02.03.1950

BRUDERSCHAFT

Ergebenster v. Manteuffel

General a. D. Hasso von Manteuffel ist es nachgerade schon gewohnt, mit Generalleutnant a. D. Kurt von Manteuffel verwechselt zu werden. Von Zeit zu Zeit muß er dieserhalb ein Dementi geben. Letzte Woche mußte Hasso nicht nur klarstellen, daß er nicht Kurt sei, sondern auch, daß er noch nie in seinem Leben einer Untergrundbewegung angehört habe.

Mit beiden Behauptungen sagte er nicht die Unwahrheit. Denn die "Bruderschaft", der er als besonders großer Bruder angehört, ohne allerdings zum "inneren Führungsring", dem "Bruderrat" zu gehören, läßt sich selbst mit der ausgefeiltesten Geheimdienst-Phantasie nicht als Untergrundorganisation ansprechen. Aber die Bruderschaft gibt es, und daneben gibt es noch andere Bünde, die als Untergrund in Agentenberichten und ausländischen Zeitungsschlagzeilen figurieren.

Da ist die "Katakombe Scheinwerfer", da ist die "Neue Feuerwehr", da ist die "Kaiser-Karls-Gilde" da sind die Klüter Blätter der "Unitarier" und da sind die "Windhunde" und da ist die lammfromme lizenzierte "Deutsche Union", deren geschäftsführender Vorsitzender Hans Christoph Frhr. von Stauffenberg zum inneren Führungsring von Hasso von Manteuffels Bruderschaft gehört.

Der Baron von Stauffenberg genießt als Vetter des Attentäters den Ruf eines politischen integren Menschen. Er konnte es sich leisten, mitten im Fastnachtstreiben mit Chinesen, Gespenstern und Zigeunern auf seinem oberschwäbischen Schloß Rißtissen um Mitternacht einige besondere Narren im Kaminzimmer um sich zu versammeln, um mit ihnen die Untergrundmeldungen zu belächeln.

Als Vorsitzender der "Deutschen Union" ist er seit einem Jahr bemüht, die "abseits stehenden Kräfte der jüngeren Generation wieder in die Legalität und in die politische Verantwortung zurückzuführen". Gottfried Griesmayr, letzter Amtschef "Weltanschauliche Schulung" der Reichsjugendführung, berät ihn fachmännisch.

"Meine politischen Freunde und ich sind in den letzten Monaten immer wieder mit den obskursten Untergrundbewegungen identifiziert worden. Der Zeitungsleser muß annehmen, daß wir mit Dynamitladungen in der Hosentasche, einem Dolch zwischen den Zähnen und einer schwarzen Larve im Gesicht auf der Lauer liegen, um den Staat zu stürzen und harmlose Spaziergänger zu erschrecken". So Hans Christoph.

Er weiß, was andere auch wissen, vielleicht ausgenommen die Landesicherheits- und Informationsämter.

* Die "Katakombe Scheinwerfer" ist bestenfalls Hochstapelei und existiert außer in den Soennecken-Ordnern deutscher und ausländischer Sicherheitsorgane nur in der Vorstellungswelt politisch Halbwüchsiger. Das anonyme Pamphlet "DER SCHEINWERFER - Informationsdienst für unsere Freunde" ist in der Hauptsache Produkt eines ehrgeizigen NS-Journalisten, der noch vor kurzem in München wohnte und dem, wenn der Schwarzhandel nicht mehr genug abwirft, bald die finanzielle Puste für sein journalistisches Hobby ausgehen wird.

* "Die neue Feuerwehr" ist keine gefährliche Zusammenrottung umstürzlerischer Elemente, sondern ein recht harmloses, offiziell versandtes Suchdienst-Blättchen der ehemaligen Division Großdeutschland, die als Feuerwehr an den Fronten von Brennpunkt zu Brennpunkt reisen mußte.

* Die "Kaiser-Karls-Gilde" möchte gern so etwas wie eine Kreuzung zwischen Großloge und studentischer Verbindung sein. Im Ländchen Braunschweig steigen dazu Männer in einen feierlich drapierten Raum, trinken Wein aus historischem Humpen und haben sich dabei einen mittelalterlichen Ritus zugelegt. Bei Kerzenschimmer gilt das erste feierliche Glas Gott dem Vater, das zweite Kaiser Karl (offensichtlich dem Sachsenschlächter) und das dritte "unser lieben Frau".

* Die Unitarier sind ebenfalls kein Geheimorden, sondern der dürftige Wurmfortsatz der Hauerschen Gottgläubigen mit einer Zeitschrift, den "Klüter Blättern", die man, wie glaubhaft versichert wird, nicht verstehen kann, weil sie von dem SA-Dichter Herbert Böhme geschrieben werden.

* Die "Aktion Windhund" ist die von Generaloberst a. D. Franz Halder inspirierte fixe Idee des Generals von Schwerin, letztem Kommandeur der 16. Panzergrenadierdivision (mit zwei Windhunden als taktischem Zeichen). Schwerin will im Falle eines sowjetischen Angriffs die kampfkräftige mannbare Jugend Westdeutschlands hinter den Rhein evakuieren, um sie dort den Alliierten als HiWis zur Verfügung zu stellen. Offiziell: um die deutsche Substanz zu retten. Außer bei einigen ausländischen Freunden und organisationswütigen Obersten a. D. hat Schwerin für seinen Windhundplan kein Echo gefunden.

* Die "Deutsche Union" ist seit ihrer vielbeachteten Braunschweiger Gründung nahezu völlig in Vergessenheit geraten und macht nur auf sich aufmerksam, wenn es gilt, eine neu eingegangene Verbindung ihres immer mehr in politischen Geschäften vieler Art versackenden Vorstandsmitgliedes August Haußleiter zu dementieren.

* Die um die In- und Auslandspresse so verdiente "Bruderschaft" hat ihren Nimbus erst, seit die Auslandspresse ihren erschreckten Lesern den Knüller von der "Loge der Brüderschaft", einer verschworenen Generalsclique mit großdeutschen, neofaschistischen Machtbestrebungen, servierte und die Inlandspresse diesen Verkaufsschlager freudig aufgriff, um daran einen Kommentar über die Notwendigkeit von Sicherheitsämtern in jedem Land aufzuhängen.

Bis zu dieser unverdienten Propaganda, bis 1949 also, hat die Bruderschaft als kaum über Hamburg hinausgewachsene Gruppe mißvergnügter Neudemokraten mit typisch deutschem Sendungsbewußtsein ihre Idee einer weltanschaulich untermauerten Europa-Konzeption diskutiert. Dabei war es bei aller Geschäftigkeit weder zur Formulierung dieser Konzeption noch zum Aufbau einer tragfähigen Organisation gekommen.

Hamburgs Forstwirtschaftsprofessor Dr. Franz Losimfeldt Heske, weitgereister Kenner aller Aufforstungs- und Durchforstungsprobleme von Indonesien bis Kapland und vom Himalaya bis zur Lüneburger Heide, war schon in einem britischen Internierungslager politisch befruchtet worden und dabei von seinem Holzwege abgekommen.

Gemeinsam mit Otto Strassers Emigrations-Kumpan, dem später heim ins Reich gekehrten SS-Obersturmbannführer im Personalamt der Waffen - SS. Alfred Franke-Gricksch, betrieb er die weltanschauliche Grundlagenforschung und gab vor geladenen Gästen Einblick in die "große Setzung" des "organischen Weltbildes".

Dieses organische Weltbild erfordere eine neue "gestufte Ordnung", angeglichen den allgemeinen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen, auch im Politischen. Es dürfe also keine Volksvertretung nach westlich-demokratischem Prinzip geben (das die Gleichheit aller Menschen voraussetze), sondern einen nach Begabung und Leistung gerangten Aufbau des gesetzgebenden Staatsapparates. Sozusagen einen Eliteorden als Führungsgremium mit einer Kontrolle durch ein ständisch gegliedertes Parlament Der alte Strasser lugt durch die Ritzen dieses organischen Weltbildes.

Das organische Weltbild verlange aber auch die Ueberwindung kleinlicher nationalistischer Ressentiments und erfordere den Durchbruch zu einer Nationwerdung Europas.

Dazu sei die jüngere Generation aller vom Krieg betroffenen europäischen Länder berufen. Durch ihre "leidvoller Erlebnisse" - "jeder einmal hinter irgendeinem Stacheldraht" - über den Zusammenbruch persönlicher oder nationaler Egoismen sei Europas Jugend längst bewußt oder unbewußt zu neuen, nahezu religiösen Bindungen gelangt.

Nicht immer verständlich, aber von dankbarem Beifall begleitet, hatte Bruderschafts-Ideologe Franke-Gricksch diese Erkenntnistheorien zum Dogma der von der Bruderschaft erstrebten "Europäischen Revolution" gemacht. Die Zuhörer, meistens irgendwo im verbissenen Existenzkampf festgefahren, sahen teils gläubig, teils skeptisch auf das neueste Rezept für die Seligkeit auf Erden. Der Weg blieb unklar.

Was sich aber auch tat, zunächst in Hamburg, später in Celle, Hannover, Flensburg und Düsseldorf: über den Startversuch eines ersten Vortrages und über ein paar Briefe ging es meistens nicht hinaus. Vielen war das zu wenig. Niemand aber hatte den Eindruck, mit einer Untergrundbewegung in Berührung gekommen zu sein. Die Briefe und Rundschreiben liefen mit Absenderangabe, und in deutscher Gründlichkeit wurden Organisationspläne und Versammlungsfolgen im freien Briefverkehr befördert.

Der Organisationsleiter der Bruderschaft, Helmut Beck-Broichsitter, letzter Erster Generalstabsoffizier des Panzerkorps Großdeutschland, Major a. D., Ritterkreuzträger, Nachkriegs-Kunstmaler und seit dem Tage X GCLO-Angestellter in Neumünster (Holstein), drängte - mit einem gewissen Horror vor den Nur-Ideologen - auf Verwirklichung.

Koordinierungsgespräche mit der Deutschen Union, die gleicherweise wie die Bruderschaft über Gründungsprotokoll und weltanschaulich - politische Teegespräche nicht hinausgekommen ist, wurden arrangiert. Plan: die Union sollte die politische Massenbewegung werden und "in die Drecklinie des Parlamentarischen Kleinkrieges vorgehen", die Bruderschaft aber sollte die "Loge der politischen Führungskräfte" sein.

Bald zweifelte man an den gegenseitigen Werten. Die DU vermißte bei der Bruderschaft die "großen konstruktiven Persönlichkeiten", und die Bruderschaft sah nichts von der sich entwickelnden Massenbewegung DU.

Nächster Plan: Verschmelzung. Sie scheiterte, da die Hochzeitswilligen sich auf keinen gemeinsamen Familiennamen einigen konnten. Immerhin wurden "Stauffenberg und seine besten Pferde" in den Bruderrat übernommen und einige "Brüder" wirkten für die "Deutsche Union". Auch dieses vor-eheliche Zusammenspiel stand unter unglücklichen Sternen, da beide Partner einander Impotenz vorwarfen.

Generalstabs-Beck koordinierte erfolgreicher. Selbst im chronischen Dauerdalles reiste er mit den letzten zusammengekratzten Pfennigen oder per Anhalter zu Generälen, Generalstäblern und Soldatengruppen, die sich "zu Suchaktionen nach vermißten Kameraden oder zur Unterstützung von Angehörigen Gefallener" zusammengetan hatten.

Becks Parole: "Gerade weil wir keine Militaristen und keine Nationalisten sind, dürfen wir uns nicht zum Söldner- oder Hiwi-Dienst für Ost oder West bereitstellen. Soldaten werden wir nur für ein Europa, in dem Deutschland gleichberechtigt ist. Ein starkes, unabhängiges Europa ist die beste Friedensgarantie".

Becks Zuhörer, meist alte Krieger, ohne Ambitionen nach neuen Panzerfaust-Abenteuern, stimmten zu: "Hände freihalten! Nicht verheizen lassen! Ohne uns!" Aber dann hörten sie meist nichts mehr von dem langen "Bruder" mit dem zerschossenen Bein, dem schmalen Schädel und der Künstlermähne: Bruderschafts-Schatzmeister Dr. Achenbachs Kassenbestand reichte nicht für das notwendige Briefporto, geschweige denn für Reisespesen. Aber die Zustimmung war da.

Panzergeneral Hasso von Manteuffel, Brillantenträger - Obergruppenführer der Waffen-SS Gille, Reitergeneral Niemack, früher Kavallerieschule Hannover, Oldwig von Natzmer, letzter Generalstabschef der Heeresgruppe Mitte, und weitere Generale und Generalstäbler erkannten die Ohneuns-Parole des Bruders Beck als richtig an.

Aber das war schon ein falscher Zungenschlag. Diese altgedienten Soldaten wollten natürlich doch lieber vor der Front stehen als auf einem Büroschemel hocken. Sie wußten nur nicht recht, wie sie es anfangen sollten und wie sich ihre Wünsche mit der Politik Konrad Adenauers auf einen Nenner bringen ließen.

Aber da war ja Hasso von Manteuffel. Der jetzige Exportleiter in Westdeutschlands größter Schraubenfabrik Bauer & Schaurte, Düsseldorf-Neuß, verlebte seine dienstfreie Zeit zumeist in Königswinter, auf dem Gut Wintermühlenhof des früheren Obersten Streve. Adenauer in Rhöndorf und Manteuffel in Königswinter waren beinahe Nachbarn.

In der "Neuen Feuerwehr" vom Dezember 1949 konnte man lesen: "Wir haben Herrn von Manteuffel gebeten, uns zunächst einmal als gemeinsame Spitze zu vertreten", und "Wir haben in diesem Sinne am Schaffen einer Einheitsfront der ehemaligen Soldaten aller Dienstgrade ernsthaft gearbeitet und - wie ich glaube - mit Erfolg". Unterschrift: von Natzmer.

Wer ist nun Hasso von Manteuffel? Wer ist der Mann, der immerhin große Aussicht hat, der Oberbefehlshaber eines deutschen Kontingents innerhalb einer europäischen Unionsarmee zu werden?

Der englische Militärschriftsteller Captain Liddell Hart, mit dem Manteuffel in ständigem Briefwechsel steht, bescheinigt dem deutschen Panzermann in seinem Buch "The other side of the hill", er habe in der britischen Kriegsgefangenschaft im Gegensatz zu vielen anderen deutschen Generalen eine erfreuliche Figur gemacht.

Die Charakterisierung ist überaus schmeichelhaft: "Manteuffel war ein Berufssoldat jüngerer Prägung und ein Aristokrat. Ein Mann von gelassener Würde, ähnlich Rundstedt, war gleichzeitig ein energischer Vertreter neuer Methoden. Innerhalb eines Jahres war er vom Divisionskommandeur zum Armeebefehlshaber aufgestiegen ... Manteuffel ist Berufssoldat genug, um gern in der Aussprache noch einmal seine Schlachten durchzukämpfen, aber doch auch Philosoph genug, um nicht unverhältnismäßig dabei zu verweilen, wie es schief ging. Er hat auch einen erfreulichen Sinn für Humor ..."

Er kramt gern in Kriegserinnerungen: "Im November 1941 hatte ich mit dem kleinen russischen Städtchen Lataschino nördlich Moskau eine große Schnapsfabrik erobert. Ich schickte ein Fernschreiben an meinen Kommandierenden General, General der Panzertruppen Ferdinand Schael: 'Lataschino genommen. Große Schnapsfabrik erbeutet. Manteuffel'. Drahtet Schael zurück: 'Bravo Manteuffel. Nicht alles aussaufen. Ferdi'."

"Ferdi bat mich dann zu sich. Natürlich wurde das Ereignis schwer begossen. Viel Schnaps gesoffen. Auf der Rückfahrt erreicht mich Meldung: "Hunde mit Sprengladungen auf dem Rücken springen unsere Panzer an. Ich befehle: Wer einen Hund sieht, schieß' ihn tot. So fanden wir dann am nächsten Tage 62 tote Hunde zwischen unseren Panzern."

Manteuffel meldete Reinhardt, Reinhardt gratulierte, Manteuffel: "Jetzt springen uns schon die Hunde an, wenn uns noch die Vögel bescheißen, müssen wir Rußland räumen ..."

Und so jagt ein toller Scherz den anderen.

Manteuffels Laufbahn: Jahrgang 1897, zäh-schmächtiger Großneffe jenes Feldherrn von 1870, der seine Dotation als Reichsstatthalter von Elsaß-Lothringen bei französischem Rotwein verjeute, Kadettenschüler von Naumburg und Lichterfelde, Weltkriegsleutnant, Kavallerist, 1934 Major. Er liebt es, zu betonen, daß er nie Generalstäbler gewesen ist und daß er keinerlei kriegsakademische Ausbildung genossen hat. Er wurde Divisionskommandeur der "Fliegenden Feuerwehr" Großdeutschland, mit fünf Nennungen im Ehrenblatt, Ritterkreuz, Eichenlaub, Schwertern, Brillanten. Er war während der Ardennen-Offensive Befehlshaber der 5. Panzerarmee und bekam zuletzt die 3. Panzerarmee im Osten.

Dieser zweifellos tapfere Ziethen unter Hitlers Panzergeneralen, der auf einer Photographie schon einmal die Kopfhaltung eines friederizianischen Offiziers einnimmt, verrät auch geistig die Anspruchslosigkeit, die Liddell Hart ihm in körperlicher Hinsicht bescheinigt. Er ist der Auffassung, der deutschen Jugend von heute fehle die Erziehung durch die Schule der Nation, auf die er sein Hauptaugenmerk richten würde, wenn er etwas zu bestimmen hätte.

Wenn der künftige Oberbefehlshaber ein loyaler und unpolitischer Soldat sein soll, so ist Manteuffel zweifellos richtig. Hier einige Auszüge aus seinen "zusammengewürfelten Gedanken eines langjährigen Soldaten zu einer Frage, die zur Zeit alle Deutschen interessiert", oder aus seinem "Bekenntnis eines freimütigen Deutschen":

"Nach verlorenen Kriegen sollten Generale schweigen, um so mehr, wenn sie - wie ich - sich nunmehr völlig dem bürgerlichen Leben zugewandt haben und dort ihr Brot verdienen Ich liebe aber mein Vaterland von ganzem Herzen, für das ich in zwei Kriegen Blut verloren habe, auch wenn unser Land heute krank ist - aus diesem Grunde sogar erst recht. Ich bin und bleibe Deutscher: eine politische Entscheidung ist für Deutschland notwendig ... Der Bolschewismus ist ein Weltübel! Zur Beschwichtigung seiner eigenen Bevölkerung und die seiner Satellitenstaaten und aus vielerlei Gründen, die offensichtlich sind oder die wir nur vermuten können, muß der Bolschewismus weiterdrücken, weil der russische Kommunismus expansiv ist und die Welt erobern will ..."

Und dann kommt das Angebot: "Gegen diese tödliche Gefahr anzugehen, müssen wir alle helfen, nötigenfalls dagegen ankämpfen. Ich sage ausdrücklich 'ankämpfen'."

Ueber Adenauer meint Manteuffel, es sei tieftraurig, daß sich in Adenauers großer Familie so gar keine Soldaten befänden. Als der Bundeskanzler sein Amt antrat, versicherte ihm Manteuffel in einem Glückwunschschreiben, daß "die ehemaligen Soldaten Ihnen folgen werden". Manteuffel hatte dem Präsidenten des Parlamentarischen Rates schon einen Besuch abgestattet, der in der Bundeskanzlei als "Höflichkeitsbesuch" geführt wird.

Manteuffel seinerseits ließ Adenauer ein Memorandum zugehen. Es heißt darin: "Die alsbaldige Einbeziehung Deutschlands in das atlantische System, auch wenn es selbst noch nicht mit Streitkräften daran beteiligt ist, scheint mir erstrebenswert, denn diese Atlantisierung Deutschlands würde erlauben, auf die Russen einen Druck auszuüben, der sie zur Annahme einer Verhandlungsbereitschaft eher bereit fände, als ein ohnmächtiges Deutschland und ein hilfloses Europa.

"Das Menschenpotential Deutschlands wird vor und in dem Kampfe gegen die fortdauernde bolschewistische Revolution ausschlaggebend für die Errettung der europäischen Völkerfamilie sein - man sollte daher nicht mehr nach Gründen suchen, um an dieser Tatsache vorbeizureden.

"Daß Sie die richtigen Männer und Führerpersönlichkeiten finden mögen, ist der heißeste Wunsch aller verantwortungsbewußten deutschen Menschen, Männer wie Frauen, insbesondere der ehemaligen Berufssoldaten.

"Daß wir uns dabei von denjenigen absetzen wollen und werden, von denen wir uns schon innerhalb des Stacheldrahtes während der Kriegsgefangenschaft abgesetzt haben, ist verständlich.

"Es ist dies auch der durchaus begreifliche Wunsch unserer Männer, die - und das muß hiermit im Zusammenhang stehend ausgesprochen werden - von Männern geführt werden wollen, die während der Wiederaufbauzeit Deutschlands gearbeitet haben in des Wortes ursprünglicher Bedeutung. Sie wollen Persönlichkeiten vorgestellt haben, die neben ihrer fachlichen soldatischen Eignung den Ausweis persönlicher Leistung und den der Tapferkeit vorweisen können.

"Ich bin mit meinen Kameraden der Auffassung, daß gerade die deutsche Jugend, die ja noch immer in einem Umbruch lebt, hierauf mehr Wert legt als schlechthin und allgemein angenommen wird. Wir Kämpfer des zweiten Weltkrieges haben erfahren müssen, daß die Macht der Persönlichkeit auf dem Gefechtsfeld noch größer und stärker geworden ist.

"Ich halte die Auswahl der führenden Persönlichkeiten für ganz entscheidend.

"Man sollte deutscherseits sagen, worauf wir im Rahmen einer europäischen Unions-Wehrmacht zu verzichten vorbehaltlos bereit sind. Dieses sind: auf die strategische und operative Führung, auf eine operative Luftwaffe, auf eine operative Kriegsmarine und auf eigene Waffen-, Munitions- und Ausrüstungsherstellung und Ergänzung. Unabänderlich ist dagegen die Aufstellung reinrassiger deutscher Verbände unter deutscher Führung bis zum Korpsverbande.

"Die gepanzerte Kerntruppe braucht 30 Divisionen von höchster Kampfmoral und Erfahrung. Bei zehnfacher Ueberlegenheit spielt die Kampfmoral eine untergeordnete Rolle. Wo es zum Messen der Kampfmoral kommen sollte, wird in den ersten Monaten der Russe Sieger sein. Er ist hartnäckig, unvorstellbar zäh, dazu äußerst anspruchslos und ferner grausam. Seine Infanterie ist zur Zeit die härteste.

"Ich habe in meinem großen Kameradenkreise niemals einen Zweifel darüber gelassen und darüber aufkommen lassen, daß der einzuschlagende Weg das sein muß, was der Soldat und Mann auf der Straße als sauber bezeichnet.

"Mit dem wiederholten Ausdruck meiner vorzüglichsten Hochachtung bin und verbleibe ich Ihr ganz ergebenster gez. v. Manteuffel, General der Panzertruppe a. D. und ehem. Oberbefehlshaber einer Panzerarmee."

Im Anschluß an das Memorandum hielt sich in der Umgebung Manteuffels wie Adenauers hartnäckig das Gerücht, Adenauer habe den Plan, in Anlehnung an das Ministerium Wildermuth ein Staatssekretariat einzurichten, in dem bewährte Fachleute die Vorbereitung einer eventuellen Remilitarisierung treffen sollen. Auf daß eine Auslandsforderung, das mannbare Deutschland wieder unter Waffen treten zu lassen, zumindest nicht von vornherein auf personelle Schwierigkeiten stoße.

Manteuffel selbst gibt an: Was in den letzten Monaten dem Bundeskanzler an Memoranden, Denkschriften, fertigen Stellenbesetzungsplänen, häufig gleich mit Lebenslauf und Bild, von alten Mars-la-Tour-Kämpfern und jungen Offizieren des 2. Weltkrieges erreicht habe, sei zumeist in die Panzerschränke von Adenauers Ministerialdirigent Blankenhorn gewandert. Der aber habe an ihn, Hasso von Manteuffel, weitergeleitet, was ihm interessant genug schiene.

Das persönliche Referat des Kanzlers dementierte den Plan des Wehr-Staatssekretariats und dementierte auch, daß Blankenhorn Unterlagen an Manteuffel weiterreiche. Nicht einmal Eingangsbestätigungen würden mehr verschickt, um Kombinationen vorzubeugen*).

Unter dem 7. Januar lief eine Erklärung eines Sprechers der US-Militärregierung in Frankfurt: Die westlichen Alliierten und die Bundesbehörden hätten von der Tätigkeit der Gruppe "Loge der Brüderschaft" Kenntnis Sie hielten jedoch ein Einschreiten für unzweckmäßig, da man sich mehr und mehr der Tatsache bewußt werde, daß man im Falle eines heißen Krieges auf die militärischen Kenntnisse und Erfahrungen der deutschen Militärs zurückgreifen müsse.

Das war am 7. Januar. Eineinhalb Monate später begann der Krach um die Bruderschaft. Inzwischen war Hoher Kommissar McCloy in Amerika gewesen. Meldungen, er habe darüber Anweisung bekommen, Konrad Adenauer zugunsten einer Koalitionsregierung mit Einschluß der SPD aus dem Sattel zu heben, werden heftig dementiert.

Waffen für den Butzemann

VON JENS DANIEL

Der deutsche Untergrund hat den ausländischen Geheimdiensten wieder mal viel Freude gemacht. Sie, die sich angesichts der Agenten-Verzahnung in Deutschland wahrhaft überflüssig fühlen könnten, durften den deutschen Butzemann ausgraben und in riesenhafter Vergrößerung an die Wand des Weißen Hauses in Washington und an die Wände anderer Häuser in Paris und London werfen. So etwa: "Der deutsche Bundeskanzler läßt sich von den Generalen beraten." Eine militärische Geheimorganisation, "Die Bruderschaft", sei dabei, die deutsche Militärmaschinerie wieder aufzubauen, und Adenauer höre auf diese Leute.

Nun ist es bedauerlich, daß der Kanzler in seinen Mitteln die Mitte zwischen den Kaprizen eines Dreißigjährigen und dem Starrsinn eines Senioren nicht immer zu finden weiß. Sollte er wirklich beabsichtigen, vorsorglich ein Staatssekretariat für Fragen der militärischen Sicherheit einzurichten, so verfiele er damit in den alten deutschen Fehler, eine bloße Organisationsfrage für so wichtig zu nehmen, daß dabei Kannen verschütteter politischer Milch - frommer Denkart natürlich - in Kauf genommen würden.

Daß der Kanzler sich mit früheren deutschen Generälen über Deutschlands Sicherheit unterhält, ist keineswegs abwegig. Denn die Herren vom Petersberg sind offenbar weder willens noch in der Lage, sich mit ihm bindend über Deutschlands Sicherheit zu unterhalten. Solange Präsident Truman die Elbe gegen Uebergriffe vom Osten nicht garantieren will oder kann, darf sich der deutsche Bundeskanzler bei der Wandelbarkeit der amerikanischen Außenpolitik wohl Gedanken darüber machen, ob die Bundesregierung nach Abzug der Besatzungsmächte in der Lage wäre, dem Walter Ulbricht ein Herbstmanöver der ostdeutschen Volksarmee, unternommen zugunsten der "deutschen Einheit", zu versalzen.

Andere, größere Aufgaben könnten die deutschen "Streitkräfte" ohnehin nicht haben. Daß man ihnen die Verteidigung Europas zumute, ist die eigentliche Gefahr, deren man sich seitens der Bundesregierung und seitens der früheren Generale zu versehen hat. Die Generale wollen wieder Generale werden, möglichst bald und möglichst alle. Das ist verständlich, aber das ist kein Grund, eine Armee aufzustellen.

Daß die Bundesregierung sich von den Generalen leiten ließe, ist aber auch kaum zu befürchten. Daß sie sich von gewissen volkstümlichen Ressentiments leiten ließe (à la "die Saar bleibt deutsch" und "Deutschland schirmt Europa"), ist nicht ganz ausgeschlossen. Einzelne Kabinettsmitglieder haben noch vor gar nicht langer Zeit die pazifistischen Träume der Umerzieher mitgeträumt und erklärt, kein Deutscher dürfe je wieder Waffen tragen. Wie aber, wenn sie uns in nicht allzu ferner Zeit erklärten, Deutschland sei ein Vorposten der westlichen Welt und müsse den Völkern des Atlantik-Pakts an die Seite treten? In einem später wieder dementierten Interview mit dem "Cleveland Plain Dealer" hat der Kanzler Deutschlands Bereitschaft zu erkennen gegeben, im Rahmen einer Europa-Armee ein deutsches Kontingent zu stellen. Bislang hat ihn niemand dazu ermächtigt. Der Kanzler wäre gut beraten, wenn er sich um einen Außenminister bemühte, der Zeit genug hat, sich darüber Gedanken zu machen, daß im augenblicklichen Kräftefeld noch kein Spielraum für eine deutsche Außenpolitik ist.

Denn was kann eine deutsche Außenpolitik weiter sein als die Beherzigung des einen Grundsatzes:

Eine außenpolitische und militärische Frontstellung gegen Sowjetrußland ist für Deutschland nicht diskutabel, solange

* Westeuropas Rüstung in einem so bejammernswerten Mißverhältnis zu der des Ostblocks steht. Es ist besser kampflos als kämpfend überrannt zu werden,

* die westliche Welt den deutschen Export nicht annähernd aufsaugen kann.

Man hat den Deutschen so viel weggenommen, daß sie heute um jeden Preis exportieren müssen. Amerika kann selbst kein Interesse daran haben, ein wirtschaftlich ruiniertes Land in Frontstellung zu den Sowjets zu sehen. Wenn die Amerikaner uns heute helfen, so müssen sie zufrieden sein, wenn wir den Kommunismus innerhalb unserer Grenzen zu Bett bringen. Das können wir für sie tun, indem wir es für uns tun, und das ist sehr viel.

Nach außen können sie die Westdeutschen durch eine Garantie wirksamer schützen als ein deutsches Heer. Sie müssen die Deutschen schützen, wenn sie Wert darauf legen, daß das deutsche Menschen- und Wirtschaftspotential nicht den Russen zufällt. Mr. George Kennan wußte das. Aber er sitzt nicht mehr im amerikanischen Außenamt.

Ob diese eingepferchten, politisch törichten Deutschen freilich mit dem radikalen Faschismus fertig werden, ist nicht sicher, wenn man die jetzigen Willensträger der Nation in Bonn am Werk sieht. Die Feinde der Demokratie allerdings zeigen sich vorerst auch noch als ziemliche Kümmerlinge.

Daß sie das bleiben, kann den Amerikanern niemand garantieren. Es gibt keine Garantie dieser Art, nicht in Deutschland, aber auch nicht in Frankreich, nicht in Italien, nicht in Amerika selbst und nicht einmal in England. Wenn die Amerikaner begreifen, daß Deutschlands Krise der Krankheitsherd einer Weltkrise ist, werden sie hier leicht ein Risiko auf sich nehmen, das ihnen in ihrem eigenen Land nicht erspart bleiben wird.

Ob Deutschland ein Heer stellen soll, ist dann eine Frage gemeinsamer Zweckmäßigkeit. Wird die westliche Welt kräftig genug, den deutschen Export zu verdauen und Deutschland die nötigen Waffen zu liefern, dann werden sich die Deutschen im eigenen Interesse dazu verstehen, für den Westen auf Wache zu ziehen. In dieser Branche sind sie fit.


*) Am 28. Februar verbreitete United Press die folgende Verlautbarung der Bundespressestelle: "Die Diskussion im November 1949 in der in- und ausländischen Presse über die Aufstellung sogenannter leichter deutscher Verbände veranlaßten den ehemaligen General von Manteuffel, an den Herrn Bundeskanzler Dr. Adenauer ein Schreiben zu richten, in welchem General von Manteuffel seine Auffassungen zu der Angelegenheit von fachlichen Gesichtspunkten aus niederlegte. Der Herr Bundeskanzler hat lediglich den Eingang dieses Schreibens durch sein Sekretariat bestätigen lassen".

DER SPIEGEL 9/1950
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