20.04.1950

FOTOGRAFIE / WILDFEUERGut im Bilde

(s. Titel)
Das ist doch die aus der Zeitung." Das ist der Satz, den Bildjournalist Hubs Flöter immer wieder hört, wenn er mit seinem Modell Elfi Wildfeuer ausnahmsweise Straßenbahn statt Taxe fährt.
Er hört diese Worte in Zürich und in Krefeld, in der Pariser Metro, in Wien, in Stuttgart, in Salzburg. Die trotz 1,76 m Länge graziöse Salzburgerin ist durch Hubs Flöter eine mitteleuropäische Bildberühmtheit geworden.
Die Pariser Haute Couture ist von der 28jährigen Elfi entzückt. Jacques Fath. der auch für seine schönen Mannequins bekannt ist, wollte nicht glauben, daß so etwas wie Elfi außerhalb Frankreichs gedeiht, und Christian Dior, der ganz gegen seine Gewohnheit begeistert war erlaubte Elfi Wildfeuer, seine Modelle zu tragen und sich darin fotografieren zu lassen. Letzteres besorgte Hubs Flöter von früh bis spät.
Hubs Flöter, damals Haus-Modefotograf der Wiener "Mode" und der Berliner "neuen linie", entdeckte das große und schlanke Mannequin 1942 bei einer Modevorführung in Wien. Er machte sofort einen Exklusivvertrag mit Elfi: Sie darf sich nur noch von Flöter fotografieren lassen.
"Sie ist wie ein wildes Feuer", sagt er mit poetisch verzücktem Blick. Und prosaischer: "Der typische Kleiderständer. Sie kann alles tragen, vom Badeanzug bis zum Abendkleid, von der Wäsche bis zum Pelz."
Durch Hubs ist Elfi gut im Bilde. Die Oesterreicherin hält zur Zeit einen deutschen Rekord. Sie ist die Frau, deren Bild am meisten gedruckt wird. Denn neben Norbert Leonhard, Sonja Georgi und der Relang gehört Hubs Flöter zu den begehrtesten unter den deutschen Modefotografen.
Der 40jährige Rheinländer, den Krieg und Amerikaner in eine Fünfzimmerwohnung in Stuttgarts bester Halbhöhenlage verschlagen haben, hatte immer schon ein Faible für aparte Frauen. "Ich fotografiere keine Gesichter fürs Volk." Auch seine Frau Ilse, Meisterfotografin wie er, gehört zu den Frauen, nach denen man sich auf der Straße indiskret umschaut.
"Der Fotograf Flöter heißt Hubertus und nennt sich Hubs. Lassen wir ihm die Freude. Seine Frau Ilse heißt auch Flöter und fotografiert um keinen Hubs schlechter als er", ironisierte "Constanze"-Chef Hans Huffzky in einer Bildunterschrift. Es war ein Aktfoto. Huffzky ließ einen nicht gerade schönen Spitzenbüstenhalter darauf retuschieren.
Seit dreiviertel Jahren ist Ilse Flöter in Oesterreich verschollen, und seit das ideale Familien-Work-Team nicht mehr besteht, kommt Flöter mit seiner Arbeit im Einmannbetrieb nicht mehr so recht durch. Er kann nur noch Extrakte auswerten.
Denn er entwickelt, kopiert und vergrößert grundsätzlich alles selbst. Alles andere kommt ungeordnet und unkatalogisiert in das umfangreiche Archiv.
Das breitet Flöter zentimeterdick und einige Quadratmeter weit auf dem Boden aus, wenn er Bilder sucht. Der Pudel "Crampus", schwarz, mit Caraculschnitt, rotem Halsband und goldener Namensplakette, läuft über berühmte Gesichter.
Maler Otto Dix, Chansonnier Maurice Chevalier, Schauspieler Rudolf Forster, weiland Komiker Karl Valentin, Ministerpräsident Arnold, Schriftsteller Theodor Plivier und Zeichnerin Franziska Bilek liegen da beieinander. Alle von Flöter fotografiert und von der Unordnung vereint. Elfi Wildfeuer hat eigene Mappen.
Hubs Flöter wollte mit seinen Modebildern schon immer vom dümmlich-arroganten Standardtyp des deutschen Mannequins mit dem gefrorenen Klischeelächeln weg. Er suchte knabenhafte, herbe Frauen, die aussehen wie die junge Bergner und sich so selbstverständlich bewegen wie eine Französin.
"Wenn eine deutsche Frau ihr Pelzcape auszieht, dann hängt sie es spießig über den Arm. Eine Französin schleift es erst ein wenig hinter sich her, so daß alle Zuschauer von der lässigen Grazie begeistert sind."
In der 28jährigen mit dem aparten Namen hat Flöter gefunden, was er sucht. Das langgliedrige Modell hat einen melodischen Gang, ohne professionell mit den Hüften zu wiegen, wie es bei deutschen Mannequins Sitte ist.
Sie ist keine Schönheit. Aber mit dem kurz geschnittenen Haar, den schlanken Händen, dem großen aufgeworfenen Mund, der frechen Nase, den grünen Augen und dem gelblich-braunen Teint hat sie einen eigentümlichen Reiz in Konturen und Farbe. Unter einem Reisbauern-Hut von Legroux in Paris sieht sie wie eine Pagodenfigur, im dottergelben Après-Skidress von Feldpausch in Zürich wie der Hänsel von Humperdinck aus.
Hubs Flöter ist ständig mit ihr auf Achse. Vor Elfis Figur und Hubs Kamera gehen die Schlagbäume hoch. Der Modefotograf, der sich selbst Bildjournalist nennt, fotografiert sein Modell in Frankreich, in der Schweiz, in Oesterreich und in Deutschland.
Mit Hüten von Rose Valois in Paris, Mit Strandanzügen von Höchsmann in Wien. Mit Popelinemänteln von Jobis in Bielefeld. Mit Skianzügen von Bogner in München. Im Kleid von Hauser in Lugano.
Elfi Wildfeuer war Modezeichnerin, bevor sie Mannequin wurde. Sie hat ihre Gesellenprüfung als Schneiderin bestanden und möchte einen eigenen Salon aufmachen. Im vorigen Jahr heiratete sie einen Salzburger Bauunternehmer. Aus Elfi Wildfeuer wurde vor dem Standesamt eine Eva Kraichschmidt.
Der Star unter den deutschsprachigen Mannequins zieht unter dem Tisch gern die Schuhe aus und duftet nach "Shocking" von Schiaparelli. Er schreibt seinem Entdecker unternehmungslustige Briefe in die Stuttgarter Pischekstraße. "Wann unternehmen wir wieder etwas? Blühe auch gern im Verborgenen."
"Im Verborgenen blühen" heißt in ihrer Sprache Werbefotos machen. Für Mercedes-Wagen oder Goldpfeil-Taschen. Dieses verborgene Blühen wirft nahrhafte Früchte in D-Mark-Form ab und ist weniger anstrengend als eine Modenschau, bei der die Veranstalter fiebern wie bei einer großen Premiere und die Mannequins mit Sekt gedopt werden, damit sie im Umzugstrubel nicht die Nerven verlieren.
Die Franzosen wunderten sich am meisten darüber, daß Elfis Taille (56. cm) echt ist. Französische Mannequins bringen es meist nur auf 65 Zentimeter Taillenenge. Und das oft nur mit Hilfe von Spezialkorsetts, aus denen dann die Hüften in die Breite gehen. Nur Diors Sylvie Hirsch hat Taillenschmalspur unter 52.
In ihren Hobbies unterscheidet sich die schmalhüftige Dame wenig von ihren Kolleginnen. Ein Scotch und ein Boxer unterstreichen ihr Privatleben. Wie alle Angehörigen der make-up-Berufe betont Elfi Wildfeuer ihr Interesse für die schönen Künste. Daneben ist sie eine leidenschaftliche und gute Skiläuferin.
Jetzt hat ihr Hubs Flöter das Fotografieren beigebracht. Erstes Bild: weiße Gänschen vor dunklem Hintergrund. Zweites Bild: Hubs Flöter mit der Kamera.
Wenn Hubs Flöter sein Modell fotografieren will, setzt er sich mit ihr in eine Taxe und fährt in die Landschaft. Denn erstens fährt er so gerne mit der Taxe, daß er sich keinen eigenen Wagen kauft, und zweitens macht er nicht gerne Innenaufnahmen. Er kann Lampen nicht leiden. Nur wenn er kurz belichtet, bleibt das Modell natürlich meint er.
Er sucht für sein Modell jeweils eine passende Atmosphäre. Das ging bei W. Rudolf Forster so weit, daß der empört sagte: "Du willst mich wohl auf einem Scheißhaus fotografieren."
Hubs Flöter fotografiert unpathetisch. Er hat den Mut, mitten in der Großstadt sein Modell in einer ausgefallenen Stellung aufzustellen, so daß alle Leute stehen bleiben.
Wenn er auf die Idee kommt, Pelze im Regen zu fotografieren oder sein Mannequin auf eine Perlenkette beißen zu lassen, so machen ihm das weniger berühmte Kollegen meist bald nach. Er findet seine Ideen oft von anderen aufgegriffen in den Zeitungen.
Mit 23 Jahren kam er ins Atelier Binder am Kurfürstendamm. Mit einer Werbeserie für Bleyle-Wollkleidung machte er sich selbständig. Seit 1938 hat er sich auf Mode spezialisiert. Aber er macht auch Porträts. Allerdings nur, wenn die Gesichter reizen. "Apart" ist eines seiner Lieblingsworte.
Für Ordnung hat er keine Zeit. Ausgenommen ein Fotoalbum, in dem seine Erfolge, soweit schriftlich fixiert, eingeklebt sind: Das Zeugnis von Binder. Der Meisterbrief. Urkunden über Medaillenverleihung von Japan bis Honolulu, das sein nächstes Reiseziel ist. Ein raunziger Brief, in dem Karl Valentin sich über die Unverschämtheit beschwert, daß er keine Bilder erhalten hat.
"Hubs Flöter fotografiert, wie Monet mit dem Pinsel malte", bestätigt ihm ein amerikanischer General, dessen Gesicht er ganz im Dunkeln ließ. Die bissige "Simpl"-Zeichnerin Franziska Bilek, die so gerne eitle und häßliche Frauen zeichnet, schrieb: "Hoffentlich sehe ich auf dem Bild nicht aus, wie wenn ich eine rote Nase hätte." Und malte ihr selbstkarikiertes Porträt mit Rotstift aus. "Und sagen Sie ja nicht, wie alt ich bin!"
Sonst hält Flöter nicht viel vom Korrespondieren. Er öffnet nur die Briefe, bei denen ihn der Absender interessiert. Die anderen zerreißt er ungelesen.
Solche Allüren machen ihn bei weniger erfolgreichen Kollegen wenig beliebt. Er steht im Geruch der Arroganz und der Eitelkeit. "Sie sagen alle: der Flöter spinnt! Er ist zu intellektuell", sagt er nicht ohne Stolz. "Ich habe eben eine Nase für Qualität. Deshalb habe ich auch Elfi entdeckt."

DER SPIEGEL 16/1950
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