17.11.1949

THEATERVon ferne eine Nachtigall

Mitten im kalten Vorwinter lenzt es auf Düsseldorfs Theaterspielplan. "Der Föhn" heißt die November-Premiere bei Gustaf Gründgens. Verfasser ist eine Frau und gehört zur ersten Garnitur des Gründgens-Ensembles: Elisabeth Flickenschildt. Die Hauptdarstellerin heißt ebenso. Die Regisseurin auch.
Am 22. November soll sich der Vorhang vor dem Bühnenerstling der Flickenschildt heben. "Flicki", wie Düsseldorfs Theatergänger die Star-Schauspielerin nennen, schrieb das Zeitstück vor reichlich Jahresfrist, an spielfreien Tagen, abends zwischen sechs und elf.
Nach zehn Wochen war das Stück fertig. Bühnenchef Gründgens, mit der erklärten Abneigung gegen Experimente, sagte nach der Lektüre sofort ja. Verleger Rowohlt auch.
Das Siebenpersonenstück spielt Anfang Mai 1948 in Oberbayern. Die Handlung setzt ein in frühen Abendstunden und endet in der übernächsten Nacht. In diesen 30 Stunden steht über dem Berghof des 60jährigen Andreas Lechner das Wetter kopf.
Am Anfang regnet es in Strömen, im zweiten Akt heult der Wind ums Haus, und in der letzten Nacht steht der Mond weiß-kalt über der Landschaft.
Lechners Haus ist trotz allen Widerständen des Bergbauern mit Flüchtlingen belegt, das sind:
Witwe Pistorius aus Mecklenburg. Sie hat eine Tochter, die aus einem Ami-Haushalt Zigaretten, Kaffee und andere gute Sachen herbeischafft.
Der Schlesier Willy Hicke, 35 Jahre alt, ausgekochter Junge und Schwarzhändler. Er hat ein Verhältnis mit der Pistorius.
Die Berlinerin Anna Pohl.
Stefan Pohl, Annas Mann, Architekt von Beruf, kommt eben aus vierjähriger russischer Gefangenschaft zurück.
Zwischen dem alten Lechner und seinen Flüchtlingen steht Resi Lechner, die Tochter des Bergbauern, stark unter dem Einfluß der Pistorius. Resi hat ihr Drama schon hinter sich. Sie hatte eine Liebschaft mit einem kriegsgefangenen Franzosen, der auf dem Hof des Vaters arbeitete. Nach dem Kriege kehrte Maurice heim, Resi mit einem Kind blieb zurück.
Im ersten Akt erzählt die Pistorius ihrem Hicke von dem Heimkehrer Stefan Pohl. Sie bedauert den Mann. Plötzlich schlägt Hicke ihr grob ins Gesicht und schimpft sie eine "Nazijule". Stefan Pohl war, so stellt sich heraus, bis 1944 als Offizier Feldwebel Hickes Vorgesetzter. Hicke lief zu den Partisanen über. "Das Aas hat sich dünne gemacht", drückt Pohl das aus. Hicke begründet, er habe "die Schnauze vollgehabt".
Uebrigens mußte er später noch einmal überlaufen. Er wurde geschnappt. Neuer Drill und neuer Einsatz. Das zweite Mal lief er zu den Amis. Er meint "aus Ueberzeugung".
Der zweite Akt ist angefüllt mit der Auseinandersetzung um den Ueberläufer Hicke und das Schicksal des Heimkehrers Pohl. Hicke geht unberührt aus dieser Auseinandersetzung hervor. Er ballert einen Revolverschuß in die Luft: "Das ist das einzige, was uns geblieben ist, die einzige Musik."
Architekt Pohl will sich mit seinem Schicksal abfinden, die Vergangenheit vergessen und Häuser bauen. "Ein Dach über dem Kopf für alle, die es brauchen." Begeistert ist er über sein Aufbauprogramm keineswegs. "Mein Herz wird nicht aufhören zu rufen, daß es anders sein könnte, schöner."
Der Dialog am Anfang ist hart geschnitten und ungedrechselt. Die Akteure nehmen zwei Akte lang kein Blatt vor den Mund. Bauerntochter Resi wirft ihrem Vater das Götzzitat an den Kopf. Hoffnungsarmut und leichte Resignation bestimmen den Grundklang der Schlußszene. Der Ausgang wird verklärt. "Ganz leise hört man von ferne eine Nachtigall, erst zart, dann stärker", lautet Flickis letzte Regieanweisung.
Im dritten Akt wird die Dramen-Debütantin also lyrisch, mit Borchert-Tönen. "Laßt die Erde uns nie mehr die Stimmen der Freunde hören", fragt Anna, "unter dem schimmernden Gewölk des geröteten Himmels und in den zärtlichen Stimmen der Nacht, erfüllt vom Licht des Mondes? Gibt es sonst keine Hilfe mehr für uns?"
Autorin Flickenschildt hat der Akteurin Flickenschildt die Rolle der Pistorius auf den Leib geschrieben. Verderbte Frauengestalten hat sie zeit ihres Schauspielens hundertmal verkörpert, alles Einschlägige von der Klytemnästra in Sartres "Fliegen" über aller Art Halbweltdamen bis zu des Teufels Großmutter.
Sie hat sie gespielt in der derbkräftigen, ungeschminkten Art, durch die sie "die" Flickenschildt geworden ist. Schon ihrer Uebergröße wegen (1,79 m) spielt sie leicht alles in den Hintergrund. Aber da ist noch anderes: das ungesuchte, festumrissene Spiel der Hände, die plötzliche Mutation der Stimme, die, eben noch roh keifend, in Sekundenschnelle die einer schmeichelnden Kurtisane sein kann, und der jähe Temperamentswechsel: eben noch sich räkelndes Weibchen, im nächsten Augenblick zischend wie eine züngelnde Natter.
Regisseurin Flickenschildt hat sich vor ihrer Regieaufgabe fachgerecht das Horoskop stellen lassen: "In Zukunft werden Sie viel Erfolg haben, ich kann Ihnen gute Zeiten voraussagen."
"Hoffentlich ist ein Wagen dabei", meinte sie darauf. Darauf spart sie. Sie hatte es schon einmal zu einem Ford gebracht und denkt oft daran zurück. "Ich fahre schrecklich gern selbst, aber es darf nicht soviel Verkehr sein."
Beim Rollenlernen dagegen schätzt sie Belebtheit. Sie hält nichts davon, ihre Rollen allein zu lernen. Das hat sie noch nie getan. Sie lernt nur auf der Probe. "Ich muß die Handlung vor Augen und meine Gegenspieler haben", erklärt sie.
Die Souffleuse hilft ihr, den Text zu entwickeln. Dafür sitzt er dann so gut, daß sie Monate später noch jedes Wort weiß, wenn es darauf ankommt. Steckengeblieben ist sie nur beim ersten Vorsprechen, in Liliencrons "Alten Landsknechten". "Macht nichts, Sie sind begabt", sagte Prüfer Robert Nihl Er gab der 23jährigen Unterricht.
Mit zwei Schwestern und einem Bruder wuchs Elisabeth in Hamburg-Blankenese auf. Vater Heinrich Flickenschildt, weltbefahrener Kapitän der Handelsmarine, lachte, wenn "Flicki" zu Hause Gedichte aufsagte. Das tat sie auch in der Schule am liebsten.
Mit 23 Jahren sah die Kapitänstochter eine Pawlowna-Vorstellung. Mit Tränen in den Augen. Der Vater nahm sie ernst und gab Elisabeth in Robert Nihls Schauspielerlehre.
1932 war sie, ihre erste Rolle, Armgard in "Wilhelm Tell" im Hamburger Schauspielhaus. 75 Mark brachte das monatlich ein. Ueber Falckenbergs Kammerspiele in München glückte der Aufschwung.
Als sie mit Heinz Rühmann den "Himmel auf Erden" spielte, saß Heinz Hilpert im Parkett. Er bot ihr schriftlich ein Engagement an. Damit sie zwischen zwei Vorstellungen vom Vertragsabschluß aus Berlin rechtzeitig zurück sein konnte, charterte Hilpert für Elisabeth ein Sonderflug.
Im Olympia-Sommer stand der Name Flickenschildt zum erstenmal auf dem Programmzettel des Deutschen Theaters. Als Königin spielte sie in der "Jungfrau von Orleans" neben Luise Ulrich. Zwischen den Proben war sie begeisterter Zuschauer im Reit- und Schwimmstadion.
Die Bavaria brachte ihr im gleichen Jahr die erste Filmrolle. Als "verrückte Engländerin" mußte sie Anny Ondra das Filmleben schwer machen.
Als Emil Jannings den Streifen sah, gab er ihr die Rolle der Brigitte in seinem "Zerbrochenen Krug". Damit Lina Carstens als Marthe filmen konnte, sprang Elisabeth Flickenschildt für sie in "Romeo und Julia" der Heidelberger Festspiele 1937 ein, als Amme.
An der Seite von Karl Ludwig Diehl wechselte sie in "Mein Freund Jacques" in das Fach der eleganten, leicht hysterischen Frauen über. In Brokatkleidern mit langen Schleppen und mit dazu passendem Tonfall war sie zum erstenmal eine reizbare, unverstandene Salonschlange.
"Die Leute, die mich vom Film und von der Bühne her kennen, halten mich oft für eine auch außerdienstlich extravagante Person", sagt sie. Tatsächlich hat sie privat wenig Theatralisches an sich. Sie raucht nicht einmal. Aber nach jeder Probe holt sie im Kö-Kaffee Bittner ein halbes Pfund Baumkuchenspitzen.
Als Goebbels im letzten Kriegssommer die Theaterschlußfanfare blies, fuhr die Schauspielerin mit Hans Albers nach Prag, um den Kriminalfarbfilm "Shiwa und die Galgenblume" und mit Paul Hartmann "Figaros Hochzeit" zu drehen. Im Januar 1945 war Drehschluß. Die Streifen gingen mit unter.
Ueber Berlin fuhr sie vier Wochen vor Kriegsende zur Mutter nach "Maria Rast", den Bauernhof im Chiemgau. 1941 hatte sie ihn gekauft, 910 m hoch, 16 Tagewerke groß.
Nach einem Jahr als Bergbäuerin begann Elisabeth 1946 in Tübingen wieder zu spielen, als königliche Elisabeth in "Maria Stuart". 1946 gab sie hier ihr Regie-Debüt mit "Stella". Fünf Monate später siedelte sie nach München über, in Paul Verhoevens Theater am Brunnenhof.
Gründgens, der sie mit Marianne Hoppe in "Effi Briest" herausgestellt hatte, holte sie 1939 ans Staatstheater, und er nahm sie 1947 mit nach Düsseldorf. Unter den Kollegen war der Dramaturg Dr. Badenhausen früher einmal Elisabeths Mann.
Inzwischen wächst ein Erinnerungsbuch der Flickenschildt heran, unter dem Arbeitstitel "Impressionen". Aber in diesem Winter wird Elisabeth Flickenschildt nicht oft dazu kommen, daran zu schreiben. Sie trägt einen neuen Schauspielstoff mit sich herum.
"Ich muß mich beeilen, das Thema regt mich sehr auf", Es geht um eine Frau die ihren Mann erschießt, nachdem sie ihn heimlich versteckt gehalten hat. Titel: "En marche".
"Natürlich wieder ein Zeitstück", sagt Flicki. "Mich reizt die Gegenwart."

DER SPIEGEL 47/1949
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