05.01.1950

KOREAEs work-te nicht

Für den roten General Kim Il-sung, Chef der Nordkoreanischen Volksrepublik, wird 1950 das "Jahr der Entscheidung". Bereits der heilige Nikolaus brachte ihm einen Vorschuß-Sieg: Amerikas Außenminister Dean Acheson war gezwungen, von Kim Il-sungs Regierung offiziell Kenntnis zu nehmen. Sonst hätte er seine beiden gekidnapten Marshallplan-Beamten Meschter und Willis nicht frei bekommen.
Am 20. September waren sie mit dem amerikanischen, von Südkorea gecharterten 2000-Tonnen-Dampfer "Kimbal Smith" in See gegangen - als Kapitäns- und Chefingenieursberater der koreanischen Schiffsmannschaft. Man vergaß, einen Reeducation-Offizier beizugeben. Resultat: Unterwegs entschied sich die braune Mannschaft für das nordkoreanische Arbeiter-Paradies. Sie brachte das Schiff dem roten Ministerpräsidenten als Treuebekenntnis. Mitsamt Salzladung und Yankees.
Damit rutschte Koreas Kalter Krieg auf eine höhere Ebene. Die Halbinsel zwischen der Mandschurei und Japan - so groß wie die westdeutsche Bundesrepublik - wurde 1945 in Jalta in US- und sowjetisches Einmarschgebiet aufgeteilt. Man war den Koreanern nicht böse; man wollte sie nur von den Japanern befreien.
Mangels Sachverständiger nahm man ein Lineal und zog einen Kohlestrich über den 38. Breitengrad der Generalstabskarte. Das war dann die Zonengrenze. Ohne Rücksicht auf Verkehrswege, Täler, Berge, Reis-, Soja- und Baumwolldörfer. "It will work", beruhigte Roosevelt den erfahrenen Churchill. F. D. R. irrte auch hier. Es work-te nicht.
Nach dem Zusammenbruch wurden 600000 Japaner des 1910 erworbenen Generalgouvernements Tschosen - "Land der Morgenfrische" - eingesperrt. Neunzig Prozent der 3000 Fabriken wurden betriebsführerlos. Die Befreiten rücktauften das Land in Korea, "Land der Bergschönheiten".
Im Norden ließ der sowjetische Befreiungsgeneral Trofim F. Schtykow darüber hinaus durch Kim Il-sung rigoros enteignen und bodenreformieren. Die Provinzhauptstadt Heijo (japanisch) wurde Hengjang getauft und zur roten Metropole erhoben. Beim sowjetischen Hauptquartier überfüllten sich die Gefängnisse. Zum ersten Male seit 4280 Jahren bekamen die Frauen das Wahlrecht. Das Halten von Konkubinen wurde verboten. Dadurch Freiwerdende wurden in Arbeitsbataillone gesteckt.
Im Süden ging es demokratischer zu. Das lag zum Teil an der reaktionären Luft der alten Kaiserstadt Söul. Von Gebirge und Mauern geschützt, hatte die kaiserliche Li-Dynastie im drachengeschmückten Palast mit den leuchtenden, grünglasierten, geschwungenen Dächern fünfhundert Jahre lang dem geopolitischen Druck auf der Land- und Kulturbrücke zwischen dem "Reich der Mitte" (China) und jenem der "Aufgehenden Sonne" (Japan) widerstanden. Das schult politisch.
In Söul bildete Dr. Syngman Rhee unter amerikanischem Schutz eine Interims-Regierung. Großgrundbesitz, Kapital und Dolmetscher waren führend dabei. US-Befreiungsgeneral Hodge sah keinen Grund zur Unzufriedenheit. Staatsführer Rhee, "der Eisenharte", kannte ihn schon aus den USA. Der Ex-Revolutionär verbrachte dort 35 seiner 75 erlebnisreichen Jahre im Exil.
Korea, das Deutschland des Fernen Ostens, bekam schon 1948 zwei Regierungen: eine in Söul, eine in Hengjang. Beide haben jetzt eigene Armeen. Der Norden verfügt über 200000 Mann mit sowjetischen Waffen. Ein Teil davon kämpfte bereits in der Mandschurei gegen die Truppen Tschiang Kai-scheks.
Im Süden knattern 65000 Mann in Jeeps mit global bekannter US-Ausrüstung über schlechte Landstraßen. Viele von ihnen haben gleichfalls Kampferfahrung: vier Jahre Krieg gegen die Amerikaner. Unter japanischer Flagge.
Beide Seiten möchten zeigen, was sie von den Besatzungsmächten gelernt haben. Das Gros der russischen Besatzungstruppen wurde zum 21. Oktober 1948 nach Sibirien zurückgenommen. Acht Monate später führten die Amerikaner ihre 8000 GIs über Pusan nach Japan zurück.
Schon vorher schossen die beiden feindlichen koreanischen Armeen bruderkriegsmäßig über die Zonengrenze. Bekümmert nahm die UN Kenntnis davon. Sie schickte eine 7-Nationen-Kommission.*) Bei der Frontbesichtigung bekam sie rotes Granatwerferfeuer. Empört zogen sich die Herren ins plüschige Hanot-Hotel von Söul zurück.
Ihre Aufgabe ist zu schlichten, und - wenn dieses nicht gelingt - später vor dem Weltgewissen die Schuld am prophezeiten Kriegsausbruch in Korea dokumentarisch zu belegen. Dazu wären Reisen nach Nord-Korea notwendig. Der rote Kim Il-sung indessen läßt keinen Westler hinein, da der Westen seine Regierung illegal nennt.
So war die Partie monatelang politisch unentschieden. Bis Kim Il-sungs Leute die Initiative, d. h. den 2000-Tonnen-Salzdampfer nebst Captain Meschter und Erstem Ingenieur Willis ergriffen. Als beide über zwei Monate bei Nudeln und Kimche (koreanische scharfe Mixed Pickles) in schmutzigsten Kerkern gegessen hatten, wurde Dean Acheson weich.
Auf Kim Il-songs Radio-Einladung hin schickte er einen mit "amtlichen Dokumenten bestätigten Bevollmächtigten" zur Zonengrenze nach Jomjon, dem Helmstedt Koreas. Kim Il-sung leitet daraus seine Anerkennung durch den Westen ab. Meschter und Willis schwiegen erschöpft. Daß sie je 81 Tage im Kerker saßen, verdankten sie letzten Endes Roosevelts Korea-Politik.
Kim Il-sung hat eine Runde gewonnen. Es stört ihn kaum, daß die UN-Vollversammlung vor zwei Monaten beschloß, die
Korea-Kommission auf unbestimmte Zeit zu verlängern.
General Kim Il-sung rüstet weiter auf. Sowjetische Offiziere und Politruks trainieren seine Armeen. Auch General Schtykow ist wieder in Hengjang. Diesmal als Botschafter. In den nordkoreanischen Kohle-, Eisenerz- und Goldgruben werden Aktivistenschichten gefahren. Kohle- und Stromlieferungen zum feindlichen Süden gibt es seit 1948 nicht mehr.
Deshalb muß Dr. Rhee 21 Prozent der 150-Millionen-US-Hilfe für Energie abzweigen. Von dem Geld richten Amerikaner in den Häfen Pusan und Jinsen Elektrizitätswerke ein. Auf Dampfern, jederzeit absetzbar.
Ein weiterer Posten ist für den Ausbau des Flugplatzes Kimpo bestimmt. Von ihm können die Amerikaner binnen zwei Tagen ihre 1200 wirtschaftlichen Berater nebst Anhang nach Japan schaffen.
"Wer soll die Roten zwei Tage lang aufhalten?" fragen Skeptiker in Söul. Die Hauptstadt liegt nur 50 Kilometer von der Zonengrenze entfernt. Neutrale Beobachter stört die Eisenhärte Dr. Rhees. Einige ziehen Parallelen zu Tschiang Kai-scheks verhängnisvollem Starrsinn. Nach amerikanischen Schätzungen sitzen 30000 politische Gefangene in südkoreanischen Gefängnissen. Mai und Oktober 1948 gab es kommunistische Aufstände im Süden und 20000 Tote.
Das rote Propagandabüro im nördlichen Hengjang kennt bedeutend höhere Zahlen. Achtzig Prozent der 20 Millionen Südkoreaner sind Bauern. Sie sympathisieren weitgehend mit dem Norden, behauptet Hengjang. Angefeuert vom Erfolg seines chinesischen Genossen Mao Tse-tung, möchte der rote General Kim Il-sung 1950 die Bauern "befreien".
*) Australien, China. El Salvador, Frankreich Indien, die Philippinen und die Türkei.

DER SPIEGEL 1/1950
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 1/1950
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KOREA:
Es work-te nicht