12.01.1950

EHE

Der Anfang allen Aergers

(siehe Titel)

Vierzehn Jahre war ich mit dem Mann verheiratet, den viele Mädchen unzweifelhaft für die beste Partie in Amerika hielten, mit Joe Louis," fängt Marva Louis ihre Lebensbeichte an, und dann geht's über neun Seiten "Ebony" ("Ebony" ist das amerikanische Neger-Magazin) zwischen Reklame für Whisky, Negerpuppen, Be-bop-Brillen, Kräuselhaar-Glätter und kitschigen Schmuck. Marva Louis, das Neger-Mädchen, von dem es schon hieß, es sei das "bestangezogene Girl am Broadway", hat dem Ebony-Herausgeber John H. Johnson die story für seine Dezember-Ausgabe geliefert.

"Im Mai suchten Joe und ich zum dritten Male das Scheidungsgericht auf Ich entschied mich ein für allemal für die Trennung. So sehr ich Joe auch liebte, unsere Ehe war keine Ehe. Wir hatten nie ein Privatleben, niemals gab es Augenblicke, in denen wir uns wirklich selbst gehörten, sogar dann nicht, wenn Joe von seinen ewigen Reisen heimkam.

"Joe und ich sind noch immer gute Freunde und wir hätten wahrscheinlich eine glückliche Ehe zusammen geführt, wenn wir hätten zusammen leben können wie andere glücklich verheiratete junge Paare."

Als Marva Joe zum ersten Male traf, 1934, war sie gerade 17 Jahre und arbeitete als Stenotypistin bei einer Versicherungsfirma in Chicago. Sie hatte noch keinen festen Freund. "Am meisten ging ich mit Gerard Huges, einem Freund Joes." Eines Tages nahm der sie während ihrer Mittagspause zum Training von Joe mit.

Sie fand, er sehe gut aus, aber er war sehr schüchtern. Immerhin bat er sie, ihm zuzusehen. "Als er mit dem Training fertig war, lud er mich zu einer Party ein." Marva brachte ihre Schwester als Anstandsdame mit, Joe konnte sich gar nicht genug darüber wundern. "Hiernach gingen wir beständig zusammen. Joe war der erste Junge, den ich geküßt habe."

Als Joe Marva fragte, ob sie ihn heiraten wolle, kannten sie sich ungefähr ein Jahr. Sie setzten keinen endgültigen Termin für die Hochzeit fest, wollten das aber noch vor Joes Kampf gegen Max Baer (1935) erledigen.

Am Abend vor dem Kampf gegen 8 Uhr kletterte Joe über die Rettungsleiter außen am Haus in Marvas Zimmer im fünften Stock, denn der Flur war voll von Reportern und Fotografen. "Wenn Du heiraten willst, wäre es besser, Du würdest Dich beeilen", sagte Joe zu Marva. "Ich bin auf dem Wege zu meinem Kampf."

So plötzlich hatte sie das nicht erwartet. "Ich hatte mich gerade für den Kampf angezogen. Ich trug ein schwarzes Samtkleid mit einem weißen imitierten Hermelinkragen. Schnell kleidete ich mich um und zog mein Hochzeitskleid, ein weißes Samtgewand, an, und Joe und ich wurden an Ort und Stelle von meinem Bruder getraut. Joe hatte alles vorbereitet, ohne daß ich es wußte."

Nach dem Baer-Kampf wurde die Hochzeit bekanntgemacht und mit Dutzenden von Leuten bis 5 Uhr morgens gefeiert. "Ich freute mich über diese Leute, natürlich, sie waren unsere Freunde, aber ich wäre mit meinem Mann auch gerne einmal allein gewesen Von Anfang an hatten wir keine Gemütlichkeit Ich glaube, das war auch schon der Anfang allen späteren Aergers."

Joe engagierte einen Sekretär, einen Kammerdiener und ein Mädchen und kaufte seiner Frau eine Lincoln-Limousine als Hochzeitsgeschenk. Aber ihren Mann konnte Marva - wenn er trainierte, und er trainierte unablässig - nur sonntags treffen. Manager, Trainer und andere sahen es aber auch dann gern, wenn sie nach dem Essen schnell verschwand.

"Ich lebte wie ein Mannequin in einem Schaukasten. Nie konnte ich irgendwohin gehen und nur Marva sein. Ich war die Frau des Siegers und mußte mich ewig in Galakleidern bewegen. An unserem Hochzeitstag schenkte er mir zwar immer Blumen und Süßigkeiten, ich hatte zwei Cadillacs, trug Modellkleider, hatte Diener und alles - alles, aber eben keinen Ehemann."

Mit zwiegespaltenem Innern sah Marva zu, wie Gatte Louis viel Geld ausgab und nichts für später zurücklegte. Sie versuchte, die Hälfte seiner Einnahmen für sich einzuklagen. Das war das erste Mal, daß beide zum Gericht gingen. Der Richter arbeitete mit Joe einen Versorgungsplan für Marva aus. "Ich hatte Joe noch sehr gern, aber dies war wirklich der einzige Weg, ihn zu zwingen, etwas sorgfältiger mit seinem Gelde umzugehen."

Es kam das erste Kind, Jacqueline. "Ich weiß nicht, wie ich vorher ohne Kind überhaupt hatte leben können. Fuhr Joe wieder für eine Weile fort, konnte ich doch glücklich sein mit Jacqueline."

Jacqueline genügte für Marvas Glück bald völlig. Sie ließ sich von Joe scheiden. Joe wurde im Kriege freiwillig Soldat, Marva fing an, als Sängerin in Nachtklubs aufzutreten. "Ich war überrascht, wie wenig die Weißen von den Negern wissen. Manchmal wollten Damen der Gesellschaft mein Haar prüfen und wissen, ob es echt war, oder sie betrachteten meine Kleider und fragten, ob ich sie wirklich entworfen hätte. Sie konnten nicht glauben, daß eine Negerin in der Lage sei, Kleider zu entwerfen oder sich modern zu frisieren."

Die Hälfte ihres Verdienstes schickte Marva ihrem geschiedenen Joe, der nur seine Löhnung bekam, "d. h. bis ich begriff, daß er in Uebersee noch immer so großzügig und leichtsinnig mit dem Geld umging."

Als Joe endlich heimkam, waren beide ziemlich glücklich. Joe war noch immer Marvas Mann, obgleich sie ja auf dem Papier geschieden waren. "Wir bekamen eine Menge lustiger Briefe, in denen man uns riet, doch wieder zu heiraten, und ich glaube, es war wirklich das einzig richtige, was wir tun konnten, denn wir liebten uns noch immer."

Die zweite Ehe wurde geheimgehalten, hauptsächlich, weil Joe und Marva müde waren, auf die vielen neugierigen Fragen zu antworten. Sie heirateten am 28. Juli 1946 in Chikago.

Sohn Punchy wurde geboren und Joe schien besonders glücklich, weil es ein Junge war. Aber er war niemals lange genug zu Hause, um die Gewohnheiten seiner Kinder zu kennen. Wenn er da war, brachte er alles durcheinander. Er spielte mit ihnen, wenn es Zeit war, zu Bett zu gehen und gab ihnen Süßigkeiten vor den Mahlzeiten.

Die letzte Chance, aus seiner zweiten Ehe etwas Gutes zu machen, hatte Joe auf seiner Europa-Reise 1948, in Paris. Marva war mitgefahren. Es waren wirkliche Flitterwochen, nur kamen sie 13 Jahre zu spät. Die beiden hatten Spaß daran, Auslagen zu besehen, Nachtklubs zu besuchen und immer zusammen zu sein. Marva gab Joe eine ganze Woche frei, damit er mit seinen Freunden ausgehen könne. Als die Woche zu Ende war, sah er sehr müde aus. Marva lachte und sagte: "Ihr müßt ja schrecklich herumgeschrien haben!" Natürlich machte sie sich ihre eigenen Gedanken über die eine Woche.

Sie glaubte indessen nicht, daß eine zweite Scheidung kurz nach der Pariser Reise die Lösung aller Probleme gebracht hätte. Aber als sie in den Staaten waren, war es doch wieder das alte Lied. Joe fuhr im Lande umher, boxte in Schaukämpfen, und wenn er wirklich einmal nach Hause kam, blieb er nicht bei Marva. "Meist wußte ich kaum, wo er war - wenn ich es nicht in den Zeitungen las. Auf die Dauer war es langweilig, immer nur davon zu hören, daß man Joe ein neues Abenteuer nachsagte. Wenn das auch in vielem übertrieben war."

Es war tatsächlich nicht mehr die Boxerei, die Joe aus dem Hause trieb, sondern seine neue Leidenschaft, Geschäfte zu machen. Und wenn es nicht die Geschäfte waren, dann war es Golf. Marva war entschlossen, reinen Tisch zu machen. Sie flog nach Mexiko, in ihre Heimat, und reichte dort im Februar 1949 Scheidungsklage ein. Das war das dritte Mal, daß die beiden mit dem Gericht zu tun hatten.

"Ich bin nicht mehr Frau Joe Louis. Ich bin jetzt eine Frau, die ein normales, vernünftiges Leben führen kann. Natürlich denke ich an die Zukunft für die Kinder, und ich würde vielleicht auch noch einmal heiraten: wenn ich einen Mann finde, der die Kinder liebt und alt genug ist, um zu Hause bleiben zu können, und jung genug, um noch Freude zu empfinden."


DER SPIEGEL 2/1950
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