02.02.1950

OSTDEUTSCHLANDVon wahrer Demokratie

Gegen Mittag hatte Genosse Lohagen vom SED - Landesvorstand Sachsen den Kulturdirektor Max Engel von der Maschinen-Ausleihstation (MAS) "Einheit" aus Neckanitz alarmiert. Max Engel kletterte mit seinen Leuten auf den Russen-Lkw. der MAS und fuhr nach Dresden.
Nachmittags kurz vor vier setzten die ländlichen Demonstranten schon ihre erdigen Stiefel auf die braunen Boucléläufer des Dresdener CDU - Landesvorstands-Hauses und drückten den einarmigen Pförtner an die Wand: "Wo sind die Schufte? Nieder mit den Hickmännern, Schluß mit Saboteuren wie Rohner. Hängt die Volksverräter und Kriegsbrandstifter auf!" 19 andere Rollkommandos, von den SED-Betriebsgruppen-Leitungen auf die Beine gebracht, drängten nach. Ein Lüster ging in Scherben.
Gegen Abend klopfte CDU - Außenminister G. Dertinger - auf höhere Weisung schleunigst nach Dresden gekommen - dem Kulturdirektor Max Engel aus Neckanitz auf die Schulter: "Ich verbürge mich dafür, daß jeder Reaktionär aus unserer Partei entfernt wird."
Schuld an den spontanen Demonstrationen hat der Professor Hugo Hickmann, Landesvorsitzender der sächsischen CDU. Ausgerechnet im "Monat der deutschsowjetischen Freundschaft" hatte er in einer Rede in Markkleeberg gesagt: "Es gibt nur einen Weg, wenn wir in Frieden leben wollen: Neutralität gegenüber den Weltmächten." Auf diese Tour ist in der Ostzone aber nur der Nauheimer Professor Noack abonniert. Rudolf Herrnstadt, Chefredakteur des SED-Zentralblattes "Neues Deutschland", war gerade zur rechten Zeit von seiner Moskaureise zurück, um Hickmanns "reaktionäre Ausfälle" breitzuwalzen.
Hugo Hickmann hatte sich auch über die Zurücksetzung von CDU-Leuten in der Staatsverwaltung beklagt. Vor kurzem stellte er sich vor den sächsischen CDU-Finanzminister Bernhard Rohner, der Steuersündern und Bilanzfälschern zur Flucht nach dem Westen verholfen haben sollte.
Den Parteichef Otto Nuschke hat das SED-Treiben gegen seinen persönlichen Freund Hickmann sehr schockiert. Wilhelm Pieck schickte Nuschke erst einmal fort, nach Sofia, als Kondolationsabgeordneten bei Ministerpräsident Kolaroffs Staatsbegräbnis.
Hugo Hickmann ist einer von den christlichen Demokraten, die für die Parlamentswahlen der "Deutschen demokratischen Republik" am 15. Oktober 1950 allen Ernstes einen Bürgerblock aus CDU und LDP gegen die SED-Liste stellen wollen. Die SED hingegen ist mehr für eine allumfassende Einheitsliste von links bis rechts mit regierungserhaltendem einheitsparteilichem Ueberhang, die, nach Hitlermuster, en bloc zu bejahen ist.
"Die schlimmsten Schreier nach getrennter Listenwahl werden sich sehr schnell bis in die letzten Mauselöcher verkriechen", prophezeite der korpulente Hermann Axen, jugendlicher Chef der Abteilung Massenagitation im Zentralsekretariat der SED auf der letzten Operationsbesprechung in der Berliner Wallstraße. Die Volkskorrespondenten der SED-Blätter haben die Auflage, christlichen und liberalen Funktionären bis in die Wohnungen und Wirtshäuser nachzuspüren.
Was sie und die Rollkommandos nicht schaffen, erledigt Fritz Lange mit seiner "Kommission für staatliche Kontrolle". In Langes Panzerschrank liegt noch ein Stapel zurechtfrisierter Korruptions- und Sabotage-Skandale bereit. Die werden herausgeholt, wenn irgendein Bürgerlicher aus der "Nationalen Front" ausbricht.
Wie etwa der mecklenburgische CDU-Wirtschaftsminister Dr. Siegfried Witte. SED-Landesvorsitzender Kurt Bürger ließ auf der Schweriner Schloßfreiheit die Krawallszene von Dresden schon wiederholen. Minister Witte, Gründer der mecklenburgischen CDU, wird der Sabotage am Zweijahresplan beschuldigt. In seinem Ministerium schnüffelt jetzt die Landes-Kontrollkommission. Witte ging.
Schon seit dem Leipziger Ostzonen-CDU-Parteitag im November 1949 hatten Zentralsekretariat und Politbüro der SED die bürgerliche Politik nicht mehr gepaßt. Dem sonst lammfrommen CDU-Leitorgan "Neue Zeit" waren plötzlich Hörner gewachsen. Chefredakteur Klein (inzwischen abgelöst) ließ vor allem oppositionelle Parteifreunde zu Wort kommen.
Mittlere und untere CDU-Führer fingen an, zwischen ostzonaler Staatsraison und christlich-demokratischer Parteitreue zu schwanken. "Umdenken oder untergehen" gab Theologieprofessor Erich Fascher, Sachsen-Anhalts CDU-Landesvorsitzender, seinen Parteifreunden als Parole.
In der Berliner Jägerstraße tagte indessen der politische Ausschuß des Hauptvorstandes der CDU in Permanenz. Der 73jährige Hugo Hickmann verlangte demokratischen Entscheid in eigener Sache. Er bekam ein Zimmer mit Sekretärin und Schreibmaschine eingeräumt, um seine Rechtfertigung schriftlich zu fixieren.
Er kommentierte: "Manch einer würde es vielleicht lieber sehen, ich hätte mich nach dem Westen abgesetzt, wie es leider mancher unserer resignierenden Parteifreunde getan hat. Ich denke nicht daran, meine Nerven sind noch gesund Mich interessiert, wieweit von wahrer Demokratie bei uns noch die Rede sein kann."
Er sah es: nach heftigen Diskussionen im politischen Ausschuß blieb Hugo Hickmann nichts anderes übrig, als auf seine Parteiämter zu verzichten, der "gegebenen Situation" wegen. Freund Nuschke sprach den Nekrolog. Die SED-Beschuldigungen seien "Diffamierungen" gewesen, hieß es Ost-CDU-amtlich. Nach Hickmanns Rücktritt.

DER SPIEGEL 5/1950
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