13.07.1950

SCHUHINDUSTRIE

Staatsbürgschaft abgelehnt

Postkarte genügt, und wir sind wieder da!", verkündeten die zwangspausierenden Lohn-Schuhmacher von Bleidenstadt/Taunus und Umgebung ihren Chefs von einst. Drei Monate, nachdem sie mit Mann und Maus entlassen wurden, hörten sie es aus Wiesbaden munkeln: "Die Taunus-Schuhfabrik Bleidenstadt ist noch nicht tot". Nur konkurs.

"Daran ist der Staat schuld", grollt in Wiesbaden Diplomkaufmann und Steuerberater Walter Boer, erster Taunus-Geschäftsführer im Konkurs-Exil. Kaufmann Otto Heß, zweiter Taunuschef und Geschäftsführer der Leder-Großhandlung C. Leiner G. m. b. H. kann es noch immer nicht fassen: "Sonst bekämpft der Staat die Arbeitslosigkeit. Jetzt fördert er sie!" Der Staat ist für ihn Dr. Otto Vitense, Landrat im Untertaunus-Kreis.

Als sich Otto Vitense noch nicht von dem Kundschaft suchenden Rechtsanwalt Dr. Johannes Weygand. Bad Schwalbach, beraten ließ, gutachteten Schuh-Experten nur in rosigen Farben über das schneeweiße Werk am Taunusabhang von Bleidenstadt: "Eine der schönsten und modernsten Schuhfabriken Westdeutschlands".

Vom glitzernden Duschraum bis zur Kantinen-Vollpension für 45 monatliche D-Mark war alles in bester Ordnung. Nur als es im letzten Winter mit der Lohnzahlung zu hapern begann, murrte die 220-Mann-Belegschaft ganz leise. Die meisten waren Flüchtlinge.

In Berlin warteten für 150000 DM Sommerschuhe auf den Frühling. 370000 DM in Roh-, Halbfertig- und Fertigware schlummerte auf Lager. Die Kunden standen mit einer runden Viertelmillion in der Kreide.

Dazu hatten der Auszug einer konkurrierenden Finanzgruppe, einige Fehldispositionen, die Umorganisation und der Preissturz schon im Sommer Lücken in das Taunus-Konto geschlagen. Nicht nur in Bleidenstadt ging die Schuhindustrie auf Krücken.

Als Bad Schwalbachs Allgemeine Ortskrankenkasse im Dezember wegen 60000 nicht bezahlter D-Mark mit dem Amtsgericht drohte, bogen Taunus-Leitung und -Betriebsrat den Konkursantrag noch einmal ab.

Betriebsrat Jakob Harz ging selbst zum AOK-Chef Nase: "Sie können doch die Leute nicht drei Tage vor Weihnachten auf die Straße setzen lassen!"

Im Januar schimmerte es wie ein erster Lichtblick: der Auftragsbestand stieg auf 20000 Paar Schuhe. Das reichte für eineinhalb Monate Vollbeschäftigung. Aber die D-Mark blieb weiter rar.

Geschäftsführer Boer und Hess machten Freunde, Banken und Ministerien mobil, um mit Krediten über den Berg zu kommen. Bald fanden sie mit dem Wirtschaftsministerium eine Basis:

* Die "Hessische Bank" gibt 500000 DM Kredit. Das Land Hessen übernimmt dafür die Bürgschaft.

* Großgläubigerin C. Leiner G. m. b. H. streicht mehr als die Hälfte ihrer Forderungen.

* Die gesamten Gläubiger erhalten im Vergleich 50 bis 60 Prozent ihrer Forderungen sofort und den Rest nach rund drei Jahren.

"Dann wird niemand auch nur einen Pfennig verlieren", rechnete Steuerberater Boer sich aus.

Ende Januar pochte die AOK erneut an die Tür. Untertaunus-Landrat Dr. Otto Vitense pochte als Aufsichtsbehörde mit. Weil auf dem Taunus-Konto noch immer 39000 DM überfällig waren. Sie waren durch Sicherungsübereignungen gedeckt.

Als Neubürgerbetriebs-Referent Oberregierungsrat März im Wirtschaftsministerium davon hörte, blies er Flüchtlings-Alarm. "Es geht um die Arbeitsplätze", sagte er zu Landrat Vitense. Und bat ihn, Schuh-Taunus zu unterstützen oder wenigstens so lange stillzuhalten, "bis über die Staatsbürgschaft entschieden ist." Vitense gab seine Zustimmung.

Zwei Tage später reichte die AOK Bad Schwalbach beim Amtsgericht Konkursantrag gegen die Taunus-Schuhfabrik G. m. b. H. ein. Mitten am Samstag um S1 Uhr.

Boer und Hess machten ahnungslos Weekend. Am Montag erfuhr Wiesbadens Obergerichtsvollzieher Schuster als erster von dem Antrag. Er sollte einen der Taunus-Geschäftsführer zu einer amtsgerichtlichen "Besprechung" mit nach Schwalbach bringen. Das war am 6. Februar.

Konkursrichter Kerner ließ sich am Vormittag per Draht vom Wirtschaftsministerium über die Bürgschaftsverhandlungen berichten. Am Nachmittag war Termin. Auch Rechtsanwalt Johannes Weygand trat dabei an. Als Konkursverwalter in spe, um von Anfang an orientiert zu sein.

Schon als Weygand noch in Finanzminister Hilperts Wiesbadener Rechtsabteilung hauptamtlich Gesetzbücher wälzte, hatte Vitense ihm stets die Taunus-Akten zur Einsicht gegeben. Jetzt protestierte Taunus-Boer gegen Weygands unmotiviertes Auftauchen. Der Anwalt mußte vor die Tür.

Kurz darauf rief er Richter Kerner von draußen in ein Nebenzimmer. Er habe soeben vom Wirtschaftsministerium die telefonische Nachricht erhalten, daß die Staatsbürgschaft abgelehnt sei, erklärte Weygand dort.

Boer bat um Aussetzung der Verhandlung für acht Tage. Dann würden die Bürgschafts-Würfel bestimmt erst endgültig fallen. Kerner setzte um eine Stunde aus. Damit Boer und Hess noch einmal mit AOK-Leiter Nase verhandeln konnten.

Sie boten ihm 15000 DM in bar und für den Rest der 39000-D-Mark-Schuld Beibehaltung aller Sicherungsübereignungen. Nase sprach kurz mit Kerner. Dann lehnte er ab. Da war nichts zu machen.

Alle zusammen gingen noch einmal ins Kreishaus. Doch nur Nase, Obergerichtsvollzieher Schuster und Dr. Weygand durften mit in das Landrats-Reich. Dort meinte Schuster zu Vitense: "Da Sie auf der Gesamtforderung bestehen, bleibt der Fabrik nur der Konkurs übrig!" Weygand plädierte für Konkurs, weil "Taunus" nur durch den Konkurs zu retten sei.

Dann kam er heraus und sagte zu Hess und Boer "Der Landrat ist für Sie nicht zu sprechen. Der Konkursantrag wurde nicht zurückgenommen."

Der Taunus-Konkurs war komplett. Konkursverwalter: Rechtsanwalt Dr. Johannes Weygand. Den fertigen Konkursverwalter-Stempel brachte er am nächsten Morgen schon mit in die Schuhfabrik.

Als erste Amtshandlung schob er Boer und Hess Konkursvergehen, Konkursverbrechen, Betrug und Untreue in die Taunus-Schuhe. Der Konkurs habe schon im Oktober angemeldet werden müssen. Am Mittwoch wurden Boer und Hess verhaftet. Am Donnerstag waren sie wieder frei. Weil der Untersuchungsrichter den Haftbefehl nicht bestätigte.

Vitense fuhr mit landrätlichem Trostgesang nach Bleidenstadt, um der Belegschaft zu verkünden: "Es wird wie bisher weitergearbeitet."

Bald aber kündigte sich das nahende Unheil mit Kurzarbeit an. "Zur Alarmierung der Oeffentlichkeit" inszenierte Jakob Harz einen eineinhalbtägigen Sitzstreik. Einziger Erfolg: Im März wurde der Belegschaft gekündigt. Rechtsanwalt Weygands "gute Beziehungen" hatten nicht gereicht, um das Geld zu beschaffen.

Am 27. Juni gab ihm die dritte Gläubigerversammlung im Löwenburg-Saal, Bad Schwalbach, mit 952373 gegen 22823 DM-Stimmen endgültig den Laufpaß. Und wählte Rechtsanwalt Heinz Beckmann aus Wiesbaden auf den Konkursthron.

Weygand hatte in vier Monaten mit zwei Pkw.s ebensoviel Gläubiger-Benzin verfahren wie die ganze Schuhfabrik bei Vollbetrieb mit fünf P- und Lkw.s vorher im gleichen Zeitraum verbraucht hatte. Er hatte ohne Anhörung des Gläubiger-Ausschusses selbständig Prozesse angestrengt.

Es kam noch mehr heraus. Taunus-Anwalt Dr. Heuss: Nach Kripo-Ermittlungen hat sich im Wirtschaftsministerium keine verantwortliche Person gefunden, die Rechtsanwalt Weygand am 6. Februar telefonisch von einer Ablehnung der Staatsbürgschaft Mitteilung gemacht haben soll.

Regierungsrat Stamm, Leiter der Landesprüfstelle im Wirtschaftsministerium:

* Der Konkurs kam aus heiterem Himmel, nachdem die Landesprüfstelle gerade mit einer Untersuchung der Kreditwürdigkeit des Unternehmens beauftragt worden war.

* Die Untersuchung hat für den Konkurstag weder Ueberschuldung noch Zahlungseinstellung ergeben.

Zwei Tage nach dem Löwenburg-Debakel kündigte die Gemeinde Bleidenstadt den Pachtvertrag für das Gelände der Taunus-Schuhfabrik. Nachdem der Bürgermeister vorher darüber mit Landrat Vitense verhandelt hatte.

Weygand-Nachfolger Beckmann wühlt sich inzwischen mühsam durch die Taunus-Akten. In Richtung Zwangsvergleich plus Staatsbürgschaft. "Ich mache nichts ohne den Gläubigerausschuß", versichert er.

"Mein Ziel ist, den Betrieb so schnell wie möglich wieder in Gang und die Leute wieder in Arbeit zu bringen. Womit ich nicht gesagt habe, daß Rechtsanwalt Weygand sich nicht darum bemüht hat."

Die acht ungekündigten Abwickler auf dem Bleidenstädter Taunus-Schuhgelände machen sich ihre eigene Meinung: "Damit hat sich Rechtsanwalt Beckmann sehr vorsichtig ausgedrückt." Sie wissen, daß ihre Chefs von einst Dr. Weygand wegen vorsätzlich und fahrlässig falscher und kreditschädigender Behauptungen angezeigt haben.


DER SPIEGEL 28/1950
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 28/1950
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

SCHUHINDUSTRIE:
Staatsbürgschaft abgelehnt