04.05.1950

KANONADE / LITERATURRein-Fall

Friedrich Luft, die meist gehörte Stimme der Berliner Kritik, puffte vor dem RIAS-Mikrophon die deutschen Bühnenautoren. Sie sollten endlich eine Komödie aus dieser Zeit destillieren. Der Fall des Schriftstellers Heinz Rein sei ein großartiger Komödienstoff.
Luft übertreibe, findet Heinz Rein, 44, klein, dunkel und besorgt. Der ehemalige Bankbeamte hat kein lustiges Leben hinter sich. Vor 1933 spielte er noch Fußball, schrieb, nebenberuflich, über Fußball und manchmal Kurzgeschichten. "Er war damals politisch noch nicht festgelegt", sagt seine Frau. 1939 wurde er "zwangsdienstverpflichtet", bei der Reichsbahn.
Nach 1945 machte sich Heinz Rein einen literarischen und marxistischen Namen. Er verfaßte achtbare Berliner Erzählungen mit Heimkehrern und obdachlosen Mädchen und viel Winterkälte. Er gab die zugleich bitteren und tröstenden Großstadtgeschichten seiner Kollegen im Aufbau-Verlag heraus: "Unterm Notdach".
Der sowjetisch lizenzierte Diez-Verlag druckte auf 703 Seiten Reins mit Zeitungsausschnitten durchsetzten Roman "Finale Berlin". Westlich lizenziert erschienen der Arbeitslosenreißer "Berlin 1932" und die Storysammlung "Mädchen auf der Brücke".
Heinz Rein, inzwischen Mitglied der SED, wurde Lektor im "Kulturellen Beirat", der unter Pieck jedes Buch vor dem Druck genehmigen muß. In der Monatsschrift "Einheit" und in deren marxistischem Sinne kritisierte Rein regelmäßig die neue Prosa.
Die Tragikomödie begann, als der Henschel-Verlag diese linientreuen Rezensionen unter dem Titel "Die neue Literatur" in Halbleinen band. "Versuch eines Querschnitts" stand auf dem Schutzumschlag, allerdings in bescheidenen Lettern. Der Titel sei irreführend, er habe sich vom Verleger breitschlagen lassen, gesteht Rein.
Dramen und Gedichte, die auch zur Literatur gehören, sind nämlich nicht besprochen, nur Romane oder Erlebnisberichte oder Gemengsel von beiden, nach den verschiedenen Epochen geordnet. Die Kapitel heißen etwa: "Die vorfaschistische Zeit", "Widerstand und Krieg", eine Ueberschrift, unter der auch Heinz Reins "Finale Berlin" gelobt wird.
Gleich von zwei Professoren, einem aus Leipzig und einem aus Stockholm. Der schwedische Professor stellt "Finale Berlin" über Pliviers "Stalingrad", und "Stalingrad" ist, vierzig Seiten vorher, auf eine Stufe mit Tolstois "Krieg und Frieden" gerückt.
So erklärt Rein die Absichten seines Buches: "Die polemische Kritik wird den Autor auf ideologische Schwächen hinweisen, auf Unvollkommenheiten in seiner Sprache und seiner Form, sie gibt ihm somit die Mittel in die Hand, zukünftig Fehler zu vermeiden oder sie bei Neuauflagen zu beseitigen und seine Ideologie zu überprüfen."
Johannes R. Becher, Ostdeutschlands Dichtervater, bekam von Rein solche Mittel nicht in die Hand. Bechers Werke blieben unerwähnt. In der "Berliner Zeitung" pfiff Becher zum Angriff.
"In eigener Sache" wetterte er: "... literarisch stümperhaft, ... politisch schädlich ... bedauerlich, daß ein solches Machwerk in unserer Republik erscheinen konnte."
Und: "Es wird ernsthafter Bemühungen seitens unserer Literaturkritiker bedürfen, um den Schaden wieder gutzumachen, den die Verbreitung des Buches von Heinz Rein anrichtet." Das Kulturbundorgan "Sonntag" wiederholte zwei Tage später im Fettdruck Bechers "Bemerkungen".
Die "ernsthaften Bemühungen" der SED-Literaten folgten. "Das nennt ein Autor Literaturgeschichte" höhnte in der "Berliner Zeitung" Otto Müller-Glösa, obwohl Rein durchaus nicht von Literaturgeschichte spricht. Müller-Glösa fragt: "Kann es Zufall sein, wenn Heinrich und Thomas Mann, Johannes R Becher, Bert Brecht, Arnold Zweig, Kuba, Erich Weinert und etwa 25 nicht ganz so bekannte Namen fehlen?"
Die Toleranz gegen "üble Renegaten" wird Rein besonders angekreidet. Keinen Ton verliere er über Nationalpreise und Kulturverordnungen. Dafür widme er elf Seiten der "Vatikanpropagandistin" Elisabeth Langgässer, 15 Seiten dem Erfolgsschreiber Kasimir Edschmid.
Zum Aburteilen brauche man eben mehr Platz, rechtfertigt sich Rein. In der Tat er hat nur wortreich der Langgässer Verschwommenheit und Edschmid Ueberheblichkeit vorgerechnet. Vom Pfade des Marxismus ist er dabei nirgends abgewichen.
Rein schrieb an die "Berliner Zeitung" einen offenen Brief. Der blieb ungedruckt. Die Kanonade ging weiter. Alle Ostberliner Zeitungen taten mit.
Im "Sonntag" legte Wolfgang Harich los. Susanne Kerckhoff, Harichs Halbschwester, die vor kurzem Selbstmord beging und deren Roman "Verlorene Stürme" Rein auch würdigt, zählt ihr Bruder spöttisch zu den "erschütternd gewichtigen Schriftstellerpersönlichkeiten", um die Rein sich bemühe, statt Berthold Brecht, Johannes R. Becher und so weiter.
"Der Kritiker Heinz Rein hat mit dem Marxismus und Leninismus so wenig zu tun wie seine Literaturgeschichte mit der Literatur", schreibt Harich, ohne indessen einen ideologischen Fehltritt Reins nachzuweisen.
"Ein Kariererist entlarvt sich". So das SED-Organ "Neues Deutschland", Stefan Heymann hat gezählt: 32 fortschrittliche Autoren und 30 reaktionäre behandle Rein. Er wird dafür als Neofaschist und Spießbürger etikettiert.
Von seinem Amt im Kulturellen Beirat wurde Rein suspendiert. Der Verleger hat "Die neue Literatur" aus dem Handel gezogen.
Bei der Leipziger Messe sei das Buch aber schon vergriffen gewesen, berichtet Frau Rein.

Was nicht ist
kann noch werden: Das Helix-Rundhaus. Vorläufig existiert es nur erst im Modell (unt. Bild) oder in der vorgetäuschten Wirklichkeit raffinierter Photomontagen (r. Bild), vielleicht aber ist es schon bald eine USA-Realität. Aus Stahl, Beton und Glas. Architekt William Zeckendorf hat es entworfen, ein besonders origineller Vorschlag unter den vielen, die das Wohnungsproblem in den Vereinigten Staaten lösen helfen wollen. Das Gebäude hat einen kreisrunden Querschnitt. Von dem Mittelpunkt aus verlaufen die Wohnungen sich verbreiternd nach außen, wie Tortenschnitte. Jeder Zimmerkomplex liegt ein halbes Stockwerk höher als der neben ihm. Das Zentrum des Hauses, der Teil, in dem die Zimmer spitz zulaufen, ist sozusagen ausgestanzt. Er dient entweder als Badezimmer, als Küche oder als Teil des zentralen Schachtes für Fahrstühle und Treppen, Klimaanlagen und Zentralheizung. Hieraus soll sich eine außerordentliche Ersparnis an Leitungsrohren für Wasser, Gas, Elektrizität und dergleichen ergeben. Die Grenzen der einzelnen Zimmerkomplexe nach rechts und links sind nicht ein für allemal festgelegt, die Wohnungen können nahezu nach Belieben zusammengestellt werden. Aus einer großen Fünfzimmerwohnung lassen sich mehrere Kleinwohnungen machen, nur die Gruppe Küche und Badezimmer braucht dann aufgeteilt zu werden. Neue Installationen sind nicht notwendig, der Zugang zu Treppe und Fahrstuhl ist auch bereits vorhanden Umgekehrt können aus den kleinen Wohnungen wieder große gemacht werden. Wie eine große dicke Schraube sieht das Modell dieses Helix-Rundhauses aus. Die Schraubenwindungen, das sind die einzelnen Stockwerke.

DER SPIEGEL 18/1950
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