06.09.1950

SÄUBERUNGNeun befühlen ihren Hals

Während der sowjetdeutsche Staatssicherheitsdienst über Lex Ende, bisherigem Spitzenreiter der roten Journalistik, Hausarrest wegen Parteiverrats verhängte, stieg der ehemalige Berliner "Morgenpost"-Schmock Karl Maron zum Chef der ostzonalen Volkspolizei auf.
Da nun Marons Volkspolizisten vor der eleganten Vierzimmerwohnung seines gestürzten Genossen Lex Ende am roten Prenzlauer Berg Wache schieben, kann Endes ärgster Feind im sowjetdeutschen Parteikraal, der dekorierte Oberst der französischen Resistance und heutige Spitzenfunktionär im Berliner ZK der SED, Roman Rubinstein, endlich offen seiner Rache freien Lauf lassen:
"Ende ist ein Strolch und Feigling. Er hat 1941 genau so wie sein Freund Willy Kreikemeyer in Marseille die aus Berlin mitgenommenen Parteigelder verpraßt. Sie waren dort immer besoffen. Als ich mal als Verbindungsmann des Maquis du Nord zu ihm kam, hatte er alle Manschetten, mich wieder loszuwerden. Denn es wäre ihm peinlich gewesen, wenn die Sureté im damals noch unbesetzten Marseille erfahren hätte, daß ich, der steckbrieflich gesuchte Puch - das war mein Deckname - bei ihm aufgetaucht war."
So grobschlächtig drückte sich das Kommuniqué über die 2. Tagung des ZK der SED vom 24. 8. 50 nicht aus, als es auf einer ganzen Seite des "Neuen Deutschland" (VB-Format) über Lex Ende und neun weitere Spitzenfunktionäre, alles kommunistische Berufsrevolutionäre, den Parteistab brach. Das Kommuniqué verzeichnet die "vorläufigen Ergebnisse noch nicht abgeschlossener Untersuchungen" gegen zehn Mitglieder der sowjetdeutschen Prominenz, denen eine "langjährige, bis in die heutige Zeit reichende Verbindung" zu dem Agenten des US-Geheimdienstes Noel Field vorgeworfen wird*). Damit ist der seit Jahren unterirdisch schwelende Kampf der Moskauer Ost-Emigranten gegen die West-Emigranten im deutschen Kommunismus offen entbrannt.
Moskaus Berliner Splitterrichter haben 17 Lebensjahre ihrer westlich emigrierten Genossen von 1933 bis 1950 mit der roten Kaderbrille geröntgt. Der Rajk-Prozeß in Ungarn, September 49, habe durch die Aussagen Tibor Szönyis bewiesen, daß der anglo-amerikanische Imperialismus noch vor Ausbruch des Weltkrieges II den Weltkrieg III vorbereitete, indem seine Spionagezentren unter den mittellosen politischen Emigranten Agenten warben, die später in sowjetisch besetzten Ländern eingesetzt werden konnten, grollt düster das Kommuniqué.
Hauptwerber für den US-Geheimdienst war der Quäker Noel Field, der in der Schweiz vor Kriegsausbruch das Unitarian Service Comittee leitete. Von ihm bezog Tibor Szönyis seine Fränkli, laut Geständnis im Rajk-Prozeß. Der erste deutsche KP-Emigrant, der ihm auf den Leim hüpfte, war Bruno Goldhammer, bis zum letzten Augusttag 50 Referent in Gerhard Eislers sowjetdeutschem Informationsamt und Instrukteur von Radio Berlin. Als
er noch hungrig über Zürichs Bahnhofsstraße schlenderte, weinte er seinen verlorenen Dresdner Fleischtöpfen nach, wo er bis 33 in der Annenstraße Westsachsens KP-Blatt zusammengeklebt hatte.
Es kann die Brust den Schmerz verschlossen halten, doch stummes Glück erträgt die Seele nicht: die Kunde von dem guten Quäker annoncierte Bruno Goldhammer seinen Genossen Leo Bauer und Maria Weiterer, der eine in der Vorwoche noch Chef des Deutschlandsenders und die andere Sekretärin, im roten Frauenbund. Sie nahmen als Emigranten alle von Noel Field.
Damalsverkehrteauch die sowjetische Abwehr bereits mit Noel H. Field, der Mitte der 30er Jahre ein hoffnungsvoller Beamter im amerikanischen State Department war. Er wurde Ende 34 von Hede Massing, die in erster Ehe mit Propagandachef Gerhard Eisler verheiratet war, für einen sowjetischen Spionagering geworben. Und in Noel Fields Wohnung traf Hede Eisler-Massing auch - Alger Hiss, der Anfang 50 für schuldig befunden wurde, Akten des State Departments an die Sowjets weitergegeben zu haben und zu 5 Jahren Zuchthaus verurteilt wurde. Diese Begegnung mit Alger Hiss hatte Noel Field bei einem zwanglosen Essen arrangiert.
"Noel Field", sagte Hede Eisler-Massing aus, "war eine Stelle in der Abteilung für Abrüstungsfragen im Völkerbund angeboten worden, und ihm lag daran, sie anzunehmen. Er meinte, er könne dort der Sache sehr viel größere Dienste leisten als im beschränkten Rahmen seiner Tätigkeit im State Department.
"Zu Beginn des Jahres 1936 zogen er und Hertha tatsächlich nach Genf. Dies bedeutete eine schwere Einbuße für unsere New Yorker Gruppe - : nach all unseren Anstrengungen würde das mit uns konkurrierende Schweizer Netz der Sowjetspionage den Vorteil haben ..."
Wer mit solcher Konduite von Washington an den Genfer See kam, dem vertraute sogar der alte Paul Bertz, ehemaliges KP-MdR. aus der Weimarer Zeit, der in der Schweiz einen Umschlagplatz für Komintern-Kuriere dirigierte. Nachdem ihm Bruno Goldhammer und Leo Bauer Noel Field als "in Ordnung" avisiert hatten, stand Paul Bertz nicht an, Noel Field mit seinen erstklassigen US-Papieren als sichersten Kurier zu Paul Merker zu schicken, der bis 1941 in Frankreich das ZK der deutschen KP repräsentierte. Von Paul Merker fuhr Noel Field nach Marseille zu Lex Ende, Willy Kreikemeyer und Walter Beling. Von nun an nicht mehr als Kurier, sondern als Beauftragter Paul Merkers.
So hatte Noel Field als vermeintlicher KP-Agent und tatsächlicher Agent des US-Spionagechefs Allan Dulles nicht nur alles Material, was er brauchte, auf dem Präsentierteller - so tobt Ulbrichts Kommuniqué - er gewann sogar politischen Einfluß auf den Widerstandskampf der deutschen und französischen Kommunisten.
Vor sechs Wochen war Paul Merker noch Mitglied des Polit-Büros der SED. "Er ist der Autor eines zweibändigen Werkes über Deutschland, das trotz aller Linientreue nicht ohne Gründlichkeit und Kenntnis gearbeitet ist. Merker ist im inneren Zirkel dadurch aufgefallen, daß er eine relativ milde Version des Stalinismus repräsentiert. Er hat sich niemals so tief in die GPU-Tätigkeiten eingelassen wie seine großen Kollegen Pieck und Ulbricht. Es ist bekannt, daß er kein besonderer Freund der Henkermethoden ist, und daß er eine gefährliche Neigung hat, nach mehr Unabhängigkeit für die deutsche kommunistische Partei zu streben.
"Deshalb wird Merker von vielen deutschen Kommunisten als der liberale Nachfolger von Ulbricht angesehen, der imstande wäre, ein neues Regime in der Partei einzuführen... In der herannahenden Krise des Kommunismus in Europa kann aber der geheime Konflikt zwischen Ulbricht und Merker von Bedeutung werden." Das prophezeite bereits in der Neujahrnummer 1949 der Züricher "Weltwoche" die Ex-Kommunistin Ruth Fischer.
Heute steht der aus der Partei ausgestoßene Staatssekretär im sowjetdeutschen Landwirtschaftsministerium Paul Merker in seiner Pankower Villa unter Hausarrest, genau wie Lex Ende. Merker war ein schlechter Redner und konnte keinen Bauern von der Ofenbank weglocken. Er hat weder die Neu- noch die Kleinbauern an die Seite des Proletariats bringen können.
Auch 1950 wird die Landwirtschaft der Sowjetzone nicht ihr Plansoll erfüllen. Merker soll der Prügelknabe sein, wenn im Herbst 50 die lauten Versprechungen nicht eingehalten werden können - die Aufhebung der Rationierung aller Grundlebensmittel. Daß im Osten der Zucker nicht freigegeben wird, ist bereits durchgesickert.
So drehte schließlich Ulbricht Paul Merker den Strick: als nach der deutschen Besetzung Frankreichs das ZK der französischen KP dringend deutsche Kommunisten zur Zersetzungsarbeit unter den deutschen Soldaten anforderte, floh Merker nach Mexiko. Ohne Vertrauen zur Sowjetunion
* bezog er zum deutsch-sowjetischen Freundschaftsvertrageine "trotzkistische Plattform und glaubte an das Märchen, die Westmächte wollten Europa vom Faschismus befreien,
* sabotierte er die Entfaltung einer breiten Widerstandsbewegung in Frankreich. Je weniger Schwierigkeiten Hitler in Frankreich hatte, desto mehr Truppen konnte er an die Ostfront werfen."
Noch im Sommer 45 traf sich Merker mit Noel Field in Mexiko, wo sie eine längere Unterredung hatten, obwohl das ZK der KP der USA eine Bestätigung der politischen Zuverlässigkeit Noel Fields nicht hatte geben können.
Und noch im Frühjahr 49 - trumpft Ulbricht auf - schlug Merker den US-Meisterspion Noel Field als Dozenten für Außenpolitik an die Universität Leipzig vor. Das alles, nachdem Noel Field nach Kriegsende durch Deutschland in der Uniform eines CRALOG-Offiziers fuhr, begleitet von der bekannten Trotzkistin Erika Glaser. Sie trafen sich mit Leo Bauer, der damals Vorsitzender der hessischen Landtagsfraktion war und jetzt als "Deutschlandsender"-Intendant von Ulbricht geschaßt wurde, wie Merker.
Anstatt die Sowjetarmee durch Sabotageakte und Kleinkrieg in Frankreich wirksam zu unterstützen, hielt die Emigranten-Clique in Marseille, allen voran Lex Ende, deutsche Kommunisten vom Einsaz in Paris ab. Und Willy Kreikemeyer gab aus Vichy-KZ's Geflüchteten den Rat, lieber in diese KZ's zurückzukehren.
Willy Kreikemeyer, ehemaliger Schlossergeselle aus Magdeburg, thronte vor einer Woche noch in Ostberlin als Generaldirektor der sowjetdeutschen Braunkohlenbahn. 17 Jahre seines finsteren Lebens zu durchleuchten, half sein Stellvertreter Erwin Kramer, früherer Ingenieur und Moskauer Emigrant. Auch Kramer hat nicht immer zur Parteilinie gestanden, 1941 sperrte ihn die GPU wegen trotzkistischer Umtriebe ein. Gegen die Verpflichtung, als deutscher Sprecher am Moskauer Rundfunk zu arbeiten, kam er frei. 45 zog er, völlig sowjetisiert, in Berlins Reichsbahndirektion am alten Hafenplatz. Jetzt hat er es geschafft: Auch Kreikemeyer wurde im Zuge der Säuberung erledigt.
Bevor Kreikemeyer Lex Endes Saufkumpan in Marseille wurde, gehörte er zur Internationalen Brigade in Spanien. Mit einem Sonderauftrag: er leitete im Auftrage der GPU die Verhöre oppositioneller Kommunisten in den Kasematten von Barcelona.
Nach der Niederlage der spanischen Roten spielte er in seinem Pariser Büro am Montmartre wieder den jovialen Deutschen, der nichts weiter wünschte als ein freies Deutschland. Als die Deutschen 40 kamen, kapitulierte er und machte sich nach Marseille auf.
Heute vernehmen den ehemaligen Reichsbahn-Generaldirektor Willy Kreikemeyer Ulbrichts Schergen. Seit über einem Jahr stand er im Kreuzfeuer der Kritik des Politbüros. Allerdings, viele der unpopulären Maßnahmen, die er durchführen mußte, und die den Zorn der Bevölkerung herausforderten, waren ihm von Karlshorst befohlen. So die Abstempelung der Fahrkarten an den Schaltern nach Personalausweis, die Drangsalierung der in Westberlin wohnenden Eisenbahner, usw.
Das ihm für den 1. Juli 1950 gestellte Soll (Bereitstellung von 1000 Loks als sowjetische Reserve) hat er nicht erfüllt. Aber seinem Kumpan Lex Ende stellte er einen ganzen Schnelltriebwagen, damit der wie ein regierender Fürst samt Familie in den Thüringer Wald zur Erholung fahren konnte.
Als Kreikemeyer keinen Ausweg mehr wußte, ließ er kaltblütig mehrere Leiter von Ausbesserungswerken absetzen und einsperren. Das Ausbesserungswerk Rostock löste er auf. Es ist heute ein Zubringerwerk für Dieselmotoren, die die Volksmarine-Werften brauchen.
So schürte Moskau-Emigrant Erwin Kramer das Feuer gegen Kreikemeyer. Jetzt haben sie ihn in die Irrenanstalt gesteckt. Und die anderen neun befühlen ihren Hals. Für den nächsten Schauprozeß.
*) Außer Merker, Ende, Kreikemeyer, Bauer, Goldhammer und Maria Weiterer wurden Wolfgang Langhoff, Intendant des Deutschen Theaters, die ZK-Sekretäre Walter Beling und Bruno Fuhrmann, sowie der Lehrgangsleiter an der Karl-Marx-Hochschule in Klein-Machnow, Hans Teubner, ihrer sämtlichen Funktionen enthoben.

DER SPIEGEL 36/1950
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