25.05.1950

PORTUGALLieber gleich sterben

Portugals Armee hält Europa-Rekord. Sie ist genau so groß wie alle Armeen der Westunion zusammen. Fünf französische, zwei italienische, eine belgische, eine holländische - macht zusammen neun Divisionen. Portugals Staatspräsident, Marschall Carmona, hat genau so viele zu befehligen (Vgl. Seite 15.)
Portugals Armee ist beneidenswert gut ausgerüstet. Sie hat deutsche 8,8 Flak und moderne englische Pak. Sie hat Churchill- und Sherman-Panzer und neue amerikanische T-2-Haubitzen. (Frankreich bekommt sie erst jetzt von den Amerikanern geliefert.) Die portugiesische Luftwaffe kann rund 250 Mustang-, Thunderbolt- und Spitfire-Jäger und etwa 100 leichte Kampfflugzeuge aufsteigen lassen. Sprit ist da.
Portugals Soldaten sehen wie richtige Soldaten aus. Sie gebärden sich militärisch, sie sind gut gekleidet und gut genährt. Verteidigungsminister Santos Costa läßt sie vorzüglich ausbilden, die Offiziere werden kriegsakademisch geschult. Es fehlt an nichts. Der sonst so knauserige Salazar, Ministerpräsident, Finanzminister und milder Diktator, spart nicht, wenn es um die Armee geht.
Trotz dieser handgreiflichen Vorteile lächelt jeder mit einem eingesetzten Hosenboden herumlaufende spanische Muschkote, wenn man mit ihm über seine portugiesischen Waffenbrüder redet. "Wenn die Portugiesen kommen, um uns zu helfen, werden wir wenigstens ihre Waffen bekommen", urteilen Francos viel weniger militärisch wirkende Soldaten.
Kaum jemand in Madrid denkt ernstlich daran, die portugiesischen Bundesgenossen im Kriegsfall an der Pyrenäenfront kämpfen zu lassen. Für sie hat man eine "andere Aufgabe" bereit. Wahrscheinlich sollen sie in der Estremadura "in Auffangstellung gehen"
Ueber den Wert ihrer Soldaten haben die Portugiesen selbst nur eine Meinung. Sie nennen ihre Krieger "probrezinhos" Das ist ein mild-zärtliches Wort für "arme Schlucker".
Damit tun die Portugiesen ihren Waffenträgern sicher Unrecht. Der portugiesische Soldat hat einen großen Vorzug: er ist der einzige wirklich aufrichtige Soldat in Europa. Er will von Heldentum nichts wissen, er sagt das auch ganz offen
Jeder Portugiese gibt im Innern dem deutschen Ostafrikakämpfer des ersten Weltkrieges, General von Lettow-Vorbeck, recht, der einmal behauptet hat, er hätte schon 1917 kapitulieren müssen, wenn die Portugiesen nicht gewesen wären. Sie waren damals seine Feinde. Aber mit seinen paar Mann konnte sich Lettow alle Waffen holen, die im benachbarten portugiesischen Mozambique angelandet wurden.
Nach außen hin freilich achtet das amtliche Lissabon streng auf die militärische Ehre. Das mußte Hindenburg noch nach seinem Tode erfahren. Als der deutsche Generalfeldmarschall starb schrieben unbekannte Hände auf den Marmorsockel von Lissabons Denkmal des Unbekannten Soldaten, eines dahinstürmenden Bronzehelden "Nicht so eilig, es lebt keiner mehr, um Dich reinzuwaschen."
Die Inschrift hatte eine Vorgeschichte. In seinen Lebenserinnerungen ließ sich Hindenburg wenig freundlich über die portugiesischen Soldaten aus, die im April 1918 bei Cambrai eingesetzt waren. Entrüstet schickte der portugiesische Generalstab eine Offiziersabordnung unter dem Obersten da Mota nach Hannover, wo der Generalfeldmarschall damals vor der Reichspräsidenten-Aera im Ruhestand lebte. Hindenburg beruhigte und nahm zurück. Das Denkmal des Unbekannten Soldaten auf Lissabons Avenida da Libertade konnte würdevoll eingeweiht werden.
Im zweiten Weltkrieg brauchte kein Portugiese scharf zu schießen. Aber die Sorge im Lande war groß genug. Als 1942 zum erstenmal in Portugal Luftschutz geübt wurde brach eine Panik aus. Die Unruhe war so groß, daß die Luftschutzleitung durch die Presse verlautbaren mußte: "Um verschiedentlich geäußerten Beunruhigungen vorzubeugen, wird mitgeteilt, daß die Warnsirenen pünktlich um 12.15 Uhr ertönen werden."
Trotzdem flüchteten Tausende von Lissabonern nach Cascaes. Dort nämlich wohnte damals der Staatspräsident, und da er kränkelte, blieb sein Wohnsitz vom Probealarm verschont.
Noch nachträglich haben die Portugiesen vor einiger Zeit einen anderen Kriegsschrecken durchlebt. Admiral Leahy, Roosevelts Kriegs-Stabschef, gab in seinen Memoiren "Ich war dabei" bekannt, daß der Präsident 1942 an eine gewaltsame Besetzung der Azoren gedacht habe. Portugals Presse entrüstete sich. Die Portugiesen auf der Straße sagten: "Hitler und Stalin haben wenigstens offen gesagt, was sie wegnehmen wollten, Roosevelt aber hat 'Freiheit' gerufen und gleichzeitig scharf geladen."
Seitdem hat man Angst, daß Roosevelts Nachfolger nachholen könnten, was der Kriegspräsident nicht tat. Schon wimmeln genug Sendboten Trumans in den portugiesischen Afrika-Kolonien Mozambique und Angola herum. Sie suchen dort die rückständigen Kolonialgebiete, die Washington zu entwickeln versprochen hat.
Als Portugal dem Atlantikpakt beitrat - zu den Empfängerstaaten der Waffenhilfe gehört es nicht - , ging im Lande der alte Vers um: "de Este ni bom vento", "aus dem Osten kommt kein guter Wind". Jeder wußte, was gemeint war. Portugal wehrte sich instinktiv gegen eine Allianz, die heute die Elbe, morgen den Rhein und übermorgen die Pyrenäen zu garantieren gedenkt.
Die Portugiesen sind am weitesten von allen europäischen Völkern vom Russenschreck entfernt. Aber nirgendwo wird so viel vom Kriege geredet wie in Portugal. Niemand wagt im Ernstfall auf Hilfe von den Amerikanern zu hoffen oder von den Engländern, mit denen man seit 700 Jahren verbündet ist. Auch der Beistandspakt mit den spanischen Vettern stimmt die Portugiesen nicht zuversichtlicher.
Doch niemand denkt daran, rechtzeitig auszuwandern. In Mozambique und in Angola ist Raum genug. Es mangelt auch nicht an Arbeit. Die Portugiesen bleiben lieber zu Hause und resignieren.
"Wenn die Russen kommen", sagen die Spanier, "bleibt nichts übrig, als die Flinte in die Hand zu nehmen und irgendwo zu krepieren."
Die Portugiesen sind sehr viel bescheidener: "Es ist besser gleich zu sterben, als erst viel herumzuschießen."

DER SPIEGEL 21/1950
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