18.05.1950

BERLINIn Staaken begraben

Hamburgs Falk-Verlag schlug auf seinem neuesten Plan von Großberlin den alliierten Wechselbalg Staaken zur Ostzone. 5000 Staakener protestierten.
"Staaken", erläutert Spandaus Bürgermeister Karl Schilling, "gehört zu Großberlin. Es ist ein Ortsteil des Verwaltungsbezirks Spandau im britischen Sektor. Nur der westliche Teil Staakens ist durch den russischen Flugplatz sowjetisches Interessengebiet geworden."
"Wir sind kein russisches Interessengebiet, sondern der westliche Zipfel des Ostsektors von Berlin", behauptet dagegen sein offiziell Untergebener, der Ortsamtsbezirksvorsteher von Staaken, Alfred Mühl. Er ist der einzige Angestellte des Westmagistrats, der als SED-Angehöriger 1950 noch in der Kommunalverwaltung amtiert und sein Gehalt voll in Westgeld bezieht. Obwohl er seine Direktiven von Friedrich Ebert, dem Oberbürgermeister des Berliner Ost-Magistrats, erhält.
Das Gentlemen-Agreement über Staaken ist ein kleines Yalta. Beim Einzug der Westalliierten in Berlin sicherten sich die Amerikaner im August 1945 den Flugplatz Tempelhof. Für die Briten und Russen sah es jedoch nicht so einfach aus.
Die NS-Machthaber hatten beim Bau ihrer Flugplätze nicht auf die Weichbildgrenze Groß-Berlins Rücksicht zu nehmen brauchen. Der Jagdfliegerhorst Gatow liegt mit seinen Gebäuden in Groß-Berlin. Das Flugfeld aber im Brandenburger Kreis Osthavelland. Bei der Vierteilung Berlins hätten die Briten die in ihrem Sektor gelegenen Flughallen bekommen. Die Startbahnen liegen in der Ostzone.
Um den Flugplatz Staaken stand es ähnlich. Hallen und die Hälfte der Startbahnen lagen im britischen Sektor. Der Lande-Auslauf gehörte jedoch zum Ostzonenkreis Osthavelland.
So einigte man sich im damals noch funktionierenden Kontrollrat, daß die Engländer den Flugplatz Gatow komplett und die Sowjets den Flugplatz Staaken komplett bekamen.
Mit dem sowjetischen Flugplatz war der Ortsteil Staaken jedoch in zwei Lager geteilt. Eine russische Kommandantur wurde eröffnet, und die Nauener Ostzonen-Polizei richtete sich in einem ehemaligen Gefangenenlager häuslich ein. Die Lebensmittel lieferten aber die Engländer, und für das Straßennetz sorgte Spandaus Bürgermeister Schilling und sein Amt.
Auch während der Blockade lieferten die Engländer weiter die Lufbrücken-Konzentrat-Verpflegung für die Staakener im russischen Interessengebiet. (Wie die Russen den englischen Blockade-Flugplatz Gatow mit ostzonalem Strom aus Nauen belieferten.)
Die Staakener dagegen zahlen ihre Strom- und Gasrechnungen in Westmark, denn sie werden mitsamt dem sowjetischen Flugplatz von Westberliner Kraftwerken versorgt. Auch die Mieten müssen im ostbeherrschten Staaken mit dem juristisch verbotenen Westgeld entrichtet werden. Die Steuerabgaben jedoch sind in Ostgeld an das sowjetisch-sektorale Finanzamt Berlin-Mitte abzuführen.
So finden Staakens Bewohner im sowjetischen Interessengebiet selber nicht mehr durch die juristischen und finanztechnischen Spitzfindigkeiten. Die einzige Post des gespaltenen Staaken ist sowjetsektoral, da das Gebäude 5 Meter hinter der Hoheitsgrenze liegt. Auch die westlich beherrschten Staakener müssen ihre Briefe mit östlichen Marken bekleben. Sie tun es gerne beim Wechselkurs 1:7.
Staakens Kraftfahrzeugbesitzer haben die Wahl in der Bezeichnung ihrer Nummernschilder. Sie können das westsektorale KB (Kommandantur Berlin) bekommen, müssen dann aber ihre steuerlichen Abgaben mit der teuren Westmark abdecken. Aber auch das ostsektorale Kennzeichen GB (Groß-Berlin) ist erlaubt, da das Bezirksamt Berlin-Mitte des Ostmagistrats die Patenschaft des sowjetischen Teiles von Staaken übernommen hat.
Als letzte Möglichkeit steht noch des ostzonale SB (Sowjetische Zone Brandenburg) zur Wahl, wenn man das Auto im nahegelegenen Nauen registrieren läßt.
"So etwas Verrücktes gibt es nur in Berlin", schimpft Autobesitzer Karl Radtke in der Staakener Hauptstraße. Mit seiner KB-Nummer und seinem westlichen Führerschein darf er sich ab 15. Juni nicht mehr im östlichen Heimat-Teil von Staaken bewegen, denn nach dem neuesten Gesetz der DDR sind die Führerscheine in neuöstliche umzuwandeln. Allzu eifrige Volkspolizisten des ostgesteuerten Staakener Teils könnten an einem Westführerschein Anstoß nehmen.
Die einzige Apotheke von ganz Staaken liegt am Nennhauser Damm. Die Fahrbahn steht noch unter westlicher Polizeigewalt, der Bürgersteig vor der Apotheke bereits unter östlicher. Wie viele Betriebe im sowjetischen Staaken ist auch die Apotheke volkseigen und gehört zur VVB Berlin-Chemie (Vereinigung Volkseigener Betriebe).
Als einzige Berliner Apotheke hat sie Verträge sowohl mit der östlichen als auch der westlichen "Versicherungsanstalt Berlin". Wer einen westlichen Krankenschein hat, kann sich mit westlichen Medikamenten behandeln, östliche Krankenscheininhaber müssen auf vieles verzichten oder die westlichen Präparate für Westgeld kaufen.
Kompliziert wie das Kranksein ist in Staaken auch das ordnungsmäßige Sterben. Oestliche und westliche Tote versorgt das Beerdigungsinstitut von Paul Stanislowski. Die gespaltenen Staakener können sich bei ihm entweder westlich in Seide gehüllt oder östlich in Papier begraben lassen. "Ich nehme Ost- und Westgeld."
Das polizeiliche Sterberegister wird bei der Ostzonenpolizei in Falkensee geführt. Aber es wird bestraft, wer einen Todesfall nicht bei dem zuständigen Standesamt im westlichen Spandau anmeldet. Nach einer östlichen Beerdigung müssen die Gebühren für den Totengräber in Westmark bezahlt werden.
Rechtlich ist das für die Kommunalverwaltung verantwortlich zeichnende Bezirksamt Spandau im Staakener Ortsteil kaltgestellt. So schuldet der SED-freundliche Volkshaus-Gastwirt den Westberliner Wasserwerken eine vierstellige Westmarksumme an Wassergebühren. Doch der Spandauer Gerichtsvollzieher steht an der Sektorengrenze und kreuzt die Arme. Denn jeder Rechtsvollzug kann nur über das Amtsgericht Nauen erfolgen. Zahlungsbefehle in Westgeld gelten dort als illegal.
Auch die FdJ bemüht sich, den Vorteil des ostbeherrschten Staaken auszunutzen. Die Pfingtquartiermacher wollen 5000 Jungpioniere in den Antifa-Baracken am Finkenkruger Weg unterbringen. Die FdJ schmückt den einzigen Saal mit Pieck und Grotewohl und singt volksdemokratische Lieder. Anschließend feiern im selben Saal die katholischen Jugendvereine.

DER SPIEGEL 20/1950
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