06.07.1950

Am Caffeehandel betheiligtDeutschlands Schmuggler

Vorige Woche vertauschten die Kursisten des deutschen Diplomaten-Lehrgangs Speyer mit Hamburg, um Handelspolitik an der Quelle zu studieren: im Freihafen.
Am Sandthorquai empfing Werner Ihnen, Präses des "Vereins der am Caffeehandel betheiligten Firmen", Deutschlands Diplomaten-Nachwuchs.
Werner Ihnen ließ die Diplomaten-Schüler einen Riecher in die ungebrannten Bohnen tun. Das sind noch billige Bohnen, das Kilo kostet roh 4,20 DM; denn Zoll und Steuern von zusammen 11,60 DM werden erst außerhalb des Freihafens für Bonn erhoben.
Vierzehn Tage zuvor hatte Werner Ihnen im rheinischen Viersen den alten Kommerzienrat Kaiser beerdigt (das ist der Erfinder von Kaisers Kaffeegeschäften). Bei der Kranzbestellung in Krefeld gab es einigen Wirrwarr. Werner Ihnen schrieb den Vereinsnamen für die Kranzschleife auf, worauf die Blumenbinderin aus dem "C" in "Caffeehandel" ein "K" machte.
Werner Ihnen hatte einige Mühe, der Binderin die Usancen seines Caffeehandels klarzumachen, nach denen sich der Verein der Caffeehändler mit "C" schreibt. Das Mädchen meinte nur, der Herr könne ihr ja viel erzählen, aber nicht, daß Kaffee mit "C" geschrieben wird. In Hamburg aber residiert in der Tat der "Verein der am Caffeehandel betheiligten Firmen".
Ueber diese konservativste Branche der Welt, die noch heute ihre eigene Gerichtsbarkeit besitzt - was den Kaffee betrifft - und deren Kontore aussehen, als hätte sie Holbein gemalt, ist wie eine Geißel der Schmuggel gekommen. Mit einem Satz umschrieben: der Kaffeeschmuggel ist heute größer als der Kaffeehandel.
Deutschlands Schmuggler verdienen heute etwa 1000 000000 DM (eine Milliarde) per anno. Soviel betragen die Steuern und Zölle, die sie an die Bundeskasse nicht abführen, sondern sich als ihr Verdienst in die eigene schmutzige Tasche stecken.
Die Ursache dafür ist die Drucksache Nr. 601 des Frankfurter Wirtschaftsrates, deren Text in der 22. Vollversammlung am 30. September 1948 ohne jede Aussprache in noch nicht fünf Minuten in erster, zweiter und dritter Lesung einstimmig angenommen wurde. Es war die Festsetzung der Kaffeesteuer auf 10 DM je Kilo Rohkaffee. Das war das größte Geschenk, das jemals in der Welt dem Schmuggel gemacht worden ist.
Es waren zum Teil dieselben Verantwortlichen, die auf der 66. Sitzung des Deutschen Bundestages am 2. Juni 1950 (Vorlage Nr. 964) dann ebenso einstimmig beschlossen, die Bundesregierung zu ersuchen, bis zum 1. August 1950 Gesetzentwürfe über eine ausreichende Senkung der Tabak-, Kaffee- und Teesteuer vorzulegen.
Inzwischen sind Deutschlands Schmuggler längst zu Machtfaktoren geworden, die mitten im Bundesgebiet über exterritoriale Gebiete und Domänen verfügen, eigene Panzerwagen besitzen und der Polizei siegreiche Gefechte liefern.
Am 30. März 1949 betritt ein älterer Gast die Wirtschaft Weißkopp am Marktplatz von Kornelimünster. Das ist ein Dorf, nicht weit von Aachen.
Als der Fremde den zweiten Wacholder bestellt, fragt er die Wirtsfrau nach dem Weg nach Breinig. Und am Rande bemerkt er, er sei wegen Kaffee unterwegs.
Auf das Stichwort Kaffee horcht Frau Weißkopp auf. "Deswegen brauchen Sie nicht nach Breinig, den kriegen Sie auch hier," meint sie. Dann beginnt eins jener Flüstergespräche wie sie längs der deutsch-belgischen Grenze üblich sind.
Dabei stellt sich heraus, daß die Wirtin den Fremden falsch eingeschätzt hat: der will nicht vier Kilo Kaffee haben, sondern vier Zentner. Für solche Mengen ist jedoch der Alte zuständig.
Es dauert nicht lange, bis ein Mann von südlichem Typ das damals noch nicht renovierte niedrige Schankzimmer betritt. Er setzt sich an den Tisch des Fremden, der inzwischen erzählt hat, daß er aus Krefeld kommt.
Der vermeintliche Südländer stammt in der Tat vom Mittelmeer her. Sein Vater ist ein vor etwa 25 Jahren beim Brückenbau in Kornelimünster hängengebliebener Italiener. Er selbst war im Weltkrieg II Luftwaffen-Feldwebel mit dem Deutschen Kreuz in Gold. Sein heutiger Beruf ist: Arbeitsloser. Wobei er allerdings kaum nötig hat, sich die Unterstützung abzuholen. Denn es gibt Nächte, in denen Egidius Menegazzi - so heißt der junge Mann - mehr verdient als Greta Garbo am Tage.
Weihnachten 1948 machte Egidius Menegazzi zum Beispiel noch folgende Geschäfte: er kaufte in Belgien 40000 Zigaretten. Dafür zahlte er 120000 Pfennige gleich 1200 DM. Er setzte die Zigaretten in Deutschland für 360000 Pfennige ab = 3600 DM. Da er 40000 Zigaretten schlecht schleppen kann, nahm er sich zwei Träger Die bekamen für je 10000 Zigaretten 400 D-Mark Trägerlohn, (20000 trug M. selber.) Worauf sich folgende Bilanz für eine Nacht ergab:
Erlös 3600 DM
Einkauf 1200 DM
Trägerlohn 800 DM 2000 DM
Gewinn 1600 DM
Das waren bescheiden gewordene Geschäfte nach dem X-Tag. Vor der Geldreform schleppte der Kleinkönig von Kornelimünster mit acht Trägern. Da brachte eine Nacht allein für Menegazzi 150000 Papiermark Währenddem standen vor den Wohlfahrtsämtern 70jährige Großmütter zitternd im Sonnenglast, die sich ihr Lebtag den Buckel krumm geschuftet hatten. und warteten auf ihre Monatsrente von 45 RM.
Es gab Nächte, da nahm sich Menegazzi mit seinen Kumpanen einen Omnibus. Dann gings nach Köln. "Da haben wir in mancher Nacht 100000 RM versoffen. Ich könnte heute Häuser und Lastzüge haben. Aber geschluckt haben's die Wirte", bereut Egidius Menegazzi jetzt. (Damals war natürlich ein Waschkorb voll Papiermark keine Devise in Belgien. Dort nahm man Nähmaschinennadeln oder Spiralbohrer, auch Armbanduhren. Das mußte alles leicht sein; wenn die Träger auf dem Hinweg nach Belgien 500 Solinger Scheren schleppen mußten, dann maulten sie schon.)
Der Fremde aus Krefeld wird an jenem Märznachmittag 1949 schnell mit Menegazzi einig. 12 DM wird das Kilogramm Rohkaffee kosten plus 50 Pfennige Provision für den dicken Wirt hinter der Theke. Zwei Zentner hat Menegazzi seiber, die anderen zwei Zentner wird er besorgen. Um 17 Uhr ist wieder Treffpunkt an der Theke von Weißkopp.
Um 17 Uhr bringt der Fremde aus Krefeld seinen Fahrer mit. Der trägt eine blaue Schlosserkombination. Als Menegazzi den Fahrer anweisen will, wo er den Rohkaffee überall abholen soll (zuerst 40 Pfund vom Bahnhof), da wird der Fremde tücksch und verlangt die vier Zentner auf einen Haufen.
Der Fremde beruhigt sich erst wieder, als Josef Braun kommt. (Dem gehören die 40 Pfund vom Bahnhof.) Der 29jährige führt in Kornelimünster den Spitznamen "de Süll". Die Oberstaatsanwaltschaft Aachen rubriziert ihn als "einen rücksichtslosen, asozialen Schmuggler und Bandenführer, der jahrelang aus reiner Gewinnsucht den gewerbsmäßigen Bandenschmuggel betrieben hat".
An sich läßt sich ein Mann wie "de Süll" nicht auf Geschäfte mit Fremden ein. Aber da ihm durch feuchte Lagerung 40 Pfund Kaffee jauchig geworden sind, kann man diesem alten Dussel aus Krefeld, der nicht einmal nach Proben fragt, schon mal die 40 Pfund andrehen. So geht "de Süll" zum Bahnhof, holt seine 40 Pfund und stellt sie bei Weißkopp an die Theke. (Dort steht schon ein 20-Pfund-Säckchen von Menegazzi.)
"Ich bezahle aber erst, wenn alles verladen ist," salviert sich der Fremde noch weiter. Damit sind die Schmuggler einverstanden, denn die Brieftasche des Krefelders ist prall mit roten Hunderten gespickt. Das haben Menegazzi und "de Süll" gesehen, als der Fremde die Schnapszeche bezahlte. Der drängt jetzt zum Aufbruch.
Es ist bereits dunkel, als Egidius Menegazzi den Fahrer in der blauen Kombination anweist, wie er ihm langsam nachfahren soll. Die Ziele liegen alle um den Marktplatz: einmal Steinstraße 67, dort wohnt Menegazzi. Aber dessen zwei Sack laden sie noch nicht, sondern sie fahren erst den Katzensprung hinüber zum Benediktusplatz 79. Dort wohnt Frau Gertrud Laschet, geb Beissel, mit ihren fünf Kindern.
Ob Vater Laschet, der seit Monaten nicht mehr geschrieben hat, jemals als sowjetischer Arbeitssklave entlassen wird, weiß auch Gertrud Laschet nicht Aber da ihre erwachsenen Kinder Luise, Anna und Stefan gut leben wollen, tun sie das was Menegazzi und die anderen auch machen: sie gehen zum Knops in Eynatten oder zum Ortmann in Berlot und kaufen dort in Belgien Kaffee. Jedes Kilo für sechs D-Mark.
Die Menschen in Eynatten, Eupen, Lontzen, Berlot und Malmedy sind mal deutsch und mal wallonisch. Das geht schon seit tausend Jahren so, seit 843 in Verdun das Reich Karls des Großen unter die drei Söhne Ludwigs des Frommen geteilt wurde. Nur die Menschen zwischen Monschau und Moresnet blieben die gleichen: entfernte Verwandte.
In der Wohnküche der Gertrud Laschet wimmelt es von Grenzvolk. Da hocken die beiden Tournays, Vater Hubert Menegazzi, Toni und Lambert Tons, Anton und Johann Koch, dazu die sechs Laschets. Alle mit ihrem Kaffee.
Der Fremde aus Krefeld hat es eilig. Der Kaffee soll auf den Flur getragen werden, damit das Laden schneller geht Da stehen plötzlich zwei Männer im Flur mit gezogenen Pistolen und rufen: "Hände hoch! Alles stehenbleiben!"
Es sind nur zwei, die in diesem Augenblick keine Schrecksekunde hemmt: Egidius Menegazzi und "de Süll". Mit einem Riesensatz ist Menegazzi draußen, "de Süll" hinter ihm her Aber zwei andere sind jetzt hinter ihnen her: der "Kaufmann", aus Krefeld und dessen Fahrer.
Die beiden Männer, die "Hände hoch" gerufen haben, können zunächst nichts weiter tun, als das Menschengewimmel in der Wohnküche in Schach und die dort stehenden Kaffeesäcke im Auge zu behalten. Es ist Zollamtmann Michael, Chef der Zollfahndung Aachen, und einer seiner Beamten.
Menegazzi und "de Süll" sind inzwischen über den Marktplatz gelaufen zu Weißkopps Wirtschaft. Dort greifen sie ihre Kaffeesäcke und rennen die Treppe hinauf. Sie können aber weder den Krefelder noch dessen Fahrer abschütteln. In einer Ecke des Bodens stoßen die vier aufeinander.
Der Mann mit dem Schlosseranzug hat jetzt eine Pistole in der Faust, deren Mündung genau auf Egidius Menegazzis Brust zeigt. Er ruft: "Ich bin der englische Major Williams in Zivil. Folgen Sie mir! Und wo haben Sie den Kaffee?"
Da der "Kaufmann" aus Krefeld keine Pistole hat und Major Williams von der Frontier Inspection Service mit Menegazzi beschäftigt ist, springt "de Süll" an den dreien vorbei und fegt die Treppen hinunter. Williams hinterher. Williams schießt. Irgendwo kreischt die alte Weißkoppin.
Jetzt stehen sich oben der Fremde und Menegazzi gegenüber. "Bist du etwa vom Zoll?" zischt ihn Menegazzi an. Der sagt nur: "Mach, daß du wegkommst!" Menegazzi will den Fremden zusammenschlagen, aber diesem britischen Major nicht in die Hände zu fallen, das ist im Augenblick wichtiger. Denn dieser Fremde, das wird irgendein hinübergewechselter Schmuggler sein, der sich als V-Mann zur Verfügung stellte. Mit dem kann man später abrechnen.
Aber weit kommt Menegazzi nicht. Da er die Treppe nicht hinunter konnte, wollte er sich an der Dachrinne entlang hangeln. Er war noch keine drei Meter gehangelt, als sich das Gesicht des Majors durch ein Treppenfenster schiebt, neben ihm die elende Pistole. "Kommen Sie zurück, sonst schieße ich Sie wie einen Sack herunter!" ruft Williams.
Menegazzi (baumelnd) überlegte: lebend soll mich Williams nicht bekommen. Also erst mal zum Schein ergeben. Er ruft: "Schießen Sie nicht. Es hat keinen Zweck mehr!" So war Zeit gewonnen. Und tatsächlich: das Gesicht am Fenster verschwindet, die Pistole auch.
Williams läuft die Treppe hinauf zum Boden, um Menegazzi in Empfang zu nehmen. Aber da hängt kein Menegazzi mehr an der Dachrinne. Der kennt die Dächer von Kornelimünster besser als Williams, und entwischt. "Nicht für 10000 D-Mark hangele ich noch einmal die Dachrinnen entlang." bekannte Menegazzi später.
Während G. A. Williams, Deputy Assistant Director im Hauptquartier des britischen Grenzdienstes, noch die Dächer von Kornelimünster nach dem verschwundenen Menegazzi absucht, und während "de Süll" noch Zeit hatte, um sein Motorrad anzutreten und damit zu seiner Braut nach Walheim zu brausen, glaubt Zollamtmann Michael Herr der Situation am Benediktusmarkt 79 zu sein.
Er hat die Männer in der Wohnküche in eine Ecke treten lassen und die Frauen ans Fenster befohlen. Die Männer murren, aber sie gehorchen. Bis sie die Hände herunternehmen. Auch Amtmann Michael merkt: da unten auf dem Platz, da ist doch was los.
Nach und nach hatte sich der Benediktusmarkt mit Menschen gefüllt. Michael hört immer deutlicher, wie die Menge flucht und schimpft. Es sind fast 300, die unten drohend stehen. Es ist kein Zweifel mehr: die Menge will den beiden Zollfahndern an den Kragen.
Plötzlich ruft jemand: "Falsche Beamte!" Die beiden Zollfahnder aus Aachen, die endlich einmal in das Schmugglernest Kornelimünster stechen wollten, wissen, was das heißt. Ebensogut könnte jemand gerufen haben: "Schlagt sie tot, die Hunde!" Die aufgeputschte Menge soll glauben, raffinierte Gauner vor sich zu haben, die Kornelimünster um seinen Schmuggelkaffee erleichtern wollen. Da haben sie keinen Pardon zu erwarten. Da gelten die Sondergesetze der Grenze. In solchen Fällen schlägt ein Schmuggler den andern tot. (Dabei hatten sich Amtmann Michael und sein Begleiter im Hause Benediktusmarkt 79 als Beamte des Zollkommissariats Aachen ausgewiesen.)
Die beiden Manner könnten jetzt schießen. Aber bei dem Getümmel - die halbe Stadt befindet sich in Aufruhr - werden sie wahrscheinlich einen Unschuldigen treffen, eine Frau oder ein Kind. Die Banditenhäuptlinge sind ohnehin schon über alle Berge.
Das Haus Benediktusmarkt 79 gleicht einem Pulverfaß. Schießen sie, ist das der Funke. So bleibt den Beamten nichts weiter übrig, zuzusehen, wie sich die Wohnküche langsam leert. Es ist nicht die erste Schlacht, die Zollamtmann Michael verloren hat.
Unterdessen kommt Major Williams schimpfend aus der Steinstraße zurück. Er hat keinen Menegazzi bekommen, keinen "de Süll", nicht einmal den Kaffee. Den haben längst gute Nachbarn von Kornelimünster gegriffen und an einem Strick über die Mauer des 90jährigen Dechanten Gerson gelassen. In dessen frommer Klause nachzusuchen, auf diese Idee wäre nicht einmal Major Williams gekommen. Von da holte jedenfalls Gastwirt Johann Tau am nächsten Tage den Kaffee wieder ab und vergrub ihn in seinem Garten. Es sind nur die Unglücklichen zu bedauern, die diesen malträtierten Kaffee schließlich getrunken haben.
Williams durchsuchte noch das Haus der Laschets. Zusammen mit den beiden Säckchen beim Weißkopp, die er in einer Dachrinne fand, erbeutete er 97 Kilogramm. Die lud er jetzt zusammen mit Michael auf den Lkw. Aber Major Williams sollte noch ein besonderes Andenken an Kornelimünster mitnehmen: als er sich auf den Bock setzen will, steht plötzlich der dicke Weißkopp vor ihm, packt ihn am Kragen und will ihm den Zündschlüssel entreißen.
Erst in diesem Augenblick kommt endlich Kornelimünsters Polizeiwachtmeister Baltus, legt Weißkopp die Hand auf den Arm und sagt: "Kommen Sie weg, Herr Weißkopp, da haben Sie nichts mit zu tun." Bei einer späteren Vernehmung sagte Weißkopp aus, er habe nicht gewußt, Engländer oder Zollbeamte vor sich zu haben. Er habe nur gehört, daß da "falsche Krimi's" zu "trampeln" versuchten, und da habe er die Falschen festhalten wollen, bis der Fall geklärt sei.
Die Klärung übernahm ein paar Stunden später Zollinspektor Hesse aus Aachen. Noch ehe Williams und Michael Kornelimünster verlassen hatten, traf er mit einem Motorrad auf dem Marktplatz ein Als es an einem seidenen Faden hing, ob die tobende Menge Amtmann Michael und dessen Begleiter erschlagen würde, hatte eine mitleidige Seele die Zollfahndung Aachen, Rote Kaserne, angerufen. "De Süll" wurde bald ergriffen, Johann Tau kam am 13. April hinter Schloß und Riegel, Menegazzi stellte sich nach vier Wochen selbst, und da Luise Laschet keine Lust verspürte, allein aus der Wohnküche ins Gefängnis zu gehen, füllte sie die Akten der Aachener Zollfahnder mit wertvollen Daten. Auf den Gedanken, mit einer Hundertschaft Schutzpolizei in Kornelimünster wieder die Ordnung herstellen zu lassen, war niemand gekommen. Auch Wachtmeister Baltus nicht. Selbst als noch weitere Beamte der Zollfahndung Aachen in Kornelimünster eintrafen, johlten die Kornelimünsterer siegestrunken hinter den abfahrenden Lkw. hinterher.
Ende Juni 1950 wurde gegen Egidius Menegazzi und seine Bande verhandelt. Es wurde jedoch kein Urteil gefällt. Es wird vielmehr geprüft, inwieweit der Aufstand von Kornelimünster unter die Weihnachtsamnestie von 1949 fällt.
Selbst Aachens Oberstaatsanwalt von Alpen hatte den Punkt 3 der Anklage streichen lassen, wonach "in einer öffentlichen Zusammenrottung, bei welcher mit vereinten Kräften Beamte durch Drohung und Gewalt zur Unterlassung einer Amtshandlung genötigt wurden."
Auch die Begründung dazu wurde gestrichen: "Als am 30. 3. 1949 Major Williams von der FIS und zwei Beamte der Zollfahndung in Kornelimünster bei Laschet und Menegazzi zugriffen, um den Schmuggel zu unterbinden, rotteten sich die Schmuggler mit anderen Einwohnern von Kornelimünster zusammen und hinderten die Beamten an ihrer Dienstausübung. Toffano (Schmuggler aus Kornelimünster) hetzte die Menschenmenge, etwa 200 Mann, mit Worten auf. Er und Weißkopp wurden gegen Major Williams tätlich."
Oberstaatsanwalt von Alpen erklärte zu dieser Streichung: "Da englische Offiziere beteiligt gewesen sind, würde die Einhaltung der erforderlichen Formalitäten den Prozeß noch mehr in die Länge ziehen."
Die Wahrheit dürfte so aussehen, als sich Major Williams die ergriffenen Banditen vorführen ließ, hat er etlichen, die ihm auch da noch dumm kommen wollten, eins hinter die Ohren gegeben. Und wegen dieser Backpfeifen des Major Williams bleibt der Aufstand von Kornelimünster ungesühnt.
Soweit die Justiz. Bleibt noch die Polizei. Es steht nirgendwo geschrieben, aber es ist so: solange die an ihr ungesetzliches Treiben gewöhnte Grenzbevölkerung schmuggelt, begeht sie keine anderen kriminellen Delikte. Mit dem Schmuggel müssen sich die Zöllner abplagen. Gäbe es keinen Schmuggel mehr, würden die ans Wohlleben gewöhnten Asozialen rauben, plündern und morden. Dann hätte die Polizei die ganze Last.
Nur so ist zu verstehen, warum am 30. März 1949, als Kornelimünster in Aufruhr gegen die Zöllner stand, der Polizeiwachtmeister Baltus nicht wenigstens ein Ueberfallkommando aus Aachen alarmierte. So blieben die Schmuggler von Kornelimünster Herren der Grenze.
In der Nacht zum 14. April 1950 beobachtet eine deutsche Zollstreife im Walde von Moresnet, wie ein offenbar unbeladener Lastkraftwagen in Richtung Belgien zur Grenze fährt. Vorauf fährt ein Pkw. zur Sicherung. Da die Streife zu Fuß ist, muß sie die beiden Wagen fahren lassen.
Es ist lediglich anzunehmen, daß es sich um belgische Fahrzeuge handelt, denn deutsche Wagen können sich in Belgien nicht bewegen, und alle Erfahrung lehrt, daß in den folgenden Nächten dieser Lastkraftwagen voll beladen mit Rohkaffee wieder zurückkommen wird. So werden ab 15. 4. 50 die Zollstreifen im Wald von Moresnet verstärkt.
Es dauert nicht lange, bis der Lkw wieder auftaucht. Er ist völlig sorglos. Mitten in der Nacht fährt er mit strahlenden Scheinwerfern. Als er bis auf Pistolenschußnähe herangekommen ist, springen die Zollbeamten in den Weg und fordern "Halt!"
Der Lkw. stoppt nicht. Entweder weichen jetzt die Beamten oder sie werden zermalmt. Sie springen beiseite und schießen hinter dem Wagen her. Neun Schuß.
Doch die Beamten wundern sich nicht, daß ihre Schüsse ohne jede Wirkung bleiben: der Lkw., der soeben in Richtung Aachen davonfährt, ist ein umgebauter Panzerspähwagen. Aber die Nummer haben sie erkannt: 480312.
Vier Nächte lang liegen jetzt die Beamten vom Zollgrenzkommissariat Aachen auf der Lauer. Niemand weiß, wo der Panzerspähwagen nach Belgien durchbrechen wird. Am Grenzposten "Grüne Eiche" wacht Zollsekretär Buchmann. Plötzlich Motorengeräusch, das immer stärker wird. Dann blenden wieder die Scheinwerfer auf.
Buchmann pirscht sich an den Fahrweg heran. Das Gelände ist übersichtlich, die Grenze verläuft hier quer über Wiesen. Da schlägt der anrollende Wagen plötzlich einen Haken, und ohne daß ihn Buchmann erreichen kann, fährt der Panzerwagen zum Gehöft des Bauern Ahn. Das ist 300 Meter jenseits der Grenze. Es ist schon Belgien.
Diese Grenzwiesen heißen das "Schwarze Loch". Es wird in der folgenden Nacht umstellt. Den Ahn-Hof beobachten zwei Beamte. sie hören, wie Männer auf dem Ahn-Hof rufen. Dann heult ein Motor auf und zwei Lichtkegel tasten über die Grenzwiesen.
Die beiden Zollbeamten berechnen diesmal den Fahrweg richtig Der Panzerspähwagen rollt ihnen direkt in die Mündungen ihrer amerikanischen Armee-Pistolen. Sie eröffnen ein wildes Feuer: auf die Sehschlitze, auf die Reifen. Dann ist der Panzer vorbei.
Als die Beamten später die ausgeworfenen Patronenhülsen sammeln, zählen sie 21. Sie fluchen. Mit Pistolen kann man keine Panzerspähwagen bezwingen.
Es geht jetzt um die Staatsraison. Das deutsche Zollgrenzkommissariat Aachen nimmt Fühlung mit dem belgischen Zollgrenzkommissariat Lüttich. Es ist nicht so, daß die Belgier nachts irgend jemanden mit Panzerwagen an ihrer Grenze herumfahren lassen. Dann schießen auch sie. Aus Gründen der Staatsraison.
Aachen bietet jetzt alle verfügbaren Männer auf. Aber bis zum Sonntag, dem 23. April, bleibt die Grenze ruhig. Erst in der Nacht zum Montag tauchen die blendend hellen Scheinwerfer bei Lichtenbusch auf. Der Panzerwagen rollt auf fester Straße der Grenze entgegen. Er will abermals den Durchbruch nach Belgien erzwingen.
Diesmal weicht kein Zöllner. Salve auf Salve wird gegen die Sehschlitze des Panzers gejagt. Die Banditen im Panzer merken: über Lichtenbusch ist kein Durchkommen.
Kaffeeverbrauch 40% unterm Biedermeier
1836/37 wurden in das Gebiet des Deutschen Zollvereins Rohkaffee eingeführt. 27800 Tonnen
1949 wurden in die westdeutsche Bundesrepublik legal Rohkaffee eingeführt. 27450 Tonnen
1836/37 tranken von 30 Millionen Deutschen jeder Kaffee. 900 Gramm
1949 tranken von 47,5 Millionen Westdeutschen jeder Kaffee. 540 Gramm
Der Panzer dreht ab und rollt von der festen Straße auf die Wiesen. Aber er erreicht die belgische Grenze nicht mehr 200 Meter davor bleibt der schwere Wagen im Sumpf stecken.
Als die deutschen Beamten heran sind, ist das Nest leer. Die Banditen entkamen über die nahe Grenze. Nur die Nummer stimmt: 480312. Die Untersuchung ergibt: Die Panzerung der Stirnplatte ist 16 mm stark, die von Motor, Seiten- und Rückwand 8 mm. Das ist alles, was Aachens Zöllner am Morgen des 24. April 1950 über den Fall "Panthersprung" wissen.
Einige Tage später hat Oberzollinspektor Freudenhammer einen belanglos scheinenden Fall zu bearbeiten: da haben Schmuggler nach Zigeunerart wieder mal eine Fehde untereinander ausgetragen und einem der ihren die Knochen gebrochen. Das ist Peter Jobs aus Hehlerath.
Als Oberinspektor Freudenhammer Kirchstraße 79 in das Krankenzimmer von Peter Jobs tritt, sieht der schlimm aus: Nasenbeinbruch und Kehlkopfriß. "Was hat man denn mit Ihnen gemacht?" fragt Freudenhammer.
Peter Jobs hatte sich nach dem 50er Karneval mit einem Kölner zusammengetan, von dem er nur weiß, daß der mal Dompteur war. Am Mittwoch vor Ostern wollten die beiden durchs "Schwarze Loch" nach Belgien.
Kurz vor der Grenze sahen sie einen Dodge mit Panne liegen. "Könnt Ihr mir nicht helfen?" fragte der Fahrer die beiden. Das war Friedel Kohl, dessen Vaterhof genau gegenüber dem Ahn-Hof liegt. Der eine hüben, der andere drüben.
Der Kölner winkt auch gleich für Peter Jobs ab. So muß Friedel Kohl den Dodge stehen lassen und zu Fuß über die Grenze gehen.
Darauf haben die beiden gewartet. Mit einem Ende Stacheldraht, der dort am ehemaligen Westwall feil ist wie Sauerbier, flicken sie die gebrochene Steuerung und fahren den "gefundenen" Dodge schleunigst ab. Beim Bauer Karl Gier in Hitfeld stellen sie ihn unter.
Noch am gleichen Abend klopft es bei Karl Gier. Vor der Tür stehen Friedel Kohl und zwei Athleten. Die wollen den Dodge haben. Und erst die Hauptverhandlung wird wohl klären: hat Peter Jobs darauf gesagt, er wolle 700 DM Finderlohn oder hat er gar gedroht, den Dodge den Zollfahndern auszuliefern, wenn der Finderlohn nicht gezahlt würde. Darüber sind die Gentlemen von der Grenze nicht einig.
Da ihnen der Dodge in Hitfeld nicht mehr sicher ist, bauen Jobs und der Kölner Dompteur den Verteilerfinger wieder ein und rumpeln mit dem Dodge nach Eilendorf. Da lassen sie ihn reparieren und fahren schließlich in Peter Jobs Heimat nach Hehlerath.
Inzwischen geht der Ostersamstag zur Neige. Im Vorgefühl kommender Osterfreuden mit dem erbeuteten Dodge legt sich Peter Jobs ins Bett. Um 23.30 Uhr klingelt es. Draußen steht Friedel Kohl: "Gib' uns den Wagen, wir geben dir Geld."
Peters Bruder, ein stämmiger Metzger, warnt. Er will sich mit einem Eichenknüppel auf dem Hof in den Hinterhalt legen. Peter Jobs lehnt ab. Nur in Pantoffeln und Hose verläßt er die Kirchstraße Nr. 79 und geht zur Ecke.
Diesmal hat sich Friedel Koch drei Mann mitgebracht. Und ehe Peter Jobs gewahr wird, daß er es mit vieren zu tun hat, bekommt er einen Fausthieb ins Gesicht, daß er die Besinnung verliert.
Als er wieder zu sich kommt, kriegt er abermals eine gelangt. Vor dem dritten K.o. zeigt ihm einer der vier (es war der Spediteur Jofef Hansen) zwei Schrotpatronen und sagt: "Die jagen wir dir durch den Sack wenn wir den Dodge nicht heil über die Grenze bekommen!" Dann bekam Peter Jobs den dritten Hieb, der einen Ochsen umgeworfen hätte.
Aus dieser Lynchjustiz verfeindeter Schmuggler wird schließlich Menschenraub. Die vier laden den besinnungslosen Jobs auf und schleppen ihn zur Grenzübergangsstelle "Grüne Eiche". Als sich die Zöllner die seltsame Karawane betrachten, sagen die vier, ihr Kumpan sei nur besoffen. Daß keiner von den Banditen einen Grenzübertrittsausweis vorweisen konnte, ist den Zöllnern von der "Grünen Eiche" in der Osternacht offenbar nicht aufgefallen.
"Im Hause des Belgiers Scheen aus Lichtenbusch*) haben mich die Schweine auf den Flur geschmissen und gedroht, sie würden mich krepieren lassen, wenn ich nicht sofort sagte, wo der Dodge sei", berichtet Peter Jobs weiter dem Oberzollinspektor Freudenhammer. "Sie haben ihn sich dann geholt und mich laufen lassen. Meine Mutter hat die Hände über den Kopf zusammengeschlagen, als ich blutig und zerschunden, barfuß und nur mit einer Hose, am Ostersonntagvormittag wieder zu Hause ankam."
Peter Jobs überlegte damals, ob er Anzeige erstatten sollte. "Aber die hätten mich drüben, wenn ich wieder Kaffee geholt hätte, totgeschlagen. Dann hatte ich auch Angst, daß bei einer Anzeige meine Schmuggelei herauskommen würde. So wollte ich lieber selbst mit denen abrechnen. Die 50 DM für die Reparatur und 10 Liter Sprit sind mir die Schweine heute noch schuldig."
Nach dieser Beichte muß Oberinspektor Freudenhammer Peter Jobs auffordern, mit ihm nach Aachen zur Protokollierung zu kommen. Denn die Bundesrepublik hat wohl ein Loch im Westen, aber noch keinen Wilden Westen.
Als Freudenhammer mit Jobs sein Amtszimmer in Aachens Roter Kaserne betritt, liegt auf einer Fensterbank ein belgisches Nummernschild. "Donnerwetter, da ist es ja!" ruft sofort Peter Jobs. Dann erklärt er, daß Nr. 480312 die Nummer des Dodge ist. Da aber die Nr. 480312 auch von dem Panzerspähwagen entfernt wurde, steht fest: Dodge und Panzer fuhren mit dem gleichen Nummernschild. Und somit hängen die Menschenräuber vom Dodge auch mit dem Panzerwagen zusammen.
Der Dodge-Pkw. 480312 ist auf den Belgier Jupp Hons aus Petergensfeld zugelassen. Das ist ein Großschmuggler, der von Neujahr bis Ostern 1950 allein 30 Tonnen Kaffee nach Deutschland eingeschwärzt hat. (Das ist der Jahresverbrauch einer Stadt wie Braunschweig.)
Hinter Jupp Hons stehen die Holländer Iseger und Jagers aus Utrecht sowie der Belgier Bogert aus Antwerpen. Dieses Kleeblatt besaß zwei umgebaute Panzerspähwagen. Einen davon erledigten nach neuntägiger Jagd Aachens Zöllner.
Der Panzer lud jeweils 30 Zentner Kaffee. Er fuhr immer nach Stetternich, 5 km hinter Jülich. Hier hatte Bogert-Antwerpen beim Bauer Dickmann einen Unterschlupf ausgemacht. Der Panzer fuhr auf dessen Hof und verschwand hinter einer Strohschütte. Noch in der gleichen Nacht mußten die Hehler aus Köln in Stetternich sein, um den Kaffee abzuholen.
Anfangs brach der Panzer durch den Wald von Moresnet. Das war Bogert auf die Dauer zu riskant. Er hatte schon vom "Schwarzen Loch" gehört. Aber für dieses Wiesengelände brauchte er einen Lotsen, der dort jeden Hasenpfad kannte. Den besorgte Jupp Hons.
Hons bezieht seinen Kaffee von seinem belgischen Landsmann Außem in Lontzen. Und Außem beliefert auch die Kaffeepackstelle 300 Meter von der deutschen Grenze auf dem Hof des Bauern Ahn. (Der dachte kürzlich. Ostern und Pfingsten fiele auf einen Tag, als ihn der SPIEGEL besuchte und zu einem kleinen Gespräch über den Grenzzaun einlud.)
Von Ahn holt das Kleinvolk der Schmuggler den Kilo-Kaffee. Und beim Ahn fragte Hons nach dem besten Lotsen durchs "Schwarze Loch":
In die engere Wahl kam Egidius Menegazzi. Der zehrt noch von seinem Ruhm, als ihn Aachens Militärgericht zu 9 Monaten Gefängnis und 10000 RM Geldstrafe verurteilte.
Vor der Geldreform hatte sich Menegazzi mit dem Fahrer des britischen Stadtkommandanten von Aachen angefreundet. Dem Fahrer imponierte Menegazzis pralle Brieftasche. Der Fahrer erwies sich insofern erkenntlich, als er den Wagen seines Chefs, während der in der Officers-Mess saß, Menegazzi pumpte. Den Mantel des Kommandanten ließ der Fahrer gleich im Wagen.
In den hüllte sich flugs Menegazzi, zog die Mütze tief ins Gesicht und dann ab zur Grenze. Jovial begrüßte Fallschirmjäger-Feldwebel a. D. Egidius Menegazzi die Zöllner, wenn sie den Schlagbaum freigaben.
Immer, wenn der stadtbekannte Dienstwagen aus Neu-Belgien zurückkam, hing er schwer in den Federn. Mehrfach ging alles gut, bis ein Zöllner Verdacht schöpfte, den Schlagbaum nicht hob und unter dem Kommandantenmantel Signor Menegazzi und im Wagen sechs Zentner Kaffee fand. Ergebnis: 9 Monate.
Aber seit Kornelimünster ist Menegazzis Stern im Sinken. Dafür strahlt um so heller am Schmugglerfirmament ein anderer: Stefan Laschet. Der machte sich jedoch so rar, daß Lieferant Außem die Schweißperlen auf die Stirn traten. Stefan Laschet verlangte, daß für jede Lotsenfahrt von den 30 Zentnern 8 Zentner Kaffee für ihn und seine Bande bei einem Mann namens Rainer Schneider in Eilendorf abzuladen sind. Außem stimmte zu. In der Tat sind auf der Panzerfahrt nach Stetternich bei Jülich unterwegs 8 Zentner Lotsenlohn für Stefan Laschet abgeladen worden.
Worauf sich Stefan Laschet als Lotse neben den Panzerfahrer setzte und die tollkühnen Fahrten durch das Salvenfeuer des deutschen Zollgürtels leitete. Acht Mann von Laschets Bande überwachten unterdes die Zöllner vom "Schwarzen Loch" auf Schritt und Tritt. Beim Bauer Ahn jenseits der Grenze war die Nachrichtenzentrale.
Bongert, Iseger und Jagers sind flüchtig. Der Verlust des Panzers schmerzt Banden dieses Formats nicht. Als die Panzerbesatzung am 24. April flüchtete, hatte sie von einer Fahrt noch 21000 DM in Päckchen versteckt, bei sich. Und die haben sie sicher von Stetternich nach Lontzen gebracht.
Deutschlands Schmuggler haben einen Jahresverdienst von einer Milliarde DM. Dazu kommt der Warenwert ihrer Schwarzgüter, der ebenfalls eine Milliarde D-Mark beträgt. So kommen Deutschlands Schmuggler umsatzmäßig etwa auf die Rangstufe des deutschen Kohlenbergbaus.
Nur aus diesem Hintergrund heraus wird es verständlich, daß dem Chef der Zollfahndung Aachen. Amtmann Michael, von Schmugglern in der Gastwirtschaft am Templer Graben 500000 Mark geboten wurden, wenn er die Ermittlungsakten gegen den Kellner Josef Degraa. Aachen, Reihstraße 30, herausgebe.
Als Josef Degraa im Mai 1947 verhaftet wurde, gab er zu Protokoll: "Beruf Kellner, ohne Vermögen, Monatseinkommen 120 RM." In Wirklichkeit war Josef Degraa als Schmugglerkönig längst Multimillionär.
In der 55 Seiten langen Urteilsbegründung der 2. Strafkammer des Landgerichts Aachen gegen die 40köpfige Bande Degraas (März 1949) wird auf Seite 15 ein ausgezeichneter Aufriß des Loches im Westen gegeben:
"Im Laufe des Jahres 1946 hatte sich in Aachen und in dem angrenzenden belgischen Gebiet ein Netz von Schmugglern gebildet, die große Mengen von Kaffee nach Deutschland einschwärzten und hier absetzten. Von den Organisatoren auf belgischer Seite wurde der Kaffee aufgekauft und mit Lastwagen bis in die Nähe der deutsch-belgischen Grenze befördert. Hier übernahmen Trägerkolonnen in Stärke bis zu zehn Mann das Schmuggelgut und brachten dieses in Säcken bis zu 80 Pfund auf Waldpfaden über die Grenze.
"Führer dieser Kolonnen waren u. a. namentlich die Belgier Rampen, Teng, Renerken und Gill. Sie warben die einzelnen Träger und entschädigten diese für ihre Dienste durch ansehnliche Geldbeträge. Auf deutscher Seite übergaben die Kolonnen den Kaffee, soweit sich dies ermöglichen ließ, unmittelbar an die Großabnehmer.
"Andernfalls legten sie denselben auf einem in unmittelbarer Grenznähe befindlichen Anwesen oder an einer hierzu günstigen Waldstelle des Grenzwaldes ab. Im letzteren Falle blieben bis zur Uebernahme des Kaffees in der Regel zwei Angehörige der Kolonne zur Sicherung des Schmuggelgutes zurück.
"Neben dieser Art der Einschwärzung durch Trägerkolonnen bedienten die Schmuggler sich zu dem gleichen Zweck weiter des Personals der auf der Eisenbahnstrecke Herbesthal-Aachen verkehrenden Eisenbahnzüge. Dieses verlud auf belgischer Seite den in Säcken verpackten Kaffee namentlich auf die Lokomotiven der Züge und warf denselben dann nach dem Ueberschreiten der Grenze vor Erreichung des Hauptbahnhofs an bestimmten an das Eisenbahngelände angrenzenden Grundstücken ab. Dort nahmen die Schmuggler den Kaffee in Empfang und stellten denselben mit Einwilligung der Anwohner auf deren Anwesen unter.
"Nach der Ankunft des Kaffees auf deutscher Seite verständigten die Schmuggler die Großabnehmer, soweit sie dieselben nicht antrafen. Diese veranlaßten alsdann die Abholung des Schmuggelguts durch Kraftfahrzeuge. Um den Kaffee möglichst schnell in Sicherheit zu bringen, schafften sie denselben in der Regel nach der Uebernahme sogleich zu ihren Abnehmern, die meist einen oder mehrere Säcke abnahmen."
Die Angeklagten-Nummer 1 erhielt Josef Degraa. "Einer der ermittelten deutschen Großabnehmer des eingeschwärzten Kaffees war der Angeklagte Josef Degraa. Das Verfahren gegen ihn mußte jedoch abgetrennt werden, da von seiten der Verteidigung aus eigener Sachkenntnis des Gerichts nicht auszuräumende Bedenken gegen seine strafrechtliche Verantwortlichkeit geltend gemacht wurden, so daß die Anhörung eines Sachverständigen nach einer Beobachtung seines Geisteszustandes notwendig erscheint."
Aachens Schmugglerkönig Degraa zahlte die Umsätze einer Großbank aus der Westentasche: den Zentner Kaffee kaufte er damals den Belgiern für 30000 RM ab. 285 Zentner Schmuggelkaffee gab er zu. Als Trägerlohn für einen Sack Kaffee zahlte er 1000 RM. Sein Fahrer Rüttcher aber bekam für jede Fahrt bare 4000 RM.
In der Regel ließ Degraa seine Kaffeefuhren durch ein Leichenauto besorgen. Bei einer solchen Leichenfahrt (Degraa saß neben Rüttcher) griff Aachens Zollfahndung erstmals zu. Amtmann Michael jagte selber im Volkswagen hinter Degraas Leichenauto her. Obwohl er ein Magazin seiner Dienstpistole verschoß, konnte er dem Leichenwagen keinen Plattfuß beibringen.
Aber der Wagen war jetzt bekannt und als Rüttcher hinter Schloß und Riegel saß, fand man auch bald Degraa's Spur. Damals wurden Michael 500000 RM geboten, wenn er die Akten verschwinden ließe.
Fortsetzung folgt.
[Grafiktext]
DIE URSACHE DES KAFFEESCHMUGGELS
50% AUS JEDEM KAFFEESACK ENTNIMMT BONN
Auf einem Kilogramm Rohkaffee lasten in Europa
NORWEGEN 0,35 DM ZOLL
SCHWEDEN 0,24 DM ZOLL
DÄNEMARK 0,53 DM ZOLL
IRLAND 0,97 DM ZOLL
GROSSBRITANNIEN 0,16 DM ZOLL
BENELUX KEINZOLL
WESTDEUTSCHLAND 1,60 DM ZOLL 10,00 DM STEUER
FRANKREICH 0,85 DM ZOLL
ÖSTERREICH 1,10 DM ZOLL
SCHWEIZ 0,48 DM ZOLL
ITALIEN 1,68 DM ZOLL 4,98 DM STEUER
[GrafiktextEnde]
*) Lichtenbusch ist halb deutsch, halb belgisch.

DER SPIEGEL 27/1950
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