23.03.1950

RENÉ CLAIRGoethe siegte

Die große Pariser "Saison" begann zwei Monate vor der gewohnten Zeit. Jules Romain, Verfasser der vielgerühmten Romanfolge "Die guten Willens sind", rief als Vorsitzender des Kommissariats der "Fêtes de Paris" zur Eröffnungsgala in der Großen Oper.
Das sogenannte "Tout Paris" versammelte sich um den Präsidenten der Republik. Die Toiletten rauschten. Christian Dior, Jacques Fath und die anderen Modemoguln kamen auf ihre Rechnung. Minister, Botschafter, gesellschaftliche Persönlichkeiten ließen wohlgefällig das Licht der Scheinwerfer über sich gleiten.
An diesem Tage erreichte der Goldsturz der Pariser Börse seinen Höhepunkt. Staatssekretär Edgar Faure vom Finanzministerium ließ sich zeigen, wie aus Sand Gold fabriziert wird. Von Faust und Mephisto. Denn es war René Clairs Faust-Film, der die "Saison de Paris" eröffnete: "La Beauté de Diable".
Der Titel ("Die Schönheit des Teufels") hat einen doppelten Sinn. Der Ausdruck bezeichnet in der französischen Sprache die natürliche Schönheit, die in der Jugend liegt. Wenn es von einem Mädchen heißt, es besitze "la beauté du diable", so heißt das, daß es gar nicht besonders schön zu sein braucht, es ist die Schönheit eben der 16 oder 18 oder 20 Jahre.
Außerdem aber ist mit Clairs Filmtitel die vom Teufel bewirkte Schönheit gemeint. Denn auch hier wird Faust von Mephisto jugendlich verwandelt.
Sonst aber haben die wissenschaftlichen Entdeckungen auf dem Gebiet der Atomspaltung auf René Clairs Auffassung vom legendären Faust entscheidenden Einfluß ausgeübt.
"Zur Zeit der Faust-Legende trachteten die Gelehrten nach nichts anderem als der Verwandlung der Materie", erläutert Clair. Er ist überzeugt, daß sie eine, allerdings unklare, Vorstellung von der Atomspaltung hatten. Ihr "Stein der Weisen" und die künstliche Herstellung von Gold, Traum aller Alchimisten, bedeuteten nichts anderes. Nur die Mittel zur Verwirklichung hätten ihnen gefehlt. Heute sei mit Atomspaltung und Bogomoletz-Lebensserum der alte Traum verwirklicht.
Auch der Film-Faust Clairs kommt in den Besitz machtbedeutenden Wissens und ewiger Jugend. Und gerät wahrhaftig in des Teufels Küche. Und hat Mühe, seine Seele zu retten.
Nach über zwanzig Jahren folgte Clair F. W. Murnau, dem Schöpfer des deutschen Faust-Films aus der "stummen Zeit". Er, der als Achtjähriger einen "Faust" für sein Kasperle-Theater schrieb, nahm das Motiv als Ausgangspunkt für seinen ersten dramatischen Film, den er nach seinen feinen, geistreichen Lustspielen drehte, nun ein Mann von 52.
Er war 25 Jahre alt, als sein erster Film herauskam: "Schlafendes Paris". In 27 Jahren brachte er es auf insgesamt 17 Filme. Nicht viel, neben der Massenproproduktion anderer Regisseure. Aber Clair braucht Ruhe nach jedem Film, so wie er auch jetzt, nach "Beauté du Diable", in seiner Villa in Neuilly in Ruhe gelassen zu werden wünscht. Und jeder der 17 Filme war, wenn auch mit Unterschieden, ein Clair-Film, ein Werk des Dichters unter den Filmschöpfern.
Clair beauftragte den Schriftsteller Armand Salacrou, das Drehbuch für den Faust-Film zu schreiben. Vielleicht, weil auch jetzt, nach "Beauté du Diable" in Hosen trug, sich ans Faust-Thema gewagt hat.
In der Film-Fassung spielt sich das Drama zwischen Faust und Luzifer ab. Margarete ist eigentlich eine Nebenfigur. Sie ist keine Germanin mit blonden Zöpfen, sondern eine schwarze Zigeunerin: Nicole Besnard.
Sie wurde unter 109 Anwärterinnen ausgewählt, obwohl sie noch im Konservatorium kleine Schauspielschülerin der zweiten Klasse war. Nach Beendigung des Films kehrte sie brav ins Konservatorium zurück, eine Schülerin, die ein paar Monate Star gewesen war.
Gedreht wurde in Italien. Der überaus methodische und pünktliche René Clair schlug sich vier Monate mit der zwar charmanten, aber mitunter entnervenden italienischen Saumseligkeit herum.
Clair läßt den Film im Anfang des 19. Jahrhunderts spielen, der Zeit der Romantik und der Anfänge der modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse. In einer kleinen Universitätsstadt beginnt die Handlung.
Professor Faust (von Michel Simon dargestellt) hat keine Zeit gehabt, jung zu sein. Luzifer möchte ihm zu Leibe und schickt Mephistopheles, um Faustens Seele zu erkaufen. Luzifer selbst, der eigentliche Gegenspieler Fausts, bleibt unsichtbar.
Mephisto bietet Faust das unendliche Wissen gegen seine Seele. Faust glaubt, genug zu wissen. Was ihm fehlt, ist die Jugend. Die bekommt er, ohne einen Pakt zu unterzeichnen. In einem jungen Studenten verwandelt (gespielt von Gérard Philippe), verliebt er sich in Margarete.
Das Verschwinden des alten Faust fällt auf. Der junge Faust wird unter Mordverdacht verhaftet. Mephisto tritt als alter Faust auf und rettet den jungen. Und lehrt ihn, daß Jugend ohne Macht und Reichtum nichts sei, und - wie aus Sand Gold zu machen ist.
Faust wird ein großer Mann, Freund des Fürsten. Geliebter der Prinzessin Helene. Bis Mephisto seine Bedingungen stellt: Unterzeichnung des Pakts, oder es ist vorbei mit Reichtum, Macht, Liebe Faust unterschreibt.
Doch nun ist ihm alle Lust am Leben vergangen. Er möchte den Pakt ungültig machen. Mephisto geht nicht darauf ein. Faust flüchtet zu den Zigeunern und versucht, Mephisto zu betrügen.
Der rächt sich: das von Faust gefertigte Gold wird wieder zu Sand. Das Land ist ruiniert, der Fürst von einer Revolution bedroht. Margarete, der Hexerei beschuldigt, wird zum Tode verurteilt. Mephisto bietet ihr Rettung, gegen ihre Seele. Er zeigt ihr Fausts Pakt. Margarete nimmt das Papier und wirft es unter das Volk.
Die empörte Menge erkennt Fausts Unterschrift und stürzt sich auf Mephisto, den sie für Faust hält, denn er zeigt sich noch in der Gestalt des alten Faust. Mephisto ruft Luzifer um Hilfe, springt vom Dach eines Hauses - eine dünne Rauchsäule steigt auf: so endet Mephisto, der unrasierte, schlecht gekleidete, aber im Zylinderhut auftretende Faust des Films.
Das Schlußbild: Enrico Faust und die schwarzgelockte Margarete finden sich vor dem Zigeunerkarren wieder, arm und glücklich.
Michel Simon, der schwarzbärtige Schweizer, bekam den größten Anteil am Premierenbeifall. Er, die anderen Darsteller, Clair und Salacrou wurden von Jules Romain in der Präsidentenloge Vincent Auriol vorgestellt.
René Clairs Regieleistung fand auch bei der Kritik allgemeines Lob. Man strich seine Regieblitze heraus, aber man sagte auch, daß Michel Simons faustischer Mephisto und teuflischer Faust die Regie erdrücke.
Was aber die Handlung, das Drehbuch angeht, so urteilte Jean Antoine in "Paris-Presse" mit äußerster Schärfe: "Einer der großen Fehlschläge des französischen Films".
Im "Parisien Liberé" stellte François Chalais fest: "Ungleicher Kampf zwischen Goethe und Salacrou". Clairs Faust blieb im Intellektuellen stecken. Goethe siegte.

DER SPIEGEL 12/1950
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