30.03.1950

DAS SPIEL IST AUS - ARTHUR NEBE

26. Fortsetzung
Am 26. Juli wollte sich Wehner, der im Zug des Führerhauptquartiers früh am Schlesischen Bahnhof wieder eingetroffen war, bei Arthur Nebe zurückmelden. Er ging bei Engelmann in die Adjutantur. "Der Gruppenführer schon da?" - "Ich wollte er wäre es." - "Was ist denn los hier?" - "Ja Mensch, weißt du denn noch nicht? - Nebe ist weg, geh man rin!" Wehner klopfte, trat ein.
Das Bild, das sich bot, war das einer ermüdeten Mordkommission nach der dritten durchgearbeiteten Nacht. Hinter Nebes Schreibtisch saß Werner, übermüdet, ratlos. Am Fenster unterhielten sich der Oberregierungsrat Dr. Schulze, Gruppenleiter C, und Lobbes, der seinen Schlips umband. Die Sekretärin stellte Gläser und Flaschen weg, brachte Tassen und goß starken Kaffee ein.
Der Kriminalkommissar Dennerlein hatte vor dem Telefon eine lange Liste mit Namen und Nummern liegen und rief unentwegt eine nach der anderen an. Der KTJ-Chef Heeß lag mehr in einem Sessel als daß er darin saß und gähnte. Dazwischen kamen und gingen die übrigen Gruppenleiter.
Zabel tänzelte von einem zum anderen. Wehner ging auf Werner zu. "Vom Führerhauptquartier zurück." - "Schon gut, Wehner, aber erwarten Sie nicht, daß hier noch jemand Interesse für Ihre Arbeit hat. Seit Montag ist der Chef weg."
Am Montag, 24. Juli, war Nebe wie immer zur mittäglichen Amtschefbesprechung gefahren. Gegen 14 Uhr hatte er im Amt angerufen, man solle ihm seinen Wagen schicken. Das war unverständlich, denn er war ja mit seinem Wagen und einem Fahrer weggefahren.
Engelmann hatte darauf den Fahrbereitschaftsleiter geschickt, der Nebe versonnen auf der Prinz-Albrecht-Straße traf, keine zehn Schritt von seinem Wagen entfernt, in dem der Fahrer friedlich schlief. Am Spätnachmittag fuhr Nebe dann vom Amt weg und blieb dann spurlos verschwunden.
Gegen Mittag des 25. Juli begann die Situation für Werner kritisch zu werden. Nirgends hatte Engelmann im Verlaufe des Vormittags eine Spur des Amtschefs auftreiben können, obwohl er alle Adressen, bei denen Nebe gewesen sein konnte, angerufen hatte. Um 13 Uhr war die Amtschefbesprechung bei Kaltenbrunner.
Werner ging mit sich selbst zu Rate. Fuhr er selbst zu Kaltenbrunner, konnte im letzten Augenblick Nebe dort auftauchen und eine erfundene Erklärung zuschanden machen. In diesen Tagen konnte ein Wort jeden in den Verdacht bringen, mit dem 20. Juli zu tun zu haben.
Also erstattete er telefonisch an die Adjutantur Kaltenbrunners eine vorsichtige Meldung, nach der Nebe angegeben hatte, an diesem Vormittag dienstlich außerhalb des Amtes zu tun zu haben. Bisher sei er nicht zurückgekehrt. "Sicher wird er aber, wenn auch verspätet, noch zu Tisch erscheinen."
Gleichzeitig stellte Werner gemeinsam mit Engelmann die ersten dezenten Ermittlungen nach Nebe an. Es mußten dezente Ermittlungen sein. Man vermutete Nebe bei einer seiner Freundinnen. Man rief bei Hanna Volland an, einer früheren Gaufrauenschaftsrednerin, die Nebe betreute, seit Frau Lisa evakuiert war.
Zwischen Hanna Volland und Lisa Nebe bestand seit 1937, seit Hanna auch dagegen war, eine Frauenfreundschaft, die noch dadurch genährt wurde, daß beide zusammen den ihnen anvertrauten Arthur Nebe schlecht behandelten. (Lisa, als einmal im Zoo die Haute volée von SS und Polizei samt Damen dem Fechten Heydrichs zuschen mußte: "Eine Szene will ich Dir hier nicht machen, aber die Hanna ist schon nach Hause gegangen.")
Auf Nebes häusliche Depressionen - verbunden mit dienstlichem Aerger - führte man anfangs sein Verschwinden zurück. "Die Männer, die mit mir verheiratet waren, hatten es nicht leicht", hatte Frau Lisa, von Arthur "Schatzi" gerufen, einmal zu Frau Maisch gesagt. Und: "Wenn ich einmal anfange, dann wackeln die Wände."
Wer Nebes häusliche Verhältnisse kannte, hielt ihn für einen "ganz armen Hund". (Maisch) Heydrich kam eines Tages nach Hause und sagte zu seiner Frau: "Jetzt weiß ich auch, warum Nebe niemals lacht. Er hat mir von seinem Zuhause erzählt."
Man schob es im Amt nicht nur auf den Basedow, sondern mehr noch auf Frau Lisa, wenn Nebe in seiner Frauen-Wahl gegen Schluß immer rapider abglitt. Hatte ihm während Maischs Adjutantenzeit noch die Frau des Generals Osterkamp ständig durch den Burschen ihres Mannes Blumen, besonders häufig Blattpflanzen, ins Amt bringen lassen, so war er zum Schluß bei durchaus miesen Luftschutzbekanntschaften angelangt.
Diese Bekanntschaften waren unter dem Niveau der Damen Kitty Schröder und Vera Achilles, die ihr Gewerbe immerhin mit Eleganz meisterten. Daß Nebe ihnen in voller Uniform die Hand küßte und morgens bei ihnen frühstückte, war bekannt. Auch bei ihnen wurde also dezent nach Neben gefahndet.
Daß Nebe intimere Beziehungen, etwa zu Kitty unterhalten habe, bezweifelt ein Kenner wie Gisevius entschieden. Kitty hatte ihr Etablissement in zwei eleganten Stockwerken in einem Hause neben dem "Esplanade". In ihrem. Haus betätigten sich nur erstklassige Frauen. Meistens waren nur zwei anwesend, die jeweils gewünschten wurden telefonisch gerufen. Berühmt war das Badezimmer mit allem bespiegelten Komfort und einer Badewanne, in der man zu dritt bequem Platz hatte.
Kitty, damals ungefähr fünfzig Jahre und hochblond, taxierte ihre Besucher. Die Preise rangierten von 50 bis 500 RM. Sie nahm alles, auch Dollars und Francs, und stopfte das Geld oft achtlos in Vasen und sonstige Töpfe. Sie war sehr charmant, nicht ohne Geist und hatte Stil.
Wenn das Außenministerium anrief und sagte, wir haben heute die und die Gäste, können Sie, Herr Nebe, denen nicht einige unterhaltende Stunden verschaffen, dann mußte Nebe immer auf Kitty zurückgreifen. Kitty mit ihrer Atmosphäre sei einfach zu "hoch" für Nebe gewesen, meint Gisevius. An Frauen aus dieser anderen Atmosphäre sei er später, vor allem in den letzten Jahren, auch aus Vorsicht nie mehr herangetreten.
Rein in Gesprächen sei manchmal der Plan aufgetaucht, Heydrich oder Himmler bei Kitty - durch eine Bombe in der Diele - hochgehen zu lassen. Sagt Gisevius.
Ueber einigen dieser Intimitäten hätte man das Tabu der privaten Sphäre unangetastet lassen können, wenn nicht gerade diese Neigungen Nebe in der Folge zum Verhängnis geworden wären.
Bei Kitty also, und mehr noch bei Vera Achilles wurde ständig angerufen. Vera Achilles gehörte als gehobenes Mädchen in das Nebesche öffentliche Haus in der Mainzer Straße. Die Mädchen bekamen Weisung, sich von selbst zu melden, falls Nebe bei ihnen auftauchen sollte. Trotzdem rief man weiterhin ständig bei ihnen an.
Auch bei Frau Lisa Nebe in Joachimstal rief man an. Auch dort war er nicht. Bei seinem Freunde Professor de Crinis. dem Gehirnspezialisten und Nervenarzt, war er nicht, bei seinem Freunde Olbertz, dem Standartenarzt war er nicht Eine Nummer nach der anderen wurde in regelmäßigem Turnus abtelefoniert.
Am Nachmittag dieses Dienstag fuhr Stellvertreter Werner gemeinsam mit Adjutant Engelmann zu Stapo-Müller. "Wir müssen vorsichtig zu erkunden versuchen, ob die Stapo irgendwelche Anhaltspunkte für die Annahme hat, daß Nebe in die Verschwörervorgänge verquickt ist."
Am 24. Juli, am Montagvormittag, hatte Nebe einen ziemlichen Schock erlitten. Engelmann mußte die Verbindung mit dem Berliner Polizeipräsidium herstellen, und dann hatte der Kripochef ein längeres Gespräch mit dem Grafen Helldorf. Kurz danach war dieser am Werderschen Markt bei Nebe erschienen.
Ahnungslos hielt der Adjutant alle Besucher von Nebe fern, als plötzlich der Berliner Kripoleiter Dr. Schefe mit einigen seiner Beamten bei Engelmann eindrang, ohne weiteres die Tür zu Nebes Zimmer aufriß und auf Helldorf zustürzte.
So war Helldorf, der Berliner Polizeipräsident, im Zimmer Arthur Nebes festgenommen worden. Hatte es dem labilen, basedowkranken Kripochef den Rest gegeben, daß der Graf glauben konnte, Nebe habe ihn in eine Falle gelockt? Oder hatte er ihn in die Falle gelockt?
Mit Helldorf hatte er in letzter Zeit häufiger zu tun gehabt als sonst. Aber ganz allgemein hatten ihn in letzter Zeit Besucher stundenlang blockiert, bei denen Engelmann nicht wußte, was sie bei Nebe zu suchen hatten.
Immer häufiger hatte der Chef das Amt in Uniform, mit einem Ledermantel ohne Schulterstücke, aber umgeschnallt und mit SS-Mütze verlassen, im Hof einen grünen Schal umgebunden und einen Jägerhut aufgesetzt und dann, ohne Kraftfahrer, seinen Wagen aus dem Gebäude gesteuert. Auf dem Sonderapparat, den er sich nach dem Novemberbrand des Jahres 43 in sein Zimmer hatte legen lassen, meldeten sich viele Teilnehmer, meistens Frauen, die einfach einhängten, wenn sich anstatt Nebe Engelmann meldete. Er hatte sich merkwürdig benommen.
Werner und Engelmann empfanden den Gang zu Müller als einen Kanossa-Gang der Kripo. Aber sie kehrten befriedigt zurück. Weder Müller noch Kaltenbrunner hatten auch nur den geringsten Verdacht gegen Nebe geäußert. Schellenberg und Ohlendorf meinten beide, er sei "dem Führer treu ergeben wie Gold". Werner hatte den Eindruck, daß die Prinz-Albrecht-Straße gerne bereit sei, der These beizupflichten, der kranke Nebe habe die Nerven verloren.
Am Abend des Dienstag, 25. Juli, stellte Werner die erste Kommission zusammen, um Nebe zu suchen Vordringlich sollte sie dafür sorgen, daß das Verschwinden des Kripochefs der Oeffentlichkeit nicht bekannt wurde. Die Ermittlungen hatten so zu erfolgen, daß Nebe selbst dadurch nicht kompromittiert würde. Die Wünsche des Werderschen Marktes trafen sich hier mit denen der Prinz-Albrecht-Straße. So suchten unter Werners Leitung Dr. Schulze, Lobbes, Engelmann und Dennerlein den abgängigen Kripochef.
Wehner sprach, bevor er am 26. Juli zu seiner Dienststelle in Weißensee zurückkehrte, sehr vertraulich mit Engelmann. "Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, als daß Helldorfs Festnahme die Flucht Nebes unmittelbar veranlaßt hat" sagte der Adjutant. "Der Chef war so wenig über das Auftauchen Dr. Schefes und der Berliner Kripoleute verärgert, daß ich persönlich glaube, Nebe hat davon gewußt. Die Folgerung ist dann naheliegend: Ist Helldorf tatsächlich einer der Verschwörer, dann befürchtet der Chef, vom Grafen aus Rache selbst belastet zu werden."
"Aber die Müllerschen Auskünfte? Immerhin haben die drüben Helldorf schon den dritten Tag in der Mache. Glaubst du, sie überließen uns die Suche nach Nebe, wenn Helldorf Nebe belastet hätte?"
Engelmann zögerte mit der Antwort. Dann sagte er: "Kennst du Müller?" und führte Wehner an einen Schrank. "Sieh dir das an!" Im Schrank hing eine komplette Oberstabsarztuniform. "Die hat Nebe sich hierher gehängt, um für alle Fälle die SS-Gruppenführeruniform mit der unverdächtigen eines Sanitätsoffiziers vertauschen zu können. 'Wenn es mal andersherum kommen sollte', hat er gesagt."
Werner suchte nach Nebe. Engelmann rief die privaten Bekanntschaften Nebes wieder und wieder an. Dennerlein fuhr nach Joachimsthal und achtete auf verschwiegene Abwege, in die Nebe eingebogen sein konnte, Lobbes überprüfte alle Meldungen über Verkehrsunfälle, sprach mit den first-class-Freunden Nebes, dem Professor de Crinis, dem Hausarzt Dr. Olbertz, Dr. Schulze setzte seine Fahndungsgruppe auf die Spur nach Nebes Wagen, Telefonate gingen nach Prag, Wien, alles vergebens.
Das dumme Gefühl, Nebes Flucht habe ausschließlich politischen Hintergrund, wurde niemand am Werderschen Markt los. Das mangelnde Interesse in der Prinz-Albrecht-Straße am Amtschef V tauschte niemanden.
Werner griff daher begierig die ärztliche Stellungnahme des Dr. de Crinis auf, nach der Nebes körperlicher und seelischer Zustand eine Flucht in geistiger Verwirrung als möglich, einen Selbstmord als sehr wahrscheinlich und beinahe sogar sicher erscheinen lasse. Nebe und de Crinis waren Freunde.
Hatte Nebe nicht an Verfolgungswahn gelitten und hatte er nicht Selbstmordabsichten geäußert? War er nicht nachweisbar krank, hatten seine Leistungen nicht sichtbar nachgelassen?
Mit Fleiß und Geschick gab Werner der Version des Dr. de Crinis bei den folgenden Amtschefbesprechungen mit Kaltenbrunner neue Nahrung. Dankbar griffen alle nach dem Halm, den der Nebe-Vertreter da hinhielt. Müller konnte seine bissigen Bemerkungen manchmal nicht lassen. Schellenberg und Ohlendorf widersprachen ihm dann scharf. Aber auch Müller hatte gesagt: "Mein Freund Arthur Nebe tut sowas nicht."
Viele Beamte, die Nebe aus diesen oder jenen Gründen näher standen, wurden gehört. Sie schwiegen über alles, was auch nur den Anschein einer Belastung gegen Nebe erbracht haben würde. Feddersen in Prag schwieg, Maisch in Koblenz und Teichmann in Regensburg schwiegen, Werner selbst und Lobbes und Engelmann ventilierten zwar alle sich aus ihrem Wissen möglicherweise ergebenden Konsequenzen, aber sie schwiegen gegenüber ihren Akten, die nur spärlich geführtwurden.
Zu einer einzigen normalen Fahndungsmaßnahme hatte Werner sich entschlossen: den Nebeschen Pkw. als "abhandengekommen" auszuschreiben. Diese Ausschreibung brachte bis zum Mittag des 27. 7. den ersten Erfolg. An einem kleinen See zwischen Menz und Fürstenberg, an der Grenze zwischen Mecklenburg und der Mark Brandenburg, hatten Holzarbeiter zwischen Unterholz und Strauchwerk den Wagen gefunden. Die Meldung kam über die Kripoleitstelle Berlin. Als Werner mit seiner Suchkommission in Menz ankam, war Dr. Schefe mit einer Berliner Mordkommission gleichfalls erschienen.
Werner nahm Wehner beiseite: "Sie übernehmen den ganzen Laden hier möglichst unter Ausschaltung der Berliner. Das sind wir Nebe so oder so schuldig, daß Schefe mit der Sache nicht zu tun bekommt. Ich möchte keine zweite Auflage Helldorf, diesmal zu unseren Lasten." - Wehner übernahm "Ich werde Ihre Leute kaum brauchen Sollte ich in Verlegenheit kommen, darf ich mich an Sie wenden." Schefe hatte verstanden. Am Abend rückte er mit seiner Mordkommission wieder ab.
Es gab nicht allzu viel zu tun. In Nebes Wagen fand sich der lederne Uniformmantel, die SS-Mütze, die Walther-PPK mit Futteral am Koppel und ein Köfferchen mit Mundvorrat, insbesondere Schokolade und Kaffeebohnen. Von Nebe selbst keine Spur.
Ueber den Spuren im Untergrund hatte sich das Gras längst wieder aufgerichtet, stärkere Halme wiesen ältere Bruchstellen auf. Der Wagen stand also mindestens seit dem Vortage, möglicherweise aber bereits seit dem 25. Juli am See. Entweder war Nebe hierher gefahren, um in dieser abgelegenen Gegend Selbstmord zu verüben oder um Selbstmord vorzutäuschen. Im letzteren Falle war bei dem Chef der Kripo nicht damit zu rechnen, daß ein Dritter den Wagen hierher gebracht hatte.
Weder der kleine See noch seine nähere Umgebung zeigten auch nur die geringsten Spuren menschlichen Aufenthaltes. Dagegen ergaben die Lobbes'schen Ermittlungen in den umliegenden Wohnungen, daß ein Mann, dessen Beschreibung mit einiger Phantasie auf einen in Zivil gekleideten Nebe zutreffen mochte, am Vortage in Richtung zum Bahnhof gesehen worden war.
Die anbrechende Dunkelheit sah die Berliner Beamten in des "spinneten" Trummler Sipo-Schule bei Fürstenberg. Lobbes litt unter Erkältung und ließ sich von Wehner in einer Garderobe mit Franzbranntwein massieren. "Machen Sie doch ein paar Tage Pause", riet Wehner seinem Chef und registrierte Nebe auf der Verschwörerseite. Das heimliche Ausbrechen des Nebe-Freundes Lobbes sagte genug. Lobbes: "Man würde mir das stark verübeln, in der Prinz-Albrecht-Straße sogar falsch auslegen."
Werner schickte Lobbes von sich aus zu seiner Frau nach Joachimsthal. "Mit einem halben Lobbes kann ich auch nichts anfangen. Und bei Müller lassen Sie mich nur machen. Schließlich habe ich Sie ja nach Hause geschickt."
Wehner bildete die zweite Suchkommission nach Nebe, die ausschließlich vom gefundenen Wagen aus operieren sollte. Während Werner mit den übrigen RKPA-Männern nach Berlin zurückfuhr organisierte nun der Mann, der von Nebe in die Gauleiter-Hochburgen, in die KZ, zu den Attentaten auf Heydrich und Hitler geschickt worden war, eine Großfahndung nach Arthur Nebe selbst.
Die tausend Beamten der Trummler-Schule und 50 Suchhunde der Oranienburger SS-Kommandantur, die Wehner am 28. Juli früh auf die Spur Nebes losließ, führten zu einem ebenso positiven wie unbefriedigenden Resultat: Nebe hatte in der näheren und weiteren Umgebung des abgestellten Wagens mit Sicherheit keinen Selbstmord verubt. Als Wehner dieses Ergebnis Werner durchgab, blieb nur noch die Möglichkeit, daß Nebe den Mut zur Selbsttötung nicht gleich aufgebracht und sich dabei vom ursprünglichen Tatort entfernt hatte.
"Gruppenführer Müller hat mir heute erneut bestätigt, daß die Stapo keinen Verdacht gegen Nebe hat", sagte Werner mit bedauerndem Unterton. So wie die Dinge einmal standen, mußte Arthur Nebe für die Kripo als abgeschrieben gelten. Ein toter Arthur Nebe war das Beste für die Kripo.
Am 29. Juli wollte Wehner mit einigen ausgesuchten Kommandos die Nebe-Suche auf weitere Entfernung ausdehnen. Als er morgens beim Ankleiden aus dem Fenster sah, fuhr an der Wache der Kasernenanlagen ein Pkw. vor. Das Bild, das sich bot, war ungewöhnlich. Zwischen zwei Wachtposten kletterte, die Hände gefesselt, ein General in voller Uniform aus dem Wagen. Es war Wolf Heinrich Graf von Helldorf.
"Was macht Helldorf in Fürstenberg?" fragte Wehner.
"Wegen der Luftsicherheit ist die Kommission Hilliges hier untergebracht. Zu ihrer Zuständigkeit gehört die Vernehmung Helldorfs, der nachts im Fürstenberger Gefängnis untergebracht ist," sagte man ihm.
Wehner kannte den Stapo-Kriminalrat Hilliges von Innsbruck her, als er dort mit Stapo-Müller in Sachen Regierungsrat Jung war. "Ich soll Nebe suchen, der in dieser Gegend möglicherweise Selbstmord verübt hat," sprach Wehner mit Hilliges. "Da mein Amtschef unmittelbar seit der Festnahme Helldorfs im RKPA abgängig ist, könnte sein Verschwinden mit Helldorfs Festnahme subjektiv zusammenhängen. Gestatten Sie mir, daß ich mit Helldorf spreche?"
"Sprechen Sie mit ihm. Ich sage Ihnen aber schon jetzt, daß Sie nichts über Nebe erfahren. Helldorf ist weitgehend geständig. Ich habe ihn darüber hinaus auf Müllers Befehl einen ganzen Tag über Nebe befragt, aber er weiß nichts von Ihrem Chef. Ich bin selbst überzeugt davon, daß Nebe nichts mit den Dingen des 20. Juli zu tun hat."
In Trummler's großem Konferenzzimmer ging Helldorf ohne Fesseln auf und ab, jeder Zoll ein Graf. Nichts erinnerte an ihm an einen Häftling, der in Tagen schon unter dem Galgen stehen würde. Er war ganz Polizeipräsident. "Kenne ich Sie nicht? - Gehörten Sie nicht einmal zu meinem Präsidium?" begrüßte er, die Arme über der Brust verschränkt, Wehner, der unter Gennat eine Berliner Mordkommission geleitet hatte.
Als Wehner kaum begonnen hatte, über Nebe zu sprechen, schlug sich der Landsknecht in Polizeigeneralsuniform auf die Schenkel und lachte schallend: "Wie, kennt Ihr Euren Chef so schlecht? - Der hätte sich doch lieber in die Hose gemacht als sich gegen seinen Reichsführer aufzulehnen. Nee, nee, mein Lieber, alles, nur nicht so was. Der Nebe war ein viel zu großer Feigling."
So Helldorf, der den Putsch mitgemacht hatte, obwohl er wußte, daß es wahrscheinlich schief gehen würde und daß er im Falle des Gelingens auf dem Posten des Berliner Polizeipräsidenten nicht mehr tragbar war Noch auf dem Wege zum Galgen zeigte er, landsermäßig abgewandelt, den Humor des Vogels aus Wilhelm Busch, den man Galgen-Humor nennt. Zu den Hinrichtungs-Beamten sagte er: "Was ist nun eigentlich los? Ich denke, wenn jemand hingerichtet wird, gibt es eine Henkersmahlzeit. Was habt Ihr nun eigentlich zu bieten?"
Werner war herzlich froh, als ihm Wehner von seiner Unterredung mit Helldorf nach Berlin telefonierte. "Ich werde es heute mittag bei der Amtschefbesprechung sofort zur Debatte stellen." Auch Wehner atmete auf. Also doch nur Folgen des Basedow und zusammengebrochen unter der allgemeinen Misere.
Am Abend brach Wehner die Ermittlungen um Fürstenberg ohne Erfolg ab. Er war sich sicher, daß Arthur Nebe auch in der weiteren Umgebung Fürstenbergs nicht zu suchen und zu finden war.
Dafür brachte der gleiche 29. Juli Werner einige Aufregung ins Amt. Am Mittag hatte die Dame Vera Achilles bei Engelmann angerufen und mitgeteilt, "Arthur" habe angerufen und sich zu Besuch angemeldet. Noch stand man dieser Meldung skeptisch gegenüber, als sich Dr. Olbertz, Standartenarzt der Feldherrenhalle, Hausarzt und Freund Nebes, melden ließ.
"Herr Werner", sagte Olbertz, "können Sie mir ehrenwörtlich versichern, daß gegen Arthur Nebe kein Haftbefehl ergangen ist?"
Werner ist von der Frage beeindruckt. Was sollte sie bedeuten? - Seit dem 25. 7. hat er täglich mit Olbertz gesprochen und telefoniert, alle Möglichkeiten der Ursachen des Nebeschen Verschwindens mit ihm erörtert und war gerade von dem Arzt Nebes darin bestärkt worden, Nebe Selbstmordabsichten zuzubilligen. "Ich verstehe Sie nicht recht, Herr Olbertz."
"Ich kann es nicht ändern. Ich habe aber Dinge auf dem Herzen, die ich Ihnen nur sagen kann, wenn Sie mir meine Frage beantworten."
Werner überlegt. Dann sagt er: "Ich kann Ihnen immer nur wieder dasselbe versichern, was ich Ihnen bereits mehrfach gesagt habe. Sowohl Kaltenbrunner als auch Müller haben Nebe in keinem Verdacht der Beteiligung am 20. Juli, ein Haftbefehl besteht nicht. Ich bin im Gegenteil überzeugt davon, daß Nebe die Nerven verloren hat."
"Gut, dann muß ich Ihnen etwas sagen. Ich weiß, wo Arthur Nebe ist."
Werner überläuft es. Er ist nach dieser Einleitung fast überzeugt davon, daß Nebe in irgendeiner Verbindung zu den Männern des 20. Juli steht. Er braucht Zeit, sich die Situation zu vergegenwärtigen, in die Olbertz ihn mit diesen Angaben bringt. Denn daß Olbertz nicht lügt, ist klar. "Erzählen Sie, bitte."
Der Arzt: "Am Mittwochabend erhielt ich einen Anruf. Aufgeregt und hastig flüsterte eine Männerstimme. 'Arthur in Not! Komme sofort mit Deinem Wagen zur Ecke Kaiserallee/Wilhelmsaue. Laß den Motor laufen, fahre dann so schnell als möglich weiter.' Dann hängte der Mann ab. Es war Nebe." - Dann hatte Olbertz also bisher gelogen. Noch gestern, am Freitag, wollte er nichts von Nebe gehört und gesehen haben.
"Sind Sie gefahren?"
"Ja, was sollte ich sonst tun. Ich fuhr zum angegebenen Treff. Sah keine Menschenseele. Plötzlich tauchte aus den Trümmern ein verwahrloster Mann auf, abgerissen, scheu, mit verwildertem Bart. Er sah sich nach allen Seiten um, sprang auf meinen Wagen zu, riß den Schlag auf und rief mir zu: Los, fahre doch zu. Irgendwohin, nur weg von hier! - Verzeihen Sie, Herr Werner, haben Sie einen Kognak hier?"
Olbertz lügt nicht, denkt Werner, gibt ihm einen Kognak und ist überzeugt davon, daß die Kripo ihren Chef nicht lebend finden darf. 'Was den nur bewogen hat, diese Meldung bei mir zu machen,' schießt es ihm durch den Sinn.
Dann fährt Olbertz fort: "Ich hätte Arthur Nebe nicht erkannt, wenn er nicht plötzlich neben mir gesessen hätte. Ich fuhr auf seine Anordnung kreuz und quer durch die Gegend. Derweil erzählte er mir: 'Ich brauche noch einige Tage, um meine privaten Sachen zu regeln. Nirgends konnte ich eine Bleibe finden. Nicht mal zum Schlußmachen habe ich Ruhe. Rate Du mir, wo kann ich ein paar Tage bleiben.' - Dann haben wir gemeinsam beratschlagt und ich habe Arthur Nebe zu unserem gemeinsamen Freund Viktor Schulz gebracht. Das heißt, ich habe Nebe nur bis kurz vor das Haus in der Brümmerstraße Nr. 46 gebracht. - So, das ist es, was ich Ihnen mitteilen wollte."
Werners Plan ist fertig. Olbertz muß Werner, Dr. Schulze und Kommissar Dennerlein vor das Haus des Direktors des Berghaus-Konzerns in Dahlem fahren. "Nebe wird sich uns kaum fügen. Vielleicht wird es sogar besser sein, wenn er es nicht tut. In seinem eigenen Interesse." So sagt Werner und schluckt. Unter den drei Kriminalisten, die alle drei Pistolen tragen, gibt es in diesem Augenblick keinen, der sich nicht an den entferntesten Winkel der zusammengebrochenen deutschen Front wünscht.
Victor Schulz ist verblüfft, oder er tut verblüfft. "Ja, um Gottes Willen, wußten Sie denn nicht, daß Nebe bei mir wohnte? Er kam am Mittwochabend und bat, bei mir wohnen zu dürfen, nachdem er ausgebombt worden ist. Gestern abend ist er wieder weg. Ich nahm an, das wüßten Sie."
Am Sonntag, 30. Juli, trug Werner den neuen Stand der Nebe-Suche bei Kaltenbrunner vor. Schulz hatte Arthur Nebe, dem er den angeblichen Bombenschaden geglaubt haben will, zunächst eine Nacht bei sich untergebracht und ihn dann in seine zweite Wohnung in der Archivstraße 8 verwiesen, wo der deutsche Kripochef noch eine Nacht in einem Luftschutzkeller gewohnt hat. Er wurde dort von der Schulz'schen Kinderschwester Lotte Krüger betreut Am Freitagabend hatte sich Nebe für die Gastfreundschaft bedankt und verabschiedet.
Niemand war sich klarer darüber als Werner, daß die Darstellungen sowohl von Olbertz als auch von Schulz entstellt waren. Olbertz hatte bis zum Augenblick, wo Nebe bei Schulz wieder verschwunden war, also drei Tage lang geleugnet, von seinem Freunde etwas zu wissen. Erst dann suchte er mit seinem nachträglichen Geständnis nach einer Exkulpation.
Schulz wollte es zwar aufgefallen, aber nicht verdächtig vorgekommen sein, daß Nebe abgerissen, ärmlich und ohne Wagen zu ihm kam, um ein armseliges Luftschutzlager den Möglichkeiten eines Polizeigenerals vorzuziehen. Werner privat war Schulz und Olbertz natürlich dankbar.
Doch auch in der Prinz-Albrecht-Straße gab es am 30. Juli noch niemanden, der Olbertz und Schulz einen Vorwurf machen konnte. Gegen Nebe lag kein Verdacht einer strafbaren Handlung, noch dazu des Hochverrates vor, ein Haftbefehl oder Festnahmeersuchen bestand nicht, also entfiel auch die strafbare Begünstigung auf seiten derer, die Nebes Flucht deckten.
Wehners Kommission war mit dem Auftauchen Nebes am 26. bis 28. Juli in Berlin gegenstandslos geworden. Werner fahndete mit Dr. Schulze, Engelmann und Dennerlein in dem Rahmen weiter, der ihm von Kaltenbrunner gezogen war. Die Oeffentlichkeit durfte nichts erfahren. Also beschränkten sich die Beamten weiterhin auf die Ermittlungen des Bekanntenkreises.
Anfang August forderte Himmler gebieterisch, Nebe tot oder lebendig, als verschwörungsverdächtig oder geisteskrank, herbeizuschaffen. Werner zuckte die Achseln. Dann mußte man Farbe bekennen, Nebe ausschreiben. "Keinesfalls", war die Antwort Himmlers. "Damit würde man die SS belasten."
"Also veranlassen Sie eine Pressenotiz, aus der weder Nebes SS- noch seine Polizeizugehörigkeit ersichtlich ist. Loben Sie eine Million als Belohnung aus." Mit dieser Weisung kam Werner ins Amt zurück:
Allerdings, die irrsinnig hohe Belohnung, die gleiche, die auf die Ergreifung Goerdelers ausgesetzt war, hatte Werner Kaltenbrunner und Müller sofort wieder ausgeredet. "Das wäre belastender als eine genaue Personenangabe."
Von den ursprünglichen Entwürfen für eine Pressenotiz aus dem RKPA blieb nicht viel übrig. Wehner mußte den Stummel selbst ins ProMi bringen. Auflage: Die Presse durfte dem Prinz-Albrecht-Straßen-Wortlaut keinerlei eigenen Kommentar anhängen. Das war allerdings ohnehin nicht zu befürchten.
Immerhin war es schon etwas, daß Nebes Pseudonym, Dr. Friedrich Schwarz - auf diesen Namen hatte er einen zweiten Dienstausweis - aus dem ursprünglichen Entwurf nicht entfernt war.
Am 4. und 5. August brachte die deutsche Presse dann folgenden Aufruf:
"Opfer eines Kapitalverbrechens? 50000 Mark Belohnung
Berlin, den 4. August
Seit Montag, dem 24. Juli 1944, abends, wird der 49jährige Direktor Arthur Nebe aus Berlin-Zehlendorf-West vermißt. Vermutlich ist er einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Es besteht aber auch die Möglichkeit, daß N. in Auswirkung einer schweren Schilddrüsenerkrankung planlos umherirrt und andere Namen, z. B Dr. Friedrich Schwarz, führt.
Beschreibung: Größe 1,77 m, schlank, schmales markantes Gesicht, stark vorspringende Nase, graue Augen, graumeliertes, welliges Haar, große Operationsnarbe oberhalb des Brustbeins. Bekleidung. Dunkler Anzug, dunkler, weicher Hut, schwarze Halbschuhe N. führt eine braune Aktentasche mit zwei Verschlußriemen und einen kleinen Stadtkoffer mit sich.
Wer hat N. nach dem 25. Juli 1944 gesehen? Wer kann sonst sachdienliche Angaben über seinen Verbleib machen? Die Bevölkerung wird unter Hinweis auf die ausgesetzte Belohnung aufgefordert, Mitteilungen, die auf Wunsch streng vertraulich behandelt werden, an das Reichskriminalpolizeiamt, Berlin C 2, Oberwallstraße 14-16, Zimmer 149, Telephon 16 43 11 oder 16 20 07, oder jede andere polizeiliche Dienststelle zu geben."
Der Widerhall der Pressefahndung in der Oeffentlichkeit war denkbar gering. Unter den wenigen eingegangenen Meldungen befand sich keine, die auch nur mittelbar auf die Spur Nebes gewiesen hätte.
Nur: Müllers Angriffe und Bosheiten hatten sich bis zur Pressenotiz ständig verschärft. Obwohl die Stapo immer noch keine Anhaltspunkte für Nebes Beteiligung am Hochverrat hatte. Werner ignorierte Müllers Angriffe.
Das paßte dem nicht. Er wurde massiv. "Na, Kamrad Werner, eines Tages werden auch Sie gestehen, daß Sie und Ihre Kripo den Nebe gar nicht finden wollten. Sie wissen sicher mehr, als Sie sagen. Passen Sie auf, wir sprechen uns wieder."
Ohlendorf, Schellenberg und Six widersprachen dem Stapomann und waren im übrigen auf Werners Parade begierig. Der blieb ruhig und entgegnete sachlich: "Warum denn sucht die Stapo Nebe nicht, wenn sie ihn in Verdacht hat?"
Nach dieser Auseinandersetzung hatte Werner dem Kaltenbrunner sein Amt zur Verfügung gestellt. "Es kann mir unter solchen Angriffen Gruppenführer Müllers schlechterdings nicht zugemutet werden, das Amt eines stellvertretenden Kripochefs zu besetzen."
Kaltenbrunner hatte abgewehrt. "Sie bleiben. Nehmen Sie doch Müller nicht so ernst. Ich werde ihm im übrigen verbieten, Sie oder die Kripo zu verletzen."
Die gesamten Attentats-Ermittlungen segelten unter konträren Winden, wobei man niemals wußte, welche Strömung gerade obenauf war. Einmal trieb kriminalistische Entdeckerfreude die Referatsleiter immer tiefer in eine Verschwörer-Psychose hinein. In allen Aemtern und Zirkeln, in den höchsten und heiligsten Bereichen der NS-Hirarchie witterten sie Verrat.
Es war eine Verschwörung von Wenigen, aber diese Wenigen vertraten die Gesinnung vieler hoher Amtsträger. Die Memoranden des Adam Trott zu Solz, die den Verschwörern vorgelegen hatten, lagen auch Brigadeführer Schellenberg, dem Leiter des SD-Nachrichtendienstes vor, der sie für Kaltenbrunner und Himmler bereit hielt. Wenn schon Himmler durch seinen Freund, den hingerichteten Rechtsanwalt Langbehn, und durch dessen Bekannten Popitz schwerstens kompromittiert war, auf wen war denn noch Verlaß?
Fest stand, daß Himmler die Festnahme von Beck und Gördeler abgelehnt hatte, aus was immer für Gründen. Es war eine Verschwörung, bei der Stapo-Müller eigentlich nur einen Mann mit Sicherheit vom Verdacht ausnehmen konnte: sich selbst.
Aus dieser Richtung blies der Gegenwind: In solch gefährlichen Regionen mußte ein verantwortungsbewußter Staatspolizist durch die Finger sehen, wenn er sich auf der anderen Seite durch drakonische Strenge salvierte.
Für die drakonische Strenge hat Stapo-Müller in Roland Freisler, dem Präsidenten des Volksgerichtshofes, einen kongenialen Partner gefunden. Was dieser messerscharfe Komödiant in dem Prozeß gegen Witzleben und Genossen veranstaltet hat, steht in einigen Jahrtausenden Justiz-Geschichte wirklich einzig dar. Auch die französische Revolution und die Moskauer Schauprozesse kennen keinen Richter, der eine von ihm selbst als brüchig erkannte Sache mit derart psychopathischer Wildheit durchgepeitscht hätte.
In Freisler trieb sich das System selbst auf die Spitze: Wer nicht schrankenlos für den Führer ist, der ist ein Verräter am deutschen Volk, am germanischen Lebensraum, der ist "pervers".
Den Volksverräter Arthur Nebe allerdings hätte die Stapo, deren Hauptleute großenteils frühere Kollegen von Nebe waren, trotz allem Drängen Himmlers und trotz aller Feindschaft Müllers vergessen, wenn Nebe sich nicht in Erinnerung gebracht hätte.
Am Sonnabend, 5. August, fand ein Feldwebel, der mit seiner Freundin an verschwiegener Stelle des Großen Wannsees badete, einen kleinen Handkoffer mit Briefschaften, Wäsche und sämtlichen Ausweisen Nebes. Erneut vorgetäuschter Selbstmord oder diesmal ernst?
Werner alarmierte erneut die Wehnersche Kommission, inzwischen die Dritte, die Nebe zu suchen hatte. Als der Mordspezialist am Montagmorgen des 7. August mit zwei Lastwagen eigener und geliehener Berliner Beamten sowie allen Suchhunden, die bei der Kripo-Hundeschule in Rahnsdorf und bei der SS in Oranienburg verfügbar waren zum Wannsee abfahren wollte brachte die Post Werner einen denkwürdigen Brief.
Einfaches Packpapier war kunstlos zusammengefaltet, zugeklebt und adressiert worden. (Dennerlein hatte eine Stunde später den Briefkasten festgestellt, in der Nähe des Großen Wannsees, wo der Brief eingeworfen worden war.) In hastigen, ungleichen Bleistiftbuchstaben enthielt der Zettel Nebes Testament:
"Lieber Paul! - Ich kann das nicht mehr aushalten - immer gehetzt, verfolgt, ohne Bleibe, ohne Schlaf und Ruhe - runtergekommen, abgerissen - jetzt will ich endgültig Schluß machen - Du weißt, daß ich stets das Beste wollte, mich für Sauberkeit und korrekte Kripoarbeit immer eingesetzt habe - immer stand mir in diesen vielen Jahren die Kripo vor Augen - Du entsinnst Dich doch unserer Gespräche mit Heeß und Dr. Widmann - geballte Ladung unter Wasser - mein geliebter schöner Wannsee - Tue mir einen letzten Freundesdienst, nimm Dich meiner Frau und Tochter an, die Aermsten werden es schwer kaben jetzt - Armes Deutschland, das ich so geliebt habe - Letzter Gruß Dein Arthur."
"Wenn Sie ihn jetzt nicht finden, Wehner, wird ihn die Stapo suchen. Dann geht es um Hals und Kragen der Kripo." Mit diesen Worten verabschiedete sich Werner, als er den Fundort des Koffers besichtigt hatte.
Wehner lieh sich sämtliche verfügbaren Paddelboote, die auf dem Wannsee aufzutreiben waren, und schickte Meter für Meter zwei Beamte in die dichten, hohen Schilfstreifen, die teils bis zu 100 Meter Breite den Wannsee säumen. Er beorderte Feuerlöschboote in die Fahrrinne, um sie mit Suchhaken abzusuchen. Er ließ vier Tage lang über 200 Augen auf tote Fische achten - "geballte Ladung unter Wasser" - , ließ den großen See rundum mit Hunden absuchen. Von Nebe keine Spur.
"Wieder vorgetäuscht", meldete Wehner in der Frühe des 11. August seinem Chef Werner. "Hier hält uns Nebe offensichtlich zum Narren, drüben will man von ihm nichts wissen. Bei gebundenen Händen werden wir ihn niemals finden."
In der Amtschefbesprechung fiel das erste Urteil über Nebe. Bei dieser Sachlage müssen wir annehmen, daß Nebe in den Kreis der Verschwörer gehört."
Werner stellte erneut sein Amt zur Verfügung. Kaltenbrunner: "Nein. Ich habe bereits mit Gruppenführer Müller gesprochen. Damit nach außen hin aber nicht in Erscheinung tritt, daß die Stapo den Kripochef sucht, werden wir eine neue Kommission zusammensetzen, die aus Ihren Leuten unter Leitung Piffraders besteht. Ihre Männer arbeiten in Ihrem Amt, Piffrader kann sich von der Prinz-Albrecht-Straße aus darum kümmern."
SS-Oberführer Piffrader war Gruppenleiter in Müllers Amt IV. Er war der Mann, der in der Bendlerstraße nach Stauffenberg gefragt hatte.
Die vierte, die Piffrader-Kommission, die am 14. 8. ihre Arbeit aufnahm, mit Karlchen Schulz und den Kriminalräten Dr. Wehner und Zach ("Kutscherwilli"), stand gleich zu Beginn ihrer Arbeit unter einem schlechten Vorzeichen, das dem diabolischen Müller recht zu geben schien.
An diesem Montag meldete sich Lobbes gesund aus Joachimsthal bei Werner zurück "Ich muß Ihnen eine wichtige Mitteilung zur Nebe-Angelegenheit machen."
Werner wurde unwohl zumute. Auch das noch. "Es tut mir leid, Kamerad Lobbes, aber ab heute bin ich, ist die Kripo für die Suche nach Nebe nicht mehr zuständig. Wenn Sie etwas mitteilen zu müssen glauben, muß ich Sie an Piffrader verweisen."
Offensichtlich hatte Lobbes die Nerven verloren. Er bekannte die Beamtenbereitstellung vom 15. Juli. Einen Umlauf, nach dem er von Umständen die mit Nebes Verschwinden in Beziehung gebracht werden könnten, nichts wisse, hatte er unterschrieben zu Hause liegen gelassen. Der Umlauf stammte von Werner, der die Kripo damit salvieren wollte.
Alle außer dem kranken Lobbes hatten ihre Erklärung abgeliefert. Nun kam Lobbes mit seiner Eröffnung Nun, zum ersten Male gab es eine Handhabe, Nebe wegen Hochverrats zu belasten, obwohl Lobbes natürlich nicht zugab, von einer Verbindung dieser Bereitstellung mit dem 20. Juli gewußt zu haben.
Der amtierende Amtschef der Kripo war aber nun gezwungen, Lobbes' Meldung über den Lobbes-Freund und Kripo-Chef Nebe an Piffrader weiterzugeben. Aber Lobbes hatte mit der Meldung auch sich selbst belastet. "Lassen Sie ihn sofort festnehmen und mir vorführen." So Piffrader.
Werner gab den Stapo-Befehl an Lobbes weiter. Dieser wurde der erste deutsche Kriminalbeamte, der wegen Verdachtes der Beihilfe zum Hochverrat in das "Hausgefängnis des Geheimen Staatspolizeiamtes Berlin SW 11, Prinz-Albrecht-Straße 8", eingeliefert wurde.
Vor Müller verteidigte sich Lobbes: "Gruppenführer. Sie haben selbst gesagt: 'Mein Freund Arthur Nebe tut so was nicht!' Und da soll ich gewußt haben, ob diese Bereitstellung für den 20. Juli vorgesehen war oder nicht!"
Lobbes kam zu Hilfe, daß kurz vor dem 15. Juli auf einer Kommandeurstagung beschlossen worden war, Lobbes' Gruppe B des Reichskriminalpolizeiamtes solle der Berliner Kripo bei der Kontrolle der Ausländer-Lager beispringen Sonder-Alarme waren also möglich und üblich.
Aber Nebe war schwer belastet. Also doch! Bereitstellungen des Reichskriminalpolizeiamtes für die Generalsrevolte gegen das Dritte Reich. Und kein Beamter war auf die Idee verfallen, das auch nur andeutungsweise zu melden.
Mit der Anordnung, sämtliche Beamte, die am 15. Juli in Bereitschaft lagen, festzustellen und zu vernehmen, begann der Einbruch der Stapo in die Kripo-Sphäre. Deutscher Kripochef und Vorgesetzter Werners wurde der Gruppenleiter aus dem Geheimen Staatspolizeiamt, SS-Oberführer Panzinger, ein Mann Müllers.
Mit Lobbes' Meldung war das Verschwinden Nebes zwar zum "Fall Nebe" geworden, aber keinen Schritt war man Nebes Festnahme näher. Zunächst beschränkte sich die neue Kommission auf eine nochmalige Ueberprüfung aller von der Wernerschen Kommission bereits in den ersten Tagen nach Nebes Abgang aufgegriffenen Spuren.
Nochmals wurden Olbertz, Schulz, die Kinderschwester Krüger, alle die kleinen Dirnen und großen Freunde Nebes verhört. Tagelang zogen sich die Vernehmungen hin. Piffrader begnügte sich damit, zweimal am Tage die Protokoll-Niederschriften und Ermittlungsberichte zu lesen.
Unter den möglichen Aufstellungen befand sich auch die Anschrift des Kaufmanns Walter Frick eines alten Pg. und NSKK-Führers, dessen Frau in Motzen eine Nutria-Farm besaß. Kriminalrat Zach, dem die Aufgabe zugefallen war, alle diese Stellen, bei denen Nebe sich möglicherweise aufhalten konnte, zu besuchen, erschien bereits am 16. August in der bisher stiefmütterlich behandelten Motzenmühle. Er fand Nebe nicht.
Den alten Nebeschen Beamten war nun noch weniger daran gelegen, ihren Chef zu finden. Denn seit Lobbes' Festnahme war klar, daß der der ihn fand, ihn auch der Stapo ans Messer lieferte. Andererseits durften die Ermittlungen nicht sichtbar leichtfertig geführt werden, wenn die Stapo die Kripo nicht ganz schlucken sollte.
Schulz wie Wehner wußten, daß der Fabrikant Viktor Schulz, bei dem beide Wochen später noch zu Gast waren, log. Sie zogen daraus keine Konsequenzen.
Die beiden Beamten holten aus der Kinderschwester Lotte Krüger heraus, was herauszuholen war. Sie nahmen auch Olbertz, der bereits zehnfach vernommen war, ins Verhör.
Da spielte ein Zufall eine tragisch-komische Rolle. Auch das Geheime Staatspolizeiamt blieb von einem "Hochverräter" nicht verschont. Der Regierungs- und Kriminalrat Jupp Vogt, Leiter der Brief-Prüf-Stelle des Geheimen Staatspolizeiamtes, meldete nach den neuerlichen Kripo-Ermittlungen gegen Olbertz ein Gespräch, das dieser mit Vogt in bezug auf Nebes Flucht geführt hatte. Vogt wurde festgenommen. Olbertz und Viktor Schulz wurden festgenommen. Da erhängte sich der SA-Standartenarzt, noch bevor er seine Aussagen machen konnte.
Aber auch Piffrader mit seiner Kommission war auf dem toten Punkt. Und dabei waren die alten Kripobeamten ihrem Chef schon greifbar nahe gewesen.
Aber die Stapo war jetzt sicher, daß Nebe ein "Verräter" war. Man konnte auf ihn fahndungsmäßig keine Rücksicht mehr nehmen. Auch das Ansehen der SS konnte nun nicht mehr verhindern, daß unter dem 22. August eine "Sonderbeilage zum deutschen Kriminalpolizeiblatt" herauskam, in der die Stapo ganz offiziell nach dem Kripo-Chef fahndete.
"Ergänzend" wird darin "bekanntgegeben, daß es sich um SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei Arthur Nebe handelt." Der "vermutliche totale Nervenzusammenbruch" wird noch aufrecht erhalten.
Aber: "Unter Berücksichtigung der Tatsache, daß Nebe Chef des Reichskriminalpolizeiamtes ist, bedeutet sein Umherirren eine besondere Gefahr."
"Aber: "Da Flucht ins Ausland in Betracht gezogen werden muß - "
Aber: "Nebe führt Schußwaffe PPK, Kal. 7,65. Sonderausführung und Ampulle Blausäure bei sich."
Aber: "Achtung bei Festnahme", fettgedruckt.
"Beschreibung: Größe 1,77 m, schlank, schmales Gesicht, stark vorspringende Nase, graue Augen, bartlos, graumeliertes, welliges Haar, Scheitel links.
Mitteilungen sind unverzüglich an das Reichssicherheitshauptamt, Amt IV - Geheime Staatspolizei - zu richten.
gez. Kaltenbrunner, SS-Obergruppenführer."
Die Beschaffung der Fahndungsbilder machte besondere Schwierigkeiten, da angeblich kein gutes Bild vorhanden war, erst recht keines in Zivil. Man mußte den Kopf also auf einen Zivilanzug ummontieren. Fahndung nach dem Chef der Kriminalpolizei.
Fortsetzung folgt.
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