18.05.1950

IG-FARBENDie volle Wahrheit

Für dreißig Pfennig Ost verkaufen die Platzanweiserinnen der Ostberliner Premierenkinos am Schönhauser Tor und in der Kastanienalle 32 Seiten Quellennachweis für den DEFA-Film "Der Rat der Götter". Die kupfertiefgedruckte Broschüre erklärt, daß dieser russisch lizenzierte Film über den deutschen IG-Farben-Konzern nach amerikanischen Dokumenten gedreht wurde. Und nach dem Buch "IG-Farben" des Amerikaners Richard Sasuly, ehemaliger Chef des Nachrichtenbüros bei der Finanzabteilung der amerikanischen Kontrollkommission in Deutschland.
Drehbuchautor Dr. Friedrich Wolf, Nationalpreisträger und ostdeutscher Botschafter in Warschau, erweiterte Handlung und Dialoge. Er läßt gegen Kriegsende deutsche und amerikanische Industrielle auf dem neutralen Parkett eines Genfer Hotels ausmachen, welche deutschen Werke von Bomben verschont bleiben. Die Air Force respektiert drehbuchgemäß das Abkommen und hütet sich, die deutsche Giftgasproduktion zu stören. Wolf läßt auch amerikanische Richter die deutschen Konzernherren auf der Leinwand freisprechen, "um die Kriegsgeschäfte zu vertuschen". In Nürnberg wurden sie verurteilt.
Die Hitlerwahl von 1933 wird mit IG-Farben beleuchtet. "Der Rat der Götter" - so sollen sich die Mitglieder des Verwaltungsrates selbst genannt haben - finanziert Hitler. Ein Statist in schlechter Hitler-Maske schüttelt Industriellenhände.
Es gibt auch Originalaufnahmen von Hitler. Seine Rede "Deutsche Arbeiter, fanget an!" startet eine Montage von Rüstungsszenen. Die Bildübergänge zwischen Archivfilm und Neugedrehtem sind schwerer zu erkennen als die Dialogübergänge zwischen Protokoll und Friedrich Wolf.
Regisseur und Nationalpreisträger Dr. Kurt Maetzig hat viel optische Kunst an das Thema verwendet. Die Ludwigshafener Explosionskatastrophe vom Juli 1948 hat Maetzig nach bestem Pudowkin-Eisenstein-Vorbild in erregende Massenbilder umgesetzt. Selbst wenn er die demonstrierende FDJ mit Antikriegshetzer-Transparenten lenkt, ist Maetzig den alten russischen Filmpionieren näher als den neuen russischen Filmfunktionären.
Denen ist er nahe, als er die weiße Rauchsäule (SPIEGEL Nr. 35/48), die durch Aetherexplosion entstand, als schwarze Wolke auf die Leinwand brachte. Als Beweis dafür, daß im Juli 1948 Raketentreibstoff explodierte.
In Laboratoriumsszenen meidet Maetzig die unechte Dramatik vieler Forscherfilme. Er ist Chemiker und betrieb nach 1933 mit seiner Frau, der Physikerin Dr. Marion Keller, ein photochemisches Laboratorium. Sie lieferten der Filmindustrie neue Entwicklungsverfahren. Nach dem Krieg und vor der Scheidung setzten sie gemeinsam die erste deutsche Wochenschau, den DEFA-"Augenzeugen", in die Welt.
Mit den Schauspielern kam der geschickte Regisseur von "Ehe im Schatten" in diesem Film nur wenig zurecht. Obgleich er zwei Jahre am "Rat der Götter" arbeitete und viele neue Gesichter entdeckte.
Nationalpreisträger Paul Bildt als Geheimrat Mauch, Vorsitzender des "Rats der Götter", gibt sich kultiviert, oft bedrückt und manchmal ironisch. Trotzdem wirkt seine Rolle genau so schlecht etikettiert wie alle anderen Männerrollen. Die vorhanden hübschen Frauen, ob mondän oder tüchtig, dienen nur als Staffage. Sie flirten, klagen und mahnen zur Vorsicht.
Die beste Rolle im "Rat der Götter" spielt Hanns Eislers spröde, sparsam auftretende Musik, nie Klangkulisse, oft Prophetie aus Dissonanzen. Zum Wochenschaubild vom Stapellauf des Panzerkreuzers "Prinz Eugen" beschreibt die Musik schon des Schiffes Untergang.
Es wurde geklatscht, als kurz vor dem letzten Bild mit Picassos Friedenstaube der bis dahin unpolitische Wissenschaftler Dr. Scholz (Fritz Tillmann vom Westberliner Hebbeltheater) nach der Ludwigshafener Katastrophe seine bisherigen Brotgeber der Kriegssucht anklagt und bekräftigend ruft: "Das ist die volle Wahrheit!" Viele klatschten nicht.

DER SPIEGEL 20/1950
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