19.01.1950

WALFANGNeidische Kollegen

Dietrich Menke meldete ein Ferngespräch nach Kiel an. Als sich am anderen Ende Adolf Westphal meldete, rief der Chef der Ersten Deutschen Walfang-Gesellschaft m. b. H. aufgeregt: "Reißen Sie den Tanker sofort auseinander. Wir sind dann mitten drin im Umbau, und man kann nichts mehr rückgängig machen".
Was Adolf Westphal, Werftdirektor der Howaldt-AG, sofort auseinanderreißen soll, ist der 16000 BRT große USA-Tanker "Herman F. Whiton". Ein amerikanischer Konzern hat ihn mit zehn Korvetten nach Kiel geschickt. Der Tanker soll um 13 Meter verlängert und in ein Walfang-Mutterschiff umgebaut werden. Aus den Korvetten werden Fangboote.
So wollen es die Amerikaner. Neben der beratenden Ueberwachung des Umbaus beauftragten sie den deutschen Walfangexperten Menke, bis zum Herbst 1950 für Ausrüstung der Walfangflotte und Bemannung mit deutschem Personal zu sorgen. "Weil es bei uns keine Spezialisten für Walfang gibt", begründeten Menkes alte Geschäftsfreunde aus San Franzisko.
Peinlich hüteten Menke und Westphal ihr traniges Geheimnis. Es sei nicht notwendig, meinten sie ahnungsvoll, die konkurrenzängstlichen Norweger einzuweihen. - Das besorgten dann die Kieler und Hamburger Zeitungen mit ihren irreführenden Schlagzeilen "Wieder deutscher Walfang".
Norwegens Gesandtschaft in Washington schritt unter der Devise "Deutschland bricht Petersberger Abkommen" diplomatisch ein. Sie forderte: Deutschland ist der Walfang durch ein Gesetz zu verbieten, der Umbau von Schiffen in Walfangflotten zu unterbinden und Bemannung von Walfängern durch Deutsche zu verhindern. Das US-State Department versprach, sich mit den norwegischen Wünschen zu beschäftigen.
Dietrich Menke rechnet täglich damit, daß die Norweger versuchen werden, seinen Geschäftsfreunden aus San Franzisko das ganze Projekt abzukaufen. "Ich habe so meine Informationen", hebt er bedeutungsvoll den Finger.
Wenn sein Umbaugeschäft in das Wasser norwegischer Monopolabsichten fällt, will Walfänger Menke zwei weitere ausländische Finanzgruppen scharf machen, die ebenfalls mit dem lohnenden Walgeschäft liebäugeln.
"Sie haben schlafende Hunde geweckt und sich selbst geschadet", kommentiert Menke die von Norwegen angezettelte weltweite Polemik um die Wiederzulassung deutscher Walfänger. Bei dem Bemühen, eine oder zwei deutsche Walfangflotten aus dem Fanggebiet herauszuhalten, hat Norwegen vielen Interessenten, die vorher nie daran gedacht hatten, das Walölgeschäft schmackhaft gemacht.
Dietrich Menke erinnert sich, daß 1939 außer Norwegen und England nur Deutschland und Japan am "pelagischen Walfang" beteiligt waren.*) Nach 1945 kamen Rußland und Holland neu dazu.
Auch Argentinien will schon 1950/51 mitjagen. In Hamburgs Bernhard-Nocht-Straße wartet Kapitän Friedrich Bahr unruhig auf den Stapellauf des argentinischen Mutterschiffes "Juan Peron" in England.
Seinen Vertrag mit der Gesellschaft "Cia Argentina de Pesca S. A.", der ihn zum
Walverarbeitungs-Manager auf dem Peron macht, hat der frühere Fabrikationsleiter auf dem deutschen Walfang-Mutterschiff "Unitas" schon in der Tasche. Mit 32500 BRT wird der Juan Peron das größte Walfangschiff der Welt sein.
Die "jetzt einsetzenden Bemühungen des Auslandes, unter eigener Flagge mit deutschen Technikern und Seeleuten Walfang zu betreiben" (Menke), sind Deutschlands Experten durchaus verständlich. Eine Walfangflotte ist für die ausländischen Geldgeber eine ideale Kapitalsanlage in Deutschland. Die Absatzfrage ist gelöst, weil Deutschland zugleich der größte Walölverbraucher der Welt ist.
Da die Bundesrepublik noch nicht wieder unter eigener Flagge auf Walfang fahren darf, stehen die deutschen Fangspezialisten noch zur Verfügung. Sie melden sich laufend bei Dietrich Menke. Die alten Seebären verschlingen die Zeitungsnotiz über Walfangschiffe begeistert mit den Augen.
Die Walverwandtschaft Menke-Westphal ist sich nach den ersten Alarmnachrichten mit der Presse böse. Reporter fertigen sie am liebsten zwischen Tür und Angel ab. Werftdirektor Westphals Pressescheu hat auch noch andere Gründe.
Die Kapazität seiner Werft war bis vor wenigen Wochen noch bis zu 80 Prozent ausgenutzt. Die übrigen deutschen Werften vegetieren bei rund 35 Prozent. Sie haben nicht genügend Auslands-Aufträge. Die Howaldt-AG. kann nicht klagen. Sie repariert und baut um. Für Dänemark, Schweden, Norwegen und USA.
Zum Aerger Adolf Westphals liegen die großen Schiffe weit sichtbar im Howaldt-Werft-Dock. Neidische Kollegen, denen es nicht so gut geht, haben gegen ihn einen Prozeß angestrengt. Wegen unlauteren Wettbewerbs.
*) Walfang im tieferen Meer mit Mutterschiffen und Fangbooten im Gegensatz zu Fängen von Landstationen.

DER SPIEGEL 3/1950
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