15.12.1949

Du wirst Minister

Thüringens Verkehrsminister Wilhelm Bachem hat sich selber seiner ministeriellen Würde entledigt. Von seinem neuen Dienstzimmer Nr. 4452 im IV. Stock der ehemaligen WIKO verfügte er als jetziger Staatssekretär im Verkehrsministerium der Ostrepublik seine Amtsenthebung als thüringischer Minister. Seine vier Ministerkollegen in den übrigen Ostländern werden folgen. Es bleibt bei jedem Ost-Ministerium nur ein Referat Verkehr.
Als CDU-Mann sich für das ostrepublikanische Staatssekretariat zu legitimieren, war ein Bekenntnis auf Weimars Kreiskonferenz für den Volkskongreß nötig: "Nur Verbrecher können die Forderung nach Rückgliederung Breslaus und Stettins aufstellen", sagte Bachem. Ein Appell an den Westen, den Marshall-Plan abzulehnen, folgte.
Seitdem getraut sich Wilhelm Bachem nur vermummt in seine Vaterstadt Mülheim/Ruhr. Wenn dort ihr einstiger Wasserfloh-Lieferant und späterer NSKK-Führer in ostzonaler Luxus-Limousine auftaucht, machen die Mülheimer böse Mienen. Steigt Wilhelm Bachem aus, darf sein pistolenbewaffneter Fahrer Orthmann (in Volkspolizei-Uniform) nicht von seiner Seite weichen. "Neid, purer Neid", kommentierte Frau Ruth (die erste sitzt in Augsburg).
Noch zu Lebzeiten Vater Bachems liebte Sohn Wilhelm politische Seitensprünge. Vater Bachem, stammverwandt mit der altrheinischen Verlegerfamilie der "Kölnischen Volkszeitung", hielt den Zentrumspfad. Sohn Wilhelm dagegen kandidierte 1930 für Arthur Mahrauns Staatspartei im Reichstagswahlkreis Düsseldorf-West.
Auch vom väterlich vererbten Drogistenkurs wich er ab. An die alte Bachem'sche Drogerie in der Hindenburgstraße 3 ließ er über den Eingang malen:
"Ob Elefant, ob Wasserfloh, Alles gibt's in Bachems Zoo!"
1935 konnten Mülheims Klein-Zoo-Besitzer Wilhelm Bachem auch die Flöhe nicht über Wasser halten, die väterliche Drogerie ging in Konkurs. Der fallierte Unternehmer beschloß, Sozialist zu werden. Mit der Vorsilbe "national". Ueber Hühnleins NSKK gelangte er zu Orden und Sternen. Aus dieser Zeit stammt seine Vorliebe für Benzin und Reifen.
Weltkriegs II-Ende sah ihn in Thüringen als Fuhrunternehmer. NSKK-abgetakelt marschierte Bachem in Weimars CDU-Vorstand. Bald war er Org.-Chef von ganz Thüringens CDU. Auf einem Gala-Abend beim Sowjetkommandanten kam Bachems große Stunde. Im Hitler-Quartier "Elephant" klopfte ihm MP-Paul auf die Schulter: "Bachem, Mensch, Bruderherz, wir kriegen ein Verkehrsministerium und Du wirst Minister!"
Sowjet-Major Gronkolwitsch, der noch Grünkohl hieß, als er in Kattowitz mit Alteisen handelte, bestätigte: "Ja, ja, Towaritsch Bachem, Sie verstehen das, Sie fahren Hanomag und haben viel Verkehr." Von der einfachen Zweizimmer-Wohnung des CDU-Sekretärs zog jetzt Frau Ruth in eine ministerielle Sechszimmervilla.
Den Hanomag behielt Bachem nicht lange Den verkungelte er an das SED-Zentralsekretariats-Mitglied Max Fechner (heute Justizminister der Ostrepublik). Bachem bevorzugte Eisenacher BMW's. Als Bachems Autogeschäfte mit den Chargierten des Berliner SED-Glaspalastes überhand nahmen und selbst in den Westsektoren Thüringer Kraftfahrzeuge angemeldet wurden, verbot Thüringens neuer MP Werner Eggerath die Ausfuhr thüringischer Kraftfahrzeuge.
Jetzt blieb Wilhelm Bachem in seiner Ministerresidenz im ehemaligen Reiterhaus der Goethestadt nur noch die Verfügung über Ersatzteile, Autoreifen und Benzin. Aber noch Grund genug, durch diesen Mangelwaren-Engpaß öfter in den Westen zu fahren.
Hier lud er weniger Ersatzteile als Santos-Kaffee. Den nahmen ihm Westdeutschlands Zonengrenzer als Schmuggelgut ab Ueber Weimars Rundfunk schilderte er ganz Thüringen sein Mißgeschick. Trotz Ministerausweis habe man ihm fünf Pfund Kaffee abgenommen. Er hatte genau eine Null vergessen.
In "Deutschlands Stimme" nahm Bachem Rache. Die Straßen in Westdeutschland seien so schlecht, daß man nur im 25-km-Tempo fahren könne, um Achsbrüche zu vermeiden. "Denen ihren Teer müßte ich haben, dann wäre Thüringen ein Paradies für Rollschuhläufer."

DER SPIEGEL 51/1949
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