08.12.1949

Ich werde Ihre Tochter heiraten

In sechs Monaten wird er ganz normal sprechen können", prophezeite die Herzogin von Segovia. "Er" ist der bislang taubstumme Don Jaime, Herzog von Segovia und von Anjou, der zweite Sohn des letzten Königs von Spanien, Alfons' XIII. Mit seinem Bruder Don Juan, dem Kronprätendenten, ist er der einzige Ueberlebende der vier Söhne Alfonsos.
Seinen Rechten auf die spanische Krone sagte Don Jaime vor 16 Jahren Ade. Ein Taubstummer konnte nicht König von Spanien werden. Am selben Tage verzichtete Jaimes ältester Bruder Alfons, Prinz von Asturien, auf alle Ansprüche, um zehn Tage später unstandesgemäß heiraten zu können. 1938 starb Alfons, geschieden, neu verehelicht und ohne Kinder, bei einem Autounfall in Miami. Der jüngste Bruder Gonzalo kam schon vier Jahre früher bei einem Autounfall in Pörtschach am Wörthersee (Kärnten) ums Leben.
Wenn sich die auf fachärztliche Urteile gegründeten Hoffnungen der Herzogin erfüllen, wird vielleicht nächstes Jahr Don Jaime und nicht Don Juan spanischer Thronanwärter sein. Don Jaime ist der ältere von beiden, und der 1933 ausgesprochene Verzicht ist kein Hindernis. Denn das ursprüngliche Motiv würde nach der Heilung wegfallen. Außerdem ist Don Jaime im Gegensatz zu Don Juan kein Bluter.
Seine Freunde behaupten allerdings, er sehne sich kaum nach der Krone. Er würde sie höchstens auf einige Jahre annehmen und sie dann seinem ältesten Sohn, dem heute 13jährigen Alfonso, übertragen*).
Für Alfonso und den zweiten Jaime-Sohn, den 12jährigen Gonzalo, interessieren sich auch französische Monarchisten. Einige von ihnen sehen nämlich nicht im Grafen von Paris, sondern in Don Jaime als Herzog von Anjou den rechtmäßigen Anwärter auf die im Herbstlaub der Geschichte vermoderte französische Krone.
Doch von all dem spricht die Herzogin nicht. Dafür berichtet sie begeistert von der Heilung ihres Mannes. Sie berichtet auf deutsch. Denn die Gemahlin Don Jaimes wurde vor 30 Jahren als Charlotte Klein in Königsberg geboren. "Heißt jetzt übrigens Kaliningrad", stellt sie erdkundlich korrekt fest.
Charlotte Klein war früher Sängerin. Ihre Lieblingsrolle: Carmen. Charlottes Lehrern imponierten allerdings ihre Leistungen auf dem Gebiet der Oper wenig. "Ihre Carmen wirkt eher heiter", bemängelten sie.
So sattelte Charlotte zur Operette um. Das lag ihr. In Berlin trat sie unter Operetten-Regisseur Henschke ("Hochzeitsnacht im Paradies", "Maske in Blau") in der Titelrolle der "Lustigen Witwe" auf. Im Krieg sang sie am deutschen Soldatensender Mailand.
Schlagerkomponist Heino Gaze gab ihr für die deutschen Landser in Italien ein kesses Lied mit: "Opapa". Goebbels hatte es für Deutschland verboten. Begründung:
"Zu jazzig". Bei den deutschen Soldaten jedoch wurde der jazzige Opapa ein toller Erfolg.**)
Der von den Engländern aufgezogene "Soldatensender West", der sich als wilde Gründung der Wehrmacht in Frankreich tarnte, übernahm das Lied und strahlte "Opapa" Tag und Nacht über seine Welle. Goebbels schwenkte um. Er wollte "Opapa" samt Charlotte Tiedemann - sie hatte inzwischen geheiratet - heim ins Reich holen.
Aber Charlotte gefiel es in Italien besser. Als man sie 1944 mit Gewalt zurückbefördern wollte, bekam sie rechtzeitig Wind davon und tauchte mit falschem Namen in Florenz unter. Dort erlebte sie auch das Kriegsende. Die Italiener gaben ihr eine Aufenthaltsgenehmigung.
1945 machte sie bei ihrer Mutter in Berlin-Dahlem eine Stippvisite. Zwei Jahre später filmte sie in Sizilien. Sie hatte in dem Film "La Lupa della Foresta" (Die Wölfin des Waldes) eine amerikanische Studentin zu spielen. Im Anschluß an die Filmarbeit wurde Charlotte von Freunden zu einer Gesellschaft in Rom eingeladen, zu der auch Don Jaime erwartet wurde.
Don Jaime hatte in Rom keinen guten Namen. Er trank viel und hatte endlose Weiberaffären am Hals. Obwohl er taubstumm war. Das wußte jeder. Don Jaime konnte aber nicht ganz taubstumm sein. Er tanzte vorzüglich, also mußte er irgendwie auch die Musik hören.
Charlotte Tiedemann, inzwischen geschieden, wurde bei der Party in Rom an Don Jaimes Seite placiert. Beim Aufbruch fragte er sie, ob er sich wieder mit ihr treffen dürfe. Er durfte.
Davon hörte Charlottes Mutter. Sie kreuzte im Mai 1948 in Rom auf, um ihre Tochter zurückzuholen. Italien sei nicht das rechte Land für eine junge alleinstehende Frau, meinte sie. Don Jaime saß dabei. "Ich werde Ihre Tochter heiraten", platzte er der Mutter in die Parade.
Mutter und Tochter waren platt. Es war das erstemal, daß der Herzog ernste Absichten kundtat. Am nächsten Tag war Don Jaime verschwunden. Bruder Juan hatte ihn nach Portugal zitiert. Er vermochte ihn allerdings nicht von den unstandesgemäßen Heiratsplänen abzubringen.
Für zwei geschiedene Leute wie Charlotte und Don Jaime war es nicht leicht, in Italien zu heiraten. Immer wieder gab es Schwierigkeiten. So kam es erst vor vier Monaten zur Hochzeit. Sie wurde im Prunksaal des Innsbrucker "Goldenen Dachl" gefeiert.
Schon vorher aber nahm sich Charlotte liebevoll Don Jaimes Krankheit an. In Rom trieb sie einen deutschen Spezialisten für Kopfleiden aller Art auf, den aus Hannover stammenden Professor Herrmann. Der hatte sich nach seiner Freilassung aus russischer Kriegsgefangenschaft in Italien etabliert.
"Ein großartiger Mann", strahlt die junge Herzogin. "Er hat jetzt auch Berufungen nach Amerika bekommen, will aber nicht. Er zieht Europa vor". Die Segovias konsultierten den deutschen Professor zweimal. Er stellte etwas Ueberraschendes fest: Don Jaime ist weder taub noch stumm. Und heilbar.
In London entdeckte die Herzogin jetzt ein Dokument, das diese These bestätigt. Es beweist, wie wenig stumm Jaime geboren wurde. Das Beweisstück ist eine alte Nummer des "Daily Express", die die Taufzeremonie
vor 41 Jahren schildert. Damals störte Jaköblein (Jaime = Jakob) durch wildes Geschrei die Tauffeierlichkeit.
Allerdings war er von Anfang an auf einem Ohr taub. Im Alter von vier Jahren mußte er operiert werden, weil sein Gehör sich verschlechterte. Die Operation wurde völlig verpatzt. "Ein Wunder, daß er mit dem Leben davongekommen ist", konstatierte Professor Herrmann.
Warum Don Jaime für stumm erklärt wurde, weiß die Herzogin nicht. Sicher ist nur, daß sich sein allgemeiner Gesundheitszustand später durch das viele Trinken verschlimmerte. Seit Professor Herrmann dem Leiden mit Vitaminen und Spritzen zu Leibe rückte, geht es dem Patienten jedoch erheblich besser. Außerdem verordnete der deutsche Spezialist Sprechübungen.
Auf diesem Gebiet hat der Herzog schon erhebliche Fortschritte gemacht. Er spricht heute bereits spanisch, italienisch, französisch und englisch. Jeden Tag übt seine Frau mit ihm zwei Stunden. "Wenn er jünger wäre, ginge es noch rascher", meint sie. "Aber auch so wird es werden."
Vorläufig formt der Herzog noch jeden Laut auf übertriebene Weise. Es gurgelt, wenn er redet. Der Mund spitzt sich, rundet sich, macht Grimassen, treibt Akrobatik. Seine Worte gluckern wie Laute aus einem unterirdischen, vielfach gewundenen Schacht herauf. Aber die Fortschritte sind offensichtlich.
Solange Don Jaimes Gehör nicht völlig wiederhergestellt ist, will er seine Frau nicht öffentlich singen lassen. "Ich bin eifersüchtig", begründet er.
Für die Eifersucht entschädigte Don Jaime seine Herzogin anderweitig. In London durfte sie sich jetzt einen Nerzmantel schneidern lassen. Sie: "Ich bekomme keinen fertigen. Ich bin sehr hochgewachsen".
Vertraute des Herzogspaares deuten dieses Wort doppelsinnig. Nachdem Charlotte Tiedemann zur Herzogin "gewachsen" sei, werde sie vielleicht noch weiter wachsen - zur morganatischen Gattin eines Königs. Nicht alle spanischen Aristokraten sind der Meinung, die Liebe zu ihr müsse ihren Gatten den Thron kosten.
*) Don Jaime war in erster Ehe mit einer Tochter des Herzogs von San Lorenzo verheiratet.
**) Im vorigen Winter erlebte Charlottes Lied unter dem Titel "O pappa" in Italien eine erfolgreiche Neuauflage. "Ob Heino Gaze das überhaupt weiß?", sorgt sie sich.

DER SPIEGEL 50/1949
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