12.01.1950

KONFEKTIONJeschieht dem Westen recht

Zwei Jahre kämpft Nordrhein-Westfalens Landeshauptstadt Düsseldorf mit Hamburg und Frankfurt um den Sitz des neuen deutschen Verkaufszentrums der Damenkonfektion. "Die DOB-Woche dürfte entschieden haben, daß wir es sind", brüstete sich Düsseldorfs Oberbürgermeister Josef Gockeln stolz.
19000 Einzelhändler der DOB (Damen-Oberbekleidungs)-Industrie schoben sich durch den 20000-Quadratmeter-Konfektionsirrgarten im Düsseldorfer Ehrenhof-Ausstellungsgelände. 490 Konfektionsfirmen aus dem Bundesgebiet plus Westberlin packten ihre Musterkoffer zur "Verkaufs- und Modewoche Düsseldorf" in neun Hallen und zwanzig Hotels und Geschäften aus. "Es ist die größte DOB-Schau Deutschlands nach dem Kriege" freuten sich Düsseldorfs Modeenthusiasten.
Generationen lang saß die deutsche Damenoberbekleidungs-Prominenz am Hausvogteiplatz in Berlin. Bis 1945 diktierte die 400 Firmen starke DOB-Zentrale von hier aus Mode und Preise der gesamtdeutschen Damenkonfektion.
Nach Kriegsende fiel sie auseinander und verzog sich westwärts aufs Land. "Schlechte Zeiten", klagten die Einkäufer. Sie müßten von Dorf zu Dorf pilgern, anstatt ihre Auftragsbücher in bequemem Bummel durch die Hausvogteiplatz-Zentrale spazieren zu tragen, wo von der Hemdbluse bis zum Abendkleid alles beisammen war.
Im November 1948 atmeten sie erleichtert auf; Berlins Konfektionshäuser Eggeringhaus und Behling realisierten in Düsseldorf die Idee: "Man müßte einen neuen Hausvogteiplatz im Westen schaffen".
Mit 24 (meist alten Berliner) Firmen, die sich zur IGEDO (Interessengemeinschaft für Damenoberbekleidung) zusammengeschlossen, starteten sie März 1949 ihre erste Verkaufswoche. Die zweite folgte im Juli mit Modeschauen auf der Kö, IGEDO-Bällen, Millionenumsatz und 24 weiteren Berliner Häusern.
Hamburgs Konfektions-Konkurrenz von der NORBI (Neue deutsche Bekleidungsindustrie) nahm stirnrunzelnd zur Kenntnis, daß 13 verbandszugehörige Firmen ihre Musterkoffer packten und ohne Einladung ins IGEDO-Lager reisten. "In Düsseldorf kann man bessere Geschäfte machen", entschuldigten sie sich.
"Aber nicht unter dem Namen NORBI", bestrafte der Verband die Abtrünnigen. "Dann nennen wir uns eben NORDOB (Norddeutsche Damen-Oberbekleidung)", triumphierten diese und tauften sich um.
In die Düsseldorfer Verkaufswoche Januar 1950 schickte die NORBI 80 Firmen, offiziell mit guten Wünschen. "Düsseldorf ist doch keine so schlechte Zentrale", gibt man zu. "Wegen der günstigen Verkehrslage der unmittelbaren Nähe von Zulieferern aus Aachen. München-Gladbach, Krefeld und des modischen Fluidums und so."
Daß Hamburg resignieren mußte, schiebt man dem Senat in die Schuhe. Er kümmere sich nur um In- und Export und nicht um Konfektion.
Im Ausstellungsraum I.N.H. überredeten sich neun Berliner Firmen wechselseitig, wieder abzureisen Die vier neuneinhalbtausend Quadratmeter großen Holzhallen, Düsseldorfs neues Anderthalb-Millionen-Provisorium zur DOB-Woche, waren noch nicht ganz fertig.
"Morgen simmer so weit", trösteten die Kabelleger die Berliner Konfektionäre, die im Finstern vor ihren Kollektionen saßen, auf die der Kalk rieselte. In der zweiten Reihe wurden noch Wände gezogen. Als die endlich standen, zeigte Berlins Modedauphin Heinz Oestergaard im benachbarten Ausstellungspalast bereits seine erste Modenschau. "Wir machen die Mode, die Frauen tragen's und Sie sollen ja dazu sagen", empfing er die Zuschauer lächelnd.
Acht Tage schenkten die 490 DOB-Konfektionäre hinter dem Kojenvorhang Kundenschnäpse aus, die Wirkung war meistens einseitig. Die Kunden gingen beschwingt zur nächsten Kabine, und 70 Prozent der Firmenchefs sahen ihnen nachdenklich nach. "Die trinken bloß und kaufen nichts."
"Außer einigen Rahmabschöpfern können die Verkäufer froh sein, wenn sie Standmiete, Kollektionsbau, Fahrt und Personalspesen wieder rauskriegen", beurteilen Hamburgs NORBI-Firmen die Düsseldorfer DOB-Woche. Mit den Rahmabschöpfern meinen sie die wenigen "Großen" im IGEDO-Palast, die Miliionengeschäfte machten.
Alle anderen bekamen mehr oder weniger hart zu spüren, daß die Damenkonfektionsindustrie tief in der Krise steckt. Abgesehen von der Verteuerung und Qualitätsverschlechterung des Materials ist das DOB-Gewerbe zu 200 Prozent übersetzt. Die Zahl der Damenkonfektionsfirmen - es gab zu Friedenszeiten 600 - ist durch die Nachkriegs-Konkunktur um die Hälfte gestiegen und steht im krassen Mißverhältnis zum dezimierten Absatz.
"Zweidrittel der heutigen DOB-Firmen müssen wieder verschwinden, wenn das Gewerbe gesund werden soll", ist die einstimmige Meinung der Fachleute. Dazu kommt die scharfe Kalkulationstendenz beim Einzelhandel, der sich jede Bestellung dreimal überlegt und kein Risiko mehr auf sich nehmen will.
"Jeschieht dem Westen janz recht", sagen Berliner Konfektionäre. "Bis nach der Blockade hamse alleene verkooft, jetzt sind wa wieda da und det wia alte Hasen noch uff Draht sind, zeijen wa denen".
Eins konnten die 94 Damenoberbekleider gemeinsam nicht vertragen: daß 30 holländische und Schweizer Konfektionäre zur gleichen Zeit in Düsseldorf ausstellen.
"Freie Wirtschaft" zucken Düsseldorfs Stadtväter die Achseln. "Die Ausländer können kommen, wann sie wollen. Daß sie gerade jetzt kommen, dafür können wir nichts".
Im Bahnhofs-nahen Fürstenhof-Hotel unterboten die Amsterdamer Mäntel-Konfektionäre die deutschen Preise um zwanzig Prozent. Im Gästehaus der Stadt Düsseldorf, Hotel Golzheim, machten sich die Schweizer Jersey- und Baumwollmodelle gegenseitig Konkurrenz.
"Wir haben kein schlechtes Gewissen", sagen sie. "Wir wollen nicht übertrumpfen, sondern nur die Lücke der deutschen Produktion füllen."
Sie füllten sie mit Jersey-Kleidern (mottenecht durch Mitin) bis zu 200 DM, reinem Kammgarn und den neuen Schweizer Baumwoll-Seiden-Stoffen, lichtecht, waschecht, knitterfrei, das Kleid zu 80 DM. Das deutsche Kundenpublikum auf den Modeschauen "zweimal täglich in der Bar" war begeistert.
"Gott sei Dank geben sie keine Kredite", sagen die DOB-Aussteller erleichtert. Bei den Schweizern muß der Einzelhandel sofort bezahlen, bei ihnen nicht.
Hans-Ulrich Rudel, Oberst der Luftwaffe a. D., Inhaber des "Eichenlaubs mit Schwertern und Brillanten", seit einem Jahr Instrukteur an der argentinischen staatlichen Flugzeugfabrik in Cordoba, nahm an den argentinischen Skimeisterschaften teil. Der unterschenkelamputierte Flieger ging im Abfahrtslauf trotz beschädigter Prothese als Fünfter durchs Ziel. Im vorigen Winter wurde Rudel bei den Versehrten-Skiwettkämpfen im Chiemgau Erster im Abfahrtslauf.
Inge Padua machte in Gmünd am Tegernsee mit einer Ueberdosis Luminal ihrem Leben ein Ende, weil ihr Gatte nicht erlaubt hatte, daß sie eine Hauptrolle in dem Film "Das Heilige Jahr" spiele. Der Maler Paul Matthias Padua hatte die Erlaubnis mit der Begründung verweigert, daß er nicht malen könne, wenn er seine Frau nicht um sich wisse. Inge Padua spielte bis 1942 unter ihrem Mädchennamen Ingeborg Wittmann am Münchener Residenztheater. Sie saß ihrem Mann zu den meisten seiner Frauenbildnisse Modell.
Orson Welles hörte, daß seine frühere Frau, Rita Hayworth, eine Tochter geboren habe und schickte ein Glückwunschtelegramm. "Das war doch das wenigste", sagte er zu Freunden und fügte hinzu: "Ali ist ein scharmanter Bursche. Aber all das wird ihn nicht hindern, unter Umständen eine neue Heirat ins Auge zu fassen!" Mehr als je zuvor beeilt Orson Welles sich jetzt, seinen "Othello"-Film zu Ende zu drehen, damit er sich endlich den Bart abnehmen lassen kann
Rachele Mussolini und ihre Kinder wurden in Mailand zur Bezahlung von acht Setzmaschinen verurteilt Benito Mussolini hatte die Maschinen im Jahre 1940 für die Zeitung "Popolo d'Italia" erstanden, ohne die Rechnungen zu bezahlen
Bruce Woodcock hat mit dem Training für den Kampf um die britische Ausfertigung der "Weltmeisterschaft" gegen Lee Savold (USA) begonnen. Es meldete sich kein Sparringspartner für den britischen Schwergewichtsmeister. Erst auf sein Angebot, er werde jedem Gegner, der ihn zu Boden schlage, hundert Pfund Sterling zahlen, meldeten sich einige Bewerber. Bisher brauchte Woodcock noch keine Prämien zu zahlen.

DER SPIEGEL 2/1950
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