09.02.1950

MAGIE / PUNXMann aus der Wolke

(S. Titel)
Der Friede in Meister-Magiekreisen ist erst einmal wiederhergestellt. "Schlag ein - sie lachen Dich und mich, Deinen älteren Freund", schrieb "Simsalabim"-Kalanag alias Helmuth Schreiber an Kollege Hanemann - Punx. Der nahm die brieflich ausgestreckte Versöhnungsrechte an Punx ließ das Tribunal aus dem Spiel. "Es ist nicht schön, wenn um höhere Ehren gestritten wird."
Zu den höheren Ehren rechnet in Magierkreisen seit seiner Stiftung der Hofzinser-Gedächtnisring. Gemäß magischen Statuten ist er seit siebzehn Jahren der höchste Orden für künstlerische Leistungen in Zauberei. Hofzinser war Hofrat im alten Wien, zauberte gern und gut und genoß in Amateurkreisen märchenhaften Ruhm.
Punx-Hanemann trägt den Ring seit kurzem auf Lebenszeit. Im Frankfurter Struwwelpeter-Kabarett, wo Punx gastspielte, stieg der Stifter des Hofzinser-Rings, Farchmin, unter dem Pseudonym Robert Maybach aufs Podium und steckte Punx den Edelreif auf lebenslänglich an den linken Zeigefinger. Verliehen für den von ihm entwickelten Zauberstil.
Helmuth Schreiber-Kalanag hatte zuvor seine große Stunde auf dem Stuttgarter Magierkongreß. Ihm wurde ein Reif angesteckt, gleichfalls auf Lebenszeit, der bis auf die Initialien dem echten Hofzinserring täuschend ähnlich war. Farchmin und Punx sahen einen Grund, wegen Nachahmung zu klagen. Man einigte sich brieflich vor Prozeßbeginn.
Der Hofzinser-Ring ist erst an drei Personen verliehen worden. Zuerst an Ottokar Fischer aus Wien, dann zweimal an Helmuth Schreiber, der heute als Kalanag zaubert und einst Produktionschef der Bavaria-Film war.
Zur Kriegszeit wurde der Hofzinser-Ring nicht verliehen. Kalanag trug ein Double weiter. Den echten Ring gab er nach Kriegsende statutengemäß an den Stifter Farchmin zurück.
Punx bekam zum erstenmal den Ring auf ein Jahr, als die wieder organisierten Magier 1948 in Hannover ihren ersten nachkriegsdeutschen Kongreß abhielten. Punx zauberte ohne Apparate, ohne Aufmachung.
Er hat keine Zylinder, Vogelkäfige und keine Nickelapparate. Er zaubert mit Gegenständen des täglichen Bedarfs: mit Gläsern, Tellern, Tassen. Auch einen Degen rechnet Punx zum Gebrauchsgegenstand. Und einen Spazierstock, der, in die Luft geworfen, sich in Konfetti verwandelt.
Punx wurde als Ludwig Hanemann in Hartlebury, in der englischen Grafschaft Worcester, geboren. Dort blieb er bis zum fünften Lebensjahr. Dann zog er mit den Eltern nach Bremen. Großvater Dr. Hanemann betrieb dort eine Brotfabrik. Die Bremer nannten ihn Dr. Brötchen oder Dr. Zwieback. Er war ein Sonderling und zauberte nebenher.
Großvater Hanemann nahm den kleinen Ludwig mit zu den Bellachinis und Boscos. Sie beeindruckten den Jungen. Er kaufte sich Groschenheftchen aus der Miniaturbibliothek: "Wie werde ich ein Zauberer?"
Es war nichts damit zu machen, sagt Ludwig Hanemann. Dann las er ein Inserat einer Hamburger Firma für Zauberkästen, sparte zwanzig Mark zusammen und ließ sich einen Zauberkasten schicken.
Kein Trick gelang. Hanemann warf den Kasten auf den Misthaufen und schwor sich: "Nie mehr Zauberrei!"
Ludwig wurde als begeisterter Leser von Abenteuerromanen zunächst Schiffsjunge, dann Kontorlehrling, kaufmännischer Volontär und schließlich Vertreter für die Firma Gstettner, die Verfielfältigungsapparate verkaufte. In der Firma machte ihm ein Kollege Kartenkunststücke vor. Hanemann probierte. Nach vierzehn Tagen konnte er es besser
1930 geriet Hanemann in denselben Laden, wo er einst den Zauberkasten kaufte. Der Inhaber verkaufte ihm Trick für Trick, Griff für Griff, 1.50 Mark pro Stück. Hanemann lernte glissieren, palmieren, eskamotieren, changieren, filieren, lauter Spezialgriffe der Magie.
Hanemann ergab sich der Zauberei und erfand sich den Magiernamen Punx. Er betreibt das Zaubern nebenbei, sein wirklicher Beruf ist Werberater. Sein letzter Frankfurter Schlager war eine neue Art von Zeitungsklammer. Er sah, wie die Zeitungshändler die vom Wind gepeitschten Zeitungen mit einer Art Wäscheklammer festmachten. Hanemann erfand Klammern mit farbigen Celluloidtiteln bestimter Zeitungen und Zeitschriften. Das Geschäft schlug ein.
Wenn Punx im Nebenberuf auf der Bühne arbeitet, ist er zuerst nicht da. Vorhanden ist nur ein Podium. Auf dem Podium ein Flügel, eine Stehlampe, ein Rauchtisch, zwei Sessel. Dann kommt der Pianist. Er heißt Alfred Zscheile und ist für Punx unentbehrlich. ("Weil er die musikalischen Bonmots liefert.")
Der Pianist bringt einen Leuchter mit, fünfarmig. Die Kerzen brennen nicht. Es wird stockdunkel im Saal. Der Pianist spielt das Präludium von Rachmaninoff. Dann geht eine der fünf Kerzen nach der anderen an. Mit einer grellen Dissonanz bricht der Pianist sein Spiel ab. Es blitzt, donnert, und aus einer Wolke tritt Punx.
Was dann kommt, ist keine mit allen Schikanen ausstaffierte Zauberrevue. Punx, im Frack, mit schwarzem Plastron, verläßt sich nur auf sich selbst und seine Zauberkunst, wie ein Märchen. Und er redet ununterbrochen, mit viel Charme. Bach, Mozart und Händel dienen zur musikalischen Untermalung. Zum Schluß wird es modern: Gershwins Rhapsodie in Blue.
Abenteurerromane liest Hanemann jetzt nicht mehr, sondern Religionswissenschaft, vor allem buddhistische Werke. Seine Liebhaberei ist schmalfilmen. Der fünfzehnjährige Sohn will nicht Zauberer werden, sondern Zoologe.

DER SPIEGEL 6/1950
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