20.04.1950

DOLLARLÜCKETriumph des Commonwealth

Englands Exporteure amerikanisieren ihre Reklametexte. "Englische Regenmäntel sehen so gut aus, daß Sie sich Regen wünschen, sobald Sie einen Mantel gekauft haben", werben die Inserate in New Yorks Tageszeitungen. Sir Stafford Cripps' Dollarjagd kommt auf Touren.
Bisher ist das Ergebnis der britischen Schatzkanzler-Pirsch in den USA und Kanada "ganz nett", aber nicht mehr. Im März hat England dort 45,6 Millionen amerikanischer Dollar zur Strecke gebracht. Das ist etwas mehr als im Monatsdurchschnitt des zweiten Quartals von 1949, als der katastrophale Niedergang der britischen Dollareinnahmen im September die Abwertung des Pfundes erzwang.
Trotzdem konnte in den ersten drei Monaten des laufenden Wirtschaftsjahres die Dollarlücke überbrückt werden. Obwohl die neue Brücke nur schwach ist, rief selbst der pfundstrockene Rechner Cripps pathetisch im Unterhaus: "Das ist ein Triumph der Zusammenarbeit unter den Commonwealth-Ländern des Sterlinggebietes". Ganz England jubelte mit.
Das erste Quartal von 1950 hat für das Sterlinggebiet einen reinen Ueberschuß von 40 Millionen Dollar erbracht (ohne ERP-Hilfe gerechnet). Im entsprechenden Quartal des Vorjahres gab es noch ein Defizit von 330 Millionen, im darauffolgenden eines von 633 Millionen Dollar. Damit war ein Drittel der gesamten Dollar-Reserve erschöpft.
Da zog Sir Stafford Cripps die Abwertungs-Leine.
Seitdem hat sich die Finanzlage des Sterlingblocks drastisch verbessert. So sehr, daß man fürchtet, der amerikanische Kongreß könnte (wieder einmal) eine radikale Herabsetzung der Marshallzuweisungen für England vorschlagen. Dafür, sagt England, ist es aber noch entschieden zu früh.
Vor Beginn des Marshallplans betrug die Reserve des Sterlingblocks 2,25 Milliarden Dollar (für die finanzielle Sicherheit des Gebietes ist das ein Minimum). Sie stieg - unter Einbeziehung der neu eingelaufenen Marshallgelder - in den letzten drei Monaten um fast 300 Millionen auf etwas unter zwei Milliarden Dollar. Aber auch ein Stand von 2,25 Milliarden würde, an der Kaufkraft gemessen, nur einem Viertel der Vorkriegsreserve entsprechen.
Der Aufstieg, zu dem selbst die Konservativen Cripps im Unterhaus gratulierten, geht nicht allein auf die Abwertung zurück. Auch die verbesserte Atmosphäre, die sie geschaffen hat und die anhaltend günstige Konjunktur haben sich wohltuend auf Englands Dollar-Dilemma ausgewirkt.
Das begann im April 1949, als Amerikas Einkäufe im Sterlinggebiet seltener wurden. Man munkelte den geschäftstüchtigen Yankees zuviel von einer bevorstehenden Inflation. Davon wußte England nichts. Aber Amerika kaufte weniger, und der Dollarstrom versiegte.
Nach der Abwertung kauften die Vereinigten Staaten wieder, um ihre Lager aufzufüllen. Besonders aus dem Commonwealth und den Kolonien. Wolle aus Australien, Kautschuk und Zinn aus Malaya, Kakao aus Westafrika und Jute aus Pakistan brachten viele gute Dollar.
England allein betrachtet weist in seiner Zahlungsbilanz noch immer ein großes Dollarloch auf. Die Kolonien und Dominien stopfen es. So wird es allmählich kleiner. Die Regenmäntel sollen helfen. Und Whisky, Porzellan, Autos, Textilien, Lederwaren, Bücher und Schokolade.
Besonders bearbeiten wollen Cripps Dollar-Treiber den Mittleren Westen und die Pazifische Küste. Dort sitzen die Dollars noch locker, und englische Waren kennt man kaum. Die Aussichten sind günstig.
Trotzdem vermeiden die britischen Insel-Finanziers eine Prognose darüber, ob die Abwertung die Dollarlücke endgültig schließen kann, wenn die Marshallhilfe Mitte 1952 endet. Das hängt davon ab, inwieweit Englands eigene Ausfuhr nach Amerika und Kanada gesteigert werden kann. Für das laufende amerikanische Finanzjahr rechnet Cripps noch mit einem Netto-Defizit (gesamtes Sterlinggebiet) von 785 Millionen Dollar.
Diese Schätzung (im März veröffentlicht) erscheint pessimistisch. Aber mit einer ungebrochenen Kurve nach oben wagt in England niemand zu rechnen. Als Prüfstein gilt das dritte Quartal von 1950.
Denn die amerikanische Konkurrenz hat sich schon gemeldet. Die Spielzeugindustrie der Vereinigten Staaten hat die Ausstellung englischer Fabrikate auf der New Yorker Spielzeugmesse erfolgreich verhindert. Sie tut alles, um das Erscheinen von Zeitungsinseraten zu vereiteln, die für ausländisches Spielzeug werben. Andere Interessentengruppen gehen auf gleichen Kurs.
Außerdem hängt die ganze Exportkampagne davon ab, ob sich der Lohnstop in England hält. Wenn nicht, steigen die Exportpreise wieder. Damit wäre die Wirkung der Abwertung verpufft.
Bisher haben die Gewerkschaftler die Einfrierung der Löhne respektiert. Sie haben sich dazu verpflichtet, so lange der Lebenshaltungs-Index, der am Tage der Abwertung auf 113 stand, 118 Punkte nicht übersteigt (jetziger Stand 114). Aber die Abwertung hat sich in den Geschäften noch nicht voll ausgewirkt.
Trotzdem finden viele Engländer, Sir Stafford schreite zu zaghaft auf dem verbesserten Dollar-Wege. Der "Economist" erklärt: "England kann es sich nun wirklich erlauben, Westdeutschland, Belgien und die Schweiz in das System der Liberalisierung des Außenhandels mit den OEEC-Ländern einzubeziehen." Es solle auch nicht mehr eine so panische Angst vor der europäischen Clearing-Union haben, ermuntert er weiter.
Und: "Laßt endlich Engländerinnen auf Ferienreisen ins Ausland fahren, ohne ihre mitgenommenen Pelzmäntel vorher zu inventarisieren."

Die Sechspfennig-Zigarette
ist die letzte Rettung der erlahmenden westdeutschen Zigarettenindustrie. Schmuggel und Zigarren-Steuersenkung haben den Umsatz banderolierter Zigaretten von 1,98 Milliarden Stück im November auf 1,34 Milliarden Stück im Februar sinken lassen. Der Tabakwaren-Einzelhandel hat dem Bundesfinanzministerium Vorschläge zur Steuersenkung gemacht, die eine Sechspfennig-Zigarette ermöglichen soll. Evtl. Termin: Juni-Juli.
[Grafiktext]
ZIGARETTENVERBRAUCH IM BUNDESGEBIET
von Januar 1949 bis Januar 1950
JANVAR 1949
März 1,83
Mai 1,98
JULI 1,89
SEPTEMBER 1,84
MOVEMB 1,98
JANUAR 1950 1,66
Zigarettenverbrauch und Steuersätze je Kopf
1938
VERBRAUCH 676 STÜCK
Steuer 10,00 DM
1949
VERBRAUCH 445 STÜCK
Steuer 27,70 DM.
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 16/1950
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DOLLARLÜCKE:
Triumph des Commonwealth

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