22.12.1949

THEATERSchön, wenn man streuen kann

Stapelweise bekam Käthe Dorsch das Weihnachtsgeschenk eines Verehrers mit praktischem Sinn: 25 Bogen (18 Umschläge), Marke Orsina und Marke Maria Stuart, holzfrei. Auf den Mappen Bleistiftzeichnungen, Porträts der Dorsch als Gräfin Orsina (Lessing, Emilia Galotti) und als arme schottische Königin. Der Spender war Kenner. Diese Bühnengestalten mit blutigem Schicksal gehören zu den Glanzstücken der Dorsch.
Käthe Dorsch, der die Kritiker fast einstimmig den Lorbeer-Superlativ "Deutschlands größte Schauspielerin" um die Stirn kränzen, will auch selbst Weihnachtsfreude verschenken. In Berlin, dem sie alles dankt. Der gequälte Torso der Millionen-Metropole ist ihre große unglückliche Liebe. Die Dorsch ist trotz des warmen süddeutschen Klanges ihrer hellen Stimme immer Berlinerin geblieben. "Ich möchte mich halbieren - zwischen Wien und Berlin. Ich kann von Berlin einfach nicht loskommen ..."
Wenn in den vergangenen Monaten das Gespräch auf Berlin kam, rollten über ihre mütterlichen Wangen bestimmt einige Tränen. Ihr Herz hat keine feste Schale.
Nach langem Behörden-Hindernislauf unterschrieb sie in München ihre interzonalen Papiere mit Katharina Liedtke-Dorsch, und mit hörbarem Aufatmen. Da ihr 850 ccm-BMW schon zum Winterschlaf im stillen Haus am Attersee eingemottet ist, rollte sie auf ostzonalen Schienen in die staatenlose Spreestadt.
Der Kurs machte ihr nichts aus. Käthe Dorsch war immer unpolitisch und will, mit dreifachem Toi am nächsten Holz, immer so bleiben. Außerdem lieben die kunstbegeisterten Sowjets die "große Artistin" sehr. Sie war ihnen 1946 in den Kammerspielen Berlin acht kg Mehlzulage im Monat wert.
Die östliche Freundlichkeit hat sie sich fast durch ihre Schlagfertigkeit verscherzt, im Fall Harich, November 1946.
Käthe Dorsch spielte damals im Berliner Deutschen Theater in dem Rührstück "Eine Familie" von Coffee und Cowen, der trivalen Umbürgerung der Heiligen Familie in das amerikanische Alltagsdasein. Wolfgang Harich, damals 24, war eines der besten Pferde im Stall der sowjetamtlichen "Täglichen Rundschau".
"Ich bewundere Sie", hatte Harich, ein frühreifer Kritiker von bestechendem Intellekt und angesnobter Arroganz, zur Dorsch gesagt. Zwei Tage später galoppierte er mit angelegtem Federhalter in der "Täglichen Rundschau" unter der Ueberschrift "Oberammergau vom Broadway" gegen Stück und Hauptdarstellerin:
"... Maria im seelischen Reformkleid mit Mutterkreuz, die ihren Enkeln die Hosenträger festnäht und wiederholt Kuchen backt. In diesem biblischen Alt-Heidelberg spielt Frau Dorsch mit Lust die Kathi (alias Maria). Sie ist hold auf sex appeal geschminkt, schwenkt entweder jugendlich daher oder stellt - von blauen und roten Tüchern umwallt - Madonnenbilder, wie es sie sonst nur auf Buntdruckpostkarten zu sehen gibt".
Die Berliner Schauspieler-Elite sah rot. Harich hatte schon öfter taktlos-aggressiv seine Tinte gespritzt. Käthe Dorsch griff zur Selbsthilfe.
Auf dem Heimweg ließ sie den Wagen vor dem sowjetisch-genährten Exklusiv-Club "Die Möve" stoppen. Harich, vom Ober in den Vorraum gerufen, kam mit ausgestrecktem Arm. Käthe Dorsch vergrub die Hände in den Manteltaschen.
Dann: "Damit Sie sehen, wie gut ich schwenken kann". Und auf Harichs Wange brannte ein Schlag. Die Brille lag am Boden. Harich eilte der Dorsch nach: "Aber, gnädige Frau, ich habe doch ..."
Sie drehte sich im Furioso auf dem Absatz um: "Haben Sie noch nicht genug?" Ohrfeige Nr. 2. Der Kritiker, unverdutzt, riß die Möven-Tür auf: "Bitte sehr, gnädige Frau!"
Die handgreifliche Mutter Maria wurde mit Begeisterung und Empörung bedacht. Kurt Meisel küßte ihr entzückt die Ohrfeigen-Hand. Erich Kästner schrieb eine Plauderei "Erste Hilfe gegen Kritiker".
Für Käthe Dorsch war der Fall erledigt. Sie wußte, daß sie zu weit über die Rampe getreten war. Aber sie war befreit, erleichtert, zufrieden. Sie tut immer, was sie empfindet, auf der Bühne und im Leben.
So läßt sie sich auch nicht einordnen. Sie stammt aus einer Nürnberger Bürgerfamilie und und hat jetzt einen österreichischen Paß. Sie ist das Urbild des deutschen Gretchens (und war auch auf den Brettern ein unvergessenes Gretchen) - und besitzt (wie sich Herbert Ihering ausdrückte) "eine brillierende, glitzernde, funkelnde, blitzende Redeweise, die fast den rethorischen Schimmer der französischen Sprache hat".
Sie verkörperte auf der Bühne die klassischen Kurtisanen, imposanten Heldinnen, die großen Mütter, die sich verströmenden Liebhaberinnen, die prallen Volkstypen - und machte doch immer wieder einen selig kecken Seitensprung in die Bezirke der ausgelassenen Operette, in der sie ihre stimmlichen und darstellerischen Kapriolen austollte.
Im Deutschen Bühnen-Klub in Berlin gibt es ein besonderes Käthe-Dorsch-Zimmer: ihre Konterfeis beherrschen dort die Wände. Dieser Klub hat die Dorsch als einzige Frau vor anderthalb Jahren zum Ehrenmitglied gemacht. Den Dumont-Schmuck jedoch, den Goldtopas, den die große Düsseldorfer Theaterherrin Luise Dumont getragen hat und den man der Dorsch als beziehungsvolle und kostbare Ehrung überreichen wollte, lehnte sie entrüstet und bescheiden ab, um ihn von nun an in ein Safe der Bühnen-Genossenschaft zu verbannen.
Käthe Dorsch weiß, daß sie nicht immer den richtigen Riecher für ihre Stücke hat. Sie läßt sich leicht von den darstellerischen Reizen einer Rolle verleiten. So tauchte sie in manchem Versager-Stück auf.
Doch: wenn die Dorsch Kitsch spielt, wird mindestens Edelkitsch daraus. Meist sogar zaubert sie aus dem mäßigsten Stück eine wunderbare Darstellung heraus, überspielt mit ihrer Kunst alles Papierrascheln im Text und siegt über sämtliche Plattitüden.
Mit ihrem neuesten Stück "Theater" von Sommerset Maugham tat sie keinen falschen Griff Es ist, als habe Maugham die Rolle der Julia Lambert genau nach ihren Maßen geschrieben.
Julia ist ein Theaterstar. Engel und Biest zugleich, dem die Grenze zwischen Bühne und Leben, zwischen Sein und Spiel abhanden kam. Julia, in den Jahren des Alterns, gefährlich für sich und für schwärmerische junge Männer.
Diese Julia will die Dubarry spielen. Ihr Mann, auch Schauspieler, wendet ironisch ein: "Die Dubarry ist im ersten Akt 20 Jahre alt". Sie, naiv und lakonisch: "Na, und?" Zwei Worte von der Ur-Komödiantin Käthe Dorsch. Sie sitzen.
In ihrer hellen Vogelstimme hat sie die Skala aller Gefühle, vom großen dramatischen Ausbruch bis zum tonlosen Flüstern Mit allen Variationen. Ihre halben Töne sind berühmt In "Theater" hat sie einmal einen unterdrückten Freudeschrei über eine gelungene List. Es ist nur ein leichtes Glucksen ihrer Stimme übriggeblieben. Aber sie gluckst einmalig.
"Theater" ist das Weihnachtsgeschenk der Dorsch an die Berliner, überreicht in der Komödie am Kurfürstendamm. Die Julia Lambert hat sie im kleinen Haus des Wiener Burgtheaters kreiert. Dann zog sie mit Maughams Stück über Westdeutschlands Bühnen.
Die Tournee war abenteuerlich, mit Aerger und Abenteuern gepflastert. Manager Nowak, kurz zuvor mit seiner Kristina-Söderbaum-Tournee am dritten Abend geplatzt, wollte Geld rausholen und organisierte hier und dort. Der Dorsch machte es dennoch Spaß, mit dem Auto auf der Straße zu liegen und heute hier, morgen dort zu gastieren. "Sie ist halt eine alte Zigeunerin", sagt Stephanie Scherner, ihr guter Trabant und Chauffeur seit 20 Jahren.
Käthe Dorsch hat wirklich etwas von der Unruhe der Fahrenden, vom alten Komödiantengeist. Sie fühlt sich so ein bißchen als Nachwandlerin auf Caroline Neubers Spuren. Im Film "Komödianten" war sie die Neuberin, jene erste Theater-Direktorin, die das Stegreifspiel verbannte und deutsches Theater zur Kunst wandelte.
In Bad Kissingen, mitten im heißen Sommer, begann die Tournee, 20 Vorhänge. In Mainz spielte sie bei 30 Grad im dritten Stock, die Bühne war nur über eine wacklige Hühnerstiege erreichbar. Trotzdem: Das Haus war voll und vor Begeisterung aus dem Häuschen. Die Mainzer reklamierten Käthe Dorsch noch als "unsere Dorsch" In Mainz begann vor fast vier Jahrzehnten Käthes Aufstieg, als Operettenstar. Mit ihrem ersten Rauswurf: Die 16jährige, stupsnasige Soubrette verhedderte sich rettungslos in ihre lange Schleppe und kam nicht von der Bühne.
In Bremen behauptete eine Zeitung, sie sei ja nun bald 65 Jahre alt. Das Munzinger-Archiv, biographische Basis deutscher Zeitungsarchive, gibt ihr Geburtsjahr mit 1865 an. Etwas kühn zurückgegriffen.
"Lassen Sie mir doch ein kleines Geheimnis", schrieb sie als Leserbrief. Wenn sie 65 sei, wolle sie sich bestimmt vom Theater zurückziehen.
Seit den Harich-Tagen liest Käthe Dorsch die hartnäckige Presse nicht unbedingt. Sie liest Zeitungen nur noch bis zum Strich. Die Kritiker-Spalten sind für ihre Blicke tabu.
"Wie schön wäre das Leben ohne Presse", seufzt Star Julia in "Theater" als Auftrittsworte, als, von einer knipswütigen Photographin verfolgt, ein Leica-Lächeln mit zähneblitzender Friscodent-Reklame über ihr Alltagsgesicht zieht.
Kritik irritiert sie. Sie ist sowieso nicht urteilssicher. In Wien las sie das Maugham-Stück und war begeistert. Ihr Regisseur las es und sagte: "Ein Schmarrn". Sie las es zum zweiten Male: "Bums, war ich auch lauwarm". Sie spielte es dennoch, und das Star-Stück machte dem Vorhangzieher dicke Arbeit.
"Schön ist es, das Publikum zu spüren, himmlisch, es nicht zu sehen". Käthe Dorsch ist sehr kurzsichtig und erkennt die Menschen im Parkett nur als graue Masse
Aber: "Ich könnte platzen, wenn sich jemand in der ersten Reihe sehr bewegliche Luft zufächelt". Es irritiert sie. Man merkt ihr freilich nichts an, auch nicht, wenn einer schon fünf Sekunden vor der Pointe ordinär lacht.
1938, kurz nach dem Anschluß Oesterreichs, gastierte sie zum ersten Male in Wien, unter Heinz Hilpert als Maria Stuart Ihr Auftritt durch eine Tür. Stichwort. Tür geht nicht auf. Inspizient springt herzu. Tür geht nicht auf. Sie ist zugenagelt. Inspizient schlägt sie mit dem Beil der Feuerwehr auf. Die Dorsch tritt durch die Splitter auf.
Dann Szene mit Elisabeth. Maria Eis, Liebling der Wiener, als kühle Königin oben auf einem Altan. Käthe Dorsch als anklagende Maria Stuart unten.
Eis steht schweigend. Dorschs großer Monolog. Mitten hinein plötzlich vom Parkett vielstimmiger Ruf: "Bravo, Eis!" Die Dorsch war nur noch kämpfende Maria gegen einen Eiswall vom Parkett.
Sie war die "Piefkinesin" (Spitzname der Wiener), für verhaßte Preußen mit anonymen Briefen bekämpft. Auch kam sie schon als Star, ausgerechnet von Berlin. Die Wiener wollen ihre Lieblinge selbst entdecken. So setzte sie sich schwer an der Donau durch, erst mit Ibsens "Gespenster"-Frau Alving. Das blieb dann gleich sechs Jahre auf dem Spielplan der "Burg".
Wenn sie jetzt in Berlin ist, wird sie ihr altes Haus wiedersehen. Es wird eine traurige Fahrt nach Saarow-Pieskow am Scharmützelsee. Denn der Hausherr starb 1945 unter schrecklichen Umständen: Harry Liedtke, der Stummfilm-Schauspieler, der noble Charmeur, ihr geschiedener Mann.
Ihre Bekanntschaft war damals purer Zufall. Die junge Nürnbergerin Käthe war von Mainz nach Berlin gekommen und wurde schnell die Operettendiva der Spree. Ein junger Fliegeroffizier umwarb sie eifrig. Hermann Göring.
"Damals war er wirklich ein netter Kerl", sagt Käthe Dorsch heute. Dank dieser Bekanntschaft konnte sie später in den braunen Jahren viel Gutes tun.
Sie lernte Liedtke in der Inflationszeit kennen. Er und sie wollten mit einer Taxe nach Tempelhof, die Straßenbahn fuhr nicht Er sprach sie an, und sie fuhren in einer Taxe. Zehn Jahre lebten sie glücklich zusammen, obwohl sie eine geborene Junggesellin ist.
Aber es war eine schwierige Ehe. Sie stand jeden Abend auf der Bühne, er holte sie ab Er mußte jeden Morgen früh ins Filmatelier, sie stand früher auf und servierte ihm das Frühstück ans Bett. Fix und fertig angezogen, Männer haben das gern. War er aus dem Hause, schlief sie weiter.
Die Anmut und die weibliche Vitalität der Frau und der Künstlerin haben viele Männer angezogen, auch viele Männer mit Namen. Stresemann war ihr großer Verehrer, der sie mit Blumen und Komplimenten überschüttete. Doch Käthe Dorsch hatte immer nur Augen und Herz für einen Mann, den sie nicht vergessen hat: Harry Liedtke. Gerüchte, daß sie den englischen Journalisten Mr. Curt Riess heiraten will, stimmen nicht.
Als sie damals Liedtke heiratete, kaufte sie mit ihm gemeinsam das Haus in der Berliner Drake-Straße. Hier war sie nur Frau, hier war sie glücklich. Er war für sie das Ideal an Kavalierstum. Sie gab ihn wie selbstverständlich frei, als er eine andere heiraten wollte, und blieb ihm freundschaftlich verbunden.
Als die Russen Berlin einnahmen, ereilte Liedtke, der gerade in dem Stück "Sophienlund" ein come back als père noble mit den obligaten grauen Schläfen geschafft hatte, ein grausiges Schicksal. Als er seinen Keller verließ und sich schützend vor seine Gattin stellte, wurde er mit einer Bierflasche erschlagen. Lange versuchte man, dieses Ende vor Käthe Dorsch zu verheimlichen. Aber ihr Fragen und Forschen erpreßte den Freunden das Geständnis.
Harry Liedtke verdankt sie viel. Er sagte eines Tages grob zu ihr: "Schön bist Du nicht, tanzen kannst Du nicht, singen kannst Du nicht. Was willst Du bei der Operette?"
Ihr Schauspiel-Debut als tragisches Evchen Humbrecht wurde ein Riesenerfolg. Aber sie kehrte zwischendurch immer wieder zur leichten Muse zurück. Sie wurde deswegen offen beschimpft: "Die Dorsch geht dem Gelde nach".
Aber sie braucht diesen Wechsel. Sie findet, daß sie dabei für die ernste Kunst neue Kräfte aufladet. "Ich blühe immer auf, wenn ich zwitschern kann".
Ihr größter Zwitschererfolg war die Premiere von Léhars "Friederike" bei den Berliner Brüdern Rotter. Richard Tauber-Goethe war ein ganzer Kavalier. Bei den Duetten trat er weit zurück und ließ sie an der Rampe stehen, damit ihre weiche, dünne Stimme durchdrang.
Einen Mann in ihrem Leben haßt sie, einen Bildhauer. Er las in ihrer Hand und sagte ganz ernst: "Sie werden 1940 sterben!" Je näher das Jahr kam, desto angstvoller wurde sie.
Sie glaubt an solche Sachen. Deswegen geht der Steinbock Dorsch der Astrologie weit aus dem Wege. Sie würde sie schrecklich irritieren.
Als 1940 anbrach, zog sie sich ganz in ihre Berliner Wohnung Keithstraße zurück, löste alle Freundschaften, verbrannte Briefe, Bilder, Kritiken. Sie wartete. Dann passierte es.
Auf Glatteis rutschte sie aus und schlug schwer hin. Die Aerzte meinten: Gehirnerschütterung. Ihre schweren inneren Verletzungen entdeckte zunächst keiner. Siebenmal wurde sie operiert. Drei Jahre waren voll dunkler Stunden. "Bloß wegen dem dummen Bildhauer".
Sie ist eine Schauspielerin von ungeheurer Disziplin (wenn sie nicht gerade ohrfeigt). Noch schwer krank, tanzte und sang sie in der "Veilchen-Redoute" in Berlin. Nach der Vorstellung mußte sie stets von der Bühne getragen werden. Gehen konnte sie nicht mehr.
Freunde? "Wenn ich kratze, ist der Freundeskranz ganz klein". Junge Menschen drängen sich zu ihr. Sie ist der Typ, zu dem man sofort Vertrauen hat. Eine mütterliche Wärme strahlt von ihr aus. ("Mutterliebe" war ihr liebster Film.)
"Ich bin Treffpunkt der halben Portionen", sagt sie mit mütterlicher Resignation. Die halben Portionen sind Schauspieler, die auf halbem Wege liegen blieben, sind junge Menschen in verzweifelter Situation, sind Mädchen mit multipler Sklerose. Ein Kellner aus dem Berliner Deutschen Bühnenklub: "... und wenn ich ihr erzählen würde, meine Mutter habe Zahnschmerzen, sie gäbe mir gleich Geld für die arme Mama!"
Sie hat ihr Leben lang soviel verdient wie kaum eine andere Schauspielerin. Zweitausend Goldmark erhielt sie in der guten Theaterzeit an jedem Abend. Doch diese ungeheuren Summen rannen durch wohltätige Finger.
Die Frau mit dem bezauberndsten Organ hat sozusagen einen Sprachfehler. Sie kann nicht "nein" sagen, kann keine Bitte abschlagen. Eine kleine Andeutung, nur ein trauriger Blick - und schon kramt sie eifrig in ihrem Handtäschchen.
Oft melden sich bei ihr irgendwelche Verwandte, über deren Familienzugehörigkeit sie nicht im geringsten im klaren ist. Sie schenkt. Oft, heute wie früher, appellieren irgendwelche belastete Kollegen an ihre Hilfsbereitschaft. Sie setzt sich ein.
Als sie neulich zu einer großen Gesellschaft gehen mußte, hatte sie - wirklich - nichts anzuziehen. Ihr einziges Abendkleid war gerade an eine arme Kollegin ausgeborgt worden. Die hatte es für ein Auftreten erfleht.
Vor Jahren zeichnete sie sich für eine Denkmalsstiftung des Deutschen Bühnenklubs mit tausend Mark ein. Als man sie fragte, wann sie das Geld zur Verfügung hätte, sagte sie: "Morgen, wenn ich wieder Gage bekomme"
Sie verschwendet ihre Kunst, sie verschwendet ihre Einnahmen. "Es ist so schön, wenn man streuen kann", schrieb sie vor kurzem einem alten Berliner Freund. "Aber ich glaube, es ist sehr dumm."

DER SPIEGEL 52/1949
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