26.01.1950

HEILKUNDE / ASTRALLEIBIn Hamburg ungültig

Nein, Mr. Thomas darf nicht mehr heilen! Sie brauchen gar nicht herzukommen", beantwortet Heilpraktiker Adolf Dibbern, Hamburg, Neuer Wall 44, immer die gleichen telefonischen Anfragen. In seinen Räumen "operierte" Mr. Thomas schon bei seinem ersten Hamburg-Besuch im Oktober letzten Jahres über hundert Patienten am "Astralleib" (s. SPIEGEL Nr. 44/49).
Sechshundert vorangemeldeten Kranken, darunter auch Holländer, Belgier und Dänen, wollte der Geisthelfer jetzt bei seinem zweiten Hamburg-Aufenthalt helfen. Hundert hatte er behandelt, da griff die Gesundheitsbehörde ein.
"Ihre Art der Behandlung und Ihre eventuellen Heilerfolge stehen hier gar nicht zur Debatte", sagte Hamburgs Gesundheitsminister Senator Schmedemann zum englischen Geistheiler John Thomas. "Aber nach den in Hamburg gültigen Gesetzen dürfen Sie unter gar keinen Umständen hier praktizieren."
Etwas mühsam erklärte der Senator dem nur Englisch sprechenden "Geisteroperateur" das zur Hitler-Zeit, im Jahre 1939, in Kraft gesetzte Heilpraktikergesetz. Danach dürfen nur diejenigen Nichtmediziner Kranke behandeln, die 1939 als Heilpraktiker in Deutschland zugelassen waren.
Den Wortlaut des Gesetzes, das der Naturheilkunde seit elf Jahren den Nachschub an Heilern abschneidet, kann Mr. Thomas als Engländer nicht erfüllen. Und Hamburgs Präses der Gesundheitsbehörde, Professor Knaak, möchte in dem Fall des Geistheilers auch keine Ausnahme machen: "Wir werden mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu verhindern wissen, daß Mr. Thomas ohne unsere Erlaubnis weiter Kranke behandelt".
Bei seinem ersten Aufenthalt in Hamburg vor einem Vierteljahr hatte sich Mr. Thomas bereitwillig den Zeitungen und der Aerzteschaft gestellt. Die Presse veröffentlichte sehr unterschiedlich gestimmte Berichte über seine seltsame Heilmethode der messerlosen Geister "operation". Die offiziellen Stellen der Hamburger Aerzteschaft lehnten es ab, sich mit Mr. Thomas zu befassen.
Nur mit Mühe gelang es dem "Homöopathischen Verein", auf dessen Einladung Mr. Thomas seinerzeit in Hamburg heilte, einige Aerzte zu interessieren. 80 Prozent der 112 vom Geistheiler behandelten Patienten ließen sich von einer Kommission nachuntersuchen, zu der auch mehrere Aerzte gehörten.
Bei einem Drittel der Kranken bestätigten die Aerzte die vollständige Heilung. Bei einem weiteren Drittel erkannten sie heilende Fortschritte an. Zum Rest der vorgeführten Patienten konnte sich die Kommission nicht äußern, da die zum Vergleich notwendigen Krankengeschichten nur unvollständig zur Verfügung standen.
Bei der 61jährigen Hausfrau Auguste H. konnte die Kommission nichts mehr von dem Leistenbruch und den Hämorrhoiden feststellen, woran die Frau seit dreißig Jahren gelitten hatte. Dem 50jährigen Staatsbeamten Richard G. bestätigten die Aerzte, was er seit der Geisteroperation selber empfand: Er war von einer Blasenfistel befreit.
Vier Patienten wiesen röntgenologisch nach, daß ihnen innerhalb 48 Stunden nach Mr. Thomas' Behandlung Nierensteine abgegangen seien.
Die Krämpfe der 1Sjährigen Jutta B., die Aerzte und Heilpraktiker auf ein faustgroßes Gewächs im Rückenmark des Kindes zurückführen, haben nachgelassen. Die laufende ärztliche Nachkontrolle ergibt eine ständige Abnahme des Tumors.
Im September 1947 befreite ein Hamburger Gehirnspezialist Frau Kitty Sch. in achtstündiger, aufsehenerregender Operation von einem Gehirntumor. Er rettete der Patientin damit das Leben, aber Gleichgewichtsstörungen und Erblinden nahmen bei ihr zu. Ab August 1949 mußte die noch 90 Pfund schwere Frau beim Gehen geführt und gestützt werden.
Mr. Thomas bemühte für sie den "Geist des Dr. Robert" und eines vor 2000 Jahren verstorbenen ägyptischen Arztes. "Und das mit Erfolg", bekannte Frau Sch. Sie kann wieder gehen. Ihr Arzt erkannte sie kaum wieder, als sie ihn in seiner Praxis aufsuchte.
Eine weitere Aerztekommission wollte sich Ende Januar mit den von Mr. Thomas behandelten Patienten beschäftigen. Dazu wird es nun nicht mehr kommen. Nach englischen Pressestimmen wird Mr. Thomas in seiner Heimat von seinen medizinischen Kollegen durchaus anerkannt.

DER SPIEGEL 4/1950
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