16.02.1950

ILSE KOCH

Lady mit Lampenschirm

(s. Titel)

Die Untersuchungsgefangene Ilse Koch muß ihre Zelle in der bayerischen Strafanstalt Aichach wieder räumen. Das Landgericht Augsburg hat beschlossen, die "Kommandeuse von Buchenwald" in die Heilanstalt Günzburg zu überweisen. Dort soll erst der Geisteszustand der molligen 43jährigen untersucht werden, bevor ihr zum drittenmal innerhalb von sechs Jahren der Prozeß gemacht wird.

Die Proteste des Münchner Rechtsanwaltes Dr. Alfred Seidl, Koch-Verteidiger aus Passion, verhallten ungehört. "Bei Rudolf Heß war es bedeutend einfacher", gesteht er vor den Koch-Akten. Gerade seine Nürnberger Kriegsverbrecher-Erfahrungen ließen den kleinen Anwalt leicht erkennen, daß er mit dem Kasus Ilse Koch den wohl ungewöhnlichsten Fall der Nachkriegsjustiz in den Händen hielt.

Deshalb auch sieht er die Heilanstalt-Affäre mit anderen Augen: "Es liegen keinerlei Anhaltspunkte dafür vor, daß Ilse Koch unzurechnungsfähig ist oder war."

"Man will lediglich die von der Anklage erhobenen Beschuldigungen auch von der psychopathologischen und psychologischen Seite her untermauern. Es soll auf diesem Wege bewiesen werden, daß Ilse Koch zwar in vollem Umfange zurechnungsfähig ist, es sich aber bei ihr um eine Persönlichkeit handele, der infolge Hemmungslosigkeit, sadistischer Neigungen, Triebhaftigkeit, Haltlosigkeit, Rachsucht und perverser Veranlagung jede Schlechtigkeit zuzutrauen ist."

Zweifellos waren es hauptsächlich diese charakterologischen Passiva, verbunden mit dem System der KZ, die die kleine unscheinbare Stenotypistin einer Dresdner Zigarettenfirma schließlich in den Augen der Weltöffentlichkeit zum psychologisch unbegreiflichen Phänomen NS-Deutschlands werden ließen.

Zu keiner Zeit war Ilse Koch Mitglied der Partei. Im März 1933 wählt die 26jährige zum erstenmal. Sie wählt Hitler. Ihrer kleinbürgerlichen Herkunft entsprechend verläuft das Leben der Ilse Köhler auch vorerst erstaunlich normal: Höhere Schule, Handelsschule, Ausbildung als Bibliothekarin, ihre erste Stellung als Zigarettenfabrik-Stenotypistin 1931 und eine Liebesaffäre mit einem Fritz Schäffer aus Darmstadt, der später in ihrem Leben noch einmal eine Rolle spielen wird - das sind die Lebenserfahrungen der Ilse Köhler, als sie 1935 den SS-Standartenführer Karl Koch kennenlernt.

Karl Koch, Sohn eines Darmstädter Standesbeamten, ehemals kaufmännischer Angestellter und Buchhalter mit nachgewiesenen Portokassendiebstählen, ist fast zehn Jahre älter als seine neue Bekanntschaft, war schon einmal verheiratet und hat dementsprechend mehr Erfahrung. Oft geht der sportlich begeisterte Koch mit Ilse schwimmen. Bald wird aus den ersten Rendezvous ein so ständiges Verhältnis, daß 1936 beide nach Bad Ems zur Kur fahren. Er ruft sie zünftig "Pimpf", sie nennt ihn zärtlich "Karli".

Zwei Jahre später, 1937, hat Karli seine Position in der SS gefestigt und wird schließlich Lagerkommandant des KZ Sachsenhausen. Allmählich kommen ihm die ersten Regungen, sein Verhältnis mit Ilse Köhler zu legalisieren.

Hoch-Zeit. So kommt es 1937 in der Nähe des KZ Sachsenhausen zu einer synthetisch-teutonischen Hochzeitszeremonie, dessen makabres Aeußere in keiner Beziehung zu dem scharfen Intellekt Kochs steht: Auf einer thingähnlichen Stätte, komplett mit Runenstein-Imitation und knorriger Eiche, stehen Karli und Pimpf zu mitternächtlicher Stunde, er in SS-Uniform, sie in großgeblümtem Abendkleid, umringt von fackelschwenkenden SS-männern in vollem Wichs (inklusive Knobelbechern, Stahlhelm und weißen Handschuhen).

Nur vier Wochen bleiben die Neuvermählten in Sachsenhausen. Koch übernimmt die Leitung des neuerrichteten KZ Buchenwald bei Weimar. Das Paar zieht um. Im Januar 38 bekommt Ilse das erste Kind, im April 39 das zweite, im Dezember 40 das dritte.

Buchenwald bietet dem glänzenden Organisator ein Betätigungsfeld, wie er es sich nicht besser wünschen konnte. Beim SS-Wirtschafts- und Verwaltungs-Hauptamt ist man schon längst auf den Buchenwald-Kommandanten aufmerksam geworden. Angehenden KZ-Kommandanten wird er als Vorbild hingestellt. Als "Altmeister" der KZ darf er die Schulung junger Lagerführer-Aspiranten übernehmen.

Für solch einen Mann konnte es keine bessere Partnerin geben als die rote Ilse. Wenn Reichsführer Heinrich Himmler zu Besuch nach Buchenwald kommt, versteht sie es ausgezeichnet, als Gastgeberin an der Seite ihres Mannes bei Festlichkeit und Tanz zu repräsentieren. Der Reichsheini ist beeindruckt. Es sind die besten Jahre ihres Lebens.

Es ist ein kleiner und unbedeutender Mann, der Weimarer Lebensmittelhändler Bornschein, dessen Geschäfte mit Buchenwald Koch zum Verhängnis werden. Bornschein, nebenamtlicher Stadtrat und Ortsgruppenleiter, ist Hauptlieferant des KZ Buchenwald. Es geht das Gerücht, Bornschein habe Schiebungen größeren Ausmaßes gemacht. Die örtliche Kripo leitet Ermittlungen ein. Aber Bornschein bringt es fertig, unverzüglich zur SS einberufen und in das Lager Buchenwald versetzt zu werden. Dort fungiert er bald als Haupteinkäufer.

Die Untersuchungen der örtlichen Kripo verlaufen erfolglos. Sie gibt den Fall an Arthur Nebes Reichskriminalpolizeiamt in Berlin ab. Nebe weiß mehr um die Interna der KZ. Der Fall könnte für die Kripo gefährlich werden, denn für SS-Angelegenheiten ist sie nicht zuständig. Die unterstehen zusammen mit den KZ der SS- und Polizeigerichtsbarkeit.

Da kommt ihm ein Zufall zu Hilfe. Im RKPA ist seit kurzem der SS-Richter der Reserve Dr. Konrad Morgen tätig. Ihm wird der Fall übertragen. Als SS-Richter kann er mit anderen Mitteln arbeiten als die Kripo. Er braucht nur wenige Tage, um Bornschein zu überführen.

Bei den Nachforschungen im Fall Bornschein stößt der lange Morgen immer wieder auf hartnäckige Gerüchte über sagenhafte Bereicherungen der Buchenwalder SS-Clique durch die 38er Judenpogrome. Immer häufiger fällt der Name Karl Kochs. Morgen beschließt, auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen.

Als SS-Richter bringt der ehrgeizige Morgen die erforderliche Unverfrorenheit mit. Obwohl er dazu nicht befugt ist, überwacht er Kochs Telefonleitung und läßt sich auf der Postüberwachungsstelle die Korrespondenz des Standartenführers vorlegen. Auf den Banken nimmt er Einsicht in die Unterlagen von Kochs Konten. Es ist schwer, durch den scheinbaren Wirrwarr Kochscher Transaktionen und Manipulationen durchzufinden. Der gelernte Bankfachmann und Portokassendieb Koch hat es nahezu meisterhaft verstanden, die wahre Herkunft seines Vermögens zu verschleiern. Auffällig allerdings sind die zahlreichen "Stiftungen" wohlhabender Juden, die 1938 nach der "Kristallnacht" in das KZ Buchenwald eingeliefert wurden.

Morgen muß einen Stab von Spezialisten ansetzen und nistet sich im KZ Buchenwald ein. Koch ist einige Zeit vorher nach Polen versetzt worden, als Kommandant des Massenvernichtungslagers Lublin-Maidanec. Später wird er Kommandeur eines Postschutzbataillons in Saatz. Sein Nachfolger in Buchenwald ist SS-Standartenführer Hermann Pister.

Vor den Augen Morgens entfaltet sich nach monatelanger Kleinarbeit eine Korruptionsaffäre von derartigen Ausmaßen, daß er beschließt, zum Reichskriminalpolizeiamt nach Berlin zu fahren. Dort trägt er Nebe vor. Der sitzt wie versteinert hinter seinem Schreibtisch. Unter anderem erfährt er, daß:

* Kochs Bankkonto im Verlauf seiner vier Buchenwald-Jahre von 600 RM auf 45000 RM angestiegen ist,

* alle Häftlinge, die mit Koch während der Juden-Aktion in der Lagerverwaltung zusammengearbeitet hatten, umgebracht worden sind, wobei Koch durch ein raffiniertes System von nachträglich gefälschten Krankheitsberichten natürliche Todesursachen "belegen" ließ.

Nebe sagt nur: "Sie müssen zu Kaltenbrunner." Vortrag bei Kaltenbrunner. Der ist schweigsam. Dann sagt er: "Sie müssen nach München, zum Hauptamt SS-Gericht, Obergruppenführer Breithaupt." Zum dritten Male trägt Morgen vor. Resultat: "Sie müssen zu Himmler." Morgen fährt wieder nach Berlin zurück. Nach drei Tagen hat er die Vollmacht Himmlers. Er läßt Koch von Saatz nach Buchenwald kommen.

Morgen vernimmt Koch die ganze Nacht. Der Mann, der vier Jahre lang in Buchenwald über Tod und Leben herrschte, ist beileibe kein Kraftmensch. Morgen konstatiert: Ein eiskalter Bursche, ganz Intellekt, ein raffinierter und überlegener Verbrecher. Körperlich kleiner als der Durchschnitt, eher ein asthenischer Typ. Selten wird er laut, meistens spricht er mit ungewöhnlich leiser Stimme.

Karl Koch als Kommandant war unberechenbar. Damit stand er im Gegensatz zu den anderen. Aber seine Unberechenbarkeit war sein System. Er kannte keine Impulsivität. Er saß eher wie eine Spinne lauernd in seinem Netz. Morgen erscheint es deshalb unwahrscheinlich, daß Koch selbst Häftlinge um des persönlichen Triumphes willen geschlagen haben soll.

Unverstandene Frau. Koch war eher der Mann, der seinem Vollstreckungs-Spezialisten Hauptscharführer Sommer ein paar Häftlingsnummern geschäftsmäßig durchtelefonierte, mit der Weisung: "Melden Sie mir den Strafvollzug innerhalb von 14 Tagen." Das war Karl Koch, der Herr von Buchenwald.

Sein härtester Schlag ist es, als Morgen ihn über die Liebesaffären seiner Frau mit anderen SS-Offizieren des Lagers aufklärt. Ungläubig verlangt er Morgens Ehrenwort. Auf dessen Bestätigung sackt er vollkommen in sich zusammen. Als der Morgen dämmert, hat der lange SS-Richter ihn überführt.

Damit wendet sich Morgen Kochs Frau zu. Im Lager herrscht ein Haß gegen die tizianrote "Kommandeuse", wie ihn die Häftlinge nicht einmal gegen den allgewaltigen Koch in sich trugen. Auch die SS-Frauen triefen förmlich vor Haß.

Morgen hat die Kommandeuse schon kennengelernt: eine mittelgroße Frau, schlank, hysterisch, hochfahrend und zynisch. Bei Hysterie-Anfällen kann sie jegliche Selbstbeherrschung verlieren. Ilse Koch ist eine Nymphomanin. Darüber konstatiert Morgen: "Das kann man gar nicht erzählen!" Ilse liebt das Vulgäre. In ihren Flüchen kommt das zum Ausdruck. Den ihr später nachgerühmten Sex Appeal hat die Koch in Morgens Augen nicht.

In anderen Augenblicken versteht sie es meisterhaft, die Miene gekränkter Unschuld aufzusetzen. Sie sei eine "einsame, unverstandene Frau, die jedes Jahr ein Kind kriegt", beklagt sie sich dann. An der Seite Karlis ist auch ihr Vermögen gestiegen, von 121 RM 10 Pfennig auf über 25000 RM.

Aber Morgen braucht nicht lange, um herauszufinden, daß die kriminellen Fähigkeiten der Kommandeuse auf einem anderen Sektor liegen: Ilse Koch ist eine perverse Sadistin. Solange Koch als Kommandant herrschte, war es ihre Passion, mit exhibitionistisch auf Sex Appeal hergerichteter Kleidung, kurzem Röckchen und durchsichtiger Bluse, oder knappem Büstenhalter und Shorts, durch die Lagerstraße zu wandeln. Wagte ein Häftling, sich nach ihr umzudrehen, so meldete sie dessen Nummer ihrem Mann: "Dieses dreckige Judenschwein hat mich unverschämt angeschaut." Karli telefonierte dann mit Sommer.

In der Regel verordnete er 25 Stockschläge über dem "Bock", einer besonderen Prügelvorrichtung. Morgen hält es für sehr wahrscheinlich, daß einige Häftlinge diese von Ilse Koch provozierten Bestrafungen nicht überlebt haben. Es war leicht möglich, daß bei den 25 ein Schlag "ausrutschte" und die Nieren traf Aber dafür kann Morgen keine Beweise bringen.

Doch findet er nach langen Vernehmungen Zeugen, daß die Kommandeuse sich Häftlingsnummern notiert und zur Bestrafung gemeldet hat. Einmal gibt Ilse Koch das Morgen gegenüber zu. Aber später widerruft sie ihre Aussage und beruft sich auf einen "Nervenzusammenbruch".

Morgen ordnet eine überraschende Haussuchung an. Noch wohnt die Koch in dem Haus, das sich ihr Mann nebst einem protzigen Steingarten durch Häftlinge errichten ließ. Um nicht auf zu große Unordnung zu stoßen, wählt Morgen absichtlich eine spätere Stunde. So ist es bereits S11 Uhr morgens, als er an der Haustür schellt. Ungekämmt und nur notdürftig mit einem Kimono bekleidet, rauscht Ilse die Treppe herunter: "Das wird Ihnen teuer zu stehen kommen!"

Vom Boden bis zum Keller läßt Morgen das Haus sorgfältig durchsuchen. Er lüftet die Ziegel und wühlt in den Luftschutzsandsäcken. Kriminalsekretär Heinrich Nett achtet dabei besonders auf Buchhüllen oder Lampenschirme aus tätowierter Menschenhaut. Die Häftlinge im Lager erzählen sich seit einiger Zeit, daß Frau Koch für derartige Dinge eine besondere Leidenschaft habe.

Im Lager gibt es eine "Abteilung für Pathologie" zur "wissenschaftlichen Auswertung der Häftlingsleichen". In dieser Abteilung präpariert auch der Häftlings-Kapo Gustav Wegerer die tätowierte Haut "verstorbener" Häftlinge. Der leitende Lagerarzt Wagner schrieb eine Doktorarbeit über Tätowierungen. Prominenten SS-Besuchern zeigt Wegerer die obszönsten Stücke als besondere Kostbarkeiten. In medizinischen Fachzeitschriften hat Wegerer über die Präparierung von Menschenköpfen nach Art der Amazonas-Indianer gelesen. Er macht auch auf diesem Gebiet Versuche.

Auch eine Tischlampe aus Menschenknochen mit einem Schirm aus Menschenhaut wurde angefertigt. Ueber den Verbleib dieser Lampe war nichts Genaues bekannt. Die Lampenschirme der Ilse Koch, stellt Heinrich Nett fest, sind jedoch aus gewöhnlichem Pergamentpapier. Von gegerbter Menschenhaut ist im ganzen Hause keine Spur zu finden, trotz nochmaliger genauer Durchsuchung durch die Gestapo, die sich auch dafür interessiert.

Ilse liebt hinter Gittern. Gefunden werden lediglich die Bankbücher der Koch. Morgen verhaftet sie wegen "Mitwisserschaft, Hehlerei und Verdunklungsgefahr". Sechzehn Monate sitzt sie als Untersuchungsgefangene im Polizeigefängnis Weimar. Dort sitzt, der Koch für intime Beziehungen wie gerufen, Kochs Hinrichtungsspezialist, Hauptscharführer Sommer.

Dann macht die SS dem Ehepaar Koch den Prozeß. Er wird wegen "Wehrkraftzersetzung, Unterschlagung und Mord" zweimal zum Tode verurteilt*). Obwohl ein Fernschreiben Himmlers vorliegt, wonach er mindestens sechs Jahre Zuchthaus für die Kommandeuse erwartet und obwohl das SS-Gericht sich alle erdenkliche Mühe gibt, die Koch zu überführen, muß sie freigesprochen

werden. Aber es ist kein Freispruch wegen erwiesener Unschuld. Es ist ein Freispruch mangels Beweisen.

Am 12. April 1945 ist Buchenwald frei. Mit den Soldaten der 3. amerikanischen Armee sind die Kameramänner und Kriegsberichter der alliierten Presse in das Lager gekommen. Sie sehen Leichen, die zu Skeletten abgemagerten Ueberlebenden und hören von den Greueln der vergangenen Jahre. Unter diesem Eindruck entstehen die ersten Augenzeugenberichte der alliierten Presseluete. Immer wieder müssen die Ueberlebenden berichten. Selbstverständlich berichten sie von der verhaßten Kommandeuse.

Die Journalisten horchen auf: eine Frau als Herrin eines KZ, eine Frau mit Sex Appeal als sadistische Mörderin in dieser grauenvollen Umgebung - das ist etwas Einmaliges. Die Geschichte der Ilse Koch, der "rothaarigen, grünäugigen Hexe von Buchenwald" rauscht durch die Weltpresse.

Die Berichte enthalten das, was die Befreiten teils aus eigenem Erleben, teils von "allgemein im Lager bekannten Tatsachen" erzählt haben. Darunter auch, daß die Kommandeuse sich die Nummern von Häftlingen mit besonders prachtvollen Tätowierungen notierte, sie töten und ihre Tätowierungen zu Lampenschirmen, Buchhüllen, Photoalben und Handschuhen für sich verarbeiten ließ.

General Eisenhower ist vom Anblick Buchenwalds beeindruckt. Er befiehlt, die Einwohner von Weimar zwangsweise durch das Lager zu führen. Ein amerikanischer Bildberichter, Unteroffizier im U.S. Signal Corps, stellt in der Pathologischen Abteilung einige Funde zum Fotografieren für sich und seine Kollegen und zur Besichtigung durch die unfreiwilligen Besucher zusammen: zwei nach Kopfjägermethode auf Faustgröße zusammengeschrumpfte Menschenköpfe, mehrere Stücke gegerbter tätowierter Menschenhaut und eine Tischlampe mit einem Pergamentschirm.

Den Besuchern wird erklärt, dies sei ein Lampenschirm aus Menschenhaut aus der Sammlung Ilse Kochs, den man in ihrem Hause vorgefunden habe.

Wenig später erscheint derselbe Lampenschirm in einem amerikanischen Dokumentarfilm und den Wochenschauen als der "Lampenschirm der Ilse Koch".

Zu einer Zeit, als die Schrecken von Buchenwald, Dachau, Belsen, Auschwitz und anderen KZ in ihren ganzen Ausmaßen bekanntwerden, erscheint alles möglich und glaubhaft. Selbst die Geschichte über Ilse Kochs Menschenhaut-Sammlung. Innerhalb kurzer Zeit ist "die Hexe von Buchenwald" zur berüchtigtsten Frau des zweiten Weltkrieges geworden.

Aber noch ist Ilse Koch frei und weiß nicht um ihren neuen Ruhm. Mit ihren Kindern ist sie nach ihrem Freispruch 1944 nach Saaz gezogen. Dort erkennt sie vier Wochen nach Kriegsende ein ehemaliger Häftling auf einem Spaziergang. Daraufhin wird Ilse Koch im Juni 1945 von den Amerikanern festgenommen.

Lady. Die Tatsache, daß sie in der Weltöffentlichkeit bereits zur passionierten Mörderin aus Menschenhaut-Sammlerpassion abgestempelt ist, wird ihr zum erstenmal bewußt, als sie in der Internierung die amerikanische Millionen-Illustrierte "Life" aufschlägt. Darin ein ganzseitiges Bild von ihr mit der Unterschrift "Lady of the lampshades". Bis dahin hat man ihr lediglich gesagt, sie solle über die Vollstreckung der Todesstrafe gegen ihren Mann aussagen.

Mit 30 Buchenwalder SS-Männern steht Ilse Koch am 11. April in Dachau zum zweiten Male vor Gericht.

Obwohl die Kommandeuse der "Verschwörung" angeklagt ist (womit die methodischen Massenvernichtungen in den KZ gemeint sind), hat es der amerikanische Hauptankläger William D. Denson von Anfang an darauf abgesehen, die Menschenhaut-Geschichte zu beweisen. Diese Geschichte war es doch, die den Fall Ilse Koch zur Cause célèbre machte. Zehn ehemalige Häftlinge läßt Ankläger Denson als Belastungszeugen vor dem Gericht aufmarschieren.

Da ist der 32jährige Kurt Titz, Landwirt aus Täfenau bei Rieser an der Elbe. Als Kalfaktor war es in Buchenwald von Juni 1940 bis 26. Juni 1942 seine Aufgabe, den Haushalt Koch in Ordnung zu halten. Aber: Obwohl er zwei Jahre lang täglich die Lampenschirme der Ilse Koch abstaubte, kann er nicht sagen, wie sie ausgesehen haben, oder aus welchem Material sie waren.

Da ist dann weiter Herbert Froeboeß, ein Franziskanermönch. Er sagt aus:

"Zusammen mit einem tschechischen Kaplan arbeitete ich beim Ausschachtungskommando im Falkenhof. Wir mußten einen tiefen Graben für einige Kabel ausheben. Plötzlich rief jemand von oben: 'He, Häftling, was machst du da unten?' Wir schauten auf und erkannten Ilse Koch. Sie stand breitbeinig über dem Graben. Sie trug nur einen kurzen Rock, keine Unterwäsche. Dann schlug sie uns mit einer Reitgerte über das Gesicht, so daß uns das Blut aus der Nase quoll."

Dann kommt Froeboeß zum Kernpunkt: "Im Sommer 1940 arbeiteten wir im SS-Stadion. Es war ein heißer Tag, und wir arbeiteten mit entblößtem Oberkörper. Bei uns arbeitete ein junger Franzose oder Belgier mit dem Namen Jean Collinette. Wegen seiner Tätowierungen war er im ganzen Lager bekannt. Besonders auffällig waren eine bunte Kobra-Schlange, die um seinen linken Arm bis nach oben gewunden war, und ein besonders sauber tätowiertes, viermastiges Segelschiff auf seiner Brust.

"Ilse Koch kam vorbeigeritten, hielt ihr Pferd vor Jean, betrachtete die Tätowierungen und schrieb sich seine Nummer auf. Am Abend wurde Jean zum Tor gerufen, und wir haben ihn nie wiedergesehen. Als ich ein halbes Jahr später meinen Freund Josef Ackermann in der Pathologischen Abteilung besuchte, erkannte ich dort ein präpariertes Hautstück mit Jeans Segelschiff. Später sah ich das Schiff auf einem Photoalbum der Koch."

Weitere Kreuzverhöre über Menschenhaut werden angestellt. Schließlich steht gegen Schluß der Verhandlung Ilse Kochs amerikanischer Verteidiger, Emmanuel Lewis, auf und beantragt, die Anklagebehörde möge dem Gericht endlich einen einzigen Lampenschirm, ein einziges Photoalbum oder ein einziges Paar Handschuhe aus Menschenhaut und aus dem Besitz der Ilse Koch als Beweisstück vorlegen.

Die Anklagevertretung: "Es gibt nichts, was wir lieber täten, als dem Gericht diesen Lampenschirm vorzulegen ... unglücklicherweise sind die Leute, die diese Beweisstücke in Verwahrung hatten, bereits nach den Staaten zurückversetzt worden. Es ist nicht festzustellen, wo sich diese Beweisstücke befinden."

Ich war Hausfrau. Ilse Kochs Kreuzverhör ist unergiebig. Ihr wird der Dokumentarfilm mit dem "Ilse-Koch-Lampenschirm" gezeigt. "Dieser Lampenschirm befand sich niemals in meinem Besitz. Gerade die Tatsache, daß er von den Amerikanern 1945 im Hause Koch gefunden wurde, spricht dafür, daß er nicht mir gehörte. Ich wohnte doch seit 1944 in Saatz. Er könnte höchstens unserem Nachfolger gehören." Aber ihr Nachfolger, der letzte Lagerkommandant Hermann Pister, ist nicht angeklagt, Lampenschirme aus Menschenhaut im Besitz gehabt zu haben.

Immer wieder betont sie ihre Rolle als "Hausmutter". "Ich war eine Hausfrau und glaube, daß man meinen Einfluß überschätzt. Mein Mann hätte mich zurechtgewiesen, wenn ich mich in Lagerangelegenheiten eingemischt hätte. Ich versuchte mein Bestes, meinem Mann abends ein gemütliches Zuhause zu bereiten."

Am 14. August 1947 wird Ilse Koch zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt. Die Richter geben unter vier Augen zu, daß sie nur deswegen am Galgen vorbeigeht, weil sie ein Kind erwartet. Das hat sie seltsamerweise in der Haft empfangen. Einer der männlichen Internierten Dachaus hat sich durch einen selbstgegrabenen Tunnel bis an ihre Zelle vorgearbeitet und sie so vor dem Tod durch den Strang bewahrt. Nach amerikanischen Ermittlungen war es Fritz Schäffer, Ilse Kochs Jugendliebe aus Darmstadt.

Ilse Koch wird nach Landsberg in das Kriegsverbrecher-Prison Nr. 1 gebracht. Dort arbeitet sie in der Schneiderwerkstatt und wird gelegentlich von einem Journalisten aufgesucht. Aber sonst wird es still um die Kommandeuse von Buchenwald.

Am 16. September 1948 stolpert Saul Green, der Münchner Korrespondent des amerikanischen Soldatensenders AFN im Kriegsverbrecher-Office der Militärregierung über eine kurze unscheinbare Bekanntmachung: "... ist die lebenslängliche Zuchthausstrafe der Ilse Koch in einem Revisionsverfahren am 8. Juni in eine vierjährige Gefängnisstrafe umgewandelt worden."

Diese Meldung entfesselt in Amerika einen selbst für amerikanische Verhältnisse höllischen Skandal.

Die Leitartikler der großen Zeitungen kennen nur noch ein Thema: Jeden Tag einen Koch-Artikel. Die republikanischen Senatoren protestieren. Heeresminister Kenneth C. Royall soll ihnen eine Erklärung geben, wie es zu diesem "Reductio ad absurdum" kommen konnte, und warum das vier Monate lang geheimgehalten wurde. Der republikanische Senator Homer Ferguson, ein bekannter Jurist, verlangt sofortige Untersuchung der Revisionsgründe durch den amerikanischen Kongreß.

Ein Senats-Untersuchungsausschuß wird gebildet und Heeresminister Royall muß als erster hinter verschlossenen Türen aussagen. Dann beauftragt er General Clay, festzustellen, ob ein neues Verfahren gegen die Kommandeuse durchgeführt werden könne.

Schließlich fordert selbst Präsident Truman von Royall die genauen Unterlagen über den Fall Ilse Koch an.

Was für einen Freund hat Frau Koch? In General Clays Büro sammelt man die amerikanischen Pressestimmen. Ed Sullivan schrieb in der "New York News": "Vielleicht hat unsere Armee das Urteil nur revidiert, damit Ilse Koch wieder in das Lampenschirmgeschäft einsteigen kann."

Walter Winchell im "New York Mirror": "... dann kann unsere Regierung auch jede Zelle in Atlanta, Leavenworth und Alcatraz öffnen, wo einige Soldaten 20 Jahre absitzen müssen, nur weil sie einmal einen Offizier verprügelt haben."

An General Clay wollte Winchell nur "eine Frage stellen: Was für einen Freund hat denn Frau Koch in ihrem Berliner High Command, heh?" Seine Kollegin Dorothy Fuldheim verglich: "Wenn Ilse Koch nicht schuldig ist, dann sind auch Himmler und Hitler nicht schuldig!"

Als Clay für einige Tage in New York ist, fordern Hunderte "Ilse Koch"-Plakatträger seine Absetzung. Ilse Koch ist zum Symbol Nazi-Deutschlands geworden. Als Walter Gieseking in New York ein Konzert geben will, tragen die Demonstranten vor der Carnegie-Hall Plakate: "Spielt Ilse Koch nächsten Sonnabend?"

Monate später boykottieren Hunderte von Demonstranten die deutsche Industrie-Schau in New York: "Wie teuer sind Ilse Kochs Lampenschirme?", steht auf ihren Schildern. Und als Hein ten Hoff in Amerika boxen will, fragen die Schilder: "Wann wird Ilse Koch boxen?"

In Washington versucht General Lucius D. Clay, der für die Urteilsrevision verantwortlich zeichnet, sich zu rechtfertigen. Die Revision sei nicht ein Akt der Gnade oder Großzügigkeit gewesen. "Die Herabsetzung ihrer Strafe entspricht den Prinzipien der amerikanischen Justiz."

Das Studium der Gerichtsprotokolle durch ihn und seine Rechtsberater habe erwiesen, daß die Beschuldigungen gegen die Kommandeuse nicht auf Beweisen, sondern hauptsächlich auf Hörensagen basierten. "Mein Urteil mag falsch sein, aber es stimmt mit meinem Gewissen überein." Ein neues Verfahren gegen Ilse Koch könnte von den Amerikanern nach der bestehenden Prozeßordnung nicht durchgeführt werden. Das müßte den Deutschen überlassen bleiben.

Monate vorher hatte Clays neunköpfiger Rechtsberaterstab mit dem Studium der Koch-Akten begonnen. Man stellte fest, daß die Beweisführung gegen Ilse Koch fehlerhaft war und einer objektiven Nachprüfung nicht standhielt.

Da ist der Fall des Zeugen Kurt Titz. Während einer kurzen Abwesenheit Ilse Kochs hatte er sich einmal von ihren Schnaps- und Weinvorräten sinnlos betrunken, die seidene Unterwäsche der Kommandeuse angezogen, sich von oben bis unten mit einer Flasche ihres französischen Parfüms begossen und in pervertierter Raserei die Spiegel und Möbel im Zimmer der Koch zertrümmert. Doch 1947 war Titz noch am Leben und konnte gegen die Koch aussagen. Das erschütterte den amerikanischen Juristen den Glauben an die angebliche Mordwut der Kommandeuse.

Aehnlich lagen die Dinge beim Hauptbelastungszeugen Froeboeß. Der hatte sich stets, auch vor Gericht, als Franziskanermönch ausgegeben, obwohl er keiner war. Nach seiner Befreiung hatte er sich in dieser Rolle als Entlastungszeuge für SS-Offiziere gegen eine entsprechend hohe Belohnung angeboten. Vor dem Dachauer Gericht hatte er exakte Einzelheiten über die Verbrechen eines jeden der 31 Angeklagten aussagen können. Die Revisionsjuristen fanden es zu anstrengend, ihm zu glauben. Auch hatte er sich im Kreuzverhör im Gestrüpp seiner eigenen Aussagen verheddert: Einmal wollte er das Segelschiff Jean Collinettes auf einem Lampenschirm im Hause Koch gesehen haben, ein anderes Mal auf Ilses Fotoalbum.

Dem Revisionsstab gelingt es auch, die Sache mit dem Fotoalbum aus Menschenhaut ganz aufzuklären. Mr. Solomon Surowitz von der amerikanischen Anklagebehörde hatte nämlich einen Fehler gemacht. Während des Verfahrens hatte er das Fotoalbum der Ilse Koch zwei amerikanischen Korrespondenten von "Newsweek", James O'Donnell und Toni Howard, gezeigt. Die sahen auf den ersten Blick: Das Album war nicht aus Menschenhaut, von Collinettes Segelschiff war nichts zu sehen. "Ein ganz gewöhnliches Fotoalbum aus schwarzer Pappe, wie man es bei Woolworth kaufen kann", stellte O'Donnell fest und ließ die interessantesten Bilder mitgehen.

Hexe von Buchenwald. Das war zum gleichen Zeitpunkt, als die Anklagebehörde im Gerichtssaal Kreuzverhöre anstellte, um zu beweisen, daß Ilse Kochs Fotoalbum in tätowierte Menschenhaut gebunden war. Es war zum gleichen Zeitpunkt, als die Anklagebehörde bedauerte, dem Gericht das Corpus delicti nicht vorlegen zu können, weil es nicht aufzufinden sei.

So steht im Revisionsgesuch: "Die Macht der Propaganda und Massensuggestion kann niemals besser illustriert werden, als im Falle Ilse Kochs. Schon lange vor dem Prozeß war sie bereits öffentlich als die 'Hexe von Buchenwald' schuldig gesprochen worden. Geschichten über sie gingen von Mund zu Mund und wurden mit immer neuen farbenfreudigen Einzelheiten ausgeschmückt. Aber, als es zur Beweisführung vor Gericht kam, da stellte sich heraus, daß diesen Geschichten die Substanz fehlte." Das Fotoalbum aus Pappe lag bei. General Clay war überzeugt.

Vier Wochen nach der Rechtfertigung des Gouverneurs veröffentlicht der Untersuchungsausschuß des Senats 12000 Worte Koch-Befund. Das Fazit: "Die Urteilsrevision war nicht gerechtfertigt ... Der Irrtum im Koch-Fall ist ein vereinzelt dastehender Makel, der auf der Zuverlässigkeit und Wachsamkeit unserer demokratischen Justiz liegt."

William D. Denson, der erste amerikanische Staatsanwalt im Dachauer Koch-Prozeß, fühlt sich veranlaßt, dazu in der Presse Stellung zu nehmen:

"Ich wußte viel mehr, als in den Prozeßakten aufgenommen wurde... viele Einzelheiten konnten vor Gericht nicht vorgebracht werden... ein großer Teil der Akten kann auch hier nicht wiedergegeben werden, weil es so unaussprechlich unanständig ist. Es genügt zu sagen, daß Ilse Koch sich zu einer perversen Sadistin von monumentalen Ausmaßen entwickelte, die einmalig in der Geschichte dasteht. Ich habe nur zehn Zeugen gegen sie aussagen lassen, obwohl noch viele andere sich danach drängten. Um der Kürze willen habe ich absichtlich keinen so großen Nachdruck auf das überwältigende Beweismaterial gelegt."

Clay-Rechtsberater Colonel J. L. Harbaugh: "Wenn Ilse Koch wirklich so notorisch war, wie die Welt es glaubt, dann ist es erstaunlich, daß die Anklagebehörde nicht jeden verfügbaren Beweis vorlegte, um jeden Zweifel auszuschalten."

Um Licht in diese düsteren Gegensätze zu bringen, beauftragt die "New York Herald Tribune" ihren Deutschland-Korrespondenten, Edwin C. Hartrich, mit einer nochmaligen genauen Untersuchung der Koch-Akten. Hartrich watet durch ein Meer von Protokollen.

Dann schreibt auch er: "Der Fall Ilse Koch ist ein plastisches Beispiel schlecht gehandhabter Propaganda. Die Amerikaner, die nicht gerade Amateure in dieser Kunst sind, fielen ihrer eigenen Propanda-Geschichte zum Opfer und unternahmen es dann, sie vor einem ordentlichen Gericht zu beweisen."

"Denson und seine Kollegen versuchten verzweifelt, diese unbeweisbare Propaganda-Geschichte zu beweisen. Zur gleichen Zeit hätte Ilse Koch auf Grund ihrer anderen Delikte, für die auch Beweismaterial vorlag, von jedem Gericht der Welt rechtmäßig verurteilt werden können."

Hartrichs Vater, ein biederer Grundstücksmakler in Chikago, bekommt endlose Telefonanrufe: ob sein Sohn Faschist geworden sei? Walter Winchell, einer der unzuverlässigsten und einflußreichsten Kommentatoren Amerikas, entfesselt eine Pressekampagne gegen Hartrich und die "Tribune". In vier "Tribune"-Spalten widerlegt Hartrich Winchells Behauptungen Punkt für Punkt. Damit endet Winchells Koch-Artikel-Serie.

Am 17. Oktober 1949 wird eine 165 Pfund schwere Ilse Koch, in selbstgeschneidertem grün-grauem Kostüm und Wagner-Kappe, aus dem Landsberger Kriegsverbrecher-Gefängnis entlassen. Als erster begrüßt sie ein deutscher Staatsanwalt mit dem Haftbefehl. Als Untersuchungsgefangene wird sie in das Zuchthaus Aichach bei Augsburg übergeführt.

Daß die Koch schuldig ist. Schon sechs Monate vorher hatte General Clay den bayerischen Ministerpräsidenten aufgefordert, ein neues Verfahren gegen die Kommandeuse anzustrengen. Der hatte den Hauptankläger bei dem Generalstaatsanwalt in Bamberg, Dr. Johann Ilkow, beauftragt, Belastungsmaterial zu sammeln. Mit der Leitung der Voruntersuchung wird Dr. Jagomast, Untersuchungsrichter beim Oberlandesgericht Bamberg, betraut.

Koch-Verteidiger Seidl hat inzwischen beim Bayerischen Verfassungsgerichtshof Beschwerde dagegen eingelegt, daß die Ermittlungen und Voruntersuchungen vom Oberlandesgericht Bamberg gemacht werden. Zuständig für die Koch sei das Landgericht Augsburg, vor dem auch der Prozeß stattfinden werde.

Das bayerische Justizministerium begründet offiziell: Die perfekten englischen Sprachkenntnisse seien bestimmend für die Beauftragung der Bamberger gewesen, da umfangreiche Ermittlungen bei ehemaligen Buchenwald-Häftlingen in Amerika notwendig gewesen wären.

Tatsächlich ist Alfred Seidl mit den beiden Bambergern vom 10. August bis zum 15. September auf Besatzungskosten in den Staaten gewesen, um dort Ermittlungen anzustellen.

Obwohl Dr. Jagomast so und auf andere Weise bereits über 2000 Zeugenaussagen zusammengetragen hat, wird Dr. Ilkow erst einmal die Zuständigkeit seines Gerichtes klarstellen müssen.

Seidl will sich auf die Strafprozeßordnung berufen, nach der niemand wegen desselben Vergehens wiederholt angeklagt und verurteilt werden darf. Danach müßte Ilkow andere Anklagepunkte erheben, als damals das Weimarer SS-Gericht und später das Kriegsverbrecher-Gericht in Dachau.

Trotzdem sieht Verteidiger Seidl keinen Grund zum Optimismus. Wenn die Voruntersuchungen im März abgeschlossen sind, wird Ilse Koch einige Wochen später vor einem Augsburger Schwurgericht stehen. Das besteht in Bayern aus der Geschworenenbank mit 12 Laien- und 3 Berufsrichtern. Ueber die Schuldfrage entscheiden allein die 12 Laien.

Seidl befürchtet: "Das sind alles biedere Schweinemetzger und Schneidermeister. Die gehen schon vonvornherein mit der Ueberzeugung zur Verhandlung, daß die Koch schuldig ist."

*) Das Urteil wurde im April 1945, wenige Tage vor dem Einmarsch der Amerikaner, im KZ Buchenwald vollstreckt.

DER SPIEGEL 7/1950
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