25.05.1950

SAAR-INDUSTRIESanfter Druck

Frankreich bringt für die geplante Vernunftehe mit Deutschland seine Wertpapiere in Ordnung. Bei der Gütertrennung möchten die Franzosen die Schwerindustrie der Saar als ihr eingebrachtes Gut aufführen. Dazu werden letzte Vorbereitungen getroffen.
Wirtschaftsminister Franz Singer war dem Vormarsch des französischen Kapitals in der Saarindustrie schon seit langem Stein des Anstoßes. Jetzt soll er auf das Abstellgleis des Direktors der Eisenbahnen geschoben werden. An seine Stelle rückt die graue Eminenz des Saarlandes Frédéric Schlachter, der gleichzeitig auch den Posten des bisherigen Finanzministers Christian Grommes übernimmt. Im Direktionskomitee der Saargruben sitzt Schlachter sowieso schon (s. Spiegel Nr. 10/50).
Als Generaldirektor sämtlicher unter Sequester stehenden deutsch-saarländischen Anteile der Eisenhütten und Stahlwerke kann sich Frédéric Schlachter künftig auch als Finanz- und Wirtschaftsminister nur noch selbst in die Karten gucken. Und auf diesem Gebiet soll noch einiges bereinigt werden, bevor sich Marianne zu Michel in das schwerindustrielle Ehebett legt.
Einfach liegen die Dinge beim Dillinger Eisenwerk. Da wurde schon nach dem ersten Weltkrieg von den Franzosen gute Vorarbeit geleistet. Fast ein Jahrhundert waren die Aktien in Dillingen 40 Prozent französisch und 60 Prozent deutsch (Gebr. Stumm). 1919 verordnete der Service Industriel de la Sarre eine französische Mehrheitsbeteiligung. Als die Gebrüder Stumm nicht wollten, wurden sie durch die Entlassung ihres technischen Generaldirektors und einiger führender Ingenieure gefügig gemacht.
Die Dillinger Hüttenwerke erhöhten ihr Aktienkapital von 25 Millionen Mark auf 30 Millionen Mark. Den neuen Betrag übernahm die Societé des Mines et Usines de Rédange-Dilling. In dieser Gesellschaft hatten sich sämtliche französischen Aktionäre, denen jetzt 60 Prozent von Dillingen gehörten, zusammengeschlossen. Die Deutschen sammelten sich in der Saarländischen Industrie-Verwaltungs GmbH.
Die Zusammenarbeit zwischen Franzosen und Deutschen war gut. Sie war so gut, daß, als das Saargebiet 1935 zu Deutschland zurückkehrte, die französische Mehrheit unangetastet blieb. Als während des zweiten Weltkrieges die französische Beteiligung liquidiert werden sollte, widersetzte sich der Vorstand der Gauleitung.
Man einigte sich schließlich auf ein Kompromiß. Die französische Mehrheitsbeteiligung sollte auf die alte Minderheitsbeteiligung von 40 Prozent zurückgeführt werden. Der Kaufpreis für die 20 Prozent war auf eine Bank im unbesetzten Frankreich zu transferieren.
Im gegenseitigen Einverständnis hatte man es mit der Transferierung nicht eilig. Im Mai 1945 waren erst 11 Prozent der französischen Aktien wirklich verkauft. Nach Kriegsende beschloß der Aufsichtsrat deren Rückübertragung. Damit war die französische Mehrheitsbeteiligung wiederhergestellt. Das nach Frankreich transferierte Geld bekamen die deutschen Teilhaber bis heute nicht zurück.
Dafür wurden die bisherigen deutschen Vertreter des Vorstandes abberufen. Entgegen den Satzungen können dem jetzt nur noch Franzosen angehören. Für den Aufsichtsrat gilt das gleiche. Auch die leitenden Angestellten des Werkes, das in Friedenszeiten 7000 Arbeiter beschäftigte, wurden, soweit sie Deutsche waren, bis auf einen entlassen. -
Schwieriger liegen für Monsieur Schlachter die Dinge bei der Burbacher Hütte. Sie gehört der ARBED (Aciéries Réunies de Burbach-Eich-Dudelange). Diesem luxemburgisch-belgisch-französischen Konzern gehören auch 97 Prozent der Aktien des Eschweiler Bergwerksvereins im Aachener Revier. Burbach ist einer der wichtigsten Teile dieses internationalen Organismus. 1936 produzierte der allein fast 2 Millionen Tonnen Rohstahl, 22 prozent der Erzeugung des Raumes Saar-Lothringen-Luxemburg.
40 Prozent der Aktien der ARBED gehören einer belgischen Gruppe unter Führung der Bank von Brüssel. 30 Prozent sind in Händen der luxemburgischen Familie Barbanson. Der Rest gehört verschiedenen belgisch-luxemburgischen und französischen Besitzern. Unter denen ist die Holding-Gesellschaft Union Européenne Industrielle et Financière, eine Gründung der Gruppe Schneider-Le Creusot, die stärkste.
Trotzdem wird die Burbacher Hütte wegen ihrer luxemburgisch-belgischen Mehrheitsbeteiligung wenigstens vorläufig an der aufgebotenen deutsch-französischen Ehe der Schlote nicht teilnehmen können. In den meisten anderen Werken dagegen ist mit Hilfe der sequestrierten deutschen Anteile Frankreichs Löwenanteil gesichert (s. Graphik).
Die Röchlingschen Eisen- und Stahlwerke GmbH in Völklingen, deren Aktien ganz im Besitz der Familie Röchling waren, konnten sich als einzige nach dem ersten Weltkrieg dem französischen Druck widersetzen. Die Société Lorraine Minière et Metallurgique, die den enteigneten lothringischen Besitz der Firma Röchling übernommen hatte, sollte auch an dem Völklinger Werk beteiligt werden.
Als die Verhandlungen schon vor dem Abschluß standen, stellte Familie Röchling eine Bedingung. Der in französischer Haft befindliche Hermann Röchling sollte auf freien Fuß gesetzt werden. Dafür konnten die Lothringer keine Garantie übernehmen. Die Verhandlungen scheiterten.
Hermann Röchling brachte sich selbst auf freien Fuß. Er floh. Fünfundzwanzig Jahre später fingen sie ihn ein. In Rastatt saß der nun 75jährige Reichskommissar für Eisen und Stahl und Reichsbeauftragte für die Eisenindustrie in Lothringen vor dem französischen Generalgericht. Der Düsseldorfer Rechtsanwalt und Dönitz-Verteidiger Otto Kranzbühler plädierte für ihn gut. Für besondere Zwecke hatte er sich einen Pariser Kollegen kommen lassen.
Der sprach aus, was Deutsche nur denken durften: "Wenn man die Röchling-Werke kassieren will dann gibt es dazu auch andere Wege als einen 75jährigen zu verurteilen." Hermann Röchling wurde im Januar 1949 bestraft: 10 Jahre und Einziehung des Vermögens Heute gehören kaum noch 10 Prozent der Aktien von Völklingen der Familie Röchling.
Auch Saar-Ministerpräsident Johannes Hoffmann durfte sich seine Hände in dem Aktienkapital waschen. Er zählte schon vor 1935 zu Schlachters Freunden. Als Zentrums-Chefredakteur Johannes Hoffmann bei der Saarbrücker "Landeszeitung" hinausflog. besorgte Schlachter die Finanzen für die "Neue Saar-Post". Mit der machte Hoffmann dann in Separation von Deutschland.
Die dankbarste Aufgabe erwartet Monsieur Frédéric Schlachter beim Neunkircher Eisenwerk der Gebr. Stumm und der Firma Otto Wolff. Das Werk stellte einmal ein Drittel des saarländischen Roheisens her. Weil die Besitzer sich nach dem ersten Weltkrieg gegen die obligate 60prozentige Mehrheitsbeteiligung wehrten, wurde ihnen radikal die Kohlezufuhr gesperrt.
Als sich der Generaldirektor des Werkes deswegen direkt an General Andlauer, den "obersten Verwalter des Saargebietes" wandte, schrieb ihm der Chef des Service Industriel de la Sarre damals unter Aktenzeichen Ch-R/B 8827:
"Ich wiederhole Ihnen, daß die Brennstofflage des Neunkircher Werkes nur geändert werden kann, wenn ich mich durch Tatsachen davon überzeugt habe, daß die Werke wirklich entschlossen sind, den Weg zu beschreiten, den ich Ihnen aufgezeigt habe. Was nun die Aufnahme einer französischen Beteiligung angeht, so müssen Sie gewärtig sein, daß Sie, wenn Sie auf Ihrer bisherigen Unnachgiebigkeit beharren, von der Erzseite her in eine noch unangenehmere Lage kommen, ja, daß Sie wahrscheinlich völlig von der Belieferung ausgeschlossen werden."
Unter dieser sanften Gewalt gelangten 60 Prozent des Aktienkapitals vom Neunkircher Eisenwerk unter die Kontrolle der Société Métallurgique de Nord et Lorraine, in der sich verschiedene französische Firmen zusammengeschlossen hatten. Aber diesmal hatte Frankreich an dem Besitz keine Freude.
Als das Aktienkapital in den 20er Jahren zum Ausbau des Werkes erhöht werden mußte, machten die Franzosen nicht mit. Sie verkauften zwei Drittel ihrer Aktien an eine Amsterdamer Bank. Von der bekamen die Deutsche Bank und die Eisenfirma Otto Wolff 40 Prozent der Neunkircher Aktien wieder.
Als das Kapital um 1930 wieder erhöht wurde, machten die Franzosen wiederum nicht mit. Schließlich blieben von 60 Prozent Aktienkapital nur noch 3,7 Prozent in ihren Händen. Die wurden während des zweiten Weltkrieges ins unbesetzte Frankreich transferiert.
1945er Verhandlungen zwischen den Firmen Gebr. Stumm und Otto Wolff mit Monsieur Lenormand, dem Präsidenten von Nord et Lorraine über den Wiedererwerb einer Beteiligung scheiterten. Trotz guten Willens der deutschen Partner. Die wollten ihr Werk vor der Demontage retten. Saar-Kommissar Gilbert Grandval hatte andere Pläne.
Im April 1946 forderte er die Saar-Parteien zum wirtschaftlichen Anschluß an Frankreich auf. Andernfalls würde das Neunkircher Eisenwerk demontiert. Wiederum gehorchten die Saarländer sanfter französischer Gewalt. Als im November 1947 der Anschluß vollzogen wurde, stand das Werk immer noch auf der französischen Demontageliste. Erst im April 1948 wurde es von der Liste gestrichen.
In zwei Monaten wird es mit der Produktion beginnen. Eine belgische Finanzgruppe, die mit einsteigen wollte, wurde abgedrängt. Dafür gehen nun die Teile, die ursprünglich zur Demontage vorgesehen waren, in französischen Besitz über. Mit dieser neuen Art der Demontage ist die französische Mehrheitsbeteiligung auch an diesem Werk gesichert.
Aehnlich wie bei der Dillinger liegen die Dinge bei der Halberger Hütte. Auch bei ihr wurden die deutschen Teilhaber von der 60prozentigen französischen Mehrheit ziemlich kaltgestellt. Zu diesem Zwecke mußten die Satzungen abgeändert werden. Bei dieser Aenderung half die französische Militärregierung mit.
Falls der Satzungsänderung nicht zugestimmt werde, versprach man Beschlagnahme der deutschen Anteile und spätere Enteignung.
Alle diese Maßnahmen verfolgen einen Zweck. Den hat der Engländer Sir Robert Donald schon nach dem ersten Weltkrieg in seinem Buch "A Danger Spot in Europe" (Ein Gefahrenpunkt in Euorpa) herausgestellt.
Dort heißt es: "Um die Eigentümer der Hochöfen und Stahlwerke gefügig zu machen, wurde ein wirklich bewundernswerter Plan angewandt. Man rationierte einfach die Kohle. Man lieferte ihnen gerade so viel, daß sie ein Drittel ihrer Werke arbeiten lassen konnten, aber man verbot ihnen, auch nur einen einzigen Arbeiter zu entlassen. Das Ziel der französischen Politik war es, den französischen Einfluß im Saargebiet über die Kontrolle aller wichtigen Unternehmungen auszudehnen und zu befestigen."
Das Ziel ist nach 1945 fast unverändert geblieben. Auch der Schuman-Plan hat es nicht umgestoßen. Denn zusammen mit der Saar hätte die französische Schwerindustrie bei einer Union mit Deutschland das Uebergewicht. Auch in den bestimmenden Ausschüssen und Produktions-Lenkungsstellen.
[Grafiktext]
INTERNATIONALE VERFLECHTUNG DER SAAR-SCHWERINDUSTRIE BETEILIGUNGEN (STAND 1945)
SAAR-GEBIET
DILLINGEN FRANZÖSISCH DEUTSCH
RÖCHLING VÖLKLINGEN FRANZÖSISCH DEUTSCH
BOUS DEUTSCH
BURBACH FRANZÖSISCH LUXEMBG. BELGISCH
HALBERG FRANZÖSISCH DEUTSCH
ST. INGBERT FRANZÖSISCH LUXEMBG. BELGISCH
NEUNKIRCHN. FRANZÖSISCH DEUTSCH
[GrafiktextEnde]

DER SPIEGEL 21/1950
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