16.02.1950

TITANICRealistisch ertrunken

Sieben Jahre lang lag der deutsche Film "Titanic" auf Eis. Jetzt hatte er Uraufführung in Stuttgart. Der Vorspann war stark gekürzt. Der Name des Drehbuchautors Walter Zerlett-Olfenius fehlt. Zerlett-Olfenius wurde 1947 als Nutznießer und Denunziant zu vier Jahren Arbeitslager und 50 Prozent Vermögenseinzug verurteilt. Der Name des Regisseurs Herbert Selpin ist groß geschrieben. Ihn kostete der Film den Kopf.
In Gdingen, damals Gotenhafen, wurden im Sommer 1942 mit der "Cap Arcona" als "Titanic" die Außenaufnahmen gedreht. Goebbels hatte für den "Gottstrafe-England"-Film Millionen genehmigt. Die Presse war voll von Vorankündigungen. Plötzlich durfte der Name Selpin nicht mehr genannt werden. Goebbels hatte es verboten.
Selpin war der Geduldsfaden gerissen. Als er zu den Außenaufnahmen kam, hatte sein Aufnahmestab unter Leitung seines Freundes und Autors, Walter Zerlett-Olfenius, noch nicht viel geleistet. Bei den Außenaufnahmen störten die Marineoffiziere der im Hafen liegenden Schiffe. Sie torpedierten die Herzen der Statistinnen. Sie torpedierten auch die Nachtaufnahmen, indem sie mit Blitzlicht dazwischenfunkten.
Im Kasino von Zoppot entlud sich der Selpinsche Zorn. Er beschimpfte Zerlett, warf ihm Unfähigkeit vor und belegte Wehrmacht, Partei und Ritterkreuze mit Kraftausdrücken, die in dem vornehmen Haus selten mit solcher Lautstärke erklangen.
Zerlett kündigte bei seinem Regisseur, schrieb einen Bericht an die Tobis und erzählte seinem Duzfreund, dem Präsidenten der Reichskulturkammer, SS-Obergruppenführer Hinkel, von Selpins Aeußerungen.
Selpin kam nach mißglückten Versöhnungsversuchen vor das Ehrengericht, nahm nichts zurück und wurde am 30. Juli 1942 verhaftet. Am Morgen des 1. August wurde er am Hosenträger hängend tot in seiner Zelle gefunden. Fotos des Toten bewiesen, daß er vorher erwürgt worden war.
Damals wurde das Gerücht in die Welt gesetzt, Selpin habe Selbstmord begangen. Seine Freunde glaubten es nicht, boykottierten Selpin - Feinde und hielten Kundgebungen im kleinsten Kreis ab. Bis Goebbels' Warnplakate in den Ateliers hingen.
Einen Tag vor der geplanten Uraufführung 1943 zerstörte eine Bombe Kino und Uraufführungskopie. Goebbels zog den Film zurück.
Bevor der Südverleih den Tobisfilm auf den Markt brachte, schnitt die Schere tief ins Fleisch der Handlung. Sie zerschnitt auch den roten Faden. Die antienglische Tendenz hielt sich. "Titanic" wäre, wenn man das Wort Plutokraten in Monopolkapitalisten übersetzen würde, ein erstklassiger östlicher Propagandafilm.
Die bösen Börsenjobber sind an allem schuld. Sie prassen auf dem Luxusschiff der White-Star-Line, raffen Juwelen, treiben die Börsenkurse hoch und das Schiff vorwärts. Es muß unbedingt das Blaue Band gewinnen, damit die Herren von der Hochfinanz ihren Profit machen.
Die guten Menschen sitzen im Bauch des Schiffes und im Zwischendeck. Der Erste Offizier ist kreuzbrav, und seine Reden ähneln den Schulungsbriefen der NSDAP. Ein knochenloser Dialog, von politischen Korsettstangen mühsam gestützt, treibt die Handlung der über 1000 Filmmeter dauernden Katastrophe zu.
Da zeigt Selpin, was er kann. Wassermassen stürzen in das Schiff. Die Panik ist groß. Rettungsboote kentern, und die Musik spielt. Dazwischen findet der Erste Offizier (Hans Nielsen) noch immer Zeit, sich in eine geheimnisvolle schöne Baltin (Sybille Schmitz) zu verlieben und den Plutokraten die Meinung eines aufrechten Mannes zu sagen.
Die Menschen trampeln einander zu Tode und den Zuschauern auf den Nerven herum. Schließlich versinkt der riesige Rumpf in den Fluten und reißt 1600 Passagiere mit in die Tiefe. Der historische Choral ("Näher mein Gott") wurde 1942 unterschlagen und auch 1950 nicht nachsynchronisiert.
Die Presse sagte zu dem technisch großartigen und politisch bedenklichen Film nein. Die Stuttgarter Zeitungen bestätigten einmütig, "Titanic" sei eine Katastrophe. Sie stuften ihn als Naziaktivisten ein.
Das Publikum sagte ja und steht an den Kassen der "Planie"-Lichtspiele Schlange. Die Stuttgarter haben noch nie 1600 Menschen so grausam realistisch ertrinken sehen.

DER SPIEGEL 7/1950
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