20.07.1950

ZEITOPER / MusikBlitzschlag und Pulverdampf

Zweimal roch es im Zuschauerraum deutlich nach Knallpfropfen. In Kreneks Kammeroper "Tarquin", zu deren Uraufführung Kölns Generalintendant Herbert Maisch seinen Besucherstamm letztmalig vor den Theater-Ferien empfing, werden Pistolen, Prospekte und Maschinen nicht geschont.
Ernst Krenek komponierte die Tragödie eines Tyrannen in unserer Zeit 1940 im amerikanischen Exil. Schon einmal hatte er die Diktatur musikalisch durchleuchtet, im Einakter "Der Diktator".
Aber was 1928 als augenzwinkernde Satire die Kudamm-Intellektuellen erheiterte, das war inzwischen blutiger Ernst geworden. Krenek hatte es am eigenen Leibe verspürt: Wegen seiner Jazz-Oper "Johnny spielt auf", Ende der 20er Jahre Schlager und Aergernis auf zahllosen Bühnen, hatte der "Entartete" das braun gewordene Deutschland verlassen müssen.
In "Tarquin" gibt es nichts mehr zu lachen. "Sondermeldungen", ihre Falschheit mit Lautsprecherpathos übertönend, konferieren die Revue der Uniformen und Schlagworte, die in acht Bildern nebst Vor- und Nachspiel zügig über die Bühne geht.
Keine Type der Tausendjahrzeit fehlt in diesem Modell des absoluten Staates, keine Vokabel und kein Propagandatrick. General Tarquin, den "Führer", ziert ein adolfinisches Bärtchen, und die Seinen tragen lamettastrotzende SS-schwarze Uniformen.
Im "Vorspiel" heißt Tarquin Marius, ist bartlos und noch fünfzehn Jahre jünger Er kann nicht verwinden, daß sein Freund Cleon bei der Abschlußprüfung des Franziskuscollege Primus wird. Von Neid und Ehrgeiz getrieben, verläßt er Cleon und Corinna, die geliebte Schulgefährtin, um in der Welt ein Erster zu werden.
"In unseren Tagen" kehrt Marius als General Tarquin zurück, Tarquin, der Diktator, Tarquin, der die halbe Welt erobert hat. Kanzler und Bischof kapitulieren vor der nackten Gewalt und öffnen das Land den Truppen Tarquins, der nun endlich auch in seinem Vaterlande Primus wird.
Aber es gibt Widerstand: Ueber einen Geheimsender ruft eine Frau, die bald als zweite Johanna verehrt wird, das Volk zum Kampf gegen die Diktatur für Freiheit, Menschenliebe und Gottesglauben.
Der Spitzel Toni, ein schmieriger Bohemien, hat die rätselvolle Frauenstimme bald entdeckt, in einem Krankenhaus in den Bergen. Es ist die Stimme Corinnas, der leitenden Aerztin.
Cleon, den ein mißlungenes wissenschaftliches Experiment zum Krüppel machte, bedient hier das Telefon. Aber Tarquin läßt Corinna frei, weil er sie mehr liebt denn je und weil er erkennt, daß er falsch gelebt hat.
Unter dem Vorwand, daß der Staat in Gefahr sei, reißt Oberst Bruno, bisher gehorsamster Roboter seines Generals, die Macht an sich, nachdem er Corinna liquidiert hat. Tarquin muß ein Flugzeug besteigen, das nie mehr landen wird.
Diese wechselvollen Geschicke, moritätlich zuweilen und plakatartig vereinfacht, ersann Emmet Lavery, den man in den Staaten auch als Filmautor schätzt. In Deutschland wurde er durch sein Schauspiel "Monsignores große Stunde" bekannt.
Funkprofessor Raskop hatte mit Instinkt den "Tarquin"-Text aus einer Bücher- und Manuskriptsendung seines Korrespondenzfreundes Lavery gefischt. Er schleifte ihn samt Klavierauszug abseits vom Instanzenweg auf Hanns Hartmanns Kölner Funk-Intendantentisch. Der machte seine Avantgardisten und Herbert Maisch mobil.
Mit NWDR-Wind im Hilfssegel konnte Maisch wieder einmal gegen Musik-Kölns öffentliche Meinung anrudern, trotz Fusionswolken und Krisenbrisen. Bei der Uraufführung seines Patenkindes zeigte sich Professor Raskop in Parkettreihe 3 enthusiasmiert.
Regisseur Erich Bormann hielt das Geschehen durch gewagte Lichtführung in der Schwebe zwischen Symbolik und Wirklichkeit. Bühnenbildner Walter Gondolf brauchte seinen Bleistift diesmal nicht zu bemühen. Verschnörkelte Spätgotik, der Termitenbau des Rockefeller-Centre und andere symbolkräftige Architektur, diapositiv auf die Bühne gestrahlt, ergaben die billigsten und transportabelsten Kulissen.
Ernst Kreneks Zwölftonmusik trifft mit ihrer asketischen Verleugnung des schönen Klangs die beklemmende Technizität des Geschehens sehr genau. "Es klingt wie ein Orchester ohne Pedal", sagte Dirigent Wolfgang von der Nahmer. Der hatte die stachlige Partitur von vornherein beherzt angefaßt. Nur sechs Musiker waren seinem Taktstock unterstellt: zwei Pianisten sowie je ein Schlagzeuger. Geiger, Trompeter und Klarinettist.
Kreneks Gesangspartien sind von heutigen Sängern nur unter Strapazen zu bewältigen. Kölns Kammeropernensemble überstand alle musikalischen Kletterpartien bravourös.
Die Zuhörer quittierten die nicht ganz anspruchslose Novität mit Dank. Das schoben boshafte Kritiker auf Meyerbeer-Opern-Jugenderinnerungen, die bei Blitzschlag, Pulverdampf und Kulisseneinsturz unweigerlich aufgelebt seien.
Daß sein "Tarquin" noch nie auf der Bühne gestanden habe, bestätigte der Komponist aus Los Angeles per Luftpost. Seinen 50sten Geburtstag am 23. August wollte er eigentlich in Kölns Kammerspielen feiern, aber inzwischen hat Krenek seine Europareise aufgeschoben. "Wegen der bedrohlich aussehenden politischen Lage."

DER SPIEGEL 29/1950
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