18.05.1950

SEKTHier sind nur Manöver

Es ist schon beschlossene Sache: Bevor Bräutigam Otto Henkell, Deutschlands größter Schaumwein - Steuerzahler, am Samstag die Ursula Huber aus Wiesbaden-Biebrich freit, wird die Polterabendgesellschaft ihre schäumenden, kriegsversteuerten Gläser auf das Wohl von Bundesfinanzminister Schäffer leeren. Denn an Fritz Schäffer und am Bundestag liegt es, ob sich auch normale Sterbliche künftig wieder einmal eine Flasche Schampus leisten können.
Bundestagsabgeordneter Seppl Schmidt aus Mainz hat schon elf Unterschriften für den Antrag gesammelt, mit dem seine CDU-Fraktion den unmodernen 3-DM-Kriegszuschlag auf jede Flasche Sekt zu Grabe tragen helfen soll.
"Nachdem die Tabaksteuer-Senkung für Zigarren infolge der Steigerung des Konsums zu einer erheblichen Erhöhung der Tabaksteuer - Einnahmen geführt hat", heißt es darin, "wird die Bundesregierung ersucht, einen Gesetzentwurf für die Beseitigung des Kriegszuschlages auf Tabak, Bier und Schaumwein im Bundestag vorzulegen."
Die deutschen Sektfabriken haben die Schaumwein - Tragödie schon mehrere Male durchexerziert. Das erstemal bestrafte der Reichstag 1902 die Sekttrinker mit einem 50-Pfennig-Aufschlag, weil "bei einer so starken Steigerung der Ausgaben für die Wehrkraft des Landes auch der Schaumwein herangezogen werden muß". Damals war der schäumende Luxus für 2,50 Mark in den Feinkostläden zu haben.
Im August 1909 staffelte der Staat die Sektsteuer von 1 bis 3 Mark je nach Preis der Flasche. Von 1918 ab galt ein Einheitssatz von 3 Mark. Bis die Inflation auch der Sektsteuer Nullen anhängte. 1926 konnte man wieder für 1 RM Zuschlag Sekt trinken.
Als den Deutschen in den Jahren der Wirtschaftskrise trotzdem der Durst verging, ließ Berlin 1933 jegliche Sektsteuer fallen. Erst vier Tage nach Kriegsbeginn erinnerte sich der Reichsverteidigungsminister wieder der altbewährten Geldquelle.
Mit Kriegswirtschaftsverordnung vom 4. September 1939 mußte sich "jeder Volksgenosse die notwendigen Einschränkungen in der Lebensführung und Lebenshaltung auferlegen". Und seinen Durst mit einer Reichsmark pro Flasche versteuern.
Im 1941er Oktober gebar das Reichsfinanzministerium den 3 - RM - Kriegszuschlag endgültig. Auch "für das Gebiet des Protektorats Böhmen und Mähren". Die Verordnung gilt heute noch.
Der Verband deutscher Sektkellereien in Wiesbaden (Matthäus Müller-Mitinhaber Otto Klaebisch: "Ich bin der Präsident dieses Klubs") attackiert Bonn heute mit nüchternen Rechnungen: "Mit Einführung der ersten Sektsteuer wurde die Aufwärtsentwicklung der deutschen Sektindustrie prompt abgestoppt."
Das heutige Sektdilemma hat nicht nur Konjunktur-Hintergründe. Blockierungen und Requisitionen durch die Besatzungsmächte legten die Sektindustrie in den ersten Nachkriegsjahren lange Zeit auf ihren alten Absatzmärkten trocken. Die Abtrennung der Ostzone kostete Westdeutschlands Sektfirmen 40 Prozent ihres Absatzgebietes. Nach der ersten DM-Konjunktur ging der Sektumsatz wieder rapide zurück. Der Jahresumsatz 1949 lag bei etwa 7 Millionen Flaschen, 50 Prozent des Umsatzes von 1936.
Die Kapazität der deutschen Schaumweinindustrie beträgt etwa 28 bis 30 Millionen Flaschen.
Frankreichs durstige Besatzer setzten ihrer Zone zu Reichsmark-Zeiten am härtesten zu. Zwei Jahre ließen sie die Kellerpumpen falsch herum laufen: von viereinhalb Millionen Vorratslitern Grundwein nahmen sie rund die Hälfte. Mit dem Erfolg, daß die französische Zone (32 Kellereien) heute nicht mehr ebensoviel, sondern nur noch halb so viel Sekt wie die amerikanische (27 Kellereien) auswirft.
In Mainz zieht Christian Adalbert Kupferberg, sonst die gute Laune selbst, triste Vergleiche. "Uns geht es wie einem Hotel, das 300 Betten und nur 30 Gäste hat. Da kann der intelligenteste Direktor nichts werden." In den Kupferberg-Kellern wird nur noch auf Vierteltouren gearbeitet. "Früher haben wir allein im Dezember 400000 Flaschen abgesetzt. Heute verkaufen wir im ganzen Jahr so viel", klagt Christian A. Kupferberg.
"Falls ich Finanzminister wäre", meint Kupferberg im Hinblick auf die 22 Millionen DM, die der Kriegszuschlag 1949 einbrachte, "würde ich die Sektsteuer auch nicht gänzlich fallen lassen. Dann würde das Ausland nur protestieren. Aber bei einer Senkung auf 1 DM würde sich der Umsatz bestimmt verdoppeln. Von einer geringeren Senkung hätten weder der Fiskus noch wir etwas."
"Wenn wir trotz allem noch nicht auf dem letzten Loch pfeifen, dann deshalb, weil die Leute sich stets an die bekannten Sektmarken halten, wenn sie schon einmal drei Mark für die Steuer opfern" berichten Feist, Henkell, Kupferberg, Matthäus Müller und Söhnlein-Rheingold, die großen Fünf der deutschen Sektindustrie.
Verbandsvater Otto Klaebisch fährt seit Wochen zwischen Eltville und Bonn hin und her, um für sie und die kleineren Mitglieder die Sektsteuer zu beseitigen. Am liebsten sähe er die 3 Mark ganz und gar gestrichen.
Die Kellerei Feist ließ zur Unterstüzung Klaebischs über Bonn einen waschechten Versuchsballon in Gestalt einer Riesensektflasche aufsteigen. "Wann fällt endlich die Kriegssteuer, Herr Finanzminister?" steht auf dem Schild darunter.
Auch die Kundschaft stellt die gleiche Frage. Der Firma Kupferberg flog ein Brief eines Rollfuhrunternehmers aus Sachsen ins Haus.
"Ich empfing Ihr letztes Schreiben und bin sehr erstaunt, über die Mehrforderung von 3 DM pro Flasche für Kriegszuschlag. Ich muß nun leider doch auf die Lieferung verzichten und bitte höflich, die 105 DM der Firma Gustav Knauer, Berlin-Wilmersdorf, zurückzuüberweisen. Wir haben hier in der Ostzone nur Manöver, aber von Krieg ist nichts zu spüren.
"Ich bitte um Nachricht, wenn bei Ihnen der Krieg zu Ende ist, damit ich meine Bestellung erneuern kann."

DER SPIEGEL 20/1950
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