06.04.1950

DISKUSSION / TheaterUniformen bedeuten nichts

Die Baden-Badener Theaterabonnenten waren gewöhnt, mit Amüsierkost für den bürgerlichen Normalverbraucher abgespeist zu werden. Bis Hannes Tannert Intendant wurde.
Der brachte schon zu Beginn der Spielzeit drei Uraufführungen heraus. In seinem "Dramatischen Kabinett" schuf er außerdem eine neue Form des Theaters: Nach jeder Vorstellung wird mit dem Publikum diskutiert.
Den Baden-Badenern ging es mit ihrem Theater wie einem Schrebergärtner, der alljährlich Kohl gepflanzt hat und in dessen Garten plötzlich Artischocken wachsen. Ein Teil der Baden-Badener hat an den Artischocken Geschmack gefunden. Die anderen sind wenigstens stolz darauf.
Als erste Aufführung stellte der Intendant in seinem Dramatischen Kabinett Sartres "Ehrbare Dirne" und "Geschlossene Gesellschaft" zur Debatte. Die CDU-Presse in der streng katholischen südbadischen Studienräte-Republik war artischockiert.
Das B.-B.er Volksblatt ereiferte sich: Stücke, die auf dem Index stehen! Bei der nächsten Diskussion meldete sich ein Jesuitenpater zum Wort. Er setzte sich für die Aufführung ein. Nur Sartres philosophische Werke, nicht aber seine Dramen stünden auf dem Index, stellte er richtig.
Einen Tag vor Eröffnung der Spielbank brachte Hannes Tannert "Als der Krieg zu Ende war" von Max Frisch heraus. Das Stück ist ein einziges Mal in Deutschland gegeben worden: Das Züricher Schauspielhaus gastierte damit 1949 in Stuttgart (s. SPIEGEL Nr. 18/1949).
Die Eidgenossen warteten damals auf faule Eier und matschige Tomaten. Statt dessen gab es unschwäbisch begeisterten Beifall.
Viele deutsche Bühnen haben das Werk des 45jährigen Schweizer Architekten inzwischen angenommen. Aber man zögert, es aufzuführen. Die Aufführung berührt ein fatal heißes Eisen.
Das Stück spielt 1945 in Berlin. Eine Frau hält ihren Mann, der aus russischer Gefangenschaft geflohen ist, im Keller ihrer Villa verborgen. Der Mann war Hauptmann, ist amputiert, hatte bei den Warschauer Ghettoerschießungen die Hand an der Pistole 08.
Im Haus wohnt ein russischer Oberst, in den sich die Frau verliebt. Sie fühlt, er hat tiefere menschliche Qualitäten als ihr Mann. Der stellt schließlich den Russen zur Rede. Der Oberst verläßt wortlos Haus und Geliebte.
Später hausen Amerikaner in der Villa. Der Deutsche ist Kommunist geworden. Er erklärt seiner Frau, er habe gewußt, daß sie mit dem Russen liiert gewesen sei, habe aber geschwiegen, um Leben und Wohnung zu retten. Sie stürzt sich aus dem Fenster.
Diese Handlung ist fürs deutsche Publikum nicht gerade behaglich. Die Erinnerungen an Russen, die den Frauen weniger zart entgegenkamen, sind, wie auch Frisch nicht verschweigt, noch zu frisch. Wenn Agnes im Tête-à-tête mit Stepan auf der Bühne erscheint, geht dann auch ein unwilliges Wispern durchs Publikum. Und Zuschauer der Hauptprobe hatten dem Intendanten Tannert erklärt, das Stück trete die Ehre des deutschen Offiziers mit Füßen.
So wartete Hannes Tannert auf einen Skandal. Er ist keiner, der vor so etwas retiriert. Er will z. B. ein Stück aufführen, bei dem er damit rechnet, daß es ein Hausschlüsselkonzert erregt: das 1904 geschriebene Stück eines noch lebenden Autors, das es nur in einem Exemplar gibt. Tannert will den Namen des Autors noch nicht nennen. Erst nach der Vorstellung. Es würde überraschte Gesichter geben.
In die Aufführung von "Als der Krieg zu Ende war" hatte Regisseur Hans Bauer mit kleinen Mitteln wie einer Taschenlampe, die die Bühne im Dunkel ließ und ins Publikum blendete, eine unheimliche Kelleratmosphäre gebracht. Er dämpfte die gesellschaftlichen Szenen und betonte so den geistigen Gehalt des Stückes.
Um etwaigen Protestlern keine Gelegenheit zu geben, sich planmäßig abzusetzen, fiel die Pause aus. Aber auch nach der heftig beklatschten Vorstellung ging fast niemand nach Hause.
Dann die Diskussion. Generalbilanz: entgegen aller Erwartung fand sich kein Gegner des Stücks. Einmütig stellte man fest, das Schauspiel sei trotz aller Uniformen kein politisches Stück. Es gehe einfach um die menschliche Substanz.
Der Dichter wolle zeigen, daß die Trennungslinien der Menschheit nicht zwischen den Nationen, sondern zwischen Mensch und Unmensch verliefen. So hätten die Uniformen nichts zu bedeuten.
Der Autor hätte seine Freude gehabt. Max Frisch hatte kommen wollen, aber er liegt grippekrank in Venedig.
Erich Kuby, Reisender der "Süddeutschen Zeitung" in Kultur und Politik, origineller Stilist mit dem Geruch der Arroganz, meinte, man könne das Stück nur vor ausgesuchtem Publikum spielen. Zwei Idioten, die pfeifen, könnten nach den Gesetzen der Massenpsychologie einen widerlichen Skandal entfesseln.
Seine Bemerkung, das Schauspiel sei besser als "Des Teufels General", fand starke Zustimmung. Man müßte es, sagte Kuby noch, vor den 450 Ballbesuchern zur Eröffnung der Spielbank spielen. Für diese blödsinnige bürgerliche Welt, die trotz der Atombombe an ihren überlebten Formen festhalte, sei es geschrieben. Erich Kuby war einen Abend später bei der Spielbankeröffnung als Ehrengast dabei.
Der Baden-Badener Diskussionsleiter Häberlen nahm von den Angriffen gegen Roulette und Baccara keine Notiz. Denn so sehr die Baden-Badener ihr Theater lieben - es braucht Zuschuß, und 10 Prozent des Spielbankgewinns fließen in die Stadtkasse.
Ein Oberst a. D. betonte, er habe zwar noch kein solches Erlebnis wie der russische Kollege gehabt, aber den Opfergang der Agnes bewundere er. Eine Dame behauptete in völliger Verkennung, das Stück sei ein Hymnus auf die deutsche Frau und Mutter, die für ihren Mann zu jedem Opfer bereit sei.
Feuilletonchef Benz vom Badischen Tagblatt sagte, er lehne die Agnes ab, weil sie nicht in der Ordnung des Glaubens lebe. Er verwies weitschweifig und nicht jedem klar auf Paul Claudel.
Schließlich fand Clara Menck, die witzige und kluge Vertreterin der Neuen Zeitung, das erlösende Resümee: Man soll um Gottes willen die Agnes nicht so ideal ansehen. Sie lebe in der Ordnung der Natur, und es sei alles andere als ein Opfergang, wenn sie zu ihrem russischen Geliebten gehe. Für sie, Dr. Menck, sei nur unverständlich, warum Agnes sich und nicht ihren fiesen Mann aus dem Fenster werfe.
Die einseitige Diskussion dauerte anderthalb Stunden. Sie schloß in massiven Komplimenten für den Intendanten und sein Theater. Selbst die örtliche CDU-Presse kochte diesmal dem Theater einen Lorbeerkranz in sauersüßer Soße.

DER SPIEGEL 14/1950
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