15.06.1950

SOWJETZONEProleten in den Keller

So glatt wie ich hat sich wohl selten einer aus der Ostzone abgesetzt", triumphiert All-round-Gastronom Carl Zobel, der sich rühmt, "mit allen führenden Leuten der Ostzone Tee getrunken zu haben" Alkohol mied er aus Gründen der Selbstkontrolle. "Ein Hotelchef muß immer verschwiegen sein."
Fünfzehn Jahre war Carl Zobel Direktor des Luxushotels "Fürst Stolberg" in Schierke, nach 45 "Heinrich Heine" getauft Heute privatisiert er in einer gut eingerichteten Vierzimmerwohnung in Berlin-Zehlendorf, vollgestopft mit Orientteppichen wertvollen Kunstgegenständen und schweren Möbeln.
Die ostzonale erholungsbedürftige Prominenz wollte ihren bewährten Leib-Gastronomen nicht länger haben. Den kleinen Genossen war er schon lange ein klassenpolitisches Widernis, weil er die Parteischüler der Kreisschule immer in die Kellerräume des für die Werktätigen bestimmten "Dachsbaues" verwies und ihnen sogar Marken für den Ersatzkaffee abforderte.
"Nur um ihnen ein Wiederkommen zu verleiden", schimpfte SED-Kreisleiter und ehemaliger Schuhmacher Erich Glänzel. Die hohen Genossen aus Berlin und Halle wollten eben unter sich sein und sich nicht in die vollen Fleischschüsseln gucken lassen.
"Sie verzehrten nur Mitgebrachtes", entschuldigt Zobel rückblickend die verflossene Herrlichkeit der fünf Nachkriegsjahre, denn sie aßen alle Tage Gesottenes und Gebratenes.
Zuerst hatten sich russische Offiziere in dem feudalen Luxushotel eingenistet. Sie verspeisten requirierte Harzkühe und freigejagtes Wild. Dann wurde der ehemalige Besitz der Deutschen Hypothekenbank in Weimar landeseigen und gleichzeitig Dorado der Ostzonenminister und hohen Parteifunktionäre. Auch Staatspräsident Wilhelm Pieck schlummerte in den Daunenkissen des prächtigen Appartements, das in den zwanziger Jahren für Feldmarschall von Hindenburg reserviert war.
Wenn nach munteren Festen, trotz strengster Diskretion des Hotelpersonals, delikate Gerüchte durchgesickert waren, veranstaltete die VoPo nach der Abreise der Regierungsgäste oft Zweckrazzien. Dann mußten gutsituierte Geschäftsleute, die auch 30 DM tägliche Zimmermiete bezahlen konnten, wegen ihrer Fettlebe aus Zobels Hotelküche als "Nachkriegsschieber" Haare und Strafgelder lassen. Das brachten dann die Lokalzeitungen zur Neutralisierung der Massenunzufriedenheit.
Aber die Bevölkerung schwieg trotzdem nicht still. Sie redete mehr, als dem routinierten Hoteldirektor lieb war. Schließlich zweifelte man auch an seiner Verschwiegenheit. Im Frühjahr mußte er zur K 5 nach Wernigerode kommen. Die Volkspolizei nahm ihn für sechs Wochen in Untersuchungshaft.
"Ich habe doch keine silbernen Löffel gestohlen", schimpfte Zobel. Als Staatskontrollchef Fritz Lange seinen gewiegtesten Inspekteur Toni Ruh bei "Heinrich Heine" Inventur machen ließ, war an Teppichen, Läufern, Wäsche und Hotelsilber (Gesamtwert der Einrichtungen zwei Millionen DM) kein Fehl. Schließlich konnte man Zobel nur ankreiden, daß er 150 Glühbirnen, die in der Ostzone einfach nicht aufzutreiben waren, im Westen eingekauft und nach dem üblichen Ost-West-Kurs bezahlt hatte.
Als er nach den sechs Haftwochen vom Harz-Querbahnhof Drei-Annen-Hohne zu Fuß durch den Tannenwald nach Schierke stampfte, kannte er seinen "Heinrich Heine" nicht wieder. Ueber die breite Hotelfassade waren große Spruchbänder gespannt. Der malerische Vorplatz war mit flatternden roten Fahnen und Stalinbildern garniert. In den großen mit Verlourteppichen und Parkett ausgelegten Gesellschaftsräumen hielten FDJ-Aktivisten Frühsport und Rollschuhübungen ab Nach fünfjähriger Toleranz bürgerlicher Bequemlichkeit wurde nun revolutionärer Wind gemacht.
Der wehte Hoteldirektor Zobel nach Westberlin. Man legte ihm keinen Stein in den Weg. Auch der Möbelnachschub kam einige Wochen später mit legalen Papieren unangefochten durch die Kontrollschranke. Zobel quittierte diese Ausnahmebehandlung mit der Diskretion des im Berliner Bristol, im Heidelberger Grand Hotel und bei Kranzler, Unter den Linden, geschulten Hotel-Routiniers.
"Wenn ich Herrn Walter Ulbricht auf der Straße begegnen sollte, dann werde ich ihn auch heute noch begrüßen", sagt er mit solider Steifheit in seinem goldenen Westberliner Käfig. Er hat sich niemals über seine verflossenen Gäste abfällig geäußert, auch wenn sie nicht mehr politisch in die Zeit paßten.
Zobel war noch neutraler als die ehemaligen Reichswehrgenerale, die sich vor 33 unter dem breiten Schindeldach des von ihm verwalteten Luxushotels erholten. Er schaute nicht hin, wenn Heinrich George sich am landesüblichen "Schierker Feuerstein" berauschte und wahrte äußerste Verschwiegenheit, als sich 36 Juliane von Holland und Bernhard Prinz zu Lippe-Biesterfeld im "Fürsten Stolberg" königlich erholten Auch die hohen Pgs der verflossenen NS-Gauleitung, voran Gauleiter Jordan, waren mit Zobel immer sehr zufrieden.
Mit Zobels Freund, Kindermann, Chef der weithin berühmten Wernigeröder "Storchmühle", machten sie schlechteste Erfahrungen Der besorgte dem Gauleiter zwar gefällige Ballett-Damen, aber auch die amerikanische MP-Streife, die ihn im Mai 45 von einem Bauernhof im Dorf Danstedt, wo Jordan als Landarbeiter untergeschlüpft war, abholte.
Noch immer will Hotelier Zobel nicht verstehen, warum er trotz aller Neutralität und Diskretion nach 47 Berufsjahren aus dem Glanz eleganter Clubräume und lüstererhellter Hallen verbannt worden ist.
Noch immer schwärmt er von exklusiven Menus, von Tournedos, Poularden, Fasanen, Omelette-surprise und Pückler-Eisbomben. Die wird es vorläufig bei "Heinrich Heine" nicht geben, bis die Gerüchtewelle im Lande wieder abgeebbt ist. Aber im Stillen hofft Zobel immer noch, daß man ihn eines Tages wiederholt.

DER SPIEGEL 24/1950
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