09.03.1950

TSCHIANGJede Sonne geht einmal unter

(s. Titel)
Ich werde auf das chinesische Festland zurückkehren und die Kommunisten vernichtend schlagen", verkündete Tschiang Kai-schek vom Balkon des Regierungsgebäudes in Formosas neuer Hauptstadt Taipeh. Die Menge zeigte sich "hell begeistert", wie die nationalchinesische Presseagentur festgestellt haben will. Vorher hatte der Generalissimus seinen Entschluß bekanntgegeben, wieder die Präsidentschaft Nationalchinas und den Oberbefehl über alle nationalchinesischen Streitkräfte zu übernehmen. Madame Tschiang Kai-schek stand während seiner Rede neben ihm.
"Ich bin der amtierende Präsident, und niemand hat das Recht, mir diesen Titel abzuerkennen." Auf der Pressekonferenz in Washington tat Li Tsung-jen sehr empört. Seit am 21. Januar 1949 Tschiang Kai-schek zurücktrat, war der 60jährige General Staatspräsident. Nach Formosa ist er darum nicht mitretiriert. Er ging gleich weiter, nach Washington, um, wie es heißt, seine Magengeschwüre operieren zu lassen.
Vor dem aus eigener Willkür zurückkehrenden Tschiang Kai-schek will Li Tsungjen nicht weichen. "Usurpator", "Diktator", "Betrüger", "Gauner" ruft er nach Formosa hinüber. Aber Tschiang sitzt nun einmal noch auf dem letzten Zipfel vorgelagerten chinesischen Landes. Ueber kurz oder lang werden sich auch die Amerikaner mit seiner Rückkehr abfinden.
Zur Proklamation seines neuen Regierungsantritts war der Generalissimus zum ersten Male seit Monaten wieder vor der Oeffentlichkeit erschienen. Sonst lebt er streng von der Außenwelt abgeschlossen. Detektive in Zivil bewachen das stattliche, von großen Gärten umgebene Haus der Taiwan-Zuckergesellschaft in Schoschan, einem kleinen Kurort nahe Taipeh.
14 Stunden täglich sitzt der 64jährige, asketisch-schlanke Tschiang an seinem Schreibtisch. Seine einfache olivenfarbene Baumwolluniform schmückt nur der blitzende Klipp eines Füllfederhalters. Fünf Pfund Post laufen ihm täglich durch die Hände. Er überfliegt die Blätter und malt mit ein paar Pinselstrichen seine Entscheidung an den Rand Das andere erledigen seine Sekretäre Die meisten dienen ihm schon über mehr als 20 wechselvolle Jahre, genau wie seine Leibwächter, die einst Hauptmann Walter Stennes auf Führertreue drillte.
Durchhalten. Manch einer der alten Begleiter aus frühen Kuomintang-Tagen möchte aussteigen. Mao Tse-tungs Moskau-Pakt hat die Bereitschaft zum Absprung noch verstärkt.
Aber drei Dinge stehen jedem Versuch entgegen: die 200 km breite Formosa-Straße. Tschiangs Geheimpolizei unter dem in Kreisen der moralischen Aufrüstung in Caux gut bekannten Polizeichef Dr. Tschen Li-fu und der Glaube an die Wunderwaffe. Sie heißt auf Formosa "Weltkrieg III". Tschiang behauptet, er sei unvermeidlich, ja, er habe schon begonnen. Es handele sich jetzt nur noch darum, bis zu seinem Ausbruch durchzuhalten, dann werde wieder die amerikanische Hilfe unbeschränkt fließen.
Die Offiziere seiner Umgebung zittern wie eh und je vor ihm. Den "gefährlichsten Punkt auf Formosa" nennen sie den Platz vor seinem Schreibtisch. Um Kohlen für die winzige Rüstungsindustrie auf Formosa zu sparen, läßt der Generalissimus nicht heizen. Lieber trägt er doppelte Unterwäsche.
Von der gelben Gegenküste klingen die Flüche seines verlassenen Volkes herüber. "Hängt das faschistische Untier Tschiang Kai-schek", hallt der Ruf in Peking wie in Schanghai und in dem unermeßlichen Hinterland. Dabei war derselbe Tschiang noch vor 5 Jahren der Held seiner Nation. Als er 1945 siegreich in Schanghai einzog, verknallte die freudentrunkene Viermillionenstadt mehr Feuerwerkskörper, als sie Einwohner hat.
Heute ist der Generalissimus der Paria seines Volkes. Er verdankt es nicht seinen Feinden. Er verdankt es seinen Freunden, seinen Freunden im Ausland wie im Inland.
Nach 25 Jahren Bürgerkrieg brachte es Tschiang fertig, sein Volk und sein Land zu einen. Er tat es mit dem Geld der Banken und der Großgrundbesitzer. 1937 erkannten ihn 28 Provinzen an und zahlten seiner Nationalregierung in Nanking Steuern. Es war die Leistung eines politischen Herkules. Sven Hedin nannte seinen Freund Tschiang den "größten Mann des Jahrhunderts".
Aber dieselben, die seinen Einigungskampf finanziert hatten, wurden die Totengräber seines Werkes. Der chinesisch-japanische Krieg kam den chinesischen Bankiers recht, um Milliardengewinne einzustreichen. Sie verkauften der Nationalregierung Waffen, die überhaupt nicht existierten. Sie lieferten Autobenzin als Flugzeugbrennstoff.
Die Bodenreform, die dem chinesischen Bauern seit 1927 versprochen worden war, verhinderten die Großgrundbesitzer. Korrupte Offiziere ließen ihre. Soldaten verhungern, um das Geld für die Löhnung selber behalten zu können. Ganze Divisionen verhökerten ihre Waffen an den anrückenden Feind Daß Tschiangs Gehirn nicht aussetzte ist ein psychologisches Wunder.
Neben dem Jauchekübel. Wie sein Gegenspieler Mao Tse-tung ist Tschiang Kaischek Sohn eines kleinen chinesischen Bauern, aus dem Reisbauerndörfchen Tschikou bei Fenghua an der Tschekiang-Küste. Aber schon Vater Tschiang war eine Ausnahme. Neben Hacke und Jauchekübel wußte er den Schreibpinsel zu handhaben und konnte rund 2000 Schriftzeichen lesen. Mit seinem ältesten Sohn aus dritter Ehe hatte er viel vor. Der Tod hinderte ihn daran. Tschiang junior war neun Jahre alt, als der Vater starb.
Tschiang Jai-tai, wie er mit Kindernamen hieß, war der Rädelsführer der Dorfjugend. In der Dorfschule tat er sich weniger hervor. Es machte ihm keinen Spaß, die Weisheitssprüche des Konfuzius zu lernen.
Aus der Lehre beim Dorfkrämer lief er weg. Lieber half er der Mutter auf dem Felde und fing an, mit chinesischer Gerissenheit kleine Gelegenheitsgeschäfte zu machen. Als 17jähriger wurde er 1903 traditionsgemäß verheiratet, mit einem Fräulein Mao aus der Kreisstadt Fenghua.
Die Schwiegereltern waren wohlhabend. Mit ihrem Gelde fuhr Tschiang 1906 auf eigene Faust nach Japan, um Offizier zu werden. Eigentlich brauchte er die Erlaubnis der kaiserlichen Regierung in Peking. Aber Tschiang wollte nicht fragen. Er haßte die Mandschu-Clique um den Drachenthron. Zum Protest hatte er sich bereits den obligatorischen Zopf abgeschnitten.
Die Japaner bestanden jedoch auf der Einhaltung des Dienstweges. Tschiang mußte zurück und erst zwei Jahre auf der rückständigen. Militärakademie von Paoting bei Peking absolvieren. Mit hervorragendem Erfolg. Dann konnte er auf die Kadettenakademie bei Tokio, mit Dienst beim 13. (Takada) Artillerieregiment.
Chinas Offiziersanwärter auf japanischem Boden waren Rekruten und politische Konspirateure. Ihr heißer Ehrgeiz war, die korrupte kaiserliche Regierung in der Heimat zu stürzen. Ihr geistiger Führer hieß Dr. Sun Yat-sen. Der politische Emigrant hatte eine Geheimgesellschaft Tungmenhei (Schwurbrüderschaft) in Tokio gegründet. Tschiang wurde Mitglied. Seinen Kindernamen Jai-tai änderte er in Kaischek um. Das heißt "Grenzstein", was im bäuerlichen China so viel wie ein Sinnbild für unverrückbare Zuverlässigkeit ist.
Mit seinem neuen Anhänger sollte Sun Yat-sen zufrieden sein. Als durch einen Zufall am 10. Oktober 1911 die Revolution bei Hankau ausbrach, ließen sich Tschiang und sein Kamerad Tschang Tschun - er wurde 1947 Präsident der Nanking-Regierung - für 48 Stunden Urlaub geben. Sie fuhren nach Yokohama, schickten Abschiedsbrief plus Uniform und Degen in einem Pappkarton an ihr Regiment und fuhren mit einem Frachter nach Schanghai. Sie kamen gerade noch recht, um einige Erschießungskommandos zu führen.
Keiner will es wissen. Aber die Revolution dauerte nicht ewig. Außerdem blieb Tschiangs Gönner Dr Sun nur 48 Tage Präsident in Nanking. Dann setzte sich im nördlichen Peking General Yüan Schih-kai an die Spitze der Revolutionsregierung. Dr. Sun ging ins Ausland. Der Berufsoffizier Tschiang Kai-schek mußte sich einen neuen Wehrsoldzahler suchen. Wer das von seinem 26. bis 36. Lebensjahr war, will heute keiner mehr wissen.
Ueber diesen zehn Jahren in Tschiang Kai-scheks Laufbahn liegt eine seltsame Wolke blumenreicher Unklarheiten. Fest steht nur, daß er im Hause des reichen Revolutionärs Tschen Tschi-mi verkehrte, der ein Onkel seines späteren Polizeichefs Tschen Li-fu war. Bekannt ist weiter, daß Tschen Li-fu zusammen mit seinem Bruder Tschen Kuo-fu Mitglied des Geheimbundes "Green Gang" (Grüne Bande) in Schanghai war.
Das war eine Bande von echt asiatischer Undurchsichtigkeit. Als Teehausbesitzer konnte man sich bei ihr gegen Banditenüberfälle versichern oder auch einen Ueberfall auf die Teehauskonkurrenz bestellen. Die "Grüne Bande" verdiente dabei gut. Vom Reinverdienst ließ sie Waisenkinder erziehen und die Leichen herrenloser Kulis begraben.
Die "Grüne Bande" war der eigentliche Herr von Schanghai. Daran änderten auch nichts die franzosischen Truppen auf der Avenue Foch, die britischen Kanonenboote gegenüber der Chartered-Bank und die belgischen Kapitaleinlagen bei den Straßenbahnen, Omnibuslinien und Elektrizitätswerken.
In diesen Jahren in Schanghai, da ihm täglich die fremde, weiße Macht im eigenen Lande demonstriert wurde, schwor sich Tschiang Kai-schek, nicht eher zu ruhen, bis auch die letzten weißen Vorrechte in China gebrochen seien.
Zu diesem Kampf brauchte er Geld. Er spielte an der Börse, er vervollkommnete sich in allen chinesischen Geschäftspraktiken. Er gewann an Geltung und Wohlstand. Seine biedere Frau Mao vermochte ihm jetzt nicht mehr zu folgen. Er ließ sich von ihr scheiden und schickte sie mit seinem Sohne Tschiang Tsching-kuo nach Fenghua zurück.
Pakt mit Moskau. Im Dezember 1922 erschien Sun Yat-sen wieder in Schanghai. Er kam aus Kanton, wo er eine neue revolutionäre Regierung gegen das Regime des Generals Yüan Schih-kai in Peking gegründet und seine "Schwurbrüderschaft" zur Kuomintang, das ist Reichsvolkspartei, erweitert hatte.
Jetzt wollte Sun gegen den Norden ziehen. Dazu brauchte er Geld und Verbündete. In Frage kam nur die Sowjetunion, weil sie freiwillig auf alle "imperialistischen Vorrechte" auf chinesischem Boden verzichtet hatte.
Als Präsident der Kanton-Regierung schloß Dr. Sun am 22. Dezember 1922 ein Freundschaftsabkommen mit dem Sonderbeauftragten der Sowjetunion A. A. Joffe. "Der Kommunismus ist für China ungeeignet", einigte man sich. Auf dieser Grundlage versprach Moskau, alles zu tun, um China zu nationaler Einheit und Unabhängigkeit zu verhelfen. Dazu bot die Sowjetunion Ausbilder und Geld.
Tschiang, der sich wieder Dr. Sun angeschlossen hatte, war unter den ersten, die nach Moskau fuhren, um militärisch und politisch geschult zu werden. Er war ein aufmerksamer Schüler. Er sah, wie Partei und Staat miteinander verschmolzen werden können, wie eine Opposition rücksichtslos auszuschalten ist und wie durch Politruks eine ganze Nation einheitlich geschult werden kann. Er sprach mit Trotzki und Stalin. Mit dem klugen, gutgewachsenen (1,73 m groß) Chinesen war der Kreml sehr zufrieden.
Mit mehreren Koffern voll Druckschriften kam Tschiang nach Kanton zurück. Als sowjetischer Berater traf er dort bereits die Genossen Blücher (Galen) und Borodin vor.
Der Moskau-trainierte Offizier gründete die Whampoa Militär-Akademie. Politischer Leiter wurde der Kuomintang-Parteigenosse Wang Tsching-wai - im zweiten Weltkrieg Chef der Japan-hörigen Nanking-Regierung. Der militärische Vizedirektor hieß Tschou En-lai - heute Außenminister der Regierung Mao Tsetung. Beide waren gerade der kurz vorher (1921) von Tschen Tu-hsiu in Schanghai gegründeten Kommunistischen Partei Chinas beigetreten.
Damals noch überbrückte der große Einfluß Dr. Suns die Gegensätze zwischen Rechts und Links in seiner eigenen Partei. Er hoffte, die Gegensätze auch für die Zukunft zusammenhalten zu können. Auf einem Festmahl in Kanton verbrüderte er sich offiziell mit den Kommunisten. Nun schloß auch parteiamtlich die Mitgliedschaft bei der KP die bei der Kuomintang nicht aus. Umgekehrt war es genau so.
Auf Deinen Schultern. Das war Dr. Suns letzte politische Tat. Auf einer Reise starb der krebskranke "Vater des modernen China" am 12. März 1925 in Peking. "Die Revolution ist noch nicht beendet", diktierte er auf dem Sterbebett seinem Begleiter Wang Tsching-wai. Für Tschiang Kai-schek hinterließ er eine Botschaft: "Aufstieg oder Untergang Chinas werden auf Deinen Schultern ruhen."
Tschiang zögerte nicht, Suns Testament zu vollstrecken. Unter seinem Oberbefehl brach am 9. Juli 1926 die revolutionäre Armee mit 21 Divisionen gegen den Norden aus. Die Soldaten waren freiwillig gekommen. Sie stahlen nicht, sie erschlugen keine Rikscha-Kulis, sie schnitten keiner Frau die Brüste ab. In den Bataillonen hielten Politkommissare auf strenge Disziplin. Das Volk begrüßte die revolutionären Soldaten als seine Befreier.
Nach einem Marsch 900 km nordwärts - das entspricht der Entfernung Innsbruck-Kopenhagen - fiel im Herbst 1926 Hankau. Es wurde die neue Hauptstadt.
Tschiang hielt sich nicht mit der Regierungsbildung auf. Er zog weiter nach Norden, trieb Provinzgouverneure, korrupte Bürgerkriegsgenerale und gegnerische Armeen vor sich her. Am 24. März 1927 eroberte er Nangking. Dort warteten schon die Freunde vom Schanghaier "Green Gang" auf ihn.
Es kam, wie es kommen mußte. In Moskau beruhigte Stalin den argwöhnischen Trotzki: "Genosse Tschiang gehorcht unserer Disziplin". Im nahen Schanghai bereiteten die Arbeiter einen triumphalen Empfang für die revolutionären Truppen Tschiang Kai-scheks vor.
Tschiang zog ein und richtete ein grausiges Blutbad unter dem ihm zujubelnden Proletariat des Welthafens an. Die Sowjetinstrukteure Blücher und Borodin flohen aus dem Land. Frau Sun Yat-sen, die Witwe des Gründers der Republik, zog sich erbittert von der Kuomintang zurück. Die "Grüne Bande" hatte gesiegt.
Es war nur ein Sieg auf kurze Dauer. Kaum hatte sich Tschiang zum Präsidenten der neu gegründeten reinen Kuomintang-Regierung machen lassen, kaum hatte er begonnen, seine Ideen durchzudrücken, da verdrängten ihn die Generale Pai Tschun-hsi und Tang Sen-schih schon wieder aus der Regierung. Verbittert emigrierte der "rechtsradikale Spartakist", wie Tschiang damals von seinen Feinden genannt wurde, nach Japan Beim Abschied befahl er seinen Getreuen von der Whampoa-Akademie: "Verliert solange Schlachten, bis man mich zurückholt."
Apokalyptischer Schatten. Sie verloren befehlsgemäß, und am 10. Dezember 1927 kam Tschiang zurück. Er kam nicht allein. Er brachte seine zweite Frau Mai-ling aus dem Geschlechte der Sung mit.
Sie wurde sein Schatten. Es war ein apokalyptischer Schatten. Denn hinter Madame Mai-ling (Schöne Stimmung) stand und steht ihre Sippe, die Nachkommen des Amerika-geschulten Großkaufmanns, Großindustriellen und Methodisten-Missionars Charles Jones Sung.
Millionärsvater Sung hatte drei Söhne und drei Töchter, die er alle in Amerika erziehen ließ. Der eine Sohn, T. V. Sung, diente später Tschiang Kai-schek wiederholt als Minister. Ein anderer Sohn, L. C. Sung, stand hinter allen Finanztransaktionen, die in der Tschiang-Aera getätigt wurden. Tochter Ai-ling (Liebe Stimmung) heiratete den Finanzmann H. H. Kung, der "Chinas Hjalmar Schacht" genannt wurde und doch die maßlose Inflation im Reich der Mitte nicht zu verhindern wußte.
Sie und alle Glieder dieser Sippe wetteiferten bald, das von Schwager Tschiang Kai-schek geeinte Volk gründlich zu melken. Nur Vater Sungs älteste Tochter, Ching-ling (Glückliche Stimmung), die Witwe Sun Yat-sens, machte eine Ausnahme. Sie war und blieb ehrlich
In den folgenden Jahren wurde Tschiang wiederholt von einsichtigen Anhängern gedrängt, die gesetzlichen Vorrechte der "begünstigten Familien" des Landes aufzuheben und mit der korrupten Mißwirtschaft der chinesischen Kapitalisten-Clique Schluß zu machen. Der Generalissimus konnte nicht mehr zurück.
Als sein Sohn Tschiang Tsching-kuo nach dem Einmarsch in Schanghai 1945 ohne Rücksicht auf Herkunft und Verbindung Schieber, Spekulanten und kapitalistische Ausbeuter einsperren und reihenweise erschießen ließ, stoppte Vater Tschiang. Madame Tschiang Kai-schek, zu der ein bedrohter Kung-Vetter geflohen war, hatte interveniert.
Wie der Kaiser. Damals 1927 öffnete die Einheirat in die Sung-Dynastie dem General Tschiang Kai-schek recht eigentlich erst die letzte Etappe zur Macht. Jetzt gehörte er selbst zur Geldaristokratie Chinas, jetzt flossen ihm Millionen-Kredite zu. Jetzt auch begannen die weißen Mächte, sich für ihn zu interessieren.
Im Juni 1928 zog er wie ein chinesischer Kaiser durch die Tore der Verbotenen Stadt in Peking ein. Große Teile Chinas waren geeint. In Tschiangs Person waren Staat und Partei verschmolzen. Er war zugleich Oberbefehlshaber aller bewaffneten Streitkräfte. Seine Geheimpolizei, die "Blauhemden" unter Tschen Li-fu, hatte Tscheka-gleich ihre Finger in allen Vorgängen zwischen der nördlichen Großen Mauer und dem südlichen Perlflußdelta.
Tschiang Kai-schek brauchte Helfer Er holte sie sich aus dem Staat, der ihm am wenigsten gefährlich werden konnte, aus Deutschland. Oberst Max Bauer löste die geflüchteten Sowjetberater ab. Später kamen Oberst Kriebel, Generalmajor Wetzel, Generaloberst von Seeckt, General von Falkenhausen.
Auf der Zentralmilitärakademie in Nanking wurden HDV's ins Chinesische übersetzt. Die leicht überheblichen Whampoa-Offiziere mußten wieder mit dem "Griffekloppen" anfangen.
Schon der erste der deutschen Berater, Oberst Bauer, redete dem Generalissimus zu, eine eigene Rüstungsindustrie aufzuziehen. Deutsche Firmen standen hilfsbereit zur Verfügung. Carlowitz, Melchers, Siemssen & Co. richteten Arsenale ein, lieferten Krupp- und Klöckner-Gewehrlaufstähle. Geschützrohlinge und. Werkzeugmaschinen. Millionen China-Dollar wurden ausgegeben. Alle Ausgaben für nichtmilitärische Zwecke wurden auf ein Mindestmaß gedrosselt.
An Fleiß und Energie gab Tschiang allen seinen Untergebenen ein Beispiel. Er hat stets spartanisch-einfach gelebt. Er ißt mäßig, raucht nicht und verschmäht Alkohol. Englischen Beobachtern erschien er wie ein Puritaner. Sein Tageslauf begann und beginnt um 5 Uhr mit einer ganz unchinesischen Abwaschung in kaltem Wasser. Dann 20 Minuten Sologymnastik auf seinem Balkon. Anschließend Meditation und Gebet.
Auf Bitten seiner Frau und nach "sorgfältiger Prüfung des Fragenkomplexes" war Tschiang Christ geworden, Methodist. Später hat er selbst, der an sich alles andere als ein Bücherwurm ist, eine chinesische Bibelübersetzung revidiert und ein Vorwort zu einer Psalmübertragung geschrieben.
Achtung, Mütze ab. Damals in den Jahren der Macht pflegte Tschiang jeden Montagmorgen um 6 Uhr vor einem der zahreichen Offizierslehrgänge zu erscheinen. Sein erstes Kommando: "Achtung! Mütze ab! Drei Verbeugungen vor dem Bild von Sun Yat-sen!" Anschließend verlas der Generalissimus das 20 Zeilen lange Testament des Vaters der chinesischen Revolution. Jeden Satz hatten die Offiziersschüler im Sprechchor zu wiederholen. Dann: "Mütze auf!"
Vierzig Minuten politische Belehrung schlossen sich an. Nur einer sprach: der Generalissimus. Die anderen wagten nicht, sich zu rühren. Zum Schluß: "Das ist alles!" Steif und leicht arrogant verbeugte sich Tschiang Kai-schek und verschwand.
Inzwischen hatte er seinen Namen wieder geändert. Er nannte sich jetzt Tschiang Tschung-tscheng, das ist Tschiang "die zentrale Rechtlichkeit". Das Ausland blieb beim alten Namen.
Scheinbar war der Generalissimus am Ziel. Er war der "Einiger der Nation", der "Herr Prinzipal" der ihn vergötternden Soldaten, der "Block gegen den Kommunismus" für die britischen und amerikanischen, französischen und belgischen Bankiers in Schanghai.
Er ging daran, sein Volk zu reformieren. 1934 begründete er die Bewegung "Neues Leben". "Li I Lien Tschih" forderten riesige Propagandaplakate an den Jahrtausende alten Stadtmauern von jedem chinesischen Staatsbürger: "Selbstbeherrschung, Vorbild. Ehrlichkeit, Unantastbarkeit".
Westliches Tanzen und amerikanische Dauerwellen wurden verpönt. Opiumrauchen unter Strafe gestellt. Propagandaredner warben für den Gebrauch von Taschentüchern. Niemand sollte mehr auf der Straße und im Zimmer ausspucken. Das "Neue Leben" schien wirklich neues Leben nach China zu bringen.
Sechsmal gegen Kiangsi. Da waren aber schon neue Kämpfe im Gange. Südlich des Yangtse, mitten im reichsten Gebiet Chinas in den Bergen von Kiangsi zwischen Nanking und Hankau hatte sich unter Mao Tse-tung, Tschou En-lai und Tschuh Teh, der "roten Tugend", in aller Stille ein Sowjetstaat etabliert. Wie Tschiang Kaischek, bezogen auch die Kommunisten ihr Programm von Sun Yat-sen. Nur fühlten sie sich als die wahren Vollstrecker der drei Volksprinzipien: Nationale Einheit, politische Demokratie und Volkswohlfahrt. Tschiang galt bei ihnen als Verräter.
Sechsmal zog der Generalissimus aus, um die Kommunisten aus Kiangsi zu vertreiben. Erst mit 100000 Mann, dann mit 200000, dann im Herbst 1931 mit 300000 und hundert. Flugzeugen. Beim vierten Feldzug waren es schon 500000 Soldaten, die sich von den weit unterlegenen Kommunisten schlagen und 25000 Gewehre und 300 MG's abjagen ließen.
Nach dem fünften vergeblichen Feldzug mit 700000 Mann im Juni 1932 bekam Tschiang einen Wutanfall. Mit einer Reitgerte schlug er jeden Offizier ins Gesicht, der nicht schnell genug eine glaubhafte Ausrede für sein Versagen fand.
Erst auf dem sechsten Feldzug wurden die Kommunisten aus Mittelchina vertrieben. Sie wurden nicht vernichtet. Wohl trieben die von Tschiang aufgebotenen 900000 Mann die Kommunisten wie die Feldhasen auf engstem Raum zusammen. Aber als eben der Generalissimus seine Divisionen zum letzten Angriff antreten lassen wollte, durchbrachen am 16. Oktober 1934 die Eingeschlossenen die vierfache Umklammerung. Der "lange Marsch" begann.
Er dauerte 12 Monate. 15 Schlachten und 300 Gefechte mußten die Kommunisten überstehen. 42 Flüsse und 18 Gebirge, davon fünf im ewigen Schnee, hatten sie zu überwinden. 80000 Menschen kamen unterwegs um. Aber am Ende ihres 11000-km-Marsches in der Provinz Schensi begründeten sie den kommunistischen Staat, von dem aus Jahre später Mao Tse-tung zur roten Eroberung Chinas ausgehen konnte.
Während Tschiang Kai-schek sich mit den Kommunisten in Kiangsi herumschlug, fielen die Japaner 1931 in die Mandschurei ein. Tschiang ließ sie gewähren. Auch als die fremden Eroberer über die Mandschurei hinausgriffen, die Provinz Jehol eroberten und den Schattenkaiser Pu-Ji auf den alten Mandschuthron setzten, schlug Tschiang noch nicht zurück. Er wollte erst mit den Kommunisten fertig werden.
Unter dem "jungen Marschall" Tschang Hsüh-liang schickte er eine Armee gegen Schensi. Der Angriff blieb stecken.
China braucht Sie. Da flog der Generalissimus selbst in das Hauptquartier seiner Expeditionsstreitkräfte nach Sian. Tschang Hsüh-liang nahm ihn in allen Ehren auf, um in der Nacht dann gegen seinen Oberbefehlshaber zu putschen.
Während Tschiangs Leibwache bis auf den letzten Mann niedergemacht wurde, sprang der Generalissimus in Unterhosen aus dem Fenster kletterte über eine drei Meter hohe Mauer und stürzte in einen morastigen Graben. Dabei verlor er sein Gebiß und verstauchte sich das Rückgrat.
Mit eiserner Willensanstrengung kletterte er aus dem Schlamm, lief in der Dunkelheit weiter bis er sich in einem Brombeergestrüpp völlig verfing. Dort fanden die rebellierenden Soldaten ihren Oberbefehlshaber. Sie weinten vor Scham. Tschiang verlangte, auf der Stelle erschossen zu werden. Er wurde nicht erschossen.
Vom 12. bis 25. Dezember 1936 fanden die dramatischsten Verhandlungen der neueren chinesischen Geschichte statt. Die Verschwörer forderten von Tschiang, er solle vom Bruderkrieg ablassen und gegen die Japaner ins Feld ziehen.
Kommunistische Unterhändler wurden hinzugezogen. Im Namen von Mao Tsetung bat der inzwischen zum roten General avancierte Tschou En-lai den Generalissimus, keinen Selbstmord zu begehen, sondern nach Nanking zurückzukehren: "China braucht Sie zum Kampf gegen das faschistische Japan."
Es kam zu einer Art Waffenstillstand zwischen Tschiang und den Kommunisten. Ziel: Gemeinsamer Kampf gegen die japanischen Eindringlinge
Am ersten Weihnachtstag flog Tschiang mit Frau Mai-ling, die auch herbeigeeilt war, und seinem persönlichen Berater, dem Australier Donald, nach Nanking zurück. Vorn beim Piloten saß der "junge Marschall" Tschiang behielt ihn in Schutzhaft. Darin ist er noch heute. Keiner weiß, wo.
An der Marco-Polo-Brücke. Sieben Monate später, am 7. Juli 1937, begann mit dem Zwischenfall an der Marco-Polo-Brücke bei Peking der Krieg gegen Japan 300000 von deutschen Instrukteuren ausgebildete Soldaten konnte Tschiang Kai-schek den Japanern entgegenstellen. Von der HAPRO (Handelsgesellschaft zur Verwertung industrieller Produkte) waren Tschiangs Krieger vom Stahlhelm bis zum Flak-Feuerleitgerät mit vollwertigen deutschen Waffen ausgerüstet
Trotzdem ließ sich der Generalissimus auf keinen offenen Kampf ein. Er zog sich in die Tiefe seines Landes zurück. Tientsin, Peking, Schanghai und Nanking fielen, nicht ohne erhebliche Verluste für die Japaner
In diesem Augenblick verlor Tschiang Kai-schek seine deutschen Gehilfen. Mit dem Stichwort "Antikominternpakt" hatten sich die Japaner in Berlin beschwert. Ribbentrop rief sofort willfährig die deutschen Instrukteure ab, obwohl sie nicht im Auftrag des Reiches, sondern im Privatdienstvertrag bei Tschiang Kai-schek dienten. Der Generalissimus ließ die Deutschen gehen, er hätte sie wegen Kontraktbruchs einsperren lassen können. Es waren "mehr als ein Dampfer voll".
Wenige Tage nach der Abreise der Deutschen fiel Hankau. Tschiangs Nationalregierung zog sich nach Tschungking zurück. Das liegt 1500 km von der Küste entfernt.
Anders als die zurückgehenden Verbände Tschiang Kai-scheks stellte sich Mao Tsetungs rote Armee, zeitgemäß in "Nationale revolutionäre Armee" umgetauft, den Japanern zum Kampf. Allerdings nicht in offener Feldschlacht. Als Partisanen waren die Kommunisten den Japanern viel gefährlicher. Tschiang sah mit Freuden Maos Leute Krieg führen. Er hoffte, die Japaner würden die "Nationale revolutionäre Armee" aufreiben. Tschiang irrte sich.
Haben Sie keinen Film? Jahrelang harrte Tschiang Kai-schek in Tschungking der Stadt der sieben mal sieben Hügel unter den oft pausenlosen Bombenangriffen der Japaner aus. Als im Herbst 1939 die deutschen Waffen sich in Polen bewährt hatten, bemühte er sich, Kriegsgerät in großem Umfang aus Deutschland zu bekommen. Als Gegengabe bot er Wolfram, das das deutsche Rüstungsamt dringend für Stahllegierungen benötigte. Ribbentrop wollte nicht.
Da flog der Vertreter des deutschen Nachrichtenbüros in Tschungking, Wolf Schenke*), über die bisher geheimgehaltene Route Tschungking-Urumtschi-Alma Ata-Moskau nach Berlin. Er drang nicht bis Ribbentrop vor
Botschafter Hewell, der Verbindungsmann zwischen dem Auswärtigen Amt und dem Führerhauptquartier, fragte ihn: "Haben Sie keinen Film von Tschiang Kaischek? Den deutsch - russischen Nichtangriffspakt haben wir ähnlich gebaut. Als Hitler den Streifen von Stalin sah, rief er: 'Mit dem Mann läßt sich arbeiten.' Da war der halbe Pakt fertig."
Leider gab es in Berlin keinen Propagandafilm von Tschiang Kai-schek. So kam Deutschland um die lebensnotwendigen Wolframerze und verließ sich weiterhin bedenkenlos auf Japans angebliche Unbesiegbarkeit.
Noch einmal, nach dem Frankreichfeldzug, versuchte Tschiang, mit den Deutschen ins Geschäft zu kommen. Er schickte den in der Reichswehr geschulten General Kwei Yung-Chin und den HAPRO-Millionär Robert Tschi nach Berlin. Sie boten Wolfram und baten dafür Deutschland, den Frieden zwischen China und Japan zu vermitteln.
Ribbentrop versagte sich und schloß das Militärbündnis Berlin-Rom-Tokio. Am 1. Juli 1941 brach Deutschland die diplomatischen Beziehungen zu Tschiang-China ab.
Da kam Stilwell. So standen die Dinge, als nach Pearl Harbour (7. 12. 1941) die Amerikaner in Massen ins Land kamen. Es kamen Offiziere und Botschafter, Berater und Soldaten, Manager und Zeitungsleute. China, das bisher trotz aller Bitten und Amerika-Reisen von Madame Tschiang Kai-schek in drei Jahren und vier Monaten für ganze 186 Millionen US-Dollar Hilfsgüter bekommen hatte, wurde in die Pacht- und Leihhilfe einbezogen.
Waffen und Waren, made in USA, rollten an. Aber vieles von dem was die Amerikaner schickten, wurde nicht dort hingeschickt, wohin Tschiang es haben wollte. Denn es kam auch Amerikas Oberbefehlshaber in Ostasien, Generalleutnant Joseph Warren Stilwell.
Wenn Kommentator Joseph Alsop, geschätzter Mitarbeiter der größten amerikanischen Blätter wie "New York Times" und "Saturday Evening Post", recht hat, dann bezeichnet die Ankunft Stilwells den Anfang vom Ende in China. Damals, im Juni 1942, kam Stilwell aus Burma. Im Kampf gegen die eingedrungenen Japaner hatte er gerade nicht nur seine eigenen Truppen, sondern auch die 5. und 6. chinesische Armee, die ihm Tschiang unterstellt hatte, verloren.
Stilwell verlangte neue Armeen von Tschiang Kai-schek. Er wollte sie völlig dem amerikanischen Kommando unterstellt wissen. Er wollte sie ausschließlich gegen Burma einsetzen. Mit diesem militärischen Programm aber mußte er Tschiang Kaischeks China zwangsläufig ruinieren.
Damals beherrschten die Japaner ganz Nordchina und fast die ganze chinesische Küste. Seit sie sich auch in Burma festgesetzt hatten, war China praktisch von der Außenwelt abgeschlossen. Es gab nur noch den "Hump", die abenteuerliche Luftbrücke von Indien über den Himalaja ins Reich der Mitte.
Wie ein Monomane hatte sich der zerknitterte Brillenträger Stilwell dem seine eigenen Landsleute jede Ahnung von Generalstabsarbeit und höherer Strategie absprachen, auf den Bau einer neuen Zufahrtstraße nach China, der späteren Burmastraße, festgebissen Die Ingenieure, die Roosevelt schickte, um Flugplätze für die Luftbrücke zu bauen, ließ Stilwell Straßen im Burma-Dschungel planen. Den Sprit, den "Hump"-Flugzeuge mühsam nach China karrten, ließ er in die Tanks seiner Bulldozer in Burma fließen.
Als im Januar 1945 der nun nach ihm genannte Stilwell-Road fertig war, zeigte es sich, daß die Lkw. knapp soviel Benzin über die Gebirgsstraße schleppen konnten, wie sie selbst verbrauchten.
Eine Herzkrankheit. Wahrscheinlich war Burma das geeignete Schlachtfeld gegen die Japaner. Aber Tschiang Kai-schek mußte nicht in Burma, er mußte in China Krieg führen.
Für den Generalissimus waren die Kommunisten noch immer der Hauptfeind. Er sah, wie im Kampf gegen die japanischen Aggressoren die Kommunisten mehr und mehr an Boden gewannen. Wohl beherrschten die Japaner die Städte in Nordchina und an der Küste. Aber im flachen Land bestimmten die kommunistischen Partisanen. "Die Japaner sind eine Hautkrankheit", sagte er damals, "die Kommunisten aber sind eine Herzkrankheit."
Er handelte dementsprechend. Im Januar 1941 hatte sein General Ku Tschu-tung mit 19 Divisionen einen engen Ring um die bei Nanking stehende kommunistische "neue 4. Armee" gelegt. Monatelang hielt der Einschließungsring. Da forderte Stilwell den Abzug der nationalchinesischen Divisionen nach Burma. Tschiang weigerte sich. Roosevelt gab seinem General recht und sperrte die Dollarkredite. Tschiang mußte nachgeben. Die Kommunisten hatten mit amerikanischer Hilfe eine Schlacht gewonnen.
Dies war nur ein Fall. Er wiederholte sich dutzendfach. In Washington galt allein Stilwells Meinung. Die chinesischen Kommunisten seien gar nicht so schlimm, hieß es damals im State Departement. Sie seien eigentlich nur Agrarreformer, und mit denen solle sich Tschiang nur vertragen.
Stilwell fuhr fort, auf den Generalissimus zu drücken. Er mußte seine Schutzdivisionen aus Nordchina abziehen, er mußte die Kommunisten ins Land lassen. Der US-General verstand gar nicht, warum Tschiang auch jetzt noch den Damm gegen die Kommunisten halten wollte. Er sah nur Burma
Vergebens versuchte sein Luftwaffengeneralmajor Claire L. Chennault, einst Tschiangs "Fliegender Tiger"-Chef, den dickköpfigen Stilwell umzustimmen. Es kam schließlich dahin, daß die beiden amerikanischen Generale kaum mehr miteinander sprachen.
Der Leidtragende war Tschiang. Er mußte seine letzte gut ausgerüstete Division in dem gleichen Augenblick nach Burma schicken, als die Japaner und in ihrem Gefolge die kommunistischen Partisanen die Provinz Honan besetzten.
Die Summe von Stilwells unseligem Wirken in China zog General Chennault am 6. Juli 1945. In einem Brief an Roosevelts neuen Bevollmächtigten in China. General Albert C. Wedemeyer, schrieb er: "Burma wurde 1944 erobert. Aber in China wurde eine Situation geschaffen, in der das Ziel der großen amerikanischen Politik im Fernen Osten, ein starkes, freundschaftliches und einiges China zu schaffen, fast unmöglich gemacht wurde ...
"Jetzt können wir vor die Wahl gestellt werden, entweder auf die amerikanischen Interessen im Fernen Osten völlig zu verzichten oder einen unverhüllten Wettlauf um den Einfluß in diesem Gebiet zwischen den Vereinigten Staaten und Sowjetrußland zu wagen."*)
An Stalin verkauft. Was Stilwell an Ort und Stelle anrichtete, vollendeten die großen Verbündeten auf ihren Kriegskonferenzen. In Kairo im September 1943 versprachen Roosevelt und Churchill dem chinesischen Marschall, den Angriff der chinesischen Divisionen in Burma mit einer großen britischen Landungsoperation zu koordinieren. Wenige Tage später in Teheran gaben sie Stalins Wunsch nach und dirigierten alle Landungsfahrzeuge aus Ostasien nach Europa für die kommende zweite Front um.
Ebenfalls in Kairo versprachen Roosevelt und Churchill, nach dem Sieg alle nationalen Rechte in China wiederherzustellen. 17 Monate später verkauften sie ihren Bundesgenossen an Stalin. Die Sowjets durften in die Mandschurei einziehen, die längst abgegoltenen Zaren-Rechte auf die
mandschurische Eisenbahn zurücknehmen und die Häfen Dairen und Port Arthur besetzen. Tschiang erfuhr erst später davon. Er konnte nur noch zustimmen.
Dafür erklärte die Sowjetunion 48 Stunden nach dem Abwurf der ersten Atombombe auf Nagasaki und 24 Stunden vor der japanischen Kapitulation Tokio den Krieg. Der einmarschierenden Roten Armee fielen in der Mandschurei die Waffen und die vollständige Ausrüstung von 30 japanischen Divisionen in die Hände. Die chinesischen Kommunisten wurden die Erben dieser Beute.
Tschiang stand tief gedemütigt vor seinem Volk da. Unbewußt schürten die Amerikaner das Feuer weiter. "Chinks" sagten die GI's verächtlich von den gelben Männern und benahmen sich entsprechend. Es war höchste Zeit, daß der Krieg zu Ende ging. Chinesische Studenten demonstrierten bereits: "Fort mit den Amerikanern! Wir sind kein Kolonialvolk!" Der Haß gegen die USA traf auch den mit ihnen verbündeten Tschiang Kai-schek.
Nur mit amerikanischer Hilfe konnten noch einmal die Kuomintang-Truppen in Schanghai einziehen, Peking gewinnen und in der Mandschurei vordringen. Die Kommunisten zogen sich zunächst zurück. Dann brachen sie zu ihrem großen Vormarsch auf.
Der innerlich bereits ausgehöhlte Kuomintang-Staat krachte schnell zusammen. "Jede Sonne muß einmal untergehen", sagen jene Chinesen, die noch nicht ganz Tschiangs Taten für China vergessen haben. Andere bedauern, daß die Bombe, die am 14. September 1949 in Tschungking gegen ihn geworfen wurde, nicht traf. Es wäre ein guter Abgang gewesen.
*) Er berichtet darüber in seinem Buch "China im Sturm". Nölke-Verlag, Hamburg.
*) Positiver als General Chennault und mit ihm viele amerikanische China-Kenner beurteilen die "Time"-Korrespondenten Theodore H. White und Annalee Jacoby Stilwells Wesen und Wirken. Ihr Buch "Donner aus China" (Rowohlt-Verlag) bietet eine lesenswerte Analyse der Hintergründe des Ringens in und um China.

DER SPIEGEL 10/1950
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