02.02.1950

AKTIVISTEN / BÜHNE UND FILMHochzeit gestrichen

Ach, wie ist's möglich dann", spielt die Musik, und der westzonale Gewerkschaftsfunktionär Fritz Rottmann küßt die ostzonale Gewerkschaftsfunktionärin Maria Steinitz. "Eine echte deutsche Hochzeit", findet Fritz.
"West-östliche Hochzeit", sollte der Defa-Film, den Gustav von Wangenheim schrieb und mit seiner Frau Inge in der Hauptrolle inszenierte, ursprünglich heißen. Er wurde in "Der Auftrag Höglers" umgetauft. Damit ihn keiner mit "Figaros Hochzeit" verwechsele, erläutert Wangenheim.
Der Film hatte seine Premiere in Thüringen, in der Max-Hütte, wo er gedreht worden ist, und anderen volkseigenen Betrieben des ehemaligen Flick-Konzerns. Dann wurde er in den Berliner Osram-Werken gezeigt. Ueberall vor hohen Gästen und Aktivisten.
Stellvertretender Ministerpräsident Walter Ulbricht hielt die Festrede: "Dieser Film", donnerte er, "ist ein Film des Kampfes, der heute in jedem Betriebe, in jedem Ort und in jeder Verwaltung vor sich geht". Der behandelte Sabotagefall sei in der Max-Hütte tatsächlich vorgekommen, erklärte Ulbricht.
Er habe verschiedene Vorgänge verdichtet, sagt Gustav von Wangenheim, zu folgendem: Die Luisenhütte (so heißt die Max-Hütte im Film) hat Werke im Westen und Osten. Luise-West beherrschen die alten Konzernherren. Luise-Ost ist volkseigen.
In beiden Hütten arbeiten die Ingenieure an der Erfindung eines sensationellen Stahls. Konzernherr Högler und Stieftochter wollen das Patent an sich bringen und ins Ausland verkaufen. Zu diesem Zweck haben sie Agenten in die Ostzone geschmuggelt, bis hinein in die Wirtschaftskommission und auf hohe juristische Posten.
Die Ost-Ingenieure kennen ihre Pflicht. Bei einer großen Betriebsversammlung stiften sie ihre Erfindung freiwillig den Arbeitern, dem Volk, der Luisen-Hütte-Ost. In derselben Versammlung werden die West-Agenten überführt und festgenommen.
Zwei tatkräftige Frauen verkörpern die kapitalistische und volkseigene Welt. Einmal begegnen sie sich "Wenn ich Sie in meinem Konzern hätte", sagt die elegante Frau Dr. Alice Giesebrecht (Alice Treff) bewundernd zu der betont schlichten Gewerkschaftlerin Steinitz (Inge von Wangenheim). Die weist die westliche Frau zurecht: "Ihr Leben ist in einen Menschenkreis gedrängt, der nicht mehr zur Führung berufen ist".
"Das hat nichts mit Ost und West zu tun", kommentiert Wangenheim. "Ich zeige nur verschiedene Interessen." Der Flick-Konzern, zu dem einst die Max-Hütte gehörte, zahle im Westen für den enteigneten Ostbesitz noch immer Steuern, um die Ansprüche zu erhalten.
In den Betrieben diskutierten die Arbeiter nach der Premiere (s. Bild). Laut SED-Organ "Neues Deutschland" freute sich ein "hochaufgeschossener junger Aktivist" darüber, daß die Liebenden bei der Arbeit zusammenkämen und ihr Kontakt nicht in dunklen Ecken anfange.
Andere Ostberliner Blätter schränkten die offizielle Begeisterung ein: Zu wenig Werkhallen und zu viele schlechtorganisierte Büros seien gezeigt worden. Auch der fortschrittliche Star Inge von Wangenheim sei auf zu unnatürliche Weise natürlich.
Vor Jahren war Inge von Wangenheim das Vorbild für eine Figur in einem Ernst-Lubitsch-Film. Damals hatte Lubitsch seine emigrierten Freunde in der engen Moskauer Wohnung besucht um russisches Milieu zu studieren. Und dann kam sein Greta-Garbo - Film von der Kommissarin Ninotschka. Wangenheim nimmt das dem toten Lubitsch noch heute übel.
Um ihre Kunst ist den Wangenheims nicht bange. "Wir sind heute weiter als Shakespeare", sagt Inge. "Wir kennen keine tragischen Konflikte mehr."

DER SPIEGEL 5/1950
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