08.06.1950

BillUnendliche Schleife aus Gips

Die kontinentalen Aussteller sind scharf hinter Max Bill her. In Braunschweig hat die Galerie Rahlfs den Schweizer Architekten Maler und Entwerfer technischer Formen auf dem Ausstellungsprogramm stehen, aber Max Bill ist überlaufen. Braunschweig wird frühestens im Herbst an die Reihe kommen.
Vorher wird man noch in Skandinavien sich an Billschen Werken freuen ereifern, ärgern. Denn Max Bill ist, was entweder mit Hochachtung oder mit Verachtung ein "kühner Moderner" genannt wird.
Abstrakt - oder: viel zu abstrakt, stellen die Betrachter vor Bills Arbeiten fest. Vor diesem reinen, fast mathematischen Linien- und Formenspiel und vor den Farbversuchen, die auf die Balance, auf optische Gewichtigkeit der Farben hin angestellt sind.
"Konkrete Kunst", hat Bill gelegentlich einer Ausstellung gesagt, dabei für eine kleine Gruppe sprechend, "nennen wir diejenigen Kunstwerke, die auf Grund ihrer ureigenen Mittel und Gesetzmäßigkeiten, also nicht durch Abstraktion, entstehen."
Wie Bill meint, haben diese konkreten Gestaltungen eine Berechtigung neben den Erscheinungen der Natur. Sie sind ihm Ordnungszeichen des menschlichen Geistes.
Max Bill ist bemüht, sich Verständnis zu schaffen, überzeugt, daß auf seinem Wege Richtiges und Wichtiges zu erfahren und zu sagen sei. Aber er behauptet nicht, daß es nur diesen, seinen Weg gibt. Er ist entschieden, aktiv, konkret und tolerant.
Max Bill begann handwerklich, als Silberschmied, und kam zur Graphik, und zwar zur angewandten, zur Werbegraphik. 1925 erhielt er als Siebzehnjähriger seinen ersten Ersten Preis. In einem Wettbewerb der Schokoladenfirma Suchard.
Studienreisen gab es genug, nach Italien, Frankreich, Deutschland. Das Bauhaus in Dessau behielt Bill einige Jahre. Hier wurde die konstruktive Grundlage für alle künftige Arbeit gefunden: Baukonstruktion und Städtebau. Klee Kandinsky und andere vom radikalen Flügel der Malerei waren eine Zeitlang seine Lehrer.
Dann geriet er ins Typographische: Bill gestaltet Zeitschriften Bücher, Prospekte. "Als Broterwerb". Andere Arbeiten gehen immer nebenher. Kritische theoretische Schriften entstehen Max Bill denkt gern. Er ist ständig mit irgendetwas beschäftigt, in Gedanken oder mit den Händen.
Er ist Mitglied vieler internationaler und avantgardistischer Kunstvereinigungen und Mitherausgeber von Zeitschriften, die in diesem Sinne arbeiten Er ist an allem und allen beteiligt, die sich um einen angemessenen Ausdruck der fragwürdigen Zeit bemühen Hauptamtlich ist er heute Architekt und um zeitgemäße Wohn- und Möbelformen bemüht. Nicht ohne Widerstand bei den konservativen Eidgenossen.
Ueberhaupt beschäftigt ihn jede Form, die das tägliche Leben bestimmt, auch die technische, die von Schreibmaschinen, Autos, Eisschränken, Elektrogeräten Er kennt nicht die Angst vieler Kulturbeflissener vor der "tödlichen Technik", vor der "kunstunwürdigen Maschine" Für ihn geht die technische Konstruktion in die künstlerische Form über.
In aller Oeffentlichkeit, am Ufer des Zürcher Sees, stand ein handgreifliches Beispiel des Billschen Kunstziels, mathematisch reine Formen, ineinander verschlungene Kreise, Ellipsen, zu einer sichtbaren Harmonie zu bringen: die "unendliche Schleife". Das fast drei Meter hohe Gipsmodell stand dort, bis es dann von einigen, die dagegen waren, zerschlagen wurde.
Max Bill ließ dies nicht als überzeugendes Gegenargument gelten. Er bastelt, formt, entwirft, konstruiert weiter. Material: alles. Papier, Draht, Kupferblech, Gips.
Das meiste Verständnis für ihn, sagt Bill, hätten Leute, die aus der handwerklichen, industriellen oder technischen Gestaltung kommen, geübte Facharbeiter z. B. Schlimm seien die, "die gelernt haben, was Kunst ist", gut, die immer wieder darüber nachdenken, besser, die frisch und unbefangen sehen können.
Hoch über der Limmat, außerhalb Zürichs wohnt Max Bill in einem selbstgebauten, dank vieler großer Fenster lichtdurchlässigen Haus. Mit seiner Frau, die bemerkenswert gut fotografiert und seinem zehnjährigen Jungen der vorzugsweise barfuß läuft, nach Molchen im Schlamm gräbt und farblich kühne Bilder malt, unbekümmert um das strenge Tun des Vaters.
Max Bill, der Privatmann, gibt sich überzeugend nonchalant, ohne bohemenhaftes Getue. Er trägt das Haar kurz geschoren, weil es ihm so bequem ist - eine dicke Brille, weil seine Augen sie nötig haben - und im Hause gern Pantoffeln. Auch dies ohne weltanschauliche Absichten.

DER SPIEGEL 23/1950
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