25.05.1950

GOLLOBZum Leben geprügelt

Selbst ein Mann mit so prominentem Namen wie der Oberst a. D. Gordon Gollob, dritter Eichenlaubträger mit Schwertern und Brillanten und letzter Inspekteur der deutschen Jagdflieger, konnte die Linien-Untreue eines Teiles der Parteiprominenz nicht verhindern: der gesamte Vorstand des "Verbandes der Unabhängigen" in der sowjetischen Besatzungszone Oesterreichs wurde von VdU-Erstem Herbert Kraus (vgl. SPIEGEL 38/49) abgesetzt, weil er "mit den Sowjets und den Kommunisten zusammengearbeitet hat".
In Oesterreich wiederholt sich, was Pieck und Grotewohl mit Sowjet-Rückhand in ihrer "Deutschen Demokratischen Republik" vorexerziert haben. Eine östliche "Nationale Liga" kitzelt russisch besetzte Oesterreicher an ihrem patriotischen Nerv. Liga-Funktionäre wurden auf den SED-Schulen in Thüringen und Mecklenburg gedrillt. Gewitzte ziehen Parallelen zu den österreichischen Nationalsozialisten, die über die Grenzen des Dollfuß-Oesterreich ins Dritte Reich zur Schulung fuhren.
Seiner Uneinheitlichkeit wegen lag der VdU ohnehin schon am Boden. Hemmungslose Kritik und Negativismus genügten auf die Dauer nicht, die Orgnisation in vier Besatzungszonen unter einen Hut zu bringen. In Wien wurde der VdU eine Partei der kleinen Angestellten. In Salzburg (US-Zone) der Intellektuellen, in Kärnten (britische Zone) eine Bauernpartei, und in Linz haben die Sudetendeutschen eine Flüchtlings- und Arbeiterpartei daraus gemacht.
Alle miteinander erkannte die Parteileitung bald, lassen sich am besten durch einen dekorierten Militär ansprechen. Gordon Gollob, der 1933 als Zwanzigjähriger in das österreichische Bundesheer eingetreten war, wurde Generalsekretär des VdU.
Schon vor längerem hat Herbert Kraus die Landesleitung von Linz (britische Zone) en bloc amtsenthoben. In Tirol (französische Zone) sind fünf Vorsitzende ausgeschieden. Nun muß Gordon Gollob, bestes Pferd im Unabhängigen-Stall, mit seinem guten militärischen Namen Säle füllen helfen, wie es in Deutschland der Major Remer für die Sozialistische Reichspartei des Fritz Dorls macht. Beinahe jeden Tag spricht er in irgendeinem Ort Oesterreichs.
"Das Gefühl, die Pflicht zu haben, selbst mithelfen zu müssen hat mich veranlaßt, mein derzeitiges Amt zu übernehmen. Die hervorstechendste Eigenschaft der Soldaten aller Länder ist die Bereitschaft, für ihr Vaterland zu kämpfen. Das braucht, Gott sei Dank, nicht immer mit der Waffe in der Hand zu geschehen."
Vor einem Jahr noch ist es Gordon Gollob mehr als schwer gefallen, mit einer größeren Zuhörermenge überhaupt Kontakt zu bekommen Fast jedes Wort las er vom Blatt ab. Heute wird er auf den Schultern aus dem Saal getragen. 200 spontane Eintritte in den VdU, wie am 12. 5. nach einer Salzburger Gollob-Rede, sind möglich.
Reden hat er erst im letzten Jahr bei den Unabhängigen gelernt. Er reist nicht mit dem Auto. In einem Lande, in dem zwei Arbeitende einen Staatsangestellten ernähren müssen und sechsmal soviel Dienstautos fahren wie in der reichen Schweiz, ist das eine gute Empfehlung.
Jeden Monat bekommt Gordon Gollob heute vom österreichischen Staat 457 Schilling Rente (etwa 150 DM Kaufkraft). Im Anschluß-Jahr 1938 war er Leutnant. Dieser Rang wird ihm heute offiziell zuerkannt. Hitlersche Beförderungen zählen nicht, jedenfalls nach außen nicht. Inoffiziell hat Wien schon bei ihm vorfühlen lassen, ob er möglicherweise die neue österreichische Luftwaffe - im ganzen 60 Flugzeuge - aufbauen will. Gordon Gollob hat abgewinkt.
Durch seine Saalschlachten hat sich der VdU, Oesterreichs Sammelbecken für alle Unzufriedenen, wieder etwas interessanter gemacht. "Die Kommunisten prügeln den VdU wieder zum Leben", schrieb eine SP-Zeitung.
Meistens stellt Gordon Gollob schon vor seinen Versammlungen junge Leute als Ordner auf, seit die Kommunisten seine Versammlungen stören. Zuweilen prügelt er mit. Als Sprengtrupps versuchten, ihn von der Rednertribüne herunterzuzerren, schlug er auch noch dazwischen, als schon seine Leute da waren.
Skeptiker meinen, es sei leichter, Flugzeuge abzuschießen, als in Oesterreich Politik zu machen.

DER SPIEGEL 21/1950
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