02.03.1950

JAZZ / MusikSchimmelige Feigen

Bebop hat alles verdorben! sagt Hugues Panassié. "Le bop a tout gê}ché". Das kommende Jazz-Festival von M. Panassiés "Fédération des Hot Clubs Français" wird unter Ausschluß von Bebop vonstatten gehen.
Erklärte Beboper werden bei Charles Delaunays Jazz-Fest ihre Zuflucht suchen und finden. Der Vorsitzende des "Hot club de France" treibt durchaus nicht quer zur neuesten Jazz-Strömung.
Delaunay und Panassié bilden den Kopf der französischen Jazz-Organisierten. Es ist ein Januskopf: das Duumvirat schaut nach verschiedenen Richtungen. Die beiden Gründer und Großmacher des repräsentativen 'hcf' des wohlorganisierten, hochaktiven Hotclubs von Frankreich, sind heute feindliche Brüder.
Ihre Wege haben sich getrennt. Sie veranstalten in diesem Jahre jeder ein eigenes Festival, sie haben ihren eigenen Hotclub. Und ihr eigenes hobby.
Erzfan Panassié, 1912 geborener Südfranzose, ist als Jazz-Wissenschaftler der Dogmatiker, ein oft recht finsterblickender Fanatiker. 1934 erschien sein Vademecum für den Fan: "Le Jazz Hot".
Vorher war Panassié bereits Mitarbeiter des Fachblatts "Jazz-Tango". Das vermittelte ihm die Bekanntschaft mit den band-leadern. Entscheidend beeinflußt wurde Panassié von Mezz Mezzrow, dem amerikanischen Instrumentalisten-Star.
Mezzrow ist seit seinem Buch "The really blues" einer der wenigen auch theoretisch sattelfesten Jazz-Praktiker, ein erklärter Anhänger des frühen, "heißen" New Orleans-Stils, wie ihn die schwarzen Jazz-Väter produzierten, und seiner von den Weißen geschaffenen Abart, des "Chicagostyle". Als Mezz nach Paris kam, wurde Panassié sein Schüler und durch ihn zum glühend begeisterten Jazz-Fanatiker, zum Fan.
Im August 1932 gründeten Studenten der Sorbonne den "Jazz Club Universaire", der zur Wiege des später berühmten "Hot Club de France" wurde. Als dessen Theoretiker wurde Panassié bekannt.
Anfang 1933 stieß Charles Delaunay in der "Boîte à Musique" zu diesem Zirkel. Er wurde der Organisator des 'hcf'. Dessen Konzerte wurden bald zu einem Begriff in der Welt der Fans. Alle großen Instrumentalisten kamen, Coleman Hawkins, dem sogar der sonst nur der Klassik geweihte Salle Pleyel eingeräumt wurde, Bill Colemann, Bennie Carter und die anderen Stars.
Im November 1934 wurde das "Quintett des hcf" aus der Taufe gehoben. Es bestand aus drei Gitarren, Geige und Baß, mit dem Zigeuner Django Reinhardt und dem Lebemann Stéphane Grappelly als Stars.
Der Hot Club de France besaß bald auch seine eigene Zeitschrift "Jazz Hot", die Charles Delaunay chefredigierte, zweisprachig. Mitarbeiter aus aller Welt lieferten die Beiträge, Panassié schrieb die grundlegenden Betrachtungen.
Hauptrequisit bei seiner Schriftsteller-Arbeit war und ist die immerbrennende Pfeife Panassié kennt neben seiner Leidenschaft für Jazz-Theorien nur noch die andere: Pfeifen aller Kaliber und für alle Hausgebräuche zu sammeln. Er hebt sie in leeren Plattenschachteln der Columbia-Produktion auf und ist auf den respektablen Umfang seiner Pfeifensammlung stolz.
Charles Delaunay dagegen sammelt Platten, ebenso leidenschaftlich und ohne Ansehen der ständig steigenden Anzahl. Von seinem Debüt bei der französischen Produktionsgesellschaft von "His masters voice" her hat er eine Schwäche zurückbehalten.
Delaunay sammelt systematisch und mit einer sorgfältig geführten Registratur. 1936 erschien die 1. Auflage seiner "Hot discographie", die in kritischer Anordnung alle bedeutenden Hot-Jazz-Platten verzeichnet, mit Besetzung. Aufnahmedatum, Katalog- und Matrizennummer. Sie ist seitdem die Bibel der Jazz-Discophilen, der zahlreichen Sammler-Fans.
Die dazugehörigen Scheiben stehen in langen Regalen im Clubheim des hcf. Das liegt am Montmartre in der Rue Chaptal, nahe von Place Blanche und Place Pigalle, wo die "Boîtes de nuit" dicht gesät liegen und Musiker, Maler und Midinettes sich beim Apéritif treffen.
Im Erdgeschoß ist ein Uebungsraum für Jam sessions, dahinter eine kleine Bar, für die eine Konzession eingeholt wird, wenn Duke Ellington, Slam Stewart oder Dizzy Gillespie den Club heimsuchen. Die Ausstattung des Clubraums stammt von dem malbegabten Delaunay selbst: seltene Platten und verbeulte Instrumente an den Wänden, daneben eine eindrucksvolle Weltkarte mit Zuschriften aus aller Herren Länder.
Die Discothek, die schon vor dem Kriege mehr als 5000 Platten umfaßte, befindet sich im ersten Stock des Heims. Hier wohnt und arbeitet Delaunay, hier schrieb er die "Geschichte des Hot Club de France", die in Heft 19 bis 29 von "Jazz Hot" erschien.
Ein Stockwerk höher sitzt Hugues Panassié, hier entstand sein Erinnerungsbuch "Douze Années de Jazz" (1927-1938). An seiner Bürotür aber steht nicht mehr das Zeichen des hcf, sondern das der "Fédération des Hot Clubs Français". Delaunay und Panassié sind seit Kriegsende verfeindet. Die Zwietracht im Haus in der Rue Chaptal spiegelt die allgemeine Parteienwirtschaft in allen Jazz-Metropolen.
Auf der Generalversammlung des hcf 1946/47 beschuldigte Panassié den hcf-Mitoberen Delaunay unbegründet allerhand unlauterer Dinge, zu denen er auch Propaganda zugunsten des Bebop zählte.
Seitdem gibt es die beiden großen Clubs in Frankreich. Delaunay gibt weiter "Jazz Hot" heraus, Panassié redigiert die "Revue de Jazz". Der Bruch geht quer durch die Reihen der französichen Jazz-Intéressierten. Es kam zum Schlagwort von den "Puristen", die den alten New-Orleans-Jazz lieben, und den "Progressiven", den fortschrittlichen Bebop-Begeisterten.
Panassié gilt heute als erklärter "Purist", aber das war nicht immer so. Vor dem offenen Ausbruch der Krise trat er für Toleranz ein in einem Artikel, darin er von den "Puristen" als "schimmeligen Feigen" sprach, die "Progressiven" aber mit "grünen Trauben" verglich. Heute haßt er den Bebop abgrundtief. Als Delaunay im vergangenen Jahre sein Pariser Jazz-Treffen gab, auf dem alle Stadien des schwarzen Jazz vertreten waren, kam Panassié gerade aus New York zurück. Im himmelblauen Anzug besuchte er eins von Delaunays Konzerten. Von einem Reporter nach seinen Eindrücken in Amerika befragt, antwortete er mit seinem altgewohnten, ärgerlichen "Le bop a tout gê}ché".

DER SPIEGEL 9/1950
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