barren fielen den Partisanen Mihailowitschs in die Hände.
Auf dieses Gold aber hatte sich schon Himmler gespitzt. Der Reichsführer SS ließ bei Neuhausen haussuchen. Mehrere 100 Kilogramm Gold wurden gefunden. Neuhausen wanderte in ein deutsches Kz. Göring paukte ihn noch einmal heraus. Und als die Amerikaner kamen, saß Neuhausen, rechtzeitig "Verfolgter und Widerständler", auf seinem Landgut in Gilgen am Wolfgangsee.
Leider unterlief ihm ein Kunstfehler. Frau Helene hatte sich vorsorglich in die Landesirrenanstalt abgesetzt. Sie kam nicht mehr heraus (heute lebt sie in München), und Neuhausen wurde von den Amerikanern an Jugoslawien ausgeliefert.
Im Zuchthaus entsann er sich jedoch mancher jugoslawischer Freunde. Während seiner Glanzzeit hatte es ihm nichts ausgemacht, hin und wieder auch ihm geneigte Jugoslawen in passende Stellungen vorzuschieben. "Wer Kommunist ist, bestimme ich", sagte er in solchen Fällen und handelte dementsprechend.
Diese "Kommunisten" handelten nun für ihn. Die Kupfergruben von Bor und die Blei- und Zinkwerke von Treptschs brauchten dringend einen Manager. Neuhausen, heute 62 Jahre alt, bekam den Posten, zwar noch ohne Gehalt, aber mit allen sonstigen Vorteilen.
Die Gruben brauchten aber auch Geld. Die Weltbank war bereit, mit einer 20-Millionen-Anleihe auszuhelfen. Neuhausen lieferte die Unterlagen für das internationale Anleihegeschäft. Die Amerikaner fanden seine Berechnungen "sehr gut brauchbar."

DER SPIEGEL 47/1949
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