22.06.1950

SAARFILMFängt an zu stinken

Peter Hellbrück wartet auf die offizielle Bestätigung seiner Armut. Erst wenn ihm das Armenrecht zugebilligt ist, will der Erbauer des Nachkriegs-Ufa-Palastes in Saarbrücken zum Kläger werden. Verklagt werden soll: die Regierung des Saarlandes.
Vor und während des Krieges besaß Peter Hellbrück drei Kinos: Das Zentraltheater in Pirmasens, das Walhalla-Theater in Neunkirchen und das Zentral-Theater in Saarbrücken. Allein 400000 Mark Steuer zahlte Hellbrück jährlich an den Vater Staat.
Nach dem Kriege blieben Hellbrück nur die Trümmer. Und seine Ersparnisse.
Im April 1945 bewarb er sich um den Ufa-Palast in Saarbrücken. Den hatten die amerikanischen Saar-Eroberer der Stadtverwaltung zum Wiederaufbau zur Verfügung gestellt. Aber die Stadtbeamten hatten kein Geld. Hellbrück hatte es.
Deswegen gaben die Saarbrücker seinem Antrag statt. Auch die amerikanische Regierung hatte nichts dagegen, daß der frühere Kinokönig die Ufa-Palast-Ruine wieder aufbauen wollte.
Bedingung: Hellbrück sollte das Filmtheater auf eigene Kosten errichten. Als Gegenleistung versprachen die Stadtväter, ihm das größte Kino des Saargebietes auf zehn Jahre zu vermieten. Auch das Vorkaufsrecht wurde Hellbrück eingeräumt.
So war es damals abgesprochen.
Am 6. Mai 1945 rückte Peter Hellbrück den 150 Tonnen Schutt persönlich zu Leibe. Zunächst nur mit einem Mann Unterstützung. Nach zwei Monaten beschäftigte er in eigener Regie 18 Arbeiter, größtenteils Bergleute, die noch nicht in die Gruben einfahren konnten.
Viereinhalb Jahre und Millionenbeträge brauchte Peter Hellbrück, bis das Theater eröffnet werden konnte. - Aber das durfte er nicht mehr selbst.
Noch vor dem Abzug der Amerikaner hatte sich der damalige Saarbrücker Oberbürgermeister Heinrich Wahlster von dem amerikanischen Saargouverneur Oberst Louis G. Kelley eine Urkunde aushändigen lassen. Darin bestätigte der Amerikaner seinem Lordmayor, daß die von ihm getroffenen Abmachungen, Maßnahmen und Verträge auch für die Besatzungsnachfolger rechtsverbindlich seien.
Im Falle Hellbrück erkannte das die französische Militärregierung an. Chefplaner M. Pingusson gab im Juli 1946 sein Avis favorable.
Schwierigkeiten entstanden erst, als Monsieur Max Bernheim, Saarbrücken, Schwarzenbergstraße 25, zum Administrateur Séquestre der saarländischen Lichtspieltheater bestellt wurde. Der wollte den Ufa-Palast in eigener Regie übernehmen.
Nur zeitweilig ließ sich Peter Hellbrück von ihm einschüchtern. Aber Saar-Ministerpräsident Johannes Hoffmann und Wirtschaftsminister Dr. Franz Singer ermutigten ihn, "ja weiterzubauen und dem Saargebiet diese bedeutende Kulturstätte wieder zu schenken". Hellbrück baute weiter.
Am 20. Mai 1949 fand um 9 Uhr im Saarbrücker Landgericht, Saal 110, der erste Termin in Sachen Bernheim gegen Hellbrück statt. Der Sequesterverwalter klagte monatelang auf Herausgabe des Ufa-Schlüssels.
Aber Hellbrück hatte prominente Zeugen. So schrieb Johannes Hoffmann am 23. September 1949: "Ich habe persönlich im letzten Jahre immer die Auffassung vertreten, daß Herr Hellbrück die begonnenen Arbeiten im Ufa-Kino fortführen soll. Die Art und Weise, wie Herr Bernheim in dieser Sache vorging, habe ich immer abgelehnt und werde sie niemals billigen."
Zum Schlußtermin, der auf den 9 Dezember 1949 festgesetzt war, kam es nicht mehr. Sequesterverwalter Max Bernheim zog seine Klage zurück. Er war inzwischen untragbar geworden.
Da Hellbrück nicht auf dem Rechtswege beizukommen war, geschah es mit Gewalt. Am 18 November 1949 um 10.30 Uhr fuhr das Ueberfallkommando der Saarpolizei vor dem Ufa-Palast vor. Ohne jeden Rechtstitel wurde das Gebäude gesperrt.
Peter Hellbrück und seine Arbeiter flogen auf die Straße. Sie waren gerade damit beschäftigt, die Teppiche auszulegen. In vierzehn Tagen sollte eröffnet werden.
Es wurde eröffnet. Unter Regie des saarländischen Vermögens-Kontrollamtes.
Generaldirektor Frederic Schlachter fungierte als Liquidator. Eine Rückgabe des Ufa-Palastes lehnte er ab. "Ich kann nichts tun ohne die Regierung", erklärte Schlachter dem Bittsteller Hellbrück.
Die Regierung aber fühlte sich nicht zuständig. "Das ist ganz Sache von Schlachter", formulierte Ministerpräsident Johannes Hoffmann. "Der Hoffmann soll kein so dummes Zeug reden", erboste sich Schlachter. "Ich wollt', ich hätte mit dem ganzen Dreck nichts zu tun."
Auch an den Saar-Landtag wandte sich Peter Hellbrück. Aber die saarländischen Volksvertreter wußten keine Antwort.
Nur Minister a. D. Bartholomäus Koßmann schlug wütend auf den Tisch, als ihm das Kino-Theater zum ersten Male vorgetragen wurde. "Herr Minister, die Sache Ufa-Palast fängt an zu stinken, bringen Sie das bald in Ordnung", forderte der Querkopf der Christlich Demokratischen Volkspartei (CVP) Wirtschaftsminister Franz Singer telefonisch auf.
Die Sache kam nicht in Ordnung. Man sei bestenfalls bereit, Hellbrück eine Abfindung zu zahlen, erklärte Franz Singer. Der Ufa-Palast selbst (in dem bis Ende Mai 1950 rund 35 Millionen Franken eingespielt wurden) sollte in die Regie des "saarländischen Filmvertriebs" übergehen.
Als Minister a. D. Bartholomäus Koßmann gefragt wurde, wer hinter dem Filmvertrieb stehe, zählte er die Teilhaber an einer Hand auf: Hoffmann, Singer, Schlachter und Erwin Müller, Fraktionsvorsteher der CVP.

DER SPIEGEL 25/1950
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