25.05.1950

WERWOLFWir haben es versprochen

Frankreichs Militärgericht I. Instanz konnte den Hauptbeschuldigten im Freiburger Werwolf-Prozeß nicht vor die Richterbank bekommen. HJ-Bannführer a. D. Kurt Rahäuser, in den letzten Reichstagen aus Hamburg in den Südwesten beordert, war nicht greifbar.
Großbritanniens Besatzungsjustiz hatte den nach Heimkehr automatisch Inhaftierten nach Eingang des französischen Auslieferungsbegehrens in befreienden Urlaub geschickt. In Rahäusers Urlaubsgesuch stand als Begründung "Erkrankung meiner Schwiegermutter". Man verhandelte gegen ihn in Abwesenheit.
Das Verfahren gegen den zweiten Hauptschuldigen mußte abgetrennt werden. Auch Hitlerjunge Werner Glatt war der Verhandlung ferngeblieben. Den Militärrichtern lag nur der Rückschein der Vorladung vor. Er war ordnungsmäßig empfangsbescheinigt. US-Besatzer hatten dem in Stuttgart wohnhaften Glatt ihr Desinteresse an dem Verfahren und an einer gewaltsamen Vorführung erklärt.
"Sie haben dem Glatt gesagt, er brauche der Vorladung nicht Folge zu leisten. Die Amis bestraften nicht gern Kinder", behauptete der Chor des Angeklagtenrestes.
Abgesehen von dem 51jährigen Lokomotivheizer und SS-Mann Eugen Walz aus Lörrach, hatten sich die Beschuldigten vom Abschluß der Untersuchungen an auf freiem Fuß befunden. Sie kamen aus ihren badischen Wohnorten angereist. Mit Handtuch, Zahnbürste und Butterbrotpaket. Geschlossen Jahrgang 1928.
Als zu Verhandlungsbeginn der Monsieur Procurateur "dringender Fluchtgefahr wegen" neuerliche Inhaftnahme forderte, erklärten sie: "Wir sind erschienen, obwohl wir in die US- oder Britenzone hätten ausweichen können. Wir werden auch weiterhin pünktlich zur Stelle sein." Mit SS-Walz waren es insgesamt sieben.
"Zur Zeit der Tat waren diese Leute fünfzehn und sechzehn Jahre alt und nur als Kinder anzusprechen, die der Massenpsychose und der chaotischen Stimmung jener Tage verfallen waren", begann der deutsche Verteidiger Trupp die Gegenoffensive. Sie hatte nur Teilerfolg. Der code pénal (1810) kennt den deutschen Strafmilderungsgrund für Jugendliche nicht.
Die Tat selbst hat eine Vorgeschichte, die im Schicksalsbuch einer Generation vermerkt ist, der eine bewegliche Zeit keine Gelegenheit ließ, ihre Kindheit zu Ende zu bringen.
Die jugendlichen Angeklagten sind der verfolgbare Rest einer 20köpfigen HJ-Gruppe, die 14jährig zur Flak gezogen wurde. Januar 1945 kamen sie mit dem Entlassungschein der Luftwaffe zum Volkssturm. Standort Hagen in Baden. "Hier wurden wir an einer alten Kanone ausgebildet."
März 1945 kam HJ-Bannkönig Kurt Rahäuser und erklärte, daß des Vaterlandes Not nur noch der Werwolf wenden könne. Er suchte sich dafür die 20 Jungens aus. Sein Werwolf hatte Milchzähne. Damit wollte er nach dem Einmarsch der Franzosen "Krieg hinter der Front" führen. Man ging in den Schwarzwald, um versteckte Bunkerunterkünfte zu bauen.
Als Arbeitshilfe ließ man sich zehn junge Polen und Russen zuteilen. "Wir wuchsen in diesen Tagen mit denen zu einer Gemeinschaft zusammen. Sie waren ja so jung wie wir." Man arbeitete zusammen, man schenkte sich Andenken, man berichtete aus seinem Leben, man rauchte Zigaretten, man spielte Karten, man sang sich Lieder vor. Keiner dachte an das Kommende.
Nur Grübler Heinz Schmidt machte sich Gedanken. Als er erfuhr, daß man diese Fremden "selbstverständlich umlegen" werde, da sie doch Verrat üben könnten, riet er zweien zur Flucht. Sie folgten dem Rat.
Am 23. April 1945 strömten die französischen Einmarschtruppen in die Schwarzwaldtäler. Kurt Rahäuser, sonst nur selten im Wald, kam zu seinen Leuten. "Er war außer sich über die Flucht der zwei Arbeiter. Er drohte uns und nannte uns einen Haufen unreifer Jungen, mit dem nichts anzufangen sei."
Wer sich von den Werwölfen im Ehrgefühl verletzt sah, verdrückte sich. Der Rest erhielt strikten Befehl, die Fremdarbeiter zu erschießen.
Man gehorchte. "Es waren die ersten und einzigen Schüsse überhaupt, die wir jemals abgaben."
Als Pilzesammler im Herbst 1945 zwei Leichen fanden, schlichen sich einzelne der Ex-Werwölfe zum Nacheinsatz in den Wald und beseitigten belastende Spuren. Man entdeckte sie doch, die Sureté griff zu.
Gruppenweise, nach Zusammensetzung der Einheit Rahäuser, wurde vor den Militärrichtern verhandelt. Anklage: Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemäß Kontrollratsgesetz Nr. 10. Strafrahmen dieses Gesetzes von einem Tag Haft bis zur Todesstrafe.
Auf das Schuldkonto der Schwarzwälder Werwölfe kamen sieben Tötungen. Die Mitläufer hatten sich durch den Versuch nachträglicher Spurenbeseitigung strafbar gemacht.
Beschuldigte und Zeugen traten für das Geschehene ein. Die Jungen, die fehlender Munition wegen nicht schuldig werden konnten, erklärten: "Wir hätten auch geschossen, es war ja befohlen." Der Ankläger nannte den ungreifbaren Rahäuser einen haß- und racheerfüllten Haupttäter.
Die Verteidiger machten Entlastungsangriffe: "Der Partisanenkrieg ist eine Erfindung des zweiten Weltkrieges. Alle kriegführenden Staaten bedienten sich dieser Kampfweise, obwohl sie mit völkerrechtlichen und gesetzlichen Maßen nicht zu messen ist. Auch Kinder nahmen am Partisanenkrieg teil und erhielten dafür von hoher und höchster Stelle sogar Auszeichnungen."
Mit Hinweis auf die Führereigenschaften des Rahäuser, machten sie für die Angeklagten den Notstand geltend. Dolmetscher van Eyke übersetzte sinngemäß Die Militärrichter hatten steinerne Mienen.
Urteil: Tod für Rahäuser, lebenslänglich für Walz, 7 Jahre für Kratzer, 6 für Huber und Homberger, 3 für Kaltenthaler, 1S für Befreier Schmidt. Damit keiner leer ausging, erhielt auch der Letzte, der Spurenverwischer Günther Volz, drei Monate. Um die Gelenke von Walz, Kratzer, Homberger und Huber schlossen sich knackend die Handschellen. Der Rest durfte nach Hause. Das Urteil wird erst am 26. Mai rechtskräftig.
Psychologen erklärten, daß der Mensch in keiner Lebensstufe eine so umfassende Umwandlung durchmacht wie gerade in der, die von der Kindheit in die Mannesjugend führt.
Der Zeuge Herbert Kwiatkowsky erklärte Freiburgs Militärrichtern: "Ich weiß nicht, was von dem, das hier geschildert wurde, Wahrheit ist oder was nur geahnt, geträumt oder dazugedacht wurde."
Als nach dem Urteilsspruch die Jungen gefragt wurden, warum sie denn zur Verhandlung und gar zum Urteilsspruch gekommen wären, machten sie Gesichter wie Männer: "Wir haben's doch denen versprochen. Wir werden uns doch hier nicht nachsagen lassen, daß wir nicht Wort halten und kneifen."

DER SPIEGEL 21/1950
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