19.01.1950

SCHLAGER / MusikIch liebe alle Frauen

Mit notenstrotzendem Koffer und 24 Stunden Verspätung kletterte Robert Stolz in Tempelhof aus der AOA-Maschine. Sender RIAS empfing den Operettenkomponisten mit schlechter Post: Der eine Wartetag hatte den Sender um die Chance eines Stolz-Konzertes gebracht. Titania-Palast und Orchester waren bereits wieder anderweitig vergeben.
Der Welterfolgreiche, von Frau Yvonne begleitet, trug die Nachricht mit Fassung. Er war ganz auf eitel Wiedersehensfreude eingestellt, denn Robert Stolz hat seine erfolgreichsten Jahre in Berlin verbracht. Und in Wien.
Wien hatte dem Rückwanderer aus Amerika einen anderen Empfang bereitet. Es spendierte ihm den Professorentitel und taufte seine Bäckerstraße in Robert-Stolz-Straße um.
Dabei stammt der Nachfahr der Wiener Operettenmeister gar nicht aus der Donaustadt. Robert tat vor einigen 65 Jahren in Graz die Augen auf. Er machte das Kinderdutzend des. Musikdirektors am Stadttheater voll.
Robert kam mit oder sogar durch Musik zur Welt. Seine Geburt unterbrach den Klavierunterricht, den Frau Stolz, diplomierte Konzertpianistin, einer pianistisch besonders unglücklich veranlagten Schülerin zu erteilen versuchte.
Musik führte Robert Stolz zum erstenmal nach Berlin. Nachdem er sich aus den Brotkörben von Aschinger genährt hatte, wurde er Dirigent bei einem großen französischen Zirkus, der sich im Schumannbau eingenistet hatte.
Diese zirzensische Zeit dauerte nur 1S Jahre. Der Direktor wollte ihn mit seiner Tochter, der Schulreiterin Colette, verheiraten. Stolz hingegen wollte es nicht mit den hübschen Girls verderben.
Denn Robert nennt sich stolz einen "Hallodri". Seine Entschuldigung: "Ich habe den Frauen alle meine künstlerischen Inspiratronen zu verdanken." Zudem wurde er von d'Albert übertrumpft, der achtmal geheiratet hat. Stolz erst fünfmal.
In seiner Biographie "Im Dreivierteltakt durch die Welt" die jetzt von der Metro-Goldwyn-Mayer verfilmt werden soll, beschreibt er seinen Aufenthalt in Paris.
"Während der ganzen Zeit bin ich von frühmorgens bis spätabends im Theater gesessen und habe Rollen studiert mit den Ersatzkräften, die für unsere ausgerissenen Mitglieder eingesprungen sind. Nachts waren wir jedesmal woanders eingeladen. Geschlafen habe ich während der Vorstellung dort, wo gerade keine Musik war."
Der erste Film, den er schrieb, hieß "Zwei Herzen im Dreivierteltakt". Sein Hauptschlager entstand bei Kempinski und wurde während des Essens auf eine Speisekarte geschrieben.
"Leider ist ihm der Titelwalzer vollkommen mißlungen und dürfte daher auch schwerlich populär werden", schrieb damals "BZ am Mittag"-Kritiker Erich Mühsam. Heute singen ihn in Amerika die Negerkinder.
Auf dem Broadway wurde der Film 46 Wochen hintereinander aufgeführt. Diese Rekordserie erreichte später nur "Vom Winde verweht".
Zu den beliebtesten Stolz-Schlagern gehören: "Adieu, mein kleiner Gardeoffizier", "Im Prater blüh'n wieder die Bäume", "Peppina", "Frag nicht, warum ich gehe" und (den Verlegern gewidmet) "Auch Du wirst mich einmal betrügen".
Seine erste Operette hieß "Glücksmädel". Für Jan Kiepura und Martha Eggerth schrieb Stolz die Musik zu ihren Filmen "Zauber der Bohème" und "Ich liebe alle Frauen".
Der politische Strom spülte den Komponisten trotz arischer Großmutter 1933 aus Berlin und 1938 aus Wien. Ueber Paris kam er nach Amerika. 3S Jahre schlug er sich dort kümmerlich herum.
Sein Vermögen, das sich trotz seiner Großzügigkeit beträchtlich angesammelt hatte, war für den Emigranten verloren. Seine Filmerfolge halfen ihm wenig zu neuer Popularität. "Amerika muß von jedem neu erobert werden. Meine Kollegen Strauß und Kálmán haben dort keine einzige Note geschrieben."
Der Zufall kam ihm zu Hilfe und zugleich sein Talent, den Taktstock zu führen. In New York traf er auf der Straße einen Orchestermusiker, den er noch aus Berlin kannte. Am selben Abend sollte ein großes Wiener Konzert gegeben werden. Der Dirigent Bruno Walter war plötzlich erkrankt. Ob er, Stolz, einspringen könne, ohne Proben!? Stolz sprang und hatte seinen ersten Erfolg in Amerika.
Es war nicht sein letzter. Z. B.: Für die Musik zu dem René-Clair-Film "It happens to-morrow" erhielt er von der Academy of Motion Pictures. Art and Sciences, das Diplom für "außergewöhnliche Leistung in Hollywood".
Robert Stolz verstand es, sich dem amerikanischen Geschmack anzupassen. Er vertonte für den Broadway Bühnenwerke. Aber sein Herz gehörte weiterhin Walzer-Wien.
Als ihm Ernst Marischka das Buch der Operette "Frühling im Prater" schickte, goß er seine ganze Sehnsucht in die Musik. "So wienerisch hätte ich selbst in Wien nicht komponieren können."
Bald darauf reiste Robert Stolz nach Wien zurück. Dort entstand zunächst wieder Filmmusik und die Operette "Fest in Casablanca". Das Wiener Staatstheater brachte "Frühling im Prater" heraus. London soll folgen. Dort wird Stolz zuvor seine Operette "Wenn die Veilchen blühen" dirigieren. Der nächste Film, "Les jeux d'amour", entsteht in Paris.
In seinem schweren Notenkoffer, der Stolz 5. - DM Trägerlohn wert war, hat er noch eine funkelnagelneue Operette, Text von Gilbert. Er nennt sie sein gelungenstes Musenkind, "Meine lustige Witwe". Die männliche Hauptpartie hat er für einen Bariton geschrieben. Gute Operettentenöre sterben anscheinend aus.
Stolz verrät noch nicht den Titel der Operette, wohl aber den geheimen Wunsch, sie möchte in Berlin uraufgeführt werden. "Berlin ist meine große Liebe. Ihm gönne ich das Beste."
Früher verwendete Robert Stolz viel Sorgfalt auf einen Henry-Quatre-Bart, den er sich aus Repräsentationsgründen wachsen ließ. Der Bart fiel, als sich die Berliner Komiker Max Adalbert und Paul Morgan über ihn mokierten. Heute müht sich Stolz um seine wenigen Haupthaare. Sie strahlen von einem kreisrunden Scheitel aus, und jedes hat seinen Namen.
Als Robert Stolz in Berlin entdeckte, daß es im Westen kein Operettentheater gebe und er keine Möglichkeit habe, seinen Berlinern ein Konzert zu geben, da verlor er sein 7. Haar. Es hieß Max.

DER SPIEGEL 3/1950
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