29.12.1949

Merkt euch den Namen Hirschfeld

Darüber sage ich Ihnen nichts. Fragen Sie doch die Amerikaner. Im übrigen: Sie werden mit Ihren Veröffentlichungen über meine Person noch große Schwierigkeiten haben. Ich werde in süddeutschen Zeitungen klarstellen, daß Ihre Zeitung die Interessen hoher Nazis vertritt."
Walter Hirschfeld, 186, Jahrgang 1917, mit rotem Wollschal und Blutwarze auf der Knollnase, beobachtet die Wirkung seiner Drohung. Gattin Josephine, geborene Cretius, weiland als Verkäuferin in Heidelbergs Ami-Kaufhaus noch wasserstoff-blond, heute brandrot und Inhaberin der von Hirschfeld geleiteten Dekorations- und Reklamewerkstatt Cretius, zeigt sich unerschüttert, wenn Gatte Walter auf Kumpan Gerhard Schlemmer oder gar auf den sehr merkwürdigen Tod der Marianne Six angesprochen wird. "Ich habe das Mädchen nicht umgebracht", sagt Hirschfeld.
Solche Gespräche stenografiert die in London geborene und in Wiesbaden aufgewachsene "Baby" mit. Sie sagt "Herr Hirschfeld" und "Sie" und meldet sich auf deutsch oder englisch, wenn ein Geschäftsfreund den früheren SS-Untersturmführer über die Telefonnummer Hdlbg 5833 zu sprechen wünscht. Familie Hirschfeld hat es gelernt, sehr vorsichtig zu sein.
Das datiert noch aus Walters goldenen Tagen in den Jahren 1945-1947. Damals drehte er als Agent provocateur des amerikanischen Nachrichtendienstes noch "ganz große Dinger", damals lieferte er mit Hauptsturmführer Gerd Schlemmer den gehobenen SS-Schatz mit den Reichs-Insignien an die Amerikaner aus. Damals brachte er den Amtschef II des Reichssicherheitshauptamtes, Brigadeführer Spaciel, mit Sekretärin und Adjutant hinter Gitter. Damals standen ihm für seine Fahrten durch die Westzonen noch der große BMW-Sport und die Ford-Limousine zur Verfügung.
Heute muß sich Walter mit seinem uralten 2-Liter-Adler AW 66-4443 zufrieden geben, der gerade noch den Weg von Hirschfelds Feudalwohnung Hirschgasse Nr. 16 (3mal läuten) bis zur Bergheimer Straße 111-115 schafft, wo das Cretius-Atelier von Kundigen im Hinterhof links über einen dunklen Schuppen und zwei steile Holztreppen gefunden wird. Ob Walter Hirschfeld sich dort ungestört der Ruhe eines gesetzten Ehemannes und Geschäftsführers erfreuen wird, hängt von der Staatsanwaltschaft Heidelberg und anderen Dienststellen ab, die darüber zu entscheiden haben, ob der Fall "Marianne Six" noch einmal aufgegriffen werden darf und soll.
Dieser Fall, in den Akten der Oberstaatsanwaltschaft Heidelberg unter "Gewaltsamer Tod" verbucht, ist noch dunkler und undurchsichtiger als alle anderen Nachkriegsgeschichten, in die Walter Hirschfeld hineinspielte. Ob er sich jemals ganz klären läßt, ist ungewiß, und es ist der großen Erregung und dem hohen Alter des 70jährigen Polstermeisters Alfred Six aus Mannheim U 3-12 zuzuschreiben, wenn er Walter Hirschfeld geradezu des Mordes an seiner 26jährigen Tochter, der kurz vor der Promotion stehenden Kinderärztin Marianne Six, bezichtigt.
"Wie ich das Mädle damals im Keller der Pathologie liegen sah, habe ich Rache geschworen, Rache an Hirschfeld. Er ist der Mörder!" erregt sich heute noch der Handwerksmeister, der nun voll Mißtrauen gegen die deutschen Gerichte einen Privatdetektiv mit einer erneuten Untersuchung des Falles betraut hat.
Der Sherlock Holmes des alten Dekorateurs hat es nicht leicht, nach nahezu vier Jahren Licht in jenes Dunkel zu bringen, das schon damals für immer undurchdringlich zu sein schien und das niemand erhellen mochte aus Angst, selbst in solches Dunkel gezogen zu werden. Trotzdem sollte der düstere Abschnitt nicht stillschweigend in das neue Kapitel "Bundesrepublik Deutschland" übernommen werden.
Bei der Familie Six erschienen Ende 1945 amerikanische CIC-Beamte und fragten eingehend nach dem Verbleib und dem derzeitigen Aufenthalt des Polsterer-Sohnes SS-Brigadeführer Professor Dr. rer. pol. Franz Six, Gesandtem im Auswärtigen Amt, Amtschet VII (Forschung) des Reichssicherheitshauptamtes, Präsident des deutschen Auslandswissenschaftlichen Instituts und Dekan der Auslandswissenschaftlichen Fakultät der Universität Berlin.
Die Nachfrage blieb ergebnislos. Familie Six behauptete, von dem Sohn und Bruder mit den vielen Titeln seit der Kapitulation nie wieder etwas gehört zu haben.
Der hatte aber die letzten Tage des Zusamenbruchs gut überstanden, hatte sich in einem zerlumpten Zivilrock aus dem Raum Salzburg gegen den Strom der nach Süden flutenden Ami-Panzer nach Norden gewandt.
"... Ich bin mehrfach durch die amerikanischen Kampflinien und später auch noch durch die Sperrlinien und Auffanglinien hindurch", schrieb Franz Six viele Monate später aus dem Gefängnis Nürnberg an seine Gattin Ellen Six, geborene Offenbach.
Haussuchungen und Vernehmungen bei Eltern und Schwester Marianne blieben ergebnislos. Die Familie hatte sich geschworen, niemand ein Wort zu sagen. Da klingelte es Ende Dezember 1945 bei Mariannes Vermieterin, der Kriegerwitwe Martin. Ein breitschultriger Mann in grauem SS-Ledermantel nuschelte seinen Namen und begehrte die Kinderärztin Six unter vier Augen zu sprechen.
Dieses Gespräch dauerte etwa zwanzig Minuten. Zwischendurch kam Marianne mit roten Backen heraus und tuschelte aufgeregt: "Ein alter SS-Kamerad meines Bruders. Er will Franz helfen, vielleicht kann er ihm sogar Papiere besorgen." Der Mann mit dem Ledermantel und dem versoffenen Gesicht gefiel Mariannes Freunden nicht. Sie aber hatte Feuer gefangen. "Nein, das ist ein anständiger Kerl. Er wußte sogar das Kernwort und die Stichnummer der Abteilung meines Bruders. Er hat auch schon vielen anderen geholfen und übermorgen wollen wir uns im Odeon-Keller treffen."
Die anderen rieten ab und wollten wenigstens aufpassen, ob Marianne von dem Kellerbesuch unangefochten zurückkäme. Sie kam, war etwas nachdenklicher als sonst, machte aber bald darauf ihrer Freundin Lieselotte gegenüber eine Bemerkung, sie habe nun einen feinen Kerl gefunden, den sie wohl heiraten möchte.
Bald darauf sickerte es bei Mariannes Freunden durch, daß die junge Aerztin mit dem Fremden, dessen Namen niemand verstanden hatte, eine Fahrt in den Raum um Stuttgart machen wolle, "um SS-Kameraden zu helfen".
"Um ihnen die Blutgruppen-Tätowierungen unterm Arm fortzuätzen", erinnert sich heute noch Elektro-Ingenieur Hellweg, der damals häufiger Kaffee-Gast bei Marianne war und ihr 1945 studentenübliche Kungelgeschäfte abwickeln half. "Marianne war mehrere Tage fort Als sie endlich wieder erschien, war sie sehr niedergeschlagen. Die zur Aetzung versammelten SS-Männer seien samt und sonders verhaftet worden und alle hätten sie tagelang gesessen Mir war unverständlich, daß das Mädel auf so einen Mann hereinfallen konnte und mit ihm auf den Reisen über Nacht fortblieb."
Hirschfeld konnte tolle Dinge erzählen. Er hatte gute Beziehungen zu einer in Oesterreich operierenden Untergrundbewegung, die die politischen Erfahrungen und Auslandsverbindungen des Diplomaten-Bruders dringend benötige.
Er könne den Brigadeführer und Professor bei seinem Onkel Gerhard Schlemmer in dessen Lederfabrik Schorndorf (Württemberg) unterbringen, fand der Aalglatte neue Argumente. Es wäre doch jammerschade, wenn solche Talente und Kräfte brach liegenblieben.
Bald hatte Marianne keine Bedenken mehr und nannte dem hilfswilligen Freund Decknamen und Aufenthaltsort des gesuchten Bruders. "Ich hatte schon immer ein dummes Gefühl", erzählte Six später, "daß man Frauen, gleichgültig, ob Schwester oder Frau, keine Adressen in der Illegalität geben soll ..."
Am 17. Januar 1946 rückte Hirschfeld mit einem amerikanischen Begleiter in Zivil an. "Ich befand mich gerade beim Besenbinden im Stall, als ein Herr im Ledermantel kam und mich jovial bat, mal herauszukommen, Bekannte aus Heidelberg seien da. Der Bekannte saß im Wagen und schaute mich dumm an, und als ich mich nach Herrn Hirschfeld umsah, schaute ich weniger dumm in die Mündung eines Colts ... Handschellen auf dem Rücken und ohne weitere Worte hinaus in den Wald.
"Ich erkundigte mich höflich, von welcher Abteilung sie denn kämen, amerikanischer, englischer, russischer, und ob die Sache gleich hier im Wald mit einfachem Umlegen beendet werde. Nein, es handele sich nur um eine Sicherheitsmaßnahme. Ich erhielt zu meinen Handfesseln auch noch Fußfesseln, dann wurde ich in einen Sack gesteckt, der am Hals schön abgebunden wurde und zum Abschluß sicherheitshalber noch einen Strick um den Bauch.
"So gings nach Süden in die alte Heimat. Herr Hirschfeld tat sehr geheimnisvoll. Aber zu Hause ist zu Hause, und als er sich zwischen Oberursel und Frankfurt verfranzte, habe ich ihm im Dunkeln den Weg nach Heidelberg gezeigt ..."
Natürlich wußte Marianne nichts davon. Sie rechnete damit, daß Hirschfeld ihren Bruder bei seinem "Onkel", dem fast gleichaltrigen Gerhard Schlemmer, SS-Hauptsturmführer a. D. und Agent provocateur gleich Hirschfeld (siehe SPIEGEL Nr. 35/49) untergebracht habe.
Darum hatte sie auch gar keine Bedenken, dem unermüdlich Hilfreichen nun auch noch Namen und Aufenthaltsorte der beiden Referenten des SS-Gesandten preiszugeben: Dr. Horst Mahnke und Dr. Rolf Oebsger-Röder wohnten beide unweit Hannovers und besuchten häufig Frau Ellen, die noch immer nichts vom Schicksal ihres Mannes wußte.
Hirschfeld wollte weiter helfen. Marianne gab ihm einen Empfehlungsbrief an Schwägerin Ellen. Als Frau Ellen am 28. Januar 1946 in Begleitung Dr. Mahnkes nach einem Besuch bei Oebsger-Röder in ihre Wohnung, Hannover, Helmholtzstraße 8, zurückkehrte, saß dort in gelbem Kamelhaarmantel Walter Hirschfeld, präsentierte Mariannes Brief und gab sich als Verbindungsmann einer "mit Papieren, technischen und finanziellen Mitteln bestens ausgestatteten österreichischen Gruppe" zu erkennen, die Six in diesen Tagen mit besonderen politischen Missionen nach der Schweiz zu lancieren gedächte.
Six habe ihn nun beauftragt, Mahnke und Röder zunächst nach Schorndorf zu bringen, wo sie sich bei dem Leder-Onkel Schlemmer aufhalten sollten, bis auch sie via Oesterreich in die Schweiz geholt werden könnten.
Mahnke hatte gerade seine Familie aus der Ostzone geholt und wollte ebensowenig mit Hirschfeld auf die Reise gehen wie Frau Ellen Six.
Hirschfeld drohte. Wer im Unglück nicht den Treueschwur der SS hielte, sei auch in guten Zeiten nichts wert gewesen. Mit solchen Verrätern werde man schonungslos umgehen und sie bei den Besatzungsmächten "hochgehen" lassen. Mahnke versuchte sich herauszuwinden. Der Kamelhaarmantel und der Koffer, angeblich mit der Wäsche des Eva-Braun-Schwagers Hermann Fegelein, schienen ihm nicht ganz echt. "Ich kann wirklich nicht mitkommen, wir haben hier selbst einen Kreis aufgebaut und den kann ich jetzt nicht im Stich lassen", schien ihm das zugkräftigste Gegenargument. Der war es nun zufrieden, bat in der Six-Wohnung nächtigen zu dürfen und verabschiedete sich für zwei Stunden, um Leder-geschäftliche Dinge zu erledigen.
Daß Hirschfelds hannoversche Geschäftsfreunde in Gauleiter Hartmann Lauterbachers Villa in der Hindenburg-Straße saßen, sich Secret Service nannten, und sich weniger für Leder als für konspirierende SS-Führer interessierten, ahnte man im Hause Six nicht. Als Hirschfeld zurückkam, legte man sich schlafen.
Nachts gegen 1 Uhr klopfte es, dann brach gleich darauf die Türfüllung ein und sechs britische Soldaten durchsuchten jeden Winkel, ließen Frau Six, Mahnke und Hirschfeld antreten und nahmen sie mit in den Secret-Service-Keller, wo Mahnke auf Lauterbachers Apfelrost eine nachdenkliche Nacht verlebte.
Verhöre folgten auf Verhöre. "Geben Sie zu, zusammen mit ihrem Freunde Oebsger-Röder eine Widerstandsgruppe aufgezogen zu haben! Sie wollten am 20. April in Hannover als Kommandeur eines illegalen SS-Bataillons russisch bewaffnet einen Autstand machen! Wir wissen es, Sie haben es selbst gesagt!" Mahnke konnte die gewünschten Auskünfte nicht geben
Zur weiteren Vernehmung wurden er und Röder ins Spezial-Internierungslager Bad Nenndorf verlegt. Dort bearbeiteten die Soldaten des britischen Oberleutnants Langham ihre Gefangenen derart mit Schlägen, Fußtritten, Kaltwasserduschen und eiskalten Zellen, daß es den nenndorf-Prozeß gab.
Kommandeur Stephens samt Vernehmungspersonal wurden von den Briten selbst wegen Verbrechens gegen die Menschlichkeit angeklagt und Mahnke und Röder traten als Hauptbelastungszeugen der Anklage auf.
Da fiel auch zum ersten Male amtlicherseits der Name Hirschfeld. Der Verteidiger Derek Curtis-Bennet, einer der bekanntesten Advokaten der Londoner City, überreichte Mahnke einen Zettel: ob er den Namen kenne, der auf dem Zettel stehe. Er habe mit ja oder nein zu antworten, dürfe aber den Namen nicht nennen.
Mahnke: "Mir ist eine Person namens Hirschfeld - dieser Name steht auf dem Zettel - als amerikanischer CIC-Agent bekannt!" News Chronicle berichtete am nächsten Tag "Er (Mahnke) wurde mehrfach in seinen Antworten unterbrochen, um zu verhindern, daß er Einzelheiten und Methoden des britischen Secret Service aufdecke".
So wie Six, Mahnke, Röder ging es vielen anderen: Hirschfeld stöberte sie über Freunde und Verwandte auf und bot sich als Freund, Helfer, Mittelsmann und Beauftragter an. Dann kam die Verhaftung, manchmal führte sie Hirschfeld selbst aus, manchmal seine Auftraggeber Erfolg hatte er bei SS-Sturmbannführer Kling. Pech bei Frau Rapp in Schorndorf, die wirklich nicht wußte, ob ihr Mann noch lebte. Sie verschwieg auch beharrlich, wo sich ihr Silber befand. Hirschfeld war in Schorndorf schon zu bekannt.
Dort hatte er sich inzwischen auch mit seinem Spezi Gerd Schlemmer überworfen. Anfangs hatten beide Konjunktur und neuerworbenen Nachkriegswohlstand ausgenutzt und alle möglichen Geschäfte angekurbelt. Allmählich normalisierten sich die Zeiten. Viele SS-Kanonen waren nicht mehr lahmzulegen. Auch wechselte ein Teil der alten Freunde beim CIC.
Auch Hirschfelds Transaktionen waren nicht immer glücklich. Noch konnte er dem ältesten Schlemmer-Kind RM 3000 aufs Konto zahlen, noch konnte er hohe Beträge als Beteiligung in Firmen investieren. Dann ging seine mit Schlemmer aufgezogene Süddeutsche Häute-Handelsgesellschaft ein und schließlich wurde er sogar verhaftet, als er gerade mit den Möbeln des Hitler-Fotografen Heinrich Hoffmann zur Einrichtung eines eigenen Heimes schreiten wollte, das ihm und Baby Cretius zum Liebes- und Ehenest werden sollte.
Durch CIC-Einschreiten wurden Möbel und Hirschfeld wieder frei. Hirschfeld kam nach Schorndorf, Barbara Schlemmer Trost zuzusprechen: Gerhard saß zur Entnazifizierung im Internierungslager Hoher Asperg und grämte sich, daß ausgerechnet Hirschfeld mit Barbara die Nächte in einer Stuttgarter Ami-Bar durchtanzte. Schlemmer schmiedete Scheidungspläne, ließ sie aber später fallen. Hirschfelds verpickeltes Gesicht ward in Schorndorf nicht mehr gesehen.
Am frechsten hat er dem Augsburg mitgespielt. Kurz vor der Kapitulation war der SS-Sturmbannführer Dr. habil. Emil Augsburg, Rußland-Spezialist im Amt VI, als Privat-Sekretär eines hohen Vatikanbeamten polnischer Herkunft im Benediktiner-Kloster Ettal untergetaucht. Monsignore und Augsburg retteten sich und wichtige politische Dokumente zum Vatikan Der hohe Würdenträger blieb in Rom und konnte den perfekt polnisch und russisch parlierenden Augsburg als Nachrichtenoffizier in die in Norditalien stehende Polenarmee des General Anders lancieren.
Eines Tages erhielt Augsburg einen Brief seines alten Chefs Six: "Ich habe in Süddeutschland wichtige Aufträge. Ich benötige Sie dringend. Kommen Sie. Six." Augsburg zog seine polnische Uniform aus, hing die Mütze mit dem Polenadler an den Nagel und kam. In Süddeutschland traf er am verabredeten Ort nicht auf Six, sondern auf Hirschfeld, der sich als Six-Beauftragter auswies und gleich von Six unterschriebene nachrichtendienstliche Aufträge mitbrachte.
Augsburg trommelte seine alten Fachleute zusammen. Tolle Dinge wurden gedreht. Nicht immer einwandfrei, nicht immer ungefährlich. Aber für Six wurde es getan.
Auftrag folgte auf Auftrag. Unterschrift: Six. Die Zentrale für Augsburgs Aktion war Schorndorf, wo Augsburg im Schlemmerhaus, Konnenbergstraße 20, wohnte. Schließlich hatte aber Augsburg das Bedürfnis zu einer Aussprache mit seinem Chef.
Hirschfeld, der Ueberbringer aller Aufträge, vertröstete. Endlich schickte Augsburg einen Kurier nach Hannover zu Frau Six.
Sie war sehr erstaunt: "Aber mein Mann sitzt doch schon seit über einem Jahr als Gefangener in Oberursel, Nürnberg und Dachau!" Dem Kurier fiel der Unterkiefer auf die Krawatte. Dann alarmierte er Augsburg und Genossen.
Als Hirschfeld wieder aufkreuzte, stellte ihn Augsburg und verlangte Klarheit. Hirschfeld grinste: Die Unterschriften waren gefälscht. Augsburg und sein Team führten seit einem Jahre, ohne es zu wissen, Aufträge des CIC aus. Wenn das einmal schief gegangen wäre, dann wären es halt die Rabauken von der SS gewesen.
Als Six, Röder, Mahnke, Frau Ellen und viele andere längst hinter schwedischen Gardinen und amerikanischem Stacheldraht sitzen, weiß Marianne Six noch nichts. Walter Hirschfeld ist für sie immer noch der große Freund und Helfer.
Marianne spricht sich nur wenig und vorsichtig aus. Aber ihre Freunde wissen: Sie liebt ihn. Zwar ist sie gelegentlich bedrückt, zwar weint sie manchmal, aber das ist vielleicht wegen der "hochgegangenen Tätowierten". Von der Verhaftung ihres lieben Bruders Franz Alfred weiß sie ebenfalls noch nichts.
Am 13. Februar 1946 kommt Marianne aus Mannheim zurück, wo sie Ami-Zigaretten geholt hat. Freund Hellweg begleitet sie, wie so oft. Marianne lacht viel und ist glücklich über den günstigen Einkauf. Sie muß "kungeln", denn als Assistentin verdient sie noch nichts.
Als sie von Heidelberg in den Vorort Mühlhausen weiterfährt, wo die ausgebombten Eltern wohnen, steigt Vater Six mit in den Zug. Auch da ist Marianne ausgelassen und fröhlich. Als sie in der Dunkelheit zu Hause ankommt, ruft ihr die Mutter entgegen: "Marianne, hier ist ein Mann, der will Dich verhaften!" Es ist Hirschfeld. "Kommen Sie mit", sagt er nur, schiebt sie in seinen BMW-Sport und fährt ab. Marianne sagt kein Wort. In der Dunkelheit hat niemand gesehen, was in ihrem Gesicht vorging.
Am anderen Morgen will Bruder Gustav, zu Besuch aus Hamburg, Marianne in ihrer Heidelberger Wohnung besuchen. Für Gustav waren die Ami-Zigaretten bestimmt. Bei ihrer Wirtin Frau Martin, in der Anlage 46, ist Marianne nicht gewesen. Frau Martin und Gustav gehen in die Hauptstraße.
Plötzlich vor ihnen am Universitätsplatz Marianne. Marianne geht in eine Apotheke, kommt alsbald wieder heraus, geht weiter in eine zweite Apotheke am Bismarckplatz, kommt wieder heraus und steht vor Gustav und Frau Martin.
Gustav: "Wo kommst Du her, Marianne?" "Ich komme vom CIC. Da bin ich heute nacht gewesen und habe dort auch etwas zu essen bekommen. Ich muß jetzt wieder zum CIC", sagt Marianne.
Gustav: "Ich werde Dich begleiten." Marianne: "Nein, bitte nicht, ich habe das Gefühl, beobachtet zu werden. Geh in mein Zimmer und warte auf mich. Ich komme bald." Dann: "Franz ist verhaftet" und "Merkt Euch den Namen Hirschfeld."
Marianne geht Richtung Neue Brücke, hinter der rechtsab die Albert-Ueberle-Straße mit den CIC-Headquarters ist. Gustav geht in Mariannes Zimmer und wartet auf die Schwester. Sie kommt nicht.
Etwa 1S Stunden, nachdem sich Marianne von ihrem Bruder verabschiedet hat, findet ein älterer Mann, offensichtlich ein Rentner, eine anscheinend betrunkene Frau. Das ist am Schlangenweg, einem gewunden-steilen Verbindungspfad zwischen dem Philosophenweg (auf den die Albert-Ueberle-Straße mündet) und der Neuenheimer Landstraße, Heidelbergs Ausfallstraße nach Osten am rechten Neckarufer.
Woher die anscheinend Betrunkene kommt, ist nicht mehr zu ermitteln. Kommt sie von der Albert-Ueberle-Straße, in dem das CIC-Gebäude liegt, dann hat sie die steile Straße hinaufgehen müssen bis zum Philosophenweg und auch noch ein gehöriges Stück bergauf bis zu der Stelle, wo der Schlangenweg steilabwärts führt zum Neckar und zur Alten Brücke.
Kam die Frau den steilen Schlangenweg bergauf, um über den weiten Umweg zur Albert-Ueberle-Straße zu gehen? Konnte sie in diesem Zustand überhaupt die Strapazen eines solchen Anstieges durchhalten? Oder kommt diese Frau etwa durch die Gärten von der Werrgasse, oder gar der Hirschgasse, in der Walter Hirschfeld mit Baby und Schwiegermutter wohnt? Hirsch- und Werrgasse laufen parallel zum Schlangenweg. Dazwischen liegen Gartengrundstücke, durch die man bei Ortskenntnis von einer Straße zur anderen in halber Höhe des Berges kommen kann. (Lageplan, S. 7)
Eine Frau Lövenich kommt hinzu und fragt, was mit der Frau los sei. Der Rentner: "Das ist ein Ami-Liebchen, die hat einen typischen Ami-Rausch." Da sagt die halb Bewußtlose: "Ich habe nicht getrunken, die anderen haben getrunken!"
Frau Lövenich hilft dem Mann, die Ohnmächtige aufzurichten und auf eine Gartenmauer in die schwache Februarsonne zu setzen. Beide gehen davon. Vom Fenster sieht die Besitzerin jener Gartenmauer, daß dort eine Frau hintenüber gesunken ist Offenbar bewußtlos. Sie ruft das Rote Kreuz und die Polizei.
Am Fundort wird festgestellt, daß die gefundene Frau bewußtlos, gelähmt ist. Der Puls geht sehr schwach. Aus dem Inhalt der Tasche dieser Frau geht hervor, daß es sich um die Aerztin Marianne Six handelt.
Am gleichen Tage abends kommt Mariannes väterlicher Freund Waldemar Hellweg in ihre Wohnung. Dort sitzt Bruder Gustav. Er hat bisher auf Marianne gewartet, will nun aber nach Hause. Hellweg wartet an seiner Statt.
Dann kommt ein Kriminalbeamter und richtet aus, Frau Martin solle mal zur Polizei kommen. Als die dann vom Geschäft nach Hause kommt, geht sie gleich in Begleitung Hellwegs zur Wache.
Dort wird beiden gesagt, Marianne sei mit einer schweren Vergiftung und bewußtlos ins Ludolf-Krehl-Krankenhaus eingeliefert worden. Hellweg geht sofort zur Klinik und stößt auf dem Flur mit einem großen dunklen Mann zusammen: Walter Hirschfeld.
Die Schwester sagt, er habe sich nach dem Befinden der Kranken erkundigt. Später erfährt Hellweg und erfahren die Eltern Six, daß Hirschfeld auch an den nächsten Tagen ins Krankenzimmer Mariannes kam.
Der leitende Professor der Klinik fragt Hellweg, ob er nicht wisse, was die Kranke in den letzten Tagen eingenommen habe. Es liege eine Vergiftung vor, nur wisse er nicht, durch welches Gift. Mord? Selbstmord?
Selbstmord? Mr. Hickmann, CIC Heidelberg: "Wir möchten selbst wissen, wie das damals war. Marianne drohte mit Selbstmord, als sie von der Verhaftung ihres Bruders erfuhr. Wir glaubten ihr nicht. Es ist meine ehrliche Meinung (my honest opinion), daß Marianne Selbstmord beging."
Bruder Gustav: "Es ist ausgeschlossen, daß Marianne darauf verzichtet hätte, den Verrat ihres Bruders zu rächen, sie war hart im Nehmen."
Mord? Welche Motive? Beseitigung eines Mitwissers? Aber die Rolle Hirschfelds ist schon zu vielen bekannt. Oder weiß Marianne noch mehr als die anderen?
Am 17. Februar, drei Tage nach ihrer Einlieferung in die Ludolf-Krehl-Klinik, stirbt Marianne, ohne das Bewußtsein wiedererlangt zu haben. Vater Six geht wenige Tage später zur Polizei, will Anzeige erstatten "Walter Hirschfeld hat meine Tochter umgebracht". Der alte Polstermeister weiß nicht, daß ein Unterschied besteht zwischen "Mord" und "Schuld am Tode". So spricht er bei Oberstaatsanwalt Stallmann von Mord. Der schickt den aufgeregten Herrn wieder fort. Als Vater Six nach einigen Wochen nachfragt, sagt man, ihm, das Verfahren sei eingestellt. Auf Anweisung der Amerikaner.
Inzwischen sind die Freunde nicht untätig gewesen. Nachfragen in allen Apotheken haben ergeben, daß Marianne zwar am 14. Februar zwei oder drei Apotheken aufgesucht hat, aber dort keine rezeptpflichtigen Gifte oder andere Medikamente gekauft hat. Man kennt Marianne in den Apotheken. Irrtum ausgeschlossen. Die Kripo hat dasselbe festgestellt.
Bruder Gustav Six erkundigt sich in der Klinik. Todesursache: Lungenentzündung, wahrscheinlich als Folge der Vergiftung und des Auf-dem-Boden-liegens eingetreten.
Eine Obduktion der Leiche hat stattgefunden. Aber es ist eine sehr ungenaue Untersuchung. Man hat lediglich Mageninhalt, Blut und Urin geprüft. Im Urin fand sich eine gewisse Spur von Barbitur-Säure, die in jedem Schlafmittel enthalten ist. Die Aerzte halten es für möglich, daß der an sich gesunde Körper Mariannes bereits wesentliche Teile des Giftes ausgeschieden hat. Absolut sicher aber haben die behandelnden und obduzierenden Aerzte als Primärursache Vergiftung festgestellt.
Um so mehr wundert sich Gerichtsreferendar Gustav Six, daß die Obduktion nicht in der üblichen Art stattgefunden hat. Bei Vergiftungsverdacht werde - und das weiß jeder Mediziner, jeder Jurist, jeder Kriminalbeamte - immer eine Untersuchung der Leber, der Galle und besonders des Haarwurzelbodens durchgeführt. Denn dort halten sich Giftrückstände am längsten.
Dr. Meßmer, der damals die Leiche Mariannes obduzierte, heute noch Arzt an der Ludolf-Krehl-Klinik: "Die Obduktion der Marianne Six war der erste Fall einer gerichtsärztlichen Obduktion nach dem Kriege. Da Gift zweifellos die Primärursache war, habe ich alles für eine chemische Untersuchung zurückbehalten. Wir haben die Untersuchung aber nicht mit der sonst üblichen Gründlichkeit durchgeführt, da die Staatsanwaltschaft offensichtlich keinen Wert darauf legte. Ich bin auch nie aufgefordert worden, ein abschließendes, endgültiges Gutachten abzugeben."
In den Akten "Gewaltsamer Tod der Marianne Six" befindet sich kein Vermerk, daß Vater Six den Walter Hirschfeld des Mordes bezichtigte. Es liegt keine Vernehmung des Hirschfeld, kein Hinweis auf die Verhaftung am 13. Februar, keine Aktennotiz über eine Rückfrage beim CIC vor.
Ohne Aktenvermerk aber ist zum Schluß der Akte der SPIEGEL-Artikel aus Heft Nr. 35/49 beigefügt, in dem der Tätigkeitsbericht der Agenten Schlemmer und Hirschfeld wiedergegeben wurde. In diesem Artikel sind die Namen Six und Hirschfeld rot angestrichen.
[Grafiktext]
CIC HEADQUARTERS
HEIDELBERG.
MARIANNE WIRD
TODKRANK AUFGEFUNDEN
HIRSCHFELDS
WOHNUNG.
MARIANNE VERSCHWINDET
IN
RICHTUNG NEUE
BRÜCKE
MARIANNETRIFFT
AUF GUSTAVUND
FRAU MARTIN
MARIANNE GEHT IN
EINE APOTHEKE
GUSTAV SIEHT
MARIANNE.
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 53/1949
Alle Rechte vorbehalten
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