26.01.1950

Gift

Die vom SED-Politbüro gegen die bürgerlichen Ostzonenparteien gesteuerte Säuberungswelle spült jetzt um Sachsens CDU-Spitzen. Seit geraumer Zeit stehen Landesvorsitzender Professor Hugo Hickmann und Finanzminister Bernhard Rohner (Ost-CDU) auf der Abschußliste. Schon vor acht Wochen nannte Walter Ulbricht auf der Leipziger Tagung der volkseigenen Betriebe den CDU-Professor einen "kaisertreuen Brunnenvergifter". Daraufhin spürten fortschrittliche Nasen sehr schnell weiteres "Gift" innerhalb jener Kreise der Ost-CDU, die sich nicht als Neutrum auf die von der SED vorbereitete Einheitsliste für die Wahlen am 15. Oktober setzen lassen wollen.
Nach bewährtem Muster wurden in Dresden und Umgebung zwanzig Arbeiter- und Bauerndelegationen mobilisiert, um vor dem Gebäude des CDU-Landesvorstandes in Dresden spontan zu demonstrieren. Hickmann ließ sich verleugnen. Um den Aufruhr der Demonstranten zu beruhigen, schickte Parteichef Otto Nuschke Ost-Außenminister Georg Dertinger nach Dresden.
Der fuhr auch gleich in Halle vorbei, um den sachsisch-anhaltischen CDU-Professor
D. Erich Fascher zu warnen. Fascher sprach auf seiner letzten westdeutschen Reise mit Jakob Kaiser. Bald werden auch in Halle Arbeiter- und Bauernprotestanten vor dem CDU-Gebäude Skandal machen.
*) Vgl. "Internationales": Saar. Seite 12.

DER SPIEGEL 4/1950
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