06.04.1950

PHILOSOPHIE / HEIDEGGERRückfall ins Gestell

Pünktlich um fünfdreiviertel Uhr begann Martin Heidegger "Einblicke in das, was ist" zu geben. Sein Vierstunden-Kolleg vor Geladenen in Baden-Baden stellte absolut eine Ausnahme dar. Von Universitäts wegen darf er noch nicht wieder. Er war Rektor der Freiburger Universität während der Nazizeit.
Jetzt lebt er droben im Schwarzwald in einer Art Blockhütte, deren Ausstattung in den Interviews französischer Journalisten eine Rolle spielt. Die Franzosen machen sich etwas aus Heidegger Der Erfinder des Existentialismus in der Blockhütte, das gibt Schlagzeilen.
Die Mode des Existentialismus geht auf Sartre zurück, Sartre aber auf Heidegger. Deshalb die vielen französischen Interviews. Heidegger, um Ruhe zu haben, schrieb eine ganze Schrift, die seine "Abgrenzung" gegen Sartre enthält Trotzdem bleibt er der Vater des Ganzen
Wie sehr, das hat Verleger Vittorio Klostermann in Frankfurt-Main neuerdings wieder deutlich gemacht. Er hat drei alte Heidegger neu gedruckt und zwei neue Heidegger frisch herausgebracht, darunter die 345-Seiten-Sammlung "Holzwege".
Lesen kann man Heidegger also wieder. Daß man ihn auch wieder hörte, managete Chefarzt Dr. Stroomann vom Unternehmen "Bühlerhöhe" bei Baden-Baden, Kurhaus: 90 Betten, Sanatorium: 70 Betten, 800 Meter über dem Meere, "Die Insel der Erholung" laut Prospekt. "Wir müssen weiterkommen", sagt Dr. Stroomann, "das Gespräch muß besser ermöglicht werden, Menschen müssen sich begegnen können".
Deshalb veranstaltet er seine "Mittwochabende", mit denen er versucht "in einem bewährten Milieu, das durch seine Insellage aus den Wogen des Zeitgeschehens gerettet erscheint den ewigen Geist zu beschwören."
Als Dr. Stroomann Martin Heidegger berief, aus dem üblichen Mittwochabend ein ganzes Wochenende, ein Vierstundenkolleg mit Diskussion: "Einblick in das, was ist"
Alle Klubsessel und alle Biedermeierstühlchen des kurhäuslichen Salons waren besetzt, als Heidegger las. Versammelt hatte sich alles, was sich in der unschwer erreichbaren Umgebung zur Gesellschaft, zum Geist oder zu beiden zählt.
Heidegger sprach vor dem Hintergrund eines schwarzen Marmorkamins. Schwarzer Anzug, gestreifte Krawatte, strammer Schnurrbart, gesundes, frisches Gesicht. ("Denkwebel" hat Kurt Hiller ihn gallig genannt.) Er hatte ein Double mitgebracht, seinen Bruder, im Hauptberuf Bankbeamter im Badischen.
Das Vierstundenkolleg handelte vom Ding und sein dingen, vom Gestell und sein stellen, vom Bestand und von den Bestandsstücken. Heidegger hat ja die ärgerliche Gewohnheit, deutsch zu sprechen. Er sagt "Gestell" und meint etwa "Technik". Das ist nicht ohne Beschwer für den Hörer, weil er sich erst hineinhören muß. Heidegger gibt den Worten ihren Ur-Sinn zurück und erreicht damit eine ganz neue Verdichtung des Ausdrucks
Etwa so: "Das Wesen der Technik ist das Gestell, das Wesen des Gestells ist die Gefahr, das Gefährliche der Gefahr ist das sich verstellende Wesen des Seins selbst." Oder: "Der Schmerz ist der Grundriß des Seins, der Tod ist das Gebirg des Seins im Gedicht der Welt."
Heidegger gab eine Art "Metaphysik der Technik", also eine philosophische Begriffsbestimmung von Sinn und Sein des Technischen. Diese über die Realität hinausgreifende Fragestellung überraschte die Jünger des "Sein- und Zeit"-Meisters nicht mehr.
Heidegger hat den Standort, den er in seinem Hauptwerk markiert, verlagert, vielleicht auch nur die Blickrichtung verändert, erweitert, er ist neue Wege gegangen. "Holzwege" nennt er sie: "Sie gehen in die Irre: aber sie verirren sich nicht."
"Dem künftigen Menschen steht die Auseinandersetzung mit dem Wesen und mit der Geschichte der abendländischen Metaphysik bevor", erklärt er im Vorwort zu diesem, seinem jüngsten Buch. "Die Holzwege' sind Versuche solcher Besinnung"
Von der Erkenntnistheorie von "Sein und Zeit" (1927) - einer "vorwiegend realistisch bestimmten Seinsbesinnung" - kommt der Denker immer mehr zur Metaphysik. Dieser endliche Ausbau seines Denkgebäudes ist bereits bewältigt, gedacht und zu Papier gebracht. Das druckfertige Manuskript dieses zweiten Teils von "Sein und Zeit", seit nun schon Jahrzehnten von manchem erwartet, läßt der Schweigende im Schwarzwald noch immer in der Schublade.
Nur Zipfel seines Inhaltes gibt er gelegentlich preis, Beiläufigkeiten ermöglichen Rückschlüsse auf den Inhalt. "Hier ist der Anfang einer Philosophie der Technik", sagt Heidegger einmal zu einem französischen Frager und griff sich sein Lieblingsbuch vom Bücherbord: "Der kleine Prinz" von Saint-Exupéry, ein mit den Spuren intensiver Denkarbeit gezeichnetes Exemplar.
Von dieser Philosophie der Technik gab Heidegger Grundzüge in seinem Baden-Badener Privatissimum. Er sprach von der Technik als von einem Schicksal des Menschen, einem "Wirklichen innerhalb des Wirklichen" Er vergaß nicht die Atombombe zu erwähnen als einem "Gestell", in dem sich alle Dämonie des Technischen zusammendrängt. Und er sprach auch von Gott, als vom "Seienden des Seiensten"
Nur von der Freiheit sprach er nicht, von der Sartreschen Freiheit des einzelnen zur Entscheidung. Benno Reiffenberg sprach davon, aber Heidegger erwiderte, so weit möchte er nicht gehen, daß der Mensch selber entscheiden solle, was das Sein sein soll. Dann wäre der Mensch Herr des Seins, also frei. "Damit aber sei man bei Sartre angelangt." So ginge es nicht.
Das war schon in der Diskussion, die zwei Stunden nach Kollegschluß, im Anschluß an das Mittagessen, angesetzt war. Sie erwies sich als ziemlich überflüssig, Heidegger hatte keinen Partner.
Egon Vietta um die Sache in Gang zu bringen, fragte etwas über die Ergiebigkeit der Philosophie für das tägliche Leben. Heidegger bezeichnete die Frage seines publizistisch vivsten Propagandisten als "einen typischen Rückfall ins Gestell" "Der arme Vietta" gab die Zuhörerschaft Resonanz.
Dann hatte ein Junger den Mut aufzustehen, aber nicht die Fähigkeit zu sagen, was ihm am Herzen lag. Liebenswürdiggewandt sprang Benno Reiffenberg ein. Heideggers ausholende Antwort gab ausgiebig Gelegenheit, wieder zu feierlich bewegter Kollegstille zurückzukehren.
Dann löste sich der Bann. Draußen auf der Terrasse gab es Sonne und Kaffee und Kuchen

DER SPIEGEL 14/1950
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