02.03.1950

WOLGADEUTSCHEUnsere Bürger

Bis zur Frühjahrsaussaat wollen 57 überlebende Wolga-Deutsche, die heute in Leo Wohlebs Bodensee-Kreis Stockach drei Fürstlich Fürstenbergsche Kahlschläge zu Ackerland machen, mit dem Stubbenroden fertig sein.
Die 57 gehören zu acht Familien, die von 500 übrig blieben. So volkreich war bis 1931 das wolgadeutsche Dorf Göbel, 60 km von Saratow. Als Stalin damals die Liquidierung der Kulaken befahl, wurde die seit 180 Jahren in Göbel ansässige deutschstämmige Bevölkerung ausgesiedelt. Als Zwangsarbeiter auf die zukünftige Kolchose Göbel kamen Sibirier.
Ausgesiedelter Jakob Merkel kam ins Moor bei Minsk zum Torfstechen. Zwölf Jahre lang gegen zehn Rubel Tagelohn. Ein Kilo Speck kostete 25 Rubel.
Als die Deutschen Minsk eroberten, zog Jakob Merkel heim ins Reich. Zuerst ins Sammellager Litzmannstadt. Da waren noch mehr aus Göbel.
Als die Sowjets Minsk zurückeroberten, treckte Jakob Merkel nach Sachsen. Auf Leipzigs Stadtgut Großzschocher fanden elf Familien aus Göbel Zuflucht und Brotstelle. Aber Jakob Merkel konnte trecken, wohin er wollte, immer kamen ihm die Russen nach. Am 1. Juli 45 waren sie in Leipzig.
Acht Familien rutschten durch die Registrierungssiebe der Sowjets. Drei blieben gleich hängen und wurden nie mehr gesehen. Die acht dagegen bekamen Neubauernstellen, je 20 Morgen vom aufgeteilten Stadtgut Großzschocher. 1949 konnte er mit dem Hausbau beginnen.
Aber je höher die Mauern stiegen, um so ungemütlicher wurde es in Großzschocher. Denn Leipzigs NKWD-Chef, Major Kutaschenkoff, blieb dabei: "Das sind unsere Bürger. Die müssen zurück in die Heimat."
Sonnabend, den 10. September 49 war es soweit. "Spätestens Montag ist alles weg," entschied Kutaschenkoff. Er sagte das einem Dolmetscher Das war ein Verbündeter der Wolga-Deutschen.
Der Dolmetscher fuhr nach Großzschocher. Aber die Wolga-Deutschen glaubten ihm nicht: "Wir haben doch eben erst gebaut." Am 13. September wurde der Rat Alarmsignal: Noch heute abend!
In Pappkoffern verschwand das Notwendigste. Meist Kinderwäsche für kopfstarken Nachwuchs. Am Abend waren die Neubauernhäuser leer. Jakob Merkel hatte gerade einen Monat in seinem gewohnt.
Getrennt zogen die Familien durch Leipzig. Sie verteilten sich auf die Bahnstationen Taucha, Schkeuditz und Großzschocher, um nicht aufzufallen. Eine Stunde vor Mitternacht lief der Berliner Zug durch. Berlins Anhalter Bahnhof liegt bereits in Freiheit.
Als am nächsten Morgen zwölf schwere Lkw. mit Volkspolizei und Sowjetarmisten vor Leipzigs Kommandantur standen, saßen Großzschochers Wolga-Deutsche bereits im ehemaligen DP-Lager Düppel bei Zehlendorf.
Da in Großzschocher nichts mehr zu fangen war, jagte die Volkspolizei den Dolmetscher, auf den der Verdacht der NKWD gefallen war. Er erreichte Leipzigs Hauptbahnhof durch eine Personalpforte noch rechtzeitig zum Berliner Zug. Am 17. September marschierte er als 58. durchs Düppeler Lagertor. Als 59. kam ein katholischer Geistlicher.
Er ließ sich Kölns Kardinal Frings geben, um Hochwürden über das Schicksal der 58 zu berichten. Für die brauchte er Land, nicht Lager.
Die Erzdiözese schrieb nach Freiburg. Und Freiburgs Caritas rief Leo Wohlebs südbadische Staatskanzlei an. Der Staatspräsident selber half weiter: sein Bruder ist Fürstlich Fürstenbergscher Bibliothekar.
Und des Bruders katholischer Fürst ist Deutschlands größter Latifundienbesitzer. Wohleb bat um 60 Hektar. Er bekam sie. Drei Kahlschläge und eine Wiese. Den Aufnahmebeschluß für die 58 faßte Südbadens Kabinett bereits am 11. Oktober.
Besatzungs-General Ganeval verhalf am 22. November den 58 zum Luftbrückenflug von Tempelhof nach Frankfurt.
Unter der Fürsorge des Präsidenten kamen zur Arbeit bald die Mittel: zwei Rodungsmaschinen stehen auf dem Boller Kahlschlag, und allen Bauplänen geben 700000 DM abgezweigte Marshallplan-Gelder ein solides Fundament. Fürs Stubbenroden werden je Mann und Tag 5 DM gezahlt.
Was an örtlichem Aerger auftaucht, bringt Bolls Bürgermeister Paul Vogler bald wieder in die Reihe. Mit den Schwaben kommen die Rückwanderer gut zurecht, denn sie sind "Leit, wo schaffe!"
1951 wollen alle Familien ihren eigenen Hof haben. Paul Vogler wird die Obstbäume dazu besorgen. "Die da oben haben soviel Millionen versauert, da können sie auch mal zu was Gescheitem Geld ausgeben."

DER SPIEGEL 9/1950
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