19.01.1950

TURNIER / TANZ

Dreh auf, Roy

Die Türhüter vor dem Eingang der Düsseldorfer Rheinterrassen sagten verbindlich lächelnd Nein. Düsseldorfs nicht geladene Tanzenthusiasten mußten getreu den Anweisungen des Boston-Klubs wieder nach Hause gehen.

Sechshundert Gäste im Frack und tief dekolletierten Abendkleid waren zum ersten Nachkriegs-Turnier der großen internationalen Amateure im frisch renovierten Rheingold-Kuppelsaal geladen. Zehntausend D-Mark hatte der einflußreichste Tanzklub Westdeutschlands aufgeboten, um Reise und Aufenthalt der zehn ausländischen und vier deutschen Spitzenklassenpaare zu finanzieren. Als Termin hatte Organisator Dr. Günther Kotthaus Freitag, 13. Januar, bestimmt

Oesterreichs Meisterpaar Lottersberger sagte in letzter Minute wegen Ausreiseschwierigkeiten über den Draht ab. Die Abergläubischen in der Turnier-Leitung schoben es auf das Datum.

Enthusiasten für Boogie-Woogie und Artverwandtes kamen nicht auf ihre Kosten. 180 Minuten lang wurde zu den Klängen der braunlivrierten "Melodias" die Hohe Schule des Gesellschaftstanzes demonstriert.

Zu den vier anerkannten Turniertänzen: English Waltz, Slow Fox, Foxtrott und Tango, nahm der Boston-Klub als fünften Tanz den Wiener Walzer hinzu. Die ausländischen Teilnehmer akzeptierten das als Konzession an die deutschen Paare, denen er die größte Chance bietet, ihre ausländischen Gegner auszupunkten.

Der dunkelhaarige Franzose Monsieur Fouilloix tänzelte unruhig wie ein nervöses Rassepferd vor dem Start. Er mußte nach fünf Runden ausscheiden. Seiner Partnerin Violette Falcoz tat es leid. "Ich habe einen schlechten Tag", sagte sie und zeigte auf einen halben Meter zerrissenen rosa Tülls im Rock. Der verfing sich beim Langsamen Walzer im Armband der Engländerin Joan Tansfield.

Die Belgier und Schweizer Paare schnitten am schlechtesten ab Der tiefe Hofknicks der Schweizerin Margret Pflugis, die vor jedem Tanz mit blaugeschminkten Augenschatten zum Partner emporsah, blieb ihre charmanteste Geste.

Die Reihenfolge der Amateurliste steht seit Jahrzehnten fest. Erst England, dann Dänemark, an dritter Stelle Deutschland. Jetzt sind die Dänen den Engländern hart auf den Fersen. Mehr als in jedem anderen Land ist in Dänemark Gesellschaftstanz Volkssport.

Beide englischen Paare bekamen die dänische Schule in Düsseldorf zu spüren. "We are not the best", (Wir sind nicht die Besten) sicherten sie sich vorsorglich.

Die dänischen Ehepaare Holger Nielsen und Niels Boer Rasmussen lockerten ihre durchtrainierte Technik mit artistisch wirkungsvollen Zwischensprüngen, die zuweilen den klassischen Rahmen des Gesellschaftstanzes sprengten.

"Dreh auf Roy" ermunterte der schwarzhaarige Londoner Len Wall seinen Kollegen Roy Beaumont. Der tanzte bis dahin mit Joan Tansfield so kerzengerade über das Parkett als trüge er zwei imaginäre Tonkrüge auf den Schultern. Mr. Beaumont warf einige Hüllen seiner reservierten Haltung ab. Er wurde Dritter.

Am vierköpfigen Wertungsgericht schnappten sich Manny Gould, London, E. A. Halse, Kopenhagen und Joan Ménétrier, Paris, gegenseitig die Punktbrocken für ihr eigenes Land weg Nur einmal verlor der deutsche Jury-Vertreter, Dr. Butz, die Geduld, als der sechsfache deutsche Amateurmeister Otto Teipel beim Ausscheidungs-Wiener-Walzer zu schlecht wegkam.

Das Publikum verteidigte Teipels vornehmen Stil mit 20 Sekunden langem Entrüstungs-Oh. In der Vorrunde lagen die Teipels noch an zweiter Stelle.

"Mehr als den Fünften hatten wir gar nicht erwartet" sagte Teipel hinterher. "Wir waren froh, mal wieder gegen solche Partner zu tanzen" Sein erstes Nachkriegsturnier gewann er 1948 in Basel vor Frankreich, Belgien und Oesterreich. Im Februar geht er nach Arosa und Davos.

Die Verleihung des Pokals für den ersten Preis (450 Gramm Silber 45 Zentimeter hoch) machte der Jury einiges Kopfzerbrechen. Es gab zwei erste Sieger Für Fachleute unerwartet teilten sich René Foucard (Frankreich) und Niels Boer Rasmussen (Dänemark) ins Unentschieden.

Rasmussen tanzte in der Ehrenrunde eine Samba. Seine 23jährige blonde Frau im meergrünen Tüll verband dabei die Grazie einer Primaballerina mit dem frechen Charme eines amerikanischen Teen-agers.

Der französische Meister Foucard, Garagenmeister in Paris, holte mit seiner Frau schon drei erste Preise: in der Schweiz, Belgien und England. Er tanzte zum Abschluß Rumba und Paso-Doble.

Mit seinem schwarzen Kraushaar, leicht negroidem Gesichtsschnitt, gekreuzten Beinen wie beim Charleston und gespreizten Fingern wirkte Monsieur wie ein Raubtier, das zum Sprung ansetzt. Madame, in weißem Voile-Kleid, mit schwarzen Handschuhen und Paradiesreiher im dunklen Haar, lächelte

Holger Nielsen gewann den 4. und Len Wall den 6. Preis. "Ich habe mir schon immer ein Feuerzeug gewünscht", sagte Mrs. Wall gutgelaunt, als Vizevorstand Kotthaus ihr den Trostpreis überreichte. Pokale habe sie genug zu Hause.


DER SPIEGEL 3/1950
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