06.09.1950

ÖSTERREICH

Der Graf ist verboten

Gordon Gollob hat seine politische Laufbahn erst einmal abschließen müssen. Kriegskamerad Ernst Graf Strachwitz hat sie gerade begonnen. Dem Brillantenträger Gollob hat sein Verband der Unabhängigen (VDU) die Mitgliedschaft gekündigt. Ritterkreuzträger Graf Strachwitz will seiner Jungen Front im September Programm und Richtung geben. Oesterreichs junge Kriegsmannschaft ringt weiter um die politischen Plätze (vergl. SPIEGEL 21/50).

Gollobs und des VDU Niedergang beginnt die Reihen der Jungen Front zu füllen. Dabei standen Strachwitz und sein Kreis selbst einmal vor der Frage, im VDU mitzumarschieren.

Das war im April 1949. Strachwitz hatte seine Getreuen nach Salzburg gerufen. Eine eigene Partei wollte man nicht gründen, um die Rechte nicht noch weiter zu zersplittern. Im VDU, mit dem man liebäugelte, vermißte man echte Führungskräfte. Also wandten sich Strachwitz und die Seinen der Oesterreichischen Volkspartei (ÖVP) zu.

Sie taten es nicht bedingungslos. Wenn ihnen auch das ÖVP-Programm behagte, so wollten sie doch nicht eine Art Jugendgruppe der christlichen Partei werden. Sie bildeten einen eigenen Verein, gaben sich eigene Statuten und nannten sich Junge Front. Ihr Ziel: Die ÖVP zu erneuern.

Die jungen Marschierer kamen den alten Parteitaktikern damals gerade recht. Es war kurz vor den Wahlen, und Wahlwerber unter der jungen Generation und bei den ehemaligen Soldaten taten dringend not. Also finanzierte die ÖVP die Junge Front und sparte nicht mit Zusagen für die Zukunft.

Nach den Wahlen flossen die Gelder immer spärlicher. Schließlich blieben sie ganz aus. Auch von dem Einfluß, der den Jungen Frontlern in der Partei zugesagt worden war, war nun nichts mehr zu spüren.

Aber Strachwitzens politische Jungmannschaft ließ sich nicht einfach in die Ecke drücken. Mitte Juli 1950 schleuderte die Junge Front von einem Salzburger Treffen sechs Anklagepunkte gegen die Mutterpartei.

Der Kernpunkt: Die ÖVP soll sich endlich bemühen, das Vertrauen der Wählerschaf zurückzugewinnen.

Die alten Parteiherren waren bitterböse Das Kommuniqué der Jungen Front wurde als "parteischädigend" zurückgewiesen, "bis Ende September eine klare Stellungnahme der Jungen Front bezüglich ihres Verhältnisses zur ÖVP" verlangt. Strachwitz will im September Stellung nehmen.

Begonnen hat die Junge Front in jenen Stellen, die sich nach 45 bemühten, heimkehrende Soldaten zu betreuen und in das zivile Leben zurückzuführen. Als 1949 diese Heimkehrer-Betreuungsstellen aufgelöst wurden, blieben die Betreuer und ihre betreuten Anhänger weiter beieinander Leben kam in den Verband, als Ernst Graf Strachwitz - in Österreich darf er sich nur Ernst Strachwitz nennen, der Graf ist verboten - sich der Sache annahm.

Strachwitz kommt aus der Steiermark. Er hatte dort die Heimkehrer betreut. Nach 49 führte er die Betreuungskreise aus den einzelnen Bundesländern zusammen. Als die Junge Front stand, ließ er sich zum Bundesvorsitzenden wählen.

Der 32jährige Graf wirkt immer noch wie ein Offizier auf Fronturlaub. Er erscheint sympathisch, sauber, offen, nur ein wenig zu betont forsch. Vor dem Anschluß gehörte er dem Heimatschutz an ("Mir hat so etwas schon immer gefallen"). Dafür wurde er nach dem Anschluß für kurze Zeit "sicherheitshalber" eingesperrt.

Nach 45 wußte der schwerverwundete Gebirgsjäger nichts Rechtes anzufangen. Als Offizier durfte er, obwohl NS-unbelastet, nicht studieren. Als er dann doch zum Studium zugelassen wurde, promovierte er in der kürzestmöglichen Zeit zum Doktor juris. Heute arbeitet er in einer Salzburger Rechtsanwaltskanzlei.

Strachwitz ist eigentlich immer Soldat geblieben. Darum achten ihn alle seine alten Kriegskameraden. Aus ihren Reihen kamen auch seine ersten politischen Gefolgsleute. Heute hat er junge Kaufleute, katholische Bauern und junge Industriearbeiter um sich gesammelt.

Die Jungen Frontler sitzen vor allem in der Provinz, in den Bundesländern. In Wien ist ihr Anhang gering. Dort wirkt die verrottete ÖVP-Maschine zu wenig attraktiv. Erst nach den Wahlen hat die Junge Front auch in der Bundeshauptstadt eine Landesgruppe bilden können. Die Mitglieder kommen fast ausschließlich aus dem katholischen Cartellverband (CV). Bundeskanzler Figl ist Alter Herr der "Norica", einer der angesehendsten CV-Verbindungen.

Aber es gibt keine rechte Verbindung zwischen der Wiener Gruppe und den Front-Stützpunkten in den Bundesländern. Die Hauptstadt ist isoliert, das gilt für alle Parteien, das gilt auch für die Junge Front.

Strachwitz hat schöne Worte. "Freiheit, Einheit, Reinheit" heißt seine Losung. Er möchte, wie die ÖVP, zwischen Kapitalismus und Sozialismus ausgleichen. Wie er das machen soll, weiß er genau so wenig wie seine Parteiväter.

Außenpolitisch zerfällt die Junge Front schon jetzt offensichtlich in zwei Gruppen. Die eine träumt von Österreichs alter Mission. Sie möchte einmal wieder habsburgische Großraumpolitik machen und eine Donau-Föderation sehen. Die andere Gruppe blickt nach Deutschland.

Nur darin, daß Oesterreich so wie jetzt nicht lange weiterexistieren kann, stimmen beide überein.


DER SPIEGEL 36/1950
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