06.09.1950

GRÖNINGStrahlen in den Polstern

Ich bin nichts, der Herrgott ist alles. Ich will weder Geld noch Gold, was ich will und kann allen Menschen helfen und heilen. Wer den Herrgott verleumdet ist es nicht wert geholfen zu werden. Gröning
Den Spazierstock, den Dr. jur. Kurt Trampler, München-Gräfelfing, an den Haken hängte, als er vor einem Jahr von Gröning geheilt vom Traberhof zurückkehrte, benutzt er jetzt, um in Abwesenheit des Meisters selbst Heilungen damit vorzunehmen.
Heilen kann jeder, seit besagten Tramplers Werk "Die große Umkehr, Fragen um Bruno Gröning" in Leinen gebunden, für DM 6,80 erschien*).
Die Gebrauchsanweisung steht auf Seite 83: "Zu der ganzen Frage der angesprochenen Gegenstände kann der Leser dieses Buches möglicherweise auch eigene Beobachtungen machen: Bei der Aufnahme der Lichtbilder des handgeschriebenen Geleitwortes (Gröning-Faksimili-Beilage), des Kreuzes und des Rosenkranzes erwies sich nämlich, daß auch die Platten und Kopien dieser Gegenstände eine gleichartige, wenn auch etwas schwächere Kraft ausstrahlten als sie selbst.
"Im ungewissen, ob der Strom nicht vielleicht doch einen anderen Ausgangspunkt habe, gab ich die Lichtbilder in einem Haus, das Gröning niemals betreten hatte, völlig unvorbereiteten Betrachtern in die Hand. Schon der erste spürte sofort einen ziehenden Schmerz bis zur Schulter. Kaum einer blieb für die Strahlung unempfänglich.
"Von den Fotografien wurden nun die Druckplatten hergestellt. Davon wieder die ersten Probeabzüge ausgeführt. Auch sie wiesen die gleichen Erscheinungen auf. Zur Stunde läßt sich indessen noch nicht feststellen, ob auch die Wiedergabe der Bilder in diesem Buch noch der heilenden Kraft Grönings teilhaftig sein wird? Dies festzustellen, muß Sache der Leser selbst sein.
"Heilungsuchende, die freilich den Inhalt des Buches genau kennen sollten, können versuchen, die rechte Hand mit ausgespreizten Fingern dicht über die erwähnten drei Aufnahmen, allenfalls auch über die Bildnisse Grönings zu halten oder die Beilage so in die Hand zu nehmen, daß Grönings Unterschrift zwischen Daumen und Zeigefinger liegt ..."
Demjenigen, der noch zweifelt, schickt Dr. Trampler den Bruder Kuhlmann ins Haus, der "durch seine lange Tätigkeit an der Seite von Herrn Gröning (mit dem er auch heute noch in Verbindung steht) mit der ganzen Sache vertraut und persönlich in der Lage ist, Einwänden der Kunden zu begegnen und aufklärend zu wirken."
Auf diese Art gingen 1000 Exemplare der ersten Auflage bereits weg. Autor Dr. Trampler - "Ich bin kein intuitiver Mensch, sondern ein Mensch, der die realen Gegebenheiten sieht" - denkt nun weiter und empfiehlt dem Kuhlmann am 2. 8. 50 brieflich:
... "für den Haus-zu-Haus-Verkauf des Buches ... sich um das Adressenmaterial der Körperbeschädigtenverbände, Landesversicherungsanstalt, Kriegsbeschädigte, Arbeitsbeschädigte usw., deren es mehrere gibt, zu bemühen. Das sind nämlich die Leute, die meist an Nervenschmerzen, an Narben, Amputationsstümpfen usw. leiden, also an Beschwerden, die am leichtesten durch das angesprochene Buch geheilt
werden könnten. Möglicherweise könnten Sie auch mit der Kundschaft von Reformhäusern arbeiten, wo erfahrungsgemäß ein Personenkreis einkauft, der für uns aufgeschlossen ist ..."
Weniger aufgeschlossen für Tramplers Lehrbuch für Heilungsuchende schien Gröning selbst, als der Autor im Bad Wiesseer "Haus Alpenpark" sein fertiges Manuskript vortragen wollte. Freilich war damals der Zeitpunkt schlecht gewählt: Es war der 3. November 49, als Wunderdoktor Gröning zwischen Hülsmann, Schmidt und düsteren Affären den Luftballon seines Nimbus sinken sah.
Zudem war es Abend. Der Meister schlief auf dem Balkon einen kleineren Rausch aus. Im Zimmer 9 war sein Interesse an der Lesung nur einige Seiten wachzuhalten. Als er einschlief, wurde der Frau Hülsmann das Lektorat übertragen.
Schon damals hätte der Dr. Trampler den Bruno Gröning gern in seine Gräfelfinger Waldeinsamkeit geholt, um ihn dem bisherigen Manager-Clan zu entreißen und selbst zu managen. Trampler hätte aus 25 Journalistenjahren wertvolle Regierungsbeziehungen für den Kampf um die Heilgenehmigung einzusetzen gehabt. So den Ministerialrat Karl Schwend, Ministerpräsident Ehards persönlichen Berater.
In Schwends Haus hatte der Herforder Wunderdoktor vor geladenen Gästen geheilt. Er hinterließ einen solchen Eindruck, daß der Ministerialrat noch zum Neujahr 1950 dem Bruno Gröning seine besten Wünsche nach Wangerooge schrieb: "Meine Frau und ihre Schäflein freuen sich schon auf den Tag, an dem Herr Gröning zu ihnen kommt."
Herr Gröning kam aber nicht. Denn nachdem der unentschlossene Helmut Stoltefuß, genannt Hülsmann, als Manager abgehalftert war, ließ dessen Bezwinger und Nachfolger den Gröningschen Sonderwünschen keinen allzugroßen Spielraum: Otto Meckelburg erkannte seinen labilen Meister schnell und steuerte die Entwicklung konsequent.
Zunächst dadurch, daß er die Machtverhältnisse innerhalb dieses undurchsichtlichen Stabes zu seinen Gunsten veränderte. Was Bruno Gröning betraf, so wurde Bobby Meckelburg da von seiner erfahrenen Frau Stupsi kongenial unterstützt.
Manager Meckelburg hatte Weltkrieg II als SS-Obersturmbannführer beendet. Vom britischen Internierungslager setzte er sich mit neuem Namen "Land" ab. Und tauchte bei Schwiegervater Braun in Celles Spörkenstraße 13 unter. Der Handel mit Mangelartikeln finanzierte dieses Dasein mehr schlecht als recht.
Im Wangerooger Hotel "Luftbahnhof" hatte Meckelburg die Gröning-Mär vernommen und Entschlüsse gefaßt. Ein gepumpter Opel P 4 brachte ihn mit Frau Stupsi zur Uraufführung des Gröning-Films nach München. Er sollte dem Wunderdoktor die Einladung der drei Wangerooger Hotels Gerken, Hanken und Luftbahnhof überbringen.
Die drei Hoteliers hatten mit 500 DM die Fahrt finanziert, die dem Meckelburg den finanziellen Wendepunkt bringen sollte. Bringen mußte: aus einem seiner letzten Geschäfte war ein Rückzahlungsrest von 3000 DM geblieben, und Gläubiger Löwentraut, Kassel, drohte mit Betrugsanzeige.
Im Wiesseer Haus "Alpenpark" gönnte Meister Gröning dem Otto Meckelburg schließlich zehn Minuten. Meckelburg legte die Uhr auf den Tisch, entrollte seine farbige Wangeroogekarte und erläuterte den Organisationsplan seiner "Gemeinschaft zur Erforschung und Unterstützung Gröningscher Heilmethoden". Mit Propaganda- und Presseabteilung, medizinischer Abteilung, medizinischer Postauswertung, Finanz- und Revisionsabteilung, Rechtsabteilung und Fahrbereitschaft.
Unter dem 24. Oktober 1949 bestätigte Gröning dem Otto Meckelburg: "Ich bin bereit, nach ergangener offizieller Einladung der Kurverwaltung oder der Gemeinde im Rahmen des beabsichtigten Aufbauplans meiner Heilstätten und der mir zur Verfügung stehenden Zeit die Insel als Heilstätte zu verwenden und aufzusuchen."
Meckelburgs zweiter Start nach Bayern zu Gröning vollzog sich in einem Opel Olympia, für den in Oldenburg 25 DM Leihgebühr pro Tag angerechnet wurden.
Gleich nach der Ankunft am 9. Dezember nahm Bobby Meckelburg den Gröning mit auf Reisen, ohne dem Manager Hülsmann ein Sterbenswörtchen davon zu sagen. An dieser Fahrt nahmen nur noch Pressebegleiter Sitek und Pressechef Heuner vom ständigen Gröningstab teil.
Schon in Freising malte Heuner in Mekkelburgs Auftrag dem Meister Gröning die Zukunft in Hülsmanns Regie schwarz in schwarz. Für Hülsmanns Schwäche und Regiefehler fanden sich handgreifliche Beispiele:
Da war die Nacht in Hannover, in der Gröning bei Frau Hülsmann übernachtete, während Gatte Hülsmann im Doppelzimmer nebenan dafür sorgte, daß die Schuhe auf dem Flur unauffällig umgewechselt wurden. Sehr zum Gelächter des Personals.
Da war der Bamberger Abend bei Frau Michels, an dem Bruno Gröning von niemand daran gehindert wurde, mit Perücke und Bart zum Polizeiball zu gehen, in der Annahme, von niemand erkannt zu werden.
Dem zurückgelassenen Hülsmann war natürlich klar, was hier gespielt wurde. Er ließ eine Suchanzeige nach dem Meister los, wegen Entführung. Bruno Gröning bestätigte aber am 18. Dezember 1949 vor dem Polizeioberwachtmeister Obermeyer in Bad Tölz, daß er "aus eigenem Willen und freien Stücken zur Durchführung von wichtigen organisatorischen Aufgaben auf Reisen" sei und sich "seit dieser Zeit auf eigenen Wunsch und ohne jeden Zwang von meinem bisherigen Begleiter Herrn Helmut Hülsmann getrennt" habe.
Helmut Hülsmann bekam seinen Meister nicht mehr zu sehen. Der Ordnung halber holte Otto Meckelburg noch den 2,9 Liter Mercedes aus Grönings Besitz bei ihm ab. Neuer Standort des Stabes Gröning wurde jetzt das eingeschneite Spitzinghaus, weit oberhalb des Schliersees. In dessen Höhen sollte der Meister die seelische Umstellung vollziehen. Sie zu erleichtern, schaffte Bobby Meckelburg aus Garmisch Gespielinnen für Gröning heran.
Kurz vor Weihnachten wurde in dieser Spitzing-Einsamkeit die Abfahrt nach Wangerooge beschlossen. Das Geld fehlte aber noch. Da erinnerte sich Meckelburg des Direktors Weber von der Bayerischen Gemeindebank in München. Der hatte dem Hülsmann zugesagt, einen Aufbau der Gröning-Organisation mit einer mehrstelligen Darlehenssumme unter die Arme zu greifen. Wenn es so weit sei.
Im Münchener Löwenbräukeller traf Meckelburg in Pächter Xaver Heimlanseders Privaträumen mit Direktor Weber zusammen. Nach einstündiger Verhandlung indessen schieden sich die Anschauungen, als man aufs Geld zu sprechen kam.
Beim Ziegeleibesitzer Traut in Anzing hatte Meckelburg mehr Glück. Dort machte er fristgerechte 6000 DM locker. Am 22. Dezember startete die Gröning-Kolonne nach Wangerooge. Unterwegs lieferte Bobby Meckelburg seinen Olympia wieder in Oldenburg ab und legte restliche 2000 DM Leihgebühr auf den Tisch. Der größere Teil war durch Ueberweisung erledigt worden.
Auf Wangerooge nahmen zwei Mitglieder des Gemeinderats den Wunderdoktor in Empfang. In Sonderdraisine fuhr er zum Hotel Hanken.
Weihnachten stand vor der Tür. In Meckelburgs Luftbahnhof-Wohnung wurde das Fest im Familienstil aufgezogen. Bruno Gröning bekam von seinem neuen Manager einen elektrischen Rasierapparat (gebraucht) geschenkt. Und eine Flasche Likör, damit er sich das Schnapstrinken abgewöhne. Der gemeinsame Gang aller Feiernden zur Weihnachtsmesse erlitt dann eine Verzögerung dadurch, daß Gröning sich in das Zimmer der Meckelburgschen Hausangestellten verirrt hatte.
Bei den ersten Inselheilungen zeigte sich bereits Otto Meckelburgs klare Linie: Geheilt wird, aber nicht kostenlos. Die Voranmeldung mit Anzahlung sollte beim Kurarzt Dr. Siemers erfolgen. Nach fünf Tagen zählte Meckelburg aber nur 480 DM.
Für die Neujahrsnacht hatte Meckelburg um solchen Pannen vorzubeugen, sieben Kranke "mit Pfeffer" vom Festland herüberbestellt. Das Heilzimmer in der Meckelburgwohnung war mangels Tapeten für diesen Anlaß mit Kreppapier ausgeschlagen worden: schwarz mit grünen und roten Streifen, im Katakombenstil. Ein Harmonium wurde herbeigeschafft, um den feierlichen Rahmen der Heilungen zu ergänzen.
Während sich der Meister noch konzentrierte, klirrten im Zimmer 4 die Sektgläser für spätere Erholungsstunden. Schließlich wurden sieben Kranke in den schwarzen Heilraum geführt. Aus dessen Ecken ragten dreiarmige Leuchter im Mausoleumstil.
Der Teewagen rollte ins Zimmer. Darauf die Silberkugeln in Holzschalen und eine Tasse Mokka für den Meister. Der hatte für diese Nacht prophezeit: "In diesem Jahr beweise ich 'wer ich bin. Bis jetzt konnte ich den Menschen nur wenig zu wissen geben, sonst würde ihnen der Kopf platzen".
Um 23.30 Uhr drehte Bruno Gröning drei übergroße Silberkugeln und legte ihnen eine sehr lange Locke bei. Während dann der Wundermann zum Heilraum ging, präludierte der Manager auf dem Harmonium einen Psalm. Mitten drin brach er noch einmal kurz ab und drohte zur Tür des Heilsaales: "Heute muß er zeigen, was er kann. Wenn die nicht alle kerngesund werden, dann brech ich ihm die Gräten." Drehte sich um und spielte seinen Psalm zu Ende.
Die Notare Dr. Karl Viering (Bielefeld), Dr. Volkers (Esens in Oldenburg) und der Rechtsanwalt Dr. Nebelsieck (Celle) formulierten acht Tage später den Vertrag zwischen Bruno Gröning, Bad Tölz, Fritzplatz 1, und Otto Meckelburg, Celle, Spörkenstraße 13, beide zur Zeit Wangerooge.
Der Vertrag spricht von der Absicht der Gründung eines Vereins "der es sich zur Aufgabe macht
* die in der Person des Herrn Gröning und in gleicher oder ähnlicher Art bei anderen Personen in Erscheinung tretenden Heilungsmöglichkeiten und -fähigkeiten zu erforschen;
* die Forschungsarbeiten durch die Personen und Unternehmungen auf psycho-somatischem Gebiet ideell und materiell zu fördern;
* die gewonnenen Forschungergebnisse praktisch auszuwerten und sie in gemeinnützigem und sozialem Rahmen der Volksgesundheit nutzbar zu machen."
Unter II erklärt Bruno Gröning "sein Einverständnis mit diesem Plan von Herrn Meckelburg" und verpflichtet sich, "seine Person zur Erreichung dieser Zwecke voll zur Verfügung zu stellen, Herrn Meckelburg bei der beabsichtigten Vereinsgründung und dem Verein selbst bei seiner späteren Tätigkeit jede notwendige Unterstützung zuteil werden zu lassen und überhaupt alles in seinen Kräften stehende zu tun, was den vorgenannten Zwecken dienlich sein kann.
"Herr Gröning verpflichtet sich darüber hinaus, diese Unterstützung keinen anderen Personen und keinem anderen Personenkreis zuteil werden zu lassen. Er wird seine Tätigkeit nur im Rahmen des Vereins und nur im Einvernehmen mit Herrn Meckelburg ausüben.
"III. Sobald Herr Gröning gegen Entgelt tätig sein darf, wird ihm für seine Tätigkeit eine angemessene Vergütung gewährt."
Dieser Vertrag ist dem Bobby Meckelburg heute noch 300000 DM wert. Damals wurde er mit einem Schlag Alleinherrscher über die Gröningschen Heileinnahmen. Sein Meister wurde von ihm bezahlt und durfte "seine Tätigkeit nur im Einvernehmen mit Herrn Meckelburg ausüben".
Da ließ sich Bobby Meckelburg, kaum daß diese Blätter beiseitegelegt waren, noch eine unbeschränkte Inkassovollmacht ausfertigen. Knapp drei Monate, nachdem er im Wiesseer "Alpenpark" hochrot und schwitzend ersten Lagevortrag gehalten hatte.
Von sieben Gründungsmitgliedern wurde am 21. Januar 1950 auf Wangerooge der Verein aus der Taufe gehoben. Viering, Volkers und Nebolsieck leisteten dabei wieder juristische Patenschaft.
Inzwischen stand aber in Bayern noch Bruno Grönings Zusage, daß am 31. Januar 1950 im Mittenwalder "Haus Landes" die erste Heilstätte eröffnet werden solle. Bayerns Behörden waren dieser Eröffnung noch immer wohlgesonnen. Unter zwei Bedingungen:
* Gröning müsse endlich bei Staatsanwalt Hagemann, Bielefeld, seine Aussage machen und die schwebenden Vorwürfe bereinigen;
* ein offizieller Antrag auf Eröffnung der Heilstätte müsse gestellt werden.
Daran dachte aber Bobby Meckelburg gar nicht. Der reiste mit seinem Vertragspartner Gröning durch Norddeutschland und kassierte. In Oldenburg allein an einem Abend 35000 DM. Dabei hatte Meckelburg unsentimentale Geschäftsgrundsätze:
"Ob Sie Gröning heilt, kann ich Ihnen nicht versprechen. Ich kassiere hier nur." Er sorgte dafür, daß niemand an den Meister herankam, ohne bei Manager Meckelburg sein Scherflein abgeliefert zu haben.
Die Geschäftsführung klappte so hervorragend, daß trotz der Reisetätigkeit brieflich Zahlungsleistung gefordert wurde: "Wir ersuchen Sie, Ihre versprochenen Geschenke umgehend zu überweisen, andernfalls wir uns gezwungen sehen, den Betrag einzuklagen".
Oder: "Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß eine Weigerung gegebenenfalls nachteilige Folgen für Ihre Familie und Ihr Kind haben kann. Denn der Meister kann nicht nur Kranke gesund, sondern auch Gesunde krank machen". So zitiert die "Nordwest-Zeitung" am 19. Januar 1950.
Um die Mittenwalder Heilstätteneröffnung weiter verschieben zu können, mußte schließlich Pensionsbesitzer Franz Hauser auf Meckelburgs Wunsch telegraphisch nach Norden melden, daß sein Haus zum 31. Januar 1950 noch nicht bezugsbereit sei.
Die ernste Eröffnungsabsicht unterstrich der Verwaltungsstab des Vereins, der sich schon neben Anton Wurmers Sägewerk-Büro in Mittenwalds Dammkarstraße im Nebengebäude etablierte: Verwaltungsdirektor Gippert (mit 750 DM Monatsgehalt), Stellvertreter Taupel (700 DM), Buchhalter Birke (500 DM) und Sekretärin Fuchs (115 DM). Diese Gelder, dazu 160 DM Büromiete und rund 500 DM für die monatliche Telefonrechnung, entnahm Gippert den Beträgen, die Chef Meckelburg aus seinen norddeutschen Einnahmen abzweigte.
Meckelburg selbst kam schließlich am 18. Februar abends an, als im "Haus Landes" eine Aerztekonferenz mit Gröning verabredet war, um über Fragen der Psycho-Somatik zu diskutieren. Der Meister fiel aber erst Tage später ins Haus: "Herr Hauser, Sie werden anbauen müssen!"
Diesem rein prospektiven Umfang des Unternehmens entsprachen zunächst einmal die Gehälter. Neben dem Büropersonal empfing der Telefonist, Adjutant und Empfangschef Jochen Menzel 500 DM, Bildhauer-Altbegleiter Kruse, der schon die goldenen Traberhofzeiten miterlebte, 300 DM, Frau Klose mit gleichem Dienstalter 350 DM, Syndikus Rechtsanwalt Ganske 1000 DM, dessen Ehefrau 350 DM. Frau Hülsmann war bei geregeltem Heilstättenbetrieb als Vorsteherin des weiblichen Personals ausersehen, sie bekam eine Ueberbrückungsrente von 300 DM. Und Bobby Meckelburg standen mit Frau Stupsi zusammen 1750 DM zu.
Wobei Pensionsbesitzer Franz Hauser meint: "Wenn der kam und schmiß mal so'n Stapel Belege auf den Tisch - wer sollte dem da nachkommen?" Für zukünftige Ausmaße war die Fahrbereitschaft berechnet, die Bobby Meckelburg als "rassereinen Stall" mit 10 Mercedes 170 S projektierte.
Die Nachteile des festen Wohnsitzes Mittenwald zeigten sich schnell: alte Rechnungen, die den Gröning-Stab vergebens verfolgt hatten, wurden hier präsentiert. Die Unterkunft des Stabes verschlang hohe Beträge, denn der Lebensstil der Jünger war bei Gröning nicht asketischer geworden.
Die Einnahmen blieben gleichmäßig mager, gemessen an früheren Reiseerfolgen: Soweit die Spenden verbucht wurden, halten Frau Günter, Gefrees bei Bayreuth, mit 5000 DM, Herr Konrad, Pegnitz, mit 4000 DM und der Ministerialdirigent Dr. Hoppe aus Cuxhaven mit 400 DM die Mittenwalder Spitze. Insgesamt wurden dort 27171 DM als Einnahmen in drei Monaten verbucht.
Otto Meckelburg sicherte sich durch private Verträge weitere Geldquellen. Eine in Klais bei Mittenwald. Dort nahm er 2000 DM als Darlehen, legte aber in geradezu klassischer Zusatzklausel mit der Geldgeberin fest, daß deren Anspruch auf Rückerstattung entfällt, sobald sie einem Dritten von diesem Darlehen Mitteilung macht.
Es war klar, daß nun nur die Eröffnung der Heilstätte wirklichen Wandel schaffen konnte. Diese Eröffnung konnte Otto Meckelburg dadurch erreichen, daß Dr. Kurt Trampler das Ohr der bayrischen Behörden hatte.
Von Dr. Trampler war in Wangerooge nur einmal die Rede gewesen, als ein Telegramm aus Gräfelfing eintraf: "Samstag, 17.30 Uhr, gute Freunde in Luzern bei Gröning-Film versammelt. Stop. Erbitte Heilwellen dorthin. Stop. Beobachtung gesichert. Trampler."
In Bayern war Trampler so nahe, daß Otto Meckelburg den Meister von seiner Umwelt noch strenger separierte als bis dahin. Wohin er ging, war er in Begleitung: Otto Meckelburg wußte sehr genau, daß Trampler bemüht war, Gröning nach Gräfelfing zu holen. Er dachte an dessen druckreifes Manuskript.
An dieses Manuskript dachte auch Pensionsbesitzer Franz Hauser, als ihn am 30. März gegen 10.30 Uhr ein Trampler-Anruf erreichte: Gustav - wie Bruno Gröning im vertrauten Kreise genannt wird - sei nun schon 14 Tage in Bayern. Meckelburg werde aber nicht von der Regierung empfangen, weil gegen ihn Betrugs- und Erpressungsvorwürfe erhoben würden. Da die Stimmung im Innenministerium und in der Staatskanzlei allmählich aussichtslos werde, wenn nichts wegen der Heilstätte erfolge, schlage Trampler dem Hauser vor, zunächst einmal mit Gröning nach Gräfelfing zu kommen.
Franz Hauser war indessen in diesem Punkt ohnmächtig, da sich Meckelburg mit Gröning schon drei Tage vorher ins nahe Klais abgesetzt hatte, in Herbert Minkus' Liliputpension "Bergfrieden".
Um 12.30 Uhr wählte der Dr. Trampler Mittenwald 281 und teilte Hauser mit: "Meckelburg wird heute abend verhaftet".
Mit dem Abendzug kommt schließlich der Gräfelfinger Gröning-Autor selbst in Mittenwald an, um Zeuge der Verhaftung zu sein. Hauser marschiert mit ihm nach Klais. Vor dem "Bergfrieden" stehen drei Kriminalbeamte und Frau Lotte Trampler. Die berichtet: "Frau Hosp, eine Wienerin, die mit der Familie des Ministerialrats Schwendt befreundet ist, ging vor einiger Zeit mit ihrem Kinde ins Haus; sie will 400 DM für die Gröning-Heilung zahlen."
Der strafbare Tatbestand fiel an diesem Abend weg, weil Otto Meckelburg das Geld nicht schon vor der Heilung kassierte. Die Expeditionsteilnehmer mußten kehrtmachen. Trampler und Gattin übernachteten in der "Post" in Klais. "Unter falschem Namen", behauptet Hauser.
Am nächsten Morgen erneuter Anruf Tramplers: Hauser solle mit Gröning sprechen, ohne die geplante Verhaftung Meckelburgs zu erwähnen; er solle versuchen, Gröning nach Gräfelfing zu bringen, aber ohne Meckelburg. Dort würden Ministerialrat Schwendt (Staatskanzlei) und der Regierungs-Medizinaldirektor Aub von der Regierung für Oberbayern auf ihn warten. Weiter Trampler: "Diese Herren werden die Konzession für die Heilstätte erteilen." Man wolle außerdem beraten, wie Meckelburg auszubooten sei. Und: Hauser möchte den Meister der Ergebenheit Tramplers versichern.
Nach solchen amtlichen und halbamtlichen Exkursionen bricht die Unruhe schließlich doch noch in den Meckelburgschen Abwehrkreis ein. Bruno Gröning sagt sich von ihm los, kurz bevor Otto Meckelburg in Garmisch verhaftet wird.
Meckelburgs Rechtsanwalt Romberg, Olympiastraße 16, meint aber: "Das hängt mit der Oldenburger Geschichte zusammen, da war gar nichts daran. Ich hätte ihn nach fünf Tagen schon frei gehabt, wenn nicht eine halbe Stunde vor Entlassung Dr. Trampler neues Material angeschleppt hätte."
Gleich nach Meckelburgs Verhaftung holte sich Trampler den Bruno Gröning ins Gräfelfinger Waldexil. Dort lebte der Meister zurückgezogen und einsam. Bruder Kuhlmann, der vom Traberhof-Begleiter inzwischen zum Versicherungsvertreter umgesattelt hatte, entdeckte ihn aber und brach auf einer Heilpraktiker-Konferenz eine Lanze für Grönings weitere Tätigkeit. Nach manchem ergebnislosen Anruf in Gräfelfing vereinbarte er mit dem Meister: "Ich werde mit einem P 4 kommen. Bei dreimaligem Hupen soll Gröning schnell das Haus verlassen."
Kuhlmann erscheint und hupt. Gröning nimmt Abschied von seinem bestürzten Trampler: "Ich komme bald wieder." Um Mitternacht meldet Kuhlmann telefonisch, daß Gröning bei einer Besprechung wegen weiterer Tätigkeit aufgehalten wurde.
Schließlich einigen sich aber Kuhlmann und Trampler über gemeinsame Wacht vor der Naturheilpraxis des Eugen Enderlin am Schwabinger Nicolaiplatz 6, in der Meister Gröning seit dem 4. August wirkt. Trampler übernimmt zusätzlich den Einführungsvortrag für die Heilungsuchenden und Kuhlmann den Vertrieb des Tramplerschen Gröningbuches.
Kuhlmann will jetzt eine Hilfskraft einstellen, um den Absendern von 300000 Gröning-Briefen den Tramplerschen Buchprospekt zu schicken. Die Anschriften hatte der Autor schon ausgewertet, als die Briefe während der Wangeroogzeit des Meisters lagerten.
Als Gestrandeter der Gröning-Crew treibt Otto Meckelburg durch Oberbayerns Pensionen. Seine zurückgelassene Visitenkarte mit der jeweils nächsten Anschrift trägt oben links noch die blaue Weltkugel mit rotem Band: das Vereinssymool aus ertragreicheren Tagen. Vor zwei Wochen setzte sich Meckelburg nach Garmisch, Silberackerstraße 16, ab.
Exrivale Helmut Hülsmann hat 30 Kilometer ostwärts zwischen Tölz und Holzkirchen am alten Schießplatz einen einsamen, aber massiven Schuppen gekauft. Vom Erlös seines Herforder Gröning-Stammhauses, Wilhelmplatz 7. In diesem Schuppen schafft er jetzt im schwarzen Amihemd als Meister des Kraftfahrzeughandwerks bei Firma Anton Voggenauer jun.: Painting and repairing of your car. Telefon Bad Tölz 779.
Sohn Dieter, Gröningscher Wunderfall Nr. 1, wird wöchentlich zweimal nach Bad Tölz gefahren: Dort versucht Meisterorthopäde Professor Max Lange zu bessern, was Wunderdoktor Bruno Gröning nicht geheilt hat.
Greifbare Werte aus dem Strandgut hatte sich nur Pensionsinhaber Franz Hauser gesichert: Ledermantel und Lederhose des Meisters, die er für 300 DM persönliche Schulden zurückbehalten hatte, wurden am 5. August ausgelöst.
Nun steht noch der 2,9 1 Mercedes mit Nebellampen, Autosuper und Rückfahrlampe als Sicherheit für sonstige offenstehende Beträge im "Haus Landes". Den Mercedes hatte Helmut Hülsmann einst für 13000 DM von Toni Fischhaber in Tölz gekauft. Davon waren 2300 DM noch zu zahlen, als Hauser den Wagen übernahm.
Um zu wissen, woran er ist, fuhr der kleine Hauser nach Tölz und zahlte 2300 DM auf Toni Fischhabers Tisch. Dann lenkte er den großen Wagen zur Münchener Schätzstelle. Gegen 20 DM Gebühren trug dort vereidigter Schätzer Reinhardt den augenblicklichen Wert des Gröning-Autos amtlich ein: 2170 DM. Hauser meint: "Die Strahlen in den Polstern sind wohl nicht mehr zu realisieren."
*) Dr. Kurt Trampler: "Die große Umkehr, Fragen um Bruno Gröning." Heering-Verlag, Seebruck am Chiemsee.

DER SPIEGEL 36/1950
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