23.02.1950

ROMANTIK / TheaterHerz mit Mozart-Musik

Nur keine falsche Feierlichkeit, warnte Ernst Penzoldt Wolfgang von Stas. Der inszenierte im Hamburger "Haus der Jugend" (Deutsches Schauspielhaus) die Uraufführung der Penzoldtschen Zauberkomödie "Der gläserne Storch".
Das Stück sei mehr eine dramatische Causerie, erklärte Penzoldt, Autor auch der "Causerien", des letzthin bei Suhrkamp herausgekommenen Sammelbandes heiter in sich gehender, mit klugem Herzen geschriebener Essays. Man müsse das Stück so leicht nehmen, wie es geschrieben sei.
Wolfgang von Stas, des Schauspielhauses jüngster Inszenator, tat's. Penzoldts dichterische Impressionen, mit satirischem Beigeschmack durchsetzt, bekamen fast René-Clair-Atmosphäre.
In erdentrückter Stille, über den Dächern der Stadt läßt Penzoldt bei einem ausgekochten Zaubermeister einen künstlichen Menschen aus der Retorte steigen, den Homunculus Donatus. Mit dem überirdischen Naivling entlarvt er die menschliche Unzulänglichkeit.
Der vom "gläsernen Storch" in die Welt gebrachte Homunculus, der der "wirkliche Mensch" sein soll, begreift die tierische Abart Mensch nicht. Er gerät gleich ins Räderwerk des Gesetzes. Sein chemischer Erzeuger wird verhaftet, er hat keine Papiere für seinen Retorten-Sprößling. Auch die Berufsbezeichnung "Mensch" zieht nicht.
Der überirdisch veranlagte Jüngling ist unempfindlich gegen menschliche Empfindungen und auch unverwundbar. Der Staatsminister nimmt sich seiner an, er sieht in nicht-tötbaren Menschen eine Gefahr für den Frieden. Der Kriegsminister hingegen befürwortet die Serienproduktion.
In den Jüngling, der auch mit der Liebe nichts anzufangen weiß, verliebt sich die Prinzessin. Man untersucht, ob er überhaupt ein Herz habe. Als die Prinzessin mit dem Stethoskop an seiner Brust horcht, erklingt sphärische Mozart-Musik. Als ein Reporter ihn abhorcht, lärmt Jazz. Jeder hört das ihm Gemäße.
Der Zaubermeister macht ein Geschäft aus seinem gegen Schuß und Stich unempfindlichen Retortenjüngling, er führt ihn auf dem Jahrmarkt vor: Einen Groschen der Schuß. Das Volk drängt sich zur Kasse. So billig kann keiner sonst auf Menschen schießen.
Im Bettelkleid ist die Prinzessin zu Donatino, wie Donatus als garantiert unverwundbarer Mensch auf dem Rummel heißt, geflüchtet. Wie im Märchen vom verzauberten Prinzen das Bärenfell sinkt vom Homunculus das Uebersinnliche ab. Dem Mädchen zu Liebe wird er ein Mensch. Etwas gibt es also doch, was wert ist, Mensch zu sein, will Penzoldt sagen.
In den effektvoll stilisierten Bühnenbildern Heinz-Gerhard Zirchers führte Stas die Schauspieler wie an Marionetten-Fäden. Schauspieldirektor Zotzmann schwelgte nach Penzoldtschem Rezept in Zaubertheater. Beim Tode des alten Klavierspielers z. B. spielt in der Kaschemme das Klavier allein weiter.
Die Dekorationsstücke der Szenen stehen vor dem offenen schwarzen Halbrund der Bühnenrückwand. Wenn Donatus kommt, wird auf die schwarze Wand eine mystische Landschaft von Sternen und Himmelszeichen projiziert.
Der Autor, letzter deutscher Romantiker, wurde nach der Premiere sehr gefeiert. Die Augen Ernst Penzoldts leuchteten hinter den Brillengläsern so poetenhaft glücklich, daß es kaum zu der raubritterhaft-kühn geschwungenen Nase passen wollte.
Die Zauberkomödie "Der gläserne Storch" hat Penzoldt schon 1942 begonnen. Dann blieben die Manuskriptseiten liegen. Erst im vorigen Jahr wurde das Stück auf Kampen beendet.
Penzoldt würde gern wieder einmal eine epische Arbeit beginnen. Aber er weiß nicht, ob er es sich leisten kann, finanziell. Von seinen Büchern allein konnte er nie leben. Sie sind in ihrer stillen, feinen Art keine gängige Marktware.
Penzoldt möchte am liebsten zu dritt da sein, er hat so viele Einfälle, als Dichter, als Zeichner, Maler, Bildhauer. Mal überwiegt die eine, mal die andere Begabung. Es gibt da einen Periodizitäts - Kalender. Aber Penzoldt kann sich nicht immer danach richten. Die Verhältnisse sind nicht so.
Der Maler Ernst Penzoldt nennt sich pseudonym Fritz Fliege. Fritz Fliege illustrierte z. B. Eugen Roths "Frau in der Welt". Und für eine chemische Fabrik machte er Reklameplakate. Um leben zu können. Das brachte auch am meisten ein.
Flieges Bilder sind gezeichnete, gemalte Penzoldts. Die schöpferische Aussage bleibe ja auch dasselbe, verschieden sei nur das Material, meint der Maler-Bildhauer-Poet, der für seine "Episteln", diese Kabinettstücke der "kleinen Form", auch die feinsten Schattenzeichnungen tuschte.
Am liebsten malt und modelliert er auswendig. Modelle schickt er immer schnell wieder nach Hause. Sie stören seine Impressionen.
Sein Schwabinger Atelier hat Penzoldt aufgegeben, es wurde dreimal schwer ausgebombt. Die äußeren Umstände haben ihm in den Nachkriegsjahren häufiger die Schreibfeder in die Hand gedrückt, als ihm eigentlich lieb war. Denn jetzt erst finge das Publikum an, sich für den Maler und Bildhauer Penzoldt zu interessieren. In München hatte er gerade Erfolg mit einer Ausstellung von Landschaften, Porträts und Plastiken.
Um in München Erfolge als Bildhauer zu haben, müsse man dreißig Jahre dort leben. Das tut Penzoldt. Im äußersten Schwabing lebt er, still für sich hin und in sich hinein, in einem kleinen Häuschen, mit seiner Frau und zwei Kindern. Die Tochter studiert Germanistik und Theaterwissenschaft, Sohn Penzoldt geht ähnliche Wege.
Die Münchener Künstlerkollegen sehen Penzoldt nicht oft. Im PEN-Klub fühle er sich immer mehr als interessierter Zuschauer, lächelt er. Dann falle ihm ein, daß er ja selbst PEN-Mitglied sei.
Die Lust zum Zeichnen habe er, meint er, dem französischen Fräulein zu danken, das ihm in seinen frühesten Jahren erziehungshalber beigegeben war. Das war im elterlichen Arzthaushalt zu Erlangen. "Fräulein" malte dem kleinen Ernst mit der Messerspitze appetitanregende Häuschen aufs Butterbrot, und Ernstchen versuchte, das nachzumachen. Und später ging er auf die Kunstakademie in Kassel und Weimar.
Seine erste literarische Leistung - von Jünglings-Liebespoemen abgesehen - war dagegen eine Art von Kriegsbeschädigung, wie Penzoldt es nennt. Gleich nach Weltkrieg 1914-1918, den Penzoldt als Sanitäter mitmachte, erschien sein erstes Buch. Es waren Gedichte. Der erste große Erfolg wurde der humorgesegnete Roman "Der Zwerg" oder "Die Leute aus der Mohrenapotheke", wie er später hieß.
Hermann Hesse war einer der ersten Entdecker des Poeten Penzoldt. Er setzte sich in Schweizer Zeitungen für ihn ein. Als Penzoldt jetzt in der Schweiz war - er las dort aus seinen Büchern - sagte Hesse ihm, er habe eben wieder den Penzoldt gelesen, der ihm der liebste sei: den "armen Chatterton".
Das ist der in romantischen Mondschein getauchte Roman eines Wunderkindes, jenes historisch beglaubigten Thomas Chatterton, der, ein "poetischer Falschmünzer", einen mittelalterlichen Dichter Rowley erfand, um unter dessen Namen mit Phantasie und Gefühl zu dichten und Geschäfte zu machen. Und der mit achtzehn Jahren aus dem Leben geht, als mit seiner Kindheit auch die Gabe der Poesie von ihm abfällt.
Mit ihrem derb - erfindungsreichen Schelmenhumor traf "Die Powenzbande" genau ins Schwarze, diese "Zoologie einer Familie", einer vergnügt-brutalen, vor Lebendigkeit amüsant explodierenden Familie, einer Vereinigung von Raketen, die jeden Augenblick losgehen. Der Roman wurde ein großer Erfolg.*)
Der Insel-Verlag wollte die "Powenzbande" zuerst nicht haben. Verleger Kippenberg reiste dem Autor nach, als er hörte, daß Penzoldt auf dem Wege ins Ullstein-Haus war. Dort hatte man einen guten Riecher, der Propyläen-Verlag machte das Rennen. Er werde nur noch Penzoldts verlegen, die nicht gingen, resignierte Kippenberg.
Nach dem zweiten Weltkrieg kam bei Suhrkamp Penzoldts Buch "Zugänge" heraus. Auch in diesem Krieg war Penzoldt Sanitäter, und auf Erlebnisse in einem Lazarett gehen die "Zugänge" zurück. Wieder zeitfern ist eine noch nicht erschienene Erzählung "Olifant".
Den "Causerien" sollen in einem zweiten Sammelband die größeren Erzählungen folgen, und ein Sonderband wird die Theaterstücke enthalten. Penzoldts größter Bühnenerfolg war "Die portugalesische Schlacht", ein Stück um jenen König Sebastian von Portugal, an dessen Tod das Volk nicht glaubt. Und der auf seine Art ein Romantiker nach Penzoldts Herzen ist wie auf die seine der Dandy Brummel in Penzoldts Stück "So war Herr Brummel".
Eigentlich sei er kein Dramatiker, gesteht Penzoldt. In seinen Theaterstücken wie in seinen Erzählungen legt er eine Lanze ein für die passiven Helden. Die aktiven liegen ihm nicht. Er möchte die Menschen verteidigen, die nicht genügend lebensfähig sind. Im "gläsernen Storch" läßt der geduldige Verteidiger der Menschlichkeit Ernst Penzoldt eine "Friedenspistole" herzaubern. Sie trifft nur die am Kriege Schuldigen.
*) Eine Neuauflage bei S. Fischer illustrierte Penzoldt-Fliege. Jetzt ist "Die Powenzbande" in einer Volksausgabe erschienen. Die Gesamtauflage geht an die 70000.

DER SPIEGEL 8/1950
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